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Der Tempel des Ruhmes#

Der sogenannte "Husarentempel" im südlichen Wienerwald gibt uns seit seiner Fertigstellung vor 200 Jahren einige Rätsel auf. Seine Attraktivität als markanter Punkt in der Landschaft ist jedoch unverkennbar.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So, 19./20. Oktober 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Christian Hlavac


Husarentempel
Der Tempel diente dem Ruhm des Fürsten von Liechtenstein, war aber auch ein Ausflugsziel.
Foto: © Hlavac

Wer bei einer Fahrt mit der Südbahn im Raum Maria Enzersdorf/Mödling aufmerksam aus dem Waggonfenster blickt, wird auf einer Kuppe in der Brühl deutlich ein Gebäude erkennen, das im Volksmund als "Husarentempel" bezeichnet wird. Bis in unsere Zeit finden sich in Büchern und Artikeln Legenden und falsche Angaben zu diesem Bau. Anlässlich des 200. "Geburtstages" ergibt sich die Möglichkeit, diesem Gebäude genauere Aufmerksamkeit zu schenken.

Ende 1807 erwarb Fürst Johann I. von Liechtenstein (1760-1836) den Stammsitz seiner Familie, die Burg Liechtenstein, zurück. Diese Erwerbung war die romantische Erfüllung einer Verpflichtung dem fürstlichen Haus gegenüber. Der finanzielle Aufwand bezweckte die selbstbewusste und sichtbare Dokumentation eines Herrschaftsanspruches. Mit großem Tempo ließ der Fürst seinen Architekten und Baudirektor Joseph Hardtmuth (1758-1816) zahlreiche "Kunst-Gebäude" auf dem Kalenderberg bei Mödling und in der Vorder- und Hinterbrühl errichten, unter anderem einen Tempel auf dem Kleinen Anninger.

Zwei Architekten#

Den wenigsten dürfte heute bewusst sein, dass der bestehende Tempel einen Vorgänger hatte. Kurz nach der Erwerbung der Herrschaft Mödling erhielt Hardtmuth den Auftrag, den Plan für einen Tempel auf einer Erhebung südlich des Brühltales - später "Kleiner Anninger" genannt - auszuarbeiten. Der Bau wurde im Frühjahr 1809 begonnen, nachdem man schon im Vorjahr 60.000 Ziegel gekauft hatte. Die Holz-Ziegel-Steinkonstruktion mit Blechdach wurde im Sommer 1811 fertiggestellt. Auf der rückwärtigen Seite trug der Tempel schon damals die Inschrift "Den ausgezeichneten Völkern der österreichischen Monarchie gewidmet" in vergoldeten Lettern.

Nachdem im Jahr nach der Fertigstellung das Dach des exponierten Baues durch einen Sturm beschädigt und bald wieder hergestellt wurde, zerstörte ein Orkan in der Nacht vom 25. auf den 26. März 1812 das Gebäude fast zur Gänze. Das Dach und die Säulen stürzten ein, nur das Fundament mit einem Gewölbe blieb erhalten. Kurz darauf ersuchte Hardtmuth um Enthebung von seinen Diensten. Drei Gründe dürften dafür ausschlaggebend gewesen sein: Erstens der Einsturz der in Bau befindlichen "Trajanischen Säule" im August 1811, eines Aussichtsturms auf einer dem Tempel benachbarten Erhebung. Zweitens die eben erst erfolgte Zerstörung des Tempels am Kleinen Anninger. Drittens der Einsturz eines nicht näher definierten Wintergartens. Diese drei Ereignisse führten zum Zerwürfnis zwischen dem Fürsten und seinem Architekten.

Joseph Kornhäusel (1782-1860) wurde im Eilverfahren dessen Nachfolger. Er verfertigte bereits am 31. März 1812 einen Bericht über den Zustand des zerstörten Tempels, der als verschollen gelten muss. Daher wissen wir nicht, wie viel vom ursprünglichen Gebäude, das an der Schmalseite auf vier, an der Längsseite auf sechs Säulen stand, für den Neubau übernommen wurde. Der neue, 1813 fertiggestellte und heute noch erhaltene, klassizistische Hallentempel ist ein offener, an den Längsseiten auf drei Pfeilerarkaden mit Bogenlaibungen, an den Stirnfronten auf Eckpfeilern und zwei dorischen Säulen ruhender Bau. An den Stirnfronten schließen über einem hohen Gebälk mit Triglyphen- und Kreisscheibenfries jeweils Dreiecksgiebel an, die mit Figurenreliefs geschmückt sind. Die heute nur teilweise erhaltenen Halbreliefs mit kriegerischen Szenen stammen vom Bildhauer Joseph Klieber (1773-1850), mit dem Kornhäusel bei zahlreichen Bauten für Johann I. zusammenarbeitete.

Auf der rückwärtigen Seite der Stirnfront findet sich die - schon vom Vorgängerbau bekannte - Inschrift "Den ausgezeichneten Voelkern der oesterreichischen Monarchie gewidmet". Im darüber liegenden Dreiecksgiebel ist die Inschrift "Für Kaiser und Vaterland" angebracht. Die Ergänzung fehlender Teile bei den Giebelreliefs - vor allem der Köpfe der Soldaten - wurde bei der vorletzten Renovierung 1978 nicht durchgeführt, da keine Unterlagen über deren ursprüngliches Aussehen vorhanden waren.

Jahrzehntelang stand in der Mitte des Tempels eine steinerne Statue. Zeitgenössische Beschreibungen identifizierten sie als die römische Kriegsgöttin Bellona, die meisten aber sahen in ihr Minerva, die Göttin der Weisheit und taktischen Kriegsführung - weshalb das Gebäude auch immer wieder als "Tempel der Minerva" bezeichnet wurde.

Das unversehrt gebliebene, aus Natursteinen gemauerte Fundament des Vorgängerbaues wurde von Kornhäusel wiederverwendet. An seiner Südostseite findet sich der Eingang zu einem Gewölbe. Hinter einem Eisengitter stehen zwei Vasen mit antiken Darstellungen. In zwei kleinen Gruftkammern ruhen die Gebeine von fünf österreichischen auf dem Marchfeld gefallenen Soldaten. Die dazugehörige Inschrift auf einer Marmortafel, die uns nicht im Original erhalten ist und von der verschieden lautende Abschriften vorhanden sind, dürfte von Fürst Johannes I. selbst stammen: "Ruhet sanft auf diesen Höhen, Edle Gebeine tapferer Österreichs Krieger; Ruhmbedeckt bei Aspern und Wagram gefallen, Vermag euer Freund eure entseelten Leichname nicht zu beseelen; Sie stets zu ehren ist seine Pflicht."

Fragwürdige Husaren#

Verwirrend sind die unterschiedlichen Angaben, wer diese Soldaten waren. Bereits 1824 taucht die Legende auf, Fürst Liechtenstein hätte jenen "edelmüthigen Kriegern ein Denkmahl" gesetzt, "welche ihn mit Aufopferung ihres Lebens in der blutigen Schlacht bey Aspern [22. Mai 1809] aus den Händen der Feinde befreyten". In den darauffolgenden Jahrzehnten liest man, fünf, sechs oder sieben Husaren, welche am Schlachtfeld von Aspern gefallen waren, lägen unter dem Tempel. Einzig die Aussage von Liechtensteins Biograph Criste dürfte einen wahren Kern haben: Der Fürst hätte beabsichtigt, die Gefallenen seines Husarenregiments in der Gruft des Tempels beisetzen zu lassen. Da jedoch die Ruhestätten auf dem Marchfeld nicht mehr aufgefunden werden konnten, ließ er die Gebeine von fünf Soldaten, die mit Bestimmtheit als Österreicher angesehen werden konnten, am Kleinen Anninger bestatten. Darunter befanden sich die Gebeine des Kommandanten des Infanterieregiments Nr. 11, Oberst Adolph von Dolle. Leider nicht mehr zu klären ist die Antwort auf die Frage, wann genau die Überreste der Soldaten in der Gruft beigesetzt wurden. Es gibt auch keine schriftlichen Aussagen des Fürsten oder der beiden Architekten Hardtmuth und Kornhäusel über den Zweck des alten und des neuen Tempels. Somit bleibt unklar, ob schon beim Bau 1809 die Gruft für in Aspern gefallene Soldaten mitgedacht wurde.

Jedenfalls ist die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verbürgte Bezeichnung "Husarentempel" historisch betrachtet nicht zutreffend, ebenso wenig wie die 1838 erstmals aufgestellte Behauptung, Fürst Johann I. sei in der Schlacht bei Deutsch Wagram von vier Husaren aus Todesgefahr gerettet worden und habe diesen "Helden" und ihren sterblichen Überresten den Tempel geweiht.

Die Aussage des Tempels ist ohne die Einbeziehung der militärischen Laufbahn des Fürsten nicht zu deuten. Johann I. von Liechtenstein - seit jungen Jahren in der Armee - wurde 1806 kommandierender General von Österreich ob und unter der Enns und Kommandant von Wien; Anfang August 1809 ernannte ihn Kaiser Franz I. zum Feldmarschall. Der von allen Zeitgenossen als kühn beschriebene Fürst kämpfte in der Schlacht von Aspern und Deutsch Wagram an vorderster Stelle. Nach dem Frieden von Schönbrunn (12. Oktober 1809), den er mitverhandelt hatte, bat er im August 1810 um Entlassung aus dem aktiven Militärdienst. Nach der Schlacht von Aspern dürfte er sich entschlossen haben, den Tempel als Denkmal an die Schlacht und ihre Gefallenen umzudeuten. Die noch heute erhaltenen Inschriften weisen den Tempel jedenfalls als Bekenntnis zur österreichischen Monarchie und zum seit 1804 bestehenden österreichischen Kaisertum aus, welches durch Napoleon in seinen Grundfesten erschüttert wurde.

Der Tempel war von Anfang an auf Fernwirkung ausgerichtet; er ist von der Triesterstraße - der einst wichtigen Straße von bzw. nach Wien - deutlich sichtbar. Erst mit der "Eroberung der Landschaft" (Wolfgang Kos) in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die bürgerliche Schicht, die tatsächlich den Aufstieg zum Tempel wagte, kam der Nahsicht auf das Gebäude eine größere Bedeutung zu. Bisher nicht beachtet wurde die Tatsache, dass von der Stirnfront an der Nordostseite des Husarentempels eine direkte, dominante Sicht auf das Stammschloss der Liechtensteins in Maria Enzersdorf besteht: Diese Blickachse zeigt deutlich den dynastischen Konnex zwischen der Veste und dem Tempel.

Verschönerung#

Der 1831 "Tempel des Ruhmes", in manchen späteren Quellen auch "Tempel des Kriegsruhmes" genannte Bau ist Teil einer Landschaftsverschönerung unter Johann I. von Liechtenstein in der Zeit von 1808 bis zu seinem Tod 1836. Der Fürst ließ große Teile der kahlen Erhebungen im Gebiet mit Kiefern aufforsten und akzentuierte die Landschaft an zahlreichen Punkten seiner Besitzung durch den Bau künstlicher Ruinen, Tempel und Monumente, wobei er in einem Stilpluralismus romantisch-neogotische und antik-klassizistische Formen einsetzte. Wege und Aussichten zeigten dem damaligen Besucher einerseits die Größe und damit die Bedeutung der liechtensteinischen Besitzung, andererseits dienten sie dazu, die "malerische Landschaft" zu erschließen.

So huldigte der Erzieher der Söhne des Fürsten Johann I. von Liechtenstein, Josef Haderer, im Jahre 1829 seinem Arbeitgeber: Die angelegten Verbindungswege und Gebäude zeugten von einem "Verschönerungssinn" und einer "dem Vergnügen des Publicums opfernden Großmuth". 80 Jahre später meinte Albert Wimmer, das Tempeldenkmal werde "noch bis in ferne Zeiten Zeugnis" für das "edle Gemüth" des Fürsten ablegen. Seine Einschätzung dürfte auch noch in einigen Jahren Gültigkeit besitzen.

Christian Hlavac ist Landschaftshistoriker und Publizist. Er lebt in Wien, im Weinviertel und im steierischen Salzkammergut.

Wiener Zeitung, Sa./So, 19./20. Oktober 2013