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Kriegsheld und Parkgestalter#

Vor 250 Jahren begann Graf Franz Moritz von Lacy, ein Offizier mit irisch-russischen Wurzeln, mit der Gestaltung jener Anlage in Wien-Neuwaldegg, die heute als "Schwarzenbergpark" bezeichnet wird.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 12./13. September 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Hlavac


Beliebtes Ausflugsziel: die sogenannte 'Schwarzenbergallee' in Neuwaldegg.
Beliebtes Ausflugsziel: die sogenannte "Schwarzenbergallee" in Neuwaldegg.
© Christian Hlavac

Generationen von Wienern haben es getan: Sie sind am Wochenende mit der Straßenbahnlinie 43 nach Neuwaldegg im 17. Wiener Gemeindebezirk gefahren, am Gasthaus "Resi Tant" vorbei gegangen und hinter dem Schloss Neuwaldegg in die "Schwarzenbergallee" eingebogen. Die nördlich an die über zwei Kilometer lange Allee anschließende Grünanlage ist bei der Bevölkerung unter dem Namen "Schwarzenbergpark" bekannt, da das Areal 150 Jahre lang im Besitz der Familie Schwarzenberg war. Was jedoch nur wenige wissen: Dieses Naherholungsgebiet am Rande der Stadt verdanken wir einem irisch-russischen Einwanderer.

Doch der Reihe nach: Hofkanzler Theodor Heinrich Graf von Strattmann und nach dessen Tod Margarete Gräfin Bouquoy-Strattmann ließen Ende des 17. Jahrhunderts ein Gartenpalais in der kleinen Wienerwald-Gemeinde Neuwaldegg errichten. Dieses zwischen 1692 und 1697 errichtete "Schloss" mit einer oft gelobten Aussicht auf die Stadt Wien war als Erholungsort zur "eigenen Recreation" und zur "Bewirtung seiner Majestät während der Jagd" gedacht. Aus dieser Zeit stammt auch der erste Teil jener Allee, die seit Generationen unter dem Namen "Schwarzenbergallee" bekannt ist und damals nur vom Gartenpalais bis zum Alsbach führte. Die Glanzzeit der Gartenanlagen entlang der mehrmals verlängerten Allee begann jedoch erst mit der Übernahme des Besitzes durch Graf Franz Moritz von Lacy (1725-1801).

Kaufmotiv "gute Luft"#

Lacy entstammte einer irischen Familie, deren Wurzeln in der Normandie liegen dürften. Sein Vater, der Offizier Peter Graf von Lacy, musste aus religiös-politischen Gründen seine Heimat Irland verlassen. Nachdem er in französischen und österreichischen Diensten gestanden war, heuerte er 1698 in Russland an und schaffte es bis zum Generalfeldmarschall. In Sankt Petersburg kam sein Sohn Franz Moritz am 21. Oktober 1725 zur Welt, der ebenfalls als Offizier Karriere machen sollte. Nach seiner militärischen Grundausbildung übersiedelte Franz Moritz 1739 nach Wien, wo er vier Jahre später in die österreichische Armee eintrat. Seine steile Karriere brachte ihm schließlich 1766 die Ernennung zum Feldmarschall und zum Präsidenten des Hofkriegsrates ein.

Im September 1765 erwarb Lacy das Gartenpalais Strattmann mit einigen Grundstücken, wobei er über Jahrzehnte weitere Flächen aufkaufte oder eintauschte. Schließlich umfasste die Anlage eine Fläche von 66 Hektar. Bis 1788 waren alle Gartengebäude errichtet, der Park mit seinen Pflanzungen hingegen war erst nach fast dreißigjähriger Arbeit vollendet, wobei die einzelnen, in sich abgeschlossenen Gartenbereiche entlang der schon bestehenden barocken Allee angelegt wurden. Die Motive zum Kauf des Gartenpalais samt umliegender Flächen waren - wie Lacy selbst schrieb - die "gute Luft dieses Gebietes, was für meine Gesundheit von Vorteil ist, und die Lieblichkeiten des Landlebens, die ich manchmal für meine Erholung brauche . . ."

An mehreren zeitgenössischen Ansichten wird deutlich, dass die Gestaltung der ersten Parkteile noch dem verspielten Rokoko bzw. dem "Jardin anglo-chinois" (englisch-chinesischer Stil) verpflichtet war: Wo sich heute eine Wiese mit Fußballplatz befindet, lag einst eine Partie mit Vasen, einem Bachlauf und chinesischen Brücken. Der größte Staffagebau befand sich an der höchsten Stelle in der Mitte der Anlage: es war der 1781 erstmals erwähnte zweistöckige "große chinesische Pavillon". Nachdem die verfallenen Reste des Gebäudes im 20. Jahrhundert abgetragen wurden, errichtete man 1972 an dessen Stelle eine sehr vereinfachte Version eines chinesisch anmutenden Holzpavillons auf einem Betonfundament. Dieser Nachbau wurde vor zwei Jahren ersatzlos abgetragen.

Am Ende der Allee befindet sich noch heute der Parapluieteich, dessen Name auf ein schirmförmiges Regendach zurückzuführen ist. Älteren Bewohnern ist dieser Teich in anderer Hinsicht im Gedächtnis geblieben: In den 1970er Jahren wurden an diesem Teich Nutrias (Sumpfbiber) angesiedelt.

Grotten und Hameau#

Joseph von Kurzböck schwärmte bereits 1779 in seiner "Neuesten Beschreibung aller Merkwürdigkeiten Wiens" über Lacys Leistung: "Ausserhalb des Schloßgartens liegt ein kleines sans-souci. Man findet hier dichtverwachsene sich kreuzweis durchschlingende dunkle Gänge, von hellem rieselnden Wasser durchströmt, heilige Grotten, Pavillons mit entzückender Aussicht, sanfte Rasenbänke am murmelnden Bache, zum hohen Denken bestimmte Lauben; dann ein kleines Ideal eines englischen Gartens mit Brücken, Teuchen, Auen, und gleich daran ein Wald mit der schönsten Jagdbarkeit."

Zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zählten zu den Gästen: So besuchte etwa der Weltreisende Georg Forster die Anlage im September 1784 während seines Wien-Aufenthaltes. Der deutsche Philipp Ludwig Hermann Röder lobte 1789 als einer von mehreren Zeitzeugen die freie Zugänglichkeit: "Es ist hier kein Billet nöthig, selbst die geschlossenen Theile des Gartens werden mit aller Höflichkeit und Bereitwilligkeit geöffnet." Positiv wurde von den Zeitzeugen auch die gute Pflege der Anlage hervorgehoben.

Graf Franz Moritz von Lacy (1725- 1801).
Graf Franz Moritz von Lacy (1725- 1801).
Abb.: Wikimedia

Für Wien einzigartig war das sogenannte Hameau (französisch für Dörfchen), das sich am Gipfel des nahen Gränberges befand. Das Hameau mit seinen 17 mit Stroh oder Rohrschilf gedeckten und innen prunkvoll eingerichteten Holzhütten wurde zwischen 1782 und 1790 errichtet. Die größte Hütte war jene von Graf Lacy. Sie war als einzige mit einem Stockwerk versehen. Einlass in das umzäunte Gelände erhielten enge Freunde zum zeitweiligen Sommeraufenthalt und Besucher nur nach ausdrücklicher Einwilligung durch den Grafen. Das Hameau diente - wie sein Vorbild im französischen Chantilly - zum adeligen Zeitvertreib im Sommer und als Ort, um abseits des Hofzeremoniells ein einfaches bäuerliches Leben zu imitieren. Es gab unter anderem ein Vogelhaus, eine Eisgrube, eine Kapelle, ein Brunnenhaus, eine Küche und eine Bäckerei sowie Ställe und Bedienstetenräume.

Künstliches Dorf#

Karl Gottlob Kuettner brachte den Sinn und Zweck dieses kleinen Dorfes nach seinem Besuch 1798 auf den Punkt: es ist "nichts als eine Spielerey, die aus einem Dutzend kleiner Häuser und Hütten besteht, wovon die mehresten zur Wohnung einer einzigen Person eingerichtet sind. Sie sind von außen mit Schilf bedeckt, um ein ländliches Ansehen zu haben, inwendig aber sehr anständig und reinlich meublirt."

Nach Lacys Tod erhielt der zuständige Förster die Erlaubnis, in den Hütten Milch, Wein und kalte Speisen zu verkaufen. Nachdem 1956 das Dach der Gaststätte abbrannte, verschwanden die letzten Reste des Hameaus. Einzig das 1996 aufgestockte "Hameau-stöckl" erinnert an dieses kleine künstliche Dorf.

Im Wald, der sich westlich der Höhenstraße erstreckt, steht noch heute das jüngste Gebäude aus der Zeit Lacys: die sogenannte "Moritzruhe", in der Franz Moritz im Jahre 1801 neben seinem Neffen Johann Georg Graf Browne beigesetzt wurde. Die klassizistische Grabkapelle ließ Lacy bereits 1794 anlässlich des Todes seines Neffen errichten. Die Grabstätte mitten im Wald war in Anlehnung an den damals berühmten Gartentheoretiker Christian Cay Lorenz Hirschfeld mit Absicht gewählt worden: Die Natur wurde als Ort der Vergänglichkeit interpretiert.

Umwandlung in Wiesen#

Bereits drei Jahre vor seinem Tod übertrug der kinderlos gebliebene Graf Lacy das Parkgelände samt Palais an Fürst Joseph von Schwarzenberg unter dem Vorbehalt des Fruchtgenusses. Unter diesem wurden viele Teile des Parks zu Wiesen umgewandelt und der umzäunte Tiergarten (mit Rehen, Hirschen und Damwild) verkleinert. Leider ließen die Schwarzenbergs den am Rande des Wienerwaldes gelegenen Park nur mehr extensiv pflegen und aus heutiger Sicht wertvolle Staffagebauten abtragen. 1956 erwarb die Gemeinde Wien einen Großteil der einstigen Gartenlandschaft und wandelte ihn in einen Park mit asphaltierten Wegen und Erholungseinrichtungen um.

Viele Staffagebauten und Gartenteile verschwanden in den letzten 200 Jahren: u. a. die Glashäuser mit der Orangerie, der Apollotempel und der Dianatempel. Trotz Verwaldung vieler Flächen nach dem Zweiten Weltkrieg lässt sich bei genauem Hinsehen noch heute das ganze Ausmaß der Anlage in der Landschaft erkennen. Im Park, der sich einst bis zum Hameau erstreckte, ist die gesamte Entwicklung vom Barockgarten (Allee) über den Rokokogarten bzw. englisch-chinesischen Stil bis zum romantischen Landschaftsgarten (Hameau und Grabkapelle) ablesbar.

Der "Schwarzenbergpark" gilt insofern als erstes Beispiel für die Anwendung moderner zeitgenössischer ("englischer") Gestaltungsideen im Raum Wien. Der Park Lacys in Neuwaldegg muss daher als ein wichtiger Vorreiter für die Verbreitung des "englischen Landschaftsgartens" in Österreich gelten.

Mit dem im Herbst 1765 vom "österreichischen Kriegshelden" der Maria Theresianischen Ära durchgeführten Kauf begann die Geschichte einer Garten-Park-Landschaft, die einerseits in ganz Europa gelobt wurde, die andererseits unter den Nachfolgern viel an Substanz verlor. Der heute geläufige Name "Schwarzenbergpark" verdeckt leider die gestalterischen Leistungen Lacys, der mit seiner persönlichen Geschichte den europäischen adeligen Kosmopoliten seiner Zeit idealtypisch verkörpert.

Christian Hlavac ist Gartenhistoriker und -biograf sowie Publizist. Im Frühjahr erschien das Buch "99 Fragen zu österreichischen Sehenswürdigkeiten" (gemeinsam mit Christa Englinger, Verlag Ueberreuter).

Wiener Zeitung, Sa./So., 12./13. September 2015