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Über den Gipfeln die Musi#

"The Sound of Music" hat das weltweite Österreich-Bild geprägt wie kein anderer. Dieser Tage wird die US-Alpensaga 50.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 3.März 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Klaus Stimeder


The Sound of Music
"The Sound of Music", hierzulande kaum beachtet, gilt in den USA als Kultfilm.
© Imago/Granata Images

New York. Ronald Reagan war ein legendär fauler Leser. Wenn Berichte seiner Minister über eine Seite lang waren, mahnte er sie regelmäßig, sich kürzer zu fassen. Sich der beschränkten Aufmerksamkeitsspanne seines Chefs bewusst, hielt sich allen voran sein Außenminister James Baker an diese Vorgabe, und nachdem sich die Komplexität der Dinge im Kalten Krieg in Grenzen hielt, führte das gottlob selten ins Unglück. Aber selbst wenn sich der erfahrene Diplomat so kurz wie möglich fasste, dankte es ihm sein Präsident nicht immer. Alles eine Frage der Prioritäten.

Man schrieb das Jahr 1983, als es ein Treffen der damals wie heute wichtigsten sieben Industriestaaten der Welt vorzubereiten galt. Baker war am Morgen bei Reagan angetanzt, um sich den Segen für ein am Tag zuvor abgegebenes Positionspapier zu holen. Der Präsident versuchte erst gar nicht zu verbergen, dass er nämliches trotz seiner Kürze nicht gelesen hatte. Seine Ausrede? "Well, Jim, ,The Sound of Music‘ was on last night."

Völlig Gaga nach "Music"#

Schnellvorlauf ins junge Jahr 2015. Im Rahmen der Verleihung der Academy Awards in Los Angeles, Kalifornien, hebt die Sängerin Lady Gaga die Stimme an zur Intonierung eines Klassikers der modernen Unterhaltungsgeschichte. "The Hills are Alive", viele trauten weder ihren Augen noch ihren Ohren, weil das ganze auf den ersten Blick so gar nicht zusammenging - und dann doch nicht nur funktionierte, sondern auch noch gut klang.

Eine historische Anekdote und ein aktuelles Ereignis, die nichts miteinander zu tun haben, aber eines belegen: Wie tief eingebrannt ins kollektive Gedächtnis Amerikas sich ein Film und seine Lieder haben, die vor einem, nun ja, interessanten Hintergrund spielen: Österreich.

Zuerst die Formalitäten, damit man überhaupt einmal ein Gefühl für das bekommt, was "The Sound of Music" so alles angerichtet hat, seit er vor 50 Jahren, genauer am 2. März 1965, Premiere feierte. Je nachdem, was man an Erlösen einrechnet, rangiert er zwischen den Plätzen fünf und 15 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Fünf Oscars, darunter die für "Bester Film", "Bester Regisseur" und "Beste Musikadapation". Abermillionen verkaufte Soundtracks. Das alles bei einer Spiellänge der Originalversion von rund drei Stunden. So.

Anlässlich des runden Jubiläums hat sich jetzt ein US-Historiker namens Tom Santopietro des Phänomens angenommen und die Geschichte dieses essenziellen Hollywood-Schinkens nacherzählt. Auf derart akribische Art und Weise, dass einem beim Lesen schon bald das Gefühl beschleicht, dass man das alles vielleicht doch nicht so genau wissen wollte. Aber gut, weil es nun einmal so ist, dass dieser Film das Image Österreichs in der Welt geprägt hat und teilweise immer noch prägt wie kein anderer: Zähne zusammen gebissen, Augen auf.

Eine Auswahl der subjektiv wichtigsten, von Santopietro in "The Sound of Music Story" (St. Martin’s Press) recherchierten Fakten: Erstmal sei es ein Wunder gewesen, dass die auf wahren Begebenheiten beruhende, aber durch den Hollywood’schen Süßholzraspler gedrehte Geschichte überhaupt die Welt der Lichtspieltheater erblickte. Zu dem Zeitpunkt, als man bei 20th Century Fox erstmals darüber nachdachte, das Broadway-Musical gleichen Namens für die Leinwand zu adaptieren, saßen den dortigen Finanzleuten noch immer die enormen Verluste von "Kleopatra" in den Knochen. Der Monumentalschinken mit Elizabeth Taylor und Richard Burton hätte fast für die Pleite des Studios gesorgt.

Ein Star muss her#

Als sich der legendäre Boss Jack Warner am Ende doch durchrang, rund acht Millionen Dollar in "The Sound of Music" zu stecken, wollte er zumindest in einem auf Nummer sicher gehen: Dass die Hauptrolle - die engelsgleiche Maria von Trapp, ehemalige Nonnenanwärterin und treusorgende Stiefmutter von sieben und drei eigenen Kindern - von einem Star gespielt werden sollte. Weil aber von den damals üblichen Verdächtigen (unter anderem waren Grace Kelly, Anne Bancroft, Angie Dickinson und, ganz im Ernst, Doris Day im Gespräch) keine konnte oder wollte, setzte sich am Ende Regisseur Robert Wise mit seiner Wunschbesetzung durch.

Julie Andrews hatte die Rolle der von Trapp zu diesem Zeitpunkt längst verinnerlicht, hatte sie sie doch jahrelang am Broadway gespielt. Auch mit der Besetzung der männlichen Hauptrolle des Georg von Trapp, einem verwitweten, ehemaligen Marine-Kapitän der Donaumonarchie, der mit seiner Familie buchstäblich solange gegen die Nazis ansingt, bis nichts mehr geht und sie alle im Jahr 1939 über die Berge in die Schweiz flüchten müssen, tat man sich schwer. (In Wahrheit ging es zuerst nach Italien und dann weiter über Großbritannien nach Amerika, aber das ist eine andere Geschichte.) Rex Harrison, David Niven, Richard Burton waren im Gespräch und lange sah es tatsächlich so aus, dass die Wahl auf, ja wirklich, Yul Brynner fallen würde. Anders als Christopher Plummer, der am Ende widerwillig, aber doch zusagte, den Part zu übernehmen, hatte sich Brynner bis zuletzt dafür stark gemacht.

Die Dreharbeiten selbst, großteils in Salzburg, der Schweiz und Bayern, gestalteten sich ausgesprochen nicht reibungslos. Zuerst gab es Probleme mit den örtlichen Behörden, die dem Filmteam erklärten, dass es ganz und gar nicht angehe, Soldaten mit Hitler-Uniformen und Hakenkreuz auf Salzburger Boden herumrennen zu lassen. Die bis heute bemerkenswerte Begründung: Die Salzburger hätten die Nazis nie gemocht und würden durch solche Szenen verstört. Die Ablehnung der entsprechenden Drehgenehmigungen wurde freilich stante pede wieder aufgehoben, nachdem Regisseur Wise den Stadtoberen erklärt hatte, dass das kein Problem sei, weil: "Dann nehmen wir einfach die Archivbilder aus den Wochenschauen der Dreißigerjahre her, die zeigen, wie die Österreicher Hitler zugejubelt haben."

Schwereres Spiel hatte Wise da schon mit seinem Hauptdarsteller. Plummer war während seines Salzburg-Aufenthalts einem Getränk verfallen, das er bis dahin nicht gekannt hatte, ihm aber aufs Äußerste zusagte: Schnaps. Später gab der heute 85-Jährige zu Protokoll, dass er "The Sound of Music" lange gehasst habe und sich nicht zuletzt deshalb ständig volllaufen haben lassen.

Vom Helikopter umgehauen#

Seine Partnerin hingegen ging in der Rolle der Maria von Trapp auf und nahm dafür auch einiges in Kauf. Bis die wohl berühmteste Szene, in der sie vor romantischster Bergkulisse den Titelsong "The Hills are Alive" gibt, im Kasten war, biss sie buchstäblich mehrmals ins Gras, weil sie der Sog des mitfilmenden Hubschraubers verlässlich umhaute.

"The Sound of Music Story" ist voll von solchen Geschichten, und das ist prinzipiell gut so, zwecks der Vollständigkeit der Erzählung eines Meilensteins der internationalen Filmgeschichte. Laut einem Sprecher des Verlags befindet sich eine deutsche Übersetzung von Santopietros Werk in Vorbereitung. Ob es damit garantiert was wird, vermag er aber noch nicht zu sagen. In dem Land, vor dessen Hintergrund er sich abspielt, floppte "The Sound of Music" gnadenlos. Möglich, dass es beim damaligen österreichischen Publikum schon eine von Trapp-Übersättigung gab, hatte man deren Familiengeschichte doch schon zweimal in Deutschland verfilmt ("Die Trapp-Familie",1956, und "Die Trapp-Familie in Amerika", 1958).

Möglich und wahrscheinlicher aber auch, dass der Kriegs- und der ersten Nachkriegsgeneration die Abbildung der Geschehnisse in der amerikanischen Interpretation unheimlich war. Man wusste schließlich selber am besten, wie es wirklich gewesen war.

Wiener Zeitung, Dienstag, 3. März 2015

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