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Athen in Wien#

Der Theseustempel und Antonio Canovas dislozierte Plastik#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 30. August 2008)

Von

Von Christa Veigl


Theseus besiegt den Kentauren. Von Antonio Canova
Theseus besiegt den Kentauren.Von Antonio Canova
Foto: Karin Reichert-Frei. Aus: Wikicommons unter CC

Der Wiener Theseustempel wurde als Gehäuse für eine berühmte Marmorskulptur von Antonio Canova errichtet. Im April 1819, auf Hochzeitsreise in Rom mit seiner vierten Gattin, verliebte sich der österreichische Kaiser Franz I. bei einem Besuch in Canovas Atelier so sehr in dessen Theseusgruppe, dass er sie für sich haben wollte und ihr einen Tempel im Volksgarten erbauen ließ. So zu lesen in der Canova-Monographie des Kunsthistorikers Vittorio Malamani von 1910. Franz I. befand sich von Februar bis August 1819 auf Italienreise; seine Besuche in den römischen Werkstätten der berühmtesten Bildhauer ihrer Zeit, Canova und Thorvaldsen, hielt er im Reisetagebuch fest. Rund zwei Jahre danach reisten Theseus und Kentaur, aus carrarischem Marmor und eineinhalb Tonnen schwer, zu Wasser und zu Lande nach Wien. Antonio Canova, geboren in der Republik Venedig und im Zuge der napoleonischen Kriege gewissermaßen Österreicher geworden, war seit 1805 mit einem Hauptwerk in Wien vertreten, dem Grabmonument der Erzherzogin Marie Christine in der Augustinerkirche. Der verwitwete Gatte Albert von Sachsen-Teschen hatte es bei Canova in Auftrag gegeben. Auftraggeber des Theseus indes war – nach Joseph von Hormayrs 1823–25 erschienener Wien-Historiographie – Napoleon, der die Skulptur „gleich nach seiner Krönung mit der eisernen Krone“ (zum König von Italien, 1805) bei Canova für den Corso zu Mailand bestellt habe. Dargestellt sei „Theseus, der den Centaur zu Boden geschleudert hat, mit der Linken ihn an der Kehle festhält und in der Rechten die Keule des Peripethes schwingt, ihn zu tödten.“ Ob ihm letzteres gelingen wird, hat Canova offen gelassen. Allerdings, im dargestellten Zweikampf hat Theseus die Oberhand, so wie Napoleon sie 1805 gehabt hatte, als der Kentaur generell das besiegte Ancien régime bedeuten konnte und speziell das besiegte Österreich. Napoleons Königreich Italien von 1805 bestand u. a. aus dem von 1714 bis 1797 von den Habsburgern regierten Herzogtum Mailand. Als die Marmorgruppe 1822 oder 1823 in Wien ankam, hatte sich die politische Situation grundlegend geändert. Napoleon, war 1815 gestürzt worden und seit 1821 tot, Österreich und andere alte Mächte hatten längst wieder Oberwasser.

Interpretatio austriaca#

Eine umgekehrte tagespolitische Interpretation, Theseus gleich Österreich und Centaur gleich Napoleon, bot sich an, wenngleich mit gewissen Einschränkungen: Der österreichische Kaiser war 1810 Napoleons Schwiegervater geworden, und der Sohn von Napoleon und Franzens Tochter Marie-Louise lebte damals noch als Herzog von Reichstadt in Schönbrunn. Diese heiklen Familienbande waren kein Stoff für offizielle Texte, ebenso wenig wie der von den politischen Umwälzungen herbeigeführte Auftraggeberwechsel. Canovas Theseus, als Denkmal zur Glorifizierung der napoleonischen Herrschaft „für den Corso zu Mailand“ bestellt, war vor dem Sturz Napoleons aus vielen Gründen nicht fertig geworden: Mit dem Wiener Kongress wurde die Lombardei wieder österreichisch, die Denkmalsangelegenheit zu einem Kapitel der österreichischen Verwaltung, und Franz I. trat die Nachfolge des ursprünglichen Auftraggebers an. Politisch heikel wie die Auftragsgeschichte des Denkmals und die Interpretationsmöglichkeiten der dargestellten Kampfszene, war auch die Wahl des Aufstellungsortes. Die Neugestaltung des äußeren Burgplatzes war ein Resultat der zweiter Einnahme Wiens durch Napolen 1809. Damals habe jener „im bübischen Zorne“ (Hormayr) die Sprengung der Festungswerke vor der Burg angeordnet. Der Grundstein für das neue Burgtor wurde 1821 gelegt, der Volksgarten 1823 eröffnet und das neue Burgtor am 18. Oktober 1824 – „am eilften Jahrestage der für ganz Europa, und besonders für Deutschland so entscheidenden Schlacht bey Leipzig“, wie die „Wiener Zeitung“ am 16. Oktober 1824 meldete. Zwei große Denkmäler sollten „die Stätten früherer Zerstörung verherrlichen“, das Burgtor „als Erinnerung an die besiegte Vergangenheit“, der Theseustempel „der Kunst gewidmet“ und das „größte Werk“ Canovas enthaltend. Sämtliche Bauten, so die „Wiener Zeitung“ weiter, „wurden durch das Militär ausgeführt, und so trugen dieselben Arme, welche während mehr als zwanzigjährigen Kriegen den Feind des Vaterlandes bekämpft hatten, nach errungener Ruhe, zu den schönsten Werken des Friedens bey.“ Canova hatte sich schon für das Wiener Christinen-Monument einen eigenen Tempel als Gehäuse gewünscht und den Architekten Pietro Nobile vergeblich Entwurfszeichnungen anfertigen lassen. Für den Theseus sollte der Wunsch in Erfüllung gehen. Nach Steinbüchels zeitgenössischer Beschreibung des Theseustempels folgte Franz I. mit „kaiserlicher Großmuth“ der „eigenen Wahl des Künstlers“, die Marmorgruppe in einem dem Athener Theseion nachgebildeten Tempel unterzubringen. Das antike Vorbild zeigt mit Szenen aus der Theseus-Geschichte geschmückte Metopen und war mit dem athenischen Heros in Verbindung gebracht worden, gilt aber inzwischen als ein dem Hephaistos geweihter Tempel. Pietro Nobile hatte als kaiserlicher Rompensionär das klassische Altertum vor Ort studiert und war von 1802 an dem damals österreichischen Untertan Canova zur Förderung zugeteilt gewesen. In dieser Konstellation hatte Nobile die nicht realisierten Entwürfe für den Tempel zur Aufnahme des Christinen-Monuments gezeichnet. Ab 1819 entwarf er das Theseion im Volksgarten nach brieflichen Angaben seines Förderers und nunmehrigen Freundes Canova, und machte in Wien Karriere als k. k. Hofbaurath, Direktor der Architekturschule an der Kunstakademie und Architekt der Bauten vor der Kaiserburg: dem Burgtor (nach Plänen von Luigi Cagnola, abgeändert nach Plänen Nobiles), dem jüngeren Corti’schen Kaffeehaus (heute teilweise im Volksgarten-Tanzcafé erhalten) und dem Wiener Theseion. Dessen Länge wurde im Vergleich zum Athener Theseustempel reduziert, das Raumprogramm hingegen erweitert. Diese unterirdische Erweiterung verdankte sich ebenfalls der Zerstörung der Burg-Befestigungen durch die französischen Truppen. Der Theseustempel steht im ehemaligen Festungsgraben, weshalb die Fundamente sehr tief gelegt wurden; statt den Raum zwischen den Grundmauern mit Erde zu füllen, ließ sich nun eine unterirdische dreischiffige Halle gewinnen. Von dieser wissen heute nur wenige. In den zeitgenössischen Berichten ist von Katakomben oder Souterrains die Rede, in die eine Stiege aus einem separaten Eingangsgebäude führt. Steinbüchels Beschreibung des Theseums und dessen unterirdischer Halle von 1827 enthält ein detailliertes Verzeichnis der dort ausgestellten römischen Altertümer.

K.k. Römermuseum#

Canovas Theseus und Kentaur standen also auf Wiens erstem Römermuseum, einer Außenstelle des k. k. Münz- und Antikenkabinetts. Die Expositur musste kurz vor 1840 geschlossen werden, weil die Räume zu feucht waren. Der unter Bäumen versteckte Eingangsbau zu den Katakomben wurde abgetragen und nichts – bis auf einen ungewöhnlich dimensionierten Kanaldeckel – deutet heute mehr auf deren Existenz hin. Nach den Plänen der Burghauptmannschaft wird sich das bald ändern, zumal ein neues Eingangsgebäude nebst anderen Maßnahmen das historische Belüftungssystem für die unterirdischen Räume wieder in Gang bringen soll. Mit ihrer Wieder-Öffnung für Publikum sei einstweilen aber nicht zu rechnen. Theseus und Kentaur blieben ihrem Gehäuse noch bis 1890 erhalten, dann mussten sie in den eben fertig gestellten Monumentalbau für die kaiserlichen Kunstsammlungen an der Ringstraße übersiedeln. Bis heute zieren sie, im unentschiedenen Kampf festgemeißelt, das Podest der Hauptstiege des Kunsthistorischen Museums. Für die zu Raffael, Rubens & Co empor eilenden Besucher scheinen sie Teil des Mobiliars zu sein. Der auf Canovas Skulpturengruppe zugeschnittene Ausstellungsraum (Cella) des Theseus-tempels wurde von 1901 bis 1911 zur Präsentation von Funden aus Ephesos genutzt. Auch dieses Antikenmuseum hatte, wie sein Vorgänger, wegen zu großer Feuchtigkeit schließen müssen. Seither hat der Theseustempel verschiedenste temporäre Nutzungen erfahren. Bis Beginn der derzeitigen Restaurierungsarbeiten bespielte ihn das Kunsthistorische Museum mit kurzen Sommerausstellungen zeitgenössischer Kunst. Nach Ende der Restaurierung (voraussichtlich 2009) wird sich der Theseustempel in neuem, ungewohntem Gewande präsentieren. Die vertrauten warmen Brauntöne und die raue verwitterte Oberfläche werden verschwinden, stattdessen könnte eine porzellanweiße glatte Hülle das Gebäude überziehen. Im Unterschied zum athenischen Vorbild ist das Wiener Theseion nicht aus Marmor erbaut, sondern, wie in Wien üblich, hauptsächlich aus Ziegeln mit Quaderputz und Säulen aus Kalkstein. Das fehlende Weiß des Marmors hatte seinerzeit eine – längst verschwundene – Oberflächenschicht ersetzt. Nach den Materialuntersuchungen des Bundesdenkmalamtes handelte es sich dabei um eine Bleiweißfassung, deren Wirkung an Porzellan erinnere. Das mag in den 1820ern der Vorstellung von antiken Marmortempeln entsprochen haben, als man diese vorwiegend aus Beschreibungen und Stichen kannte und andererseits - etwa in der damals florierenden Wiener Porzellanfabrik - sogenanntes Biskuitporzellan produzierte, das unglasiert blieb, um antiken Marmor nachzuahmen. Die weißen Flecken, die seit geraumer Zeit den Theseustempel verfremden, sind Probefassungen und sollen dem Bundesdenkmalamt Aufschluss über die technische Durchführbarkeit einer neuen Oberfläche geben. Man darf gespannt sein, wie marmor- bzw. porzellanweiß der Theseustempel demnächst erscheinen wird.

Christa Veigl, geboren 1958, ist Stadthistorikerin und Architekturführerin. Publizistischer Schwerpunkt: Wiener Architektur- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Wiener Zeitung, Samstag, 30. August 2008