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Das Spiegelbild der Republik#

Trilogie über Ringstraße liefert kunsthistorische Informationen und Geschichten zu Gebäuden#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 14./15. Dezember 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bernd Vasari


  • Aus Angst vor dem Volk ließ der Kaiser zwei Kasernen an der Ringstraße bauen.

Burgtheater, Van der Nüll, Mahnmal von Hrdlicka
Das Burgtheater, der Architekt Van der Nüll und das Mahnmal von Hrdlicka als Beispiele für die kontroversielle Geschichte der Ringstraße. Burgtheater; Wikipedia/Tohma; Jenis

Wien. Sie ist wahrscheinlich die bekannteste Straße in Österreich, ihre Bedeutung reicht weit über Wiens Stadtgrenzen hinaus. In eineinhalb Jahren, am 1. Mai 2015, wird sie 150 Jahre alt. Autor Michael Schmid hat sich bereits jetzt in seiner aktuellen Trilogie "Die Wiener Ringstraße" mit der Straße auseinandergesetzt. Für ihn ist sie "die Seele Wiens und Österreichs", hier würde die Republik auf der Couch liegen, so der Autor, und ihr Inneres nach außen kehren.

Lange Zeit habe sich das Kaiserhaus gewehrt, die alten Stadtmauern niederreißen, die Angst vor dem Volk sei zu groß gewesen, erzählt Schmid. Aufgrund des massiven Wachstums der Stadt - Wien hat sich von 1850 bis 1910 vervierfacht - war das Schleifen der Mauern zugunsten von Bauplatz für neue Gebäude aber unumgänglich. Um die Furcht vor dem eigenen Volk in Grenzen zu halten, ließ man zwei Kasernen an der Ringstraße und eine - das Arsenal - auf einer Anhöhe bauen. Die Roßauer Kaserne am Schottenring gibt es noch immer, die Franz-Joseph-Kaserne, die an der Mündung des Wienflusses in den Donaukanal stand, wurde noch zu Kaiserszeiten weggerissen. Dafür konnten 400.000 Quadratmeter an teurem Baugrund gewonnen werden. Kasernen baute man fortan auf billigerem Boden in der Vorstadt.

Große Wiesen durch Zufall#

Vieles, was man heute an der Ringstraße schätzt, passierte durch Zufall. So wie etwa der Heldenplatz, dessen großflächige grüne Wiesen so nicht geplant gewesen waren. Stattdessen hätte das Areal Teil des von Architekt Gottfried Semper konzipierten Kaiserforums sein sollen, mit einem zweiten Flügel und einem monumentalen Triumphbogen über der Ringstraße. Aufgrund von leeren Kassen ließ Kaiser Franz Joseph aber die Arbeiten im Jahr 1913 einstellen.

Auch persönliche Tragödien waren immer schon Teil der Ringstraße. So beging der Architekt Eduard Van der Nüll Selbstmord, nachdem die von ihm konzipierte Staatsoper in den Medien als "versunkene Kiste" und als "Königgrätz der Baukunst" verrissen wurde. Auch der Kaiser sparte nicht mit Kritik. Die Staatsoper war das erste Monumentalgebäude der Ringstraße. Durch die Anhebung des Straßenniveaus kurz nach Baubeginn wirkte der gegenüberliegende Heinrichshof aber dominanter als das Operngebäude. Der Kaiser war nach dem Selbstmord des Architekten angeblich so geschockt, dass er sich von da an zu allen neuen Kunstprojekten nur noch mit der Floskel "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut" äußerte.

Die Aufteilung der Bauaufträge fiel nur wenigen Architekten zu, ausgeschrieben wurde kaum etwas. Schmid: "Das war eine verschworene Männergemeinschaft." Das hieß aber nicht, das innerhalb dieser Gemeinschaft alles eitel Wonne war. Heftig zerstritten waren etwa die beiden Stararchitekten Gottfried Semper und Carl Hasenauer, die das Kunst- und Naturhistorische Museum, das Semperdepot, die neue Hofburg und das Burgtheater planten. Die endgültige Entzweiung folgte während der Errichtung des Burgtheaters, für das Semper den Grundriss und Hasenauer die Fassadengestaltung entwarf. Die neobarocke Ausgestaltung der Fassade missfiel Semper so sehr, dass er daraufhin den Kontakt zu seinem Kollegen abbrach.

Bürgertum statt Adel#

Semper hätte das Burgtheater wahrscheinlich im strengen Historismus konzipiert, sagt Schmid. Diese Wiener Spielart der Neorenaissance findet man an den meisten Gebäuden auf der Ringstraße. Durch den Kapitalismus, der sich seit den 1860er Jahren in Österreich ausbreitete, waren innerhalb kürzester Zeit einige Menschen außerhalb des Adels zu Geld gekommen. Den neuen Reichtum des Bürgertums wollte man nun in Prestigegebäuden auf der Ringstraße zur Schau stellen. Und der strenge Historismus war die beste Form dafür, so Schmid. Der österreichische Adel war auf der Ringstraße hingegen kaum noch präsent.

Bis heute spürbar sind die Auswirkungen des Ringtheaterbrandes aus dem Jahr 1881, bei dem 386 Menschen starben. Die Brandschutzbestimmungen wurden drastisch verschärft und gelten heute noch als eine der strengsten weltweit.

Die Ringstraße war im Wesentlichen bis zum Ersten Weltkrieg fertig. Gebaut wurde erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Den früheren Qualitätsansprüchen konnte man aber nicht mehr gerecht werden. "Der Denkmalschutz war nicht sehr stark und die Schaffung von nutzbarem Raum stand im Vordergrund", sagt Schmid.

Konflikte gab es aber weiterhin, etwa bei der Aufstellung des "Mahnmals gegen Krieg und Faschismus" von Bildhauer Alfred Hrdlicka im Jahr 1988. Nach heftigen Diskussionen sprach der damalige Bürgermeister Helmut Zilk ein Machtwort und ließ das Mahnmal errichten. Schmid: "Es gibt kein vergleichbares Monument mit dieser Wuchtigkeit. Noch dazu war Hrdlicka eine sehr streitbare Person, er galt ja auch als strammer Kommunist."

Bis heute ist das Denkmal Ort kontroversieller Auseinandersetzungen. Schmid: "Und das ist auch gut so."

Wiener Zeitung, Sa./So., 14./15. Dezember 2013