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Wenn’s knistert und knattert, dann ist es noch Kino#

Der Wiener geht nicht mehr ins Kino. Zumindest nicht mehr so oft wie früher. Trotzdem hält eine Handvoll Programmkinos mit besonderen Angeboten wacker die Stellung. Ein Rundgang.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 10. März 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Isabella Lechner und Arian Faal


Programmkinos
Programmkinos
© Stanislav Jenis

Wien. "Na, da wird er heute zu spät kommen, wenn’s schon um Viertel beginnt!" Die ältere Dame an dem kleinen Kaffeetischchen neben dem Buffet nippt an ihrer Tasse. Gemeinsam mit anderen Stammbesucherinnen wartet sie plaudernd im Foyer des Bellaria Kinos auf den Beginn des Nachmittagsfilms. Jeden Tag um dreiviertel vier bringt das kleine Kino hinter dem Volkstheater unvergessene Filme mit unvergessenen Stars. Nur heute beginnt es früher - sonst geht sich der lange Film nicht bis zum Abendprogramm aus. "Was spielt’s denn heute eigentlich?", fragt die Dame. "Der Engel mit der Posaune", sagt ihre Nachbarin. "Ein schöner Film, mit Paula Wessely, aus 1948."

Das Bellaria Kino zählt mit seinen 104 Jahren zu den ältesten noch bespielten Kinos der Stadt. 1911 als "Invalidenbank-Kino" gegründet, wurde es als damals typisches Ladenkino betrieben. So wurden Lokalitäten genannt, die Filme in adaptierten, einfachen Gaststätten oder in Geschäftslokalen vorführten. Lange war Wien eine Stadt der Kinos und Lichtspieltheater. In den 1920er Jahren gab es allein im Prater acht Kinos mit 4439 Sitzplätzen. Von den alten Kinobetrieben ist heute in Wien nur noch eine Handvoll übrig. Ende der 1950er Jahre setzte die erste große Welle des Kinosterbens ein: Zwischen 1958 und 1965 verloren die Wiener Kinos mehr als zwanzig Millionen Besucher, bis 1970 halbierten sich die Kinobesuche noch einmal. Viele Kinos in der Stadt mussten zusperren; von 1964 bis 1976 wurden mehr als hundert Standorte aufgelassen. In den nächsten Jahrzehnten folgten weitere Schließungen. "Das Kinosterben setzte an der Peripherie ein. Zunächst an der Peripherie der Stadt. In einer zweiten Welle betraf es die Kinos an der Peripherie der einzelnen Stadtteile. Und in der dritten verschwanden schließlich auch die Kinos der regionalen Zentren", schreibt Werner Michael Schwarz in "Kino und Stadt". Von 2001 bis 2011 ging die Anzahl der Kinos in Wien noch einmal von 38 auf 28 zurück. Heute hat sich die Zahl auf 27 eingependelt. Damit gibt es derzeit fast gleich viele Kinos in Wien wie vor rund 100 Jahren: 1908 zählte man 25 Filmtheater in der Stadt.

Viele der kleineren Kinos wie das Filmcasino oder das Admiral versuchen heute, durch besondere Angebote wie Filmspecials, Festivals, Doggy Days oder Babykino auf sich aufmerksam zu machen. Die Betreiber des Bellaria Kinos begannen sich schon 1966, als die erste große Welle des Kinosterbens grassierte, auf Filmschlager der Vor- und Nachkriegszeit zu spezialisieren. Heute sind diese das Aushängeschild des kleinen Programmkinos. Die alten Filme stammen aus den Beständen des kinoeigenen Czerny-Verleihs. Jeden Tag läuft ein anderer, das Programm stellt der Seniorchef zusammen. Am Samstag, Sonn- und Feiertagen gibt es um 14 Uhr eine Zusatzvorstellung. In den Abendvorstellungen werden aktuelle Filme gezeigt.

Wie eine große Familie#

"Unser Nachmittagspublikum ist wie eine große Familie. Man kennt sich untereinander, viele kommen täglich", sagt Frau Herta, seit mehr als 30 Jahren die "gute Seele" des Hauses. "Die meisten haben die Zeit und die Schauspieler, die sie auf der Leinwand sehen, noch selbst erlebt. Einige kannten die Darsteller auch persönlich." Früher habe es im Bellaria auch Autogrammstunden mit den Stars gegeben: "Da sind die Leute Schlange gestanden bis vor die Tür."

Trotz Publikumsnachwuchs: Viele Sitze in alten Kinos bleiben leer
Trotz Publikumsnachwuchs: Viele Sitze in alten Kinos bleiben leer.
© Stanislav Jenis

Heute lächeln die großen Schauspieler nur noch von den Schwarz-Weiß-Porträts an den geblümten Tapetenwänden und von den Seiten der alten Kinoprogramme. Heinz Rühmann, Hans Moser, Maria Schell, Willi Forst, Oscar Werner, Marika Rökk... Bilder aus einer vergangenen Zeit. Das Kinointerieur mit dem Flair der 1950er und 1960er Jahre setzt sie in Szene und bietet die perfekte Kulisse für das Retro-Filmerlebnis. Frau Herta ruft zum Einlass. Drinnen im Saal, das Kino hat nur einen, nehmen die Besucher auf den dunkelbraunen Holzsitzen Platz - die Stammbesucher auf ihren Stammsitzen. Da kann es schon einmal zu Diskussionen kommen, wenn ein Stammsitz fremdbesetzt ist, sagt Frau Herta. Früher gab es nummerierte Sitzplätze, heute ist freie Platzwahl. Und die Eintrittskarten kommen von der perforierten Rolle. Sechs Euro kostet ein Ticket. "Mein Mann verspätet sich - kommt der dann noch rein?", fragt eine Besucherin. Sicher. Frau Herta wird ihm den Weg mit der Taschenlampe weisen.

Als es dunkel wird im Saal, beginnt auch schon der Film. Keine Werbung, kein Trailer. Dafür ein herrlich unscharfes Bild beim Vorspann und Filmmusik wie einst vom Grammofon. "Wenn’s knistert und knattert - das ist noch Kino!", sagt Frau Herta mit leuchtenden Augen.

Sie selbst hatte ursprünglich bei einer kleinen Firma Filmrollen geklebt, bevor sie der Seniorchef ins 1900 gegründete Erika-Kino in der Kaiserstraße holte: "Es war das älteste noch bespielte Kino der Welt." Dessen Schließung 1999 habe sie sehr geschmerzt: "Aber die Erhaltung wäre zu teuer gewesen, man hätte zu viel investieren müssen."

Heute haben die Breitenseer Lichtspiele das Erika-Kino als ältester Kinobetrieb der Welt abgelöst. Seit 1969 werden sie von Anna Nitsch-Fitz geführt (siehe Interview unten). Das Urgestein der Wiener Kinoszene hatte aber auch schon zuvor genug Gelegenheit, in das Kinoleben hineinzuschnuppern. Ihre Großmutter zog 1918 nach Wien zu ihrer Schwester. Da entdeckte und kaufte sie in der Diemgasse 6 das Nußdorfer Kino. Im Zweiten Weltkrieg, wo es einen Mangel an Vorführern gab, durften Angehörige von Kinobesitzern per Sondergenehmigung nach dem Ablegen einer Prüfung Filme vorführen. Die Mutter von Nitsch-Fitz machte diese Prüfung. Das Kino wurde also ein Drei-Generationen-Betrieb. Die Großmutter erwarb dann noch zusätzlich die Grundstücke Heiligenstädter Straße 161 und Kreinergasse 6a. Dort wollte sie ein Freiluftkino eröffnen, bekam aber im letzten Augenblick keine Erlaubnis von der Stadt.

Fast alle Kinos haben auf Digitalisierung umgestellt#

Ein Rückschlag kam 1967, als die Großmutter verstarb. Der Vater von Nitsch-Fitz übernahm das Kino in Döbling, ließ es aber von der Tochter führen. 1969 kam dann das Aus für das Nußdorfer Kino. Die Kinoliebhaberin Nitsch-Fitz begab sich auf die Suche nach einem anderen Saal und wurde fündig: Das Schönbrunner Kino sollte es werden - doch wegen Problemen bei der Beheizung entschied sie sich schließlich für das Breitenseer Kino, das sie bis heute führt.

Fast alle Kinos in Wien haben mittlerweile auf Digitalisierung umgestellt; der Beruf des Vorführers ist heute beinahe ausgestorben. Auch im Bellaria Kino drückt Frau Herta zum Filmstart nur noch auf einen Knopf. Das kleine Filmkammerl neben dem Eingang sperrt sie nur zum Herzeigen auf. An fünf Tagen die Woche steht sie als Alleinverantwortliche im Kino und erledigt alles vom Kartenverkauf bis zum Tischeputzen. "Ich finde immer was zu tun, und wenn es nur eine Klinke ist, die angeschraubt gehört", sagt sie. Als Mutter von zwei Kindern war der Job für sie sehr praktisch: "Ich konnte sie immer ins Kino mitnehmen." Freizeit hatte sie in ihrem "Kinoleben" aber kaum: "Die Arbeit läuft ja meist von Mittag bis spätabends und auch an den Wochenenden", sagt sie. "Aber ich habe das immer mit Liebe gemacht. Es braucht dafür Freude am Kino und Liebe zu den Menschen und zu den alten Filmen." Wie lange wird sie die Arbeit noch machen?

"Ich werde, glaub ich, bis zum Sterben im Kino arbeiten", meint sie lachend. "Ich bin schon neugierig, ob ich es schaffen werde, in der Pension wegzubleiben." Ihr Chef wolle sie sowieso nicht gehen lassen, denn: "Das ist ein großer Vertrauensposten, ich habe ja Zugang zu allem." Jemand Neuen zu finden sei nicht einfach: "Niemand opfert heute freiwillig sein ganzes Leben für die Arbeit. Ich bin eine andere Generation."

Auch junges Publikum entdeckt die alten Kinos#

Gegen vier Uhr wechselt sie draußen im Schaufenster die Ankündigung für den Nachmittagsfilm am nächsten Tag aus. Die alten Plakate sind leicht verblichen; an der Kassa kann man auch noch Filmprogramme kaufen. Das kleine Kassenhäuschen ist von alten Porträtfotos und Autogrammkarten der Schauspieler umrahmt, viele davon handsigniert. Im Foyer sitzen schon einige Besucher für den Vorabendfilm - "Österreich: oben und unten". Auch das Abendprogramm ist mit Bedacht ausgewählt, denn: "Nicht jeder Film passt zu uns." Es komme jetzt auch wieder jüngeres Publikum nach, freut sich Frau Herta. "Sie wollen weg von den großen Multiplexkinos, wieder hin zu den kleinen, weil die noch das richtige Flair haben." Auch in die alten Filme kämen die Jüngeren. Eine Oma nehme zum Beispiel regelmäßig ihre zwei Enkel mit: "Die freuen sich schon immer riesig darauf." Die jüngeren Besucher kämen aber auch, "weil sie wollen, dass das Kino überlebt". Die goldenen Kinozeiten, die seien aber vorbei, sagt sie. "Leben kann heute keiner mehr davon."

Information#

Buchtipp: "Kinos in Wien - Vom Alltag und Überleben der kleineren Filmtheater" von Juliane Batthyány, Suttonverlag, 2010, 128 S., 19,9 Euro

Web-Tipp: KinTheTop - Wiener Theater- und Kinotopografie bietet Online-Infos zu mehreren hundert historischen und aktuellen Kinostandorten sowie eine Chronik zur Wiener Kinogeschichte: www.kinthetop.at

Wiener Zeitung, Dienstag, 10. März 2015