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Unbekannte Pratergschicht’n: Im Prater blüh’n noch immer die Bäume#

Der Prater feiert heuer seinen 250. Geburtstag. (Teil I)#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 19. Jänner 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Clemens Marschall


1766 schenkte Joseph II. das Jagdgebiet Prater der Bevölkerung.
1766 schenkte Joseph II. das Jagdgebiet Prater der Bevölkerung.
© Archiv
Attraktionen, Schießbuden, Wirtshäuser und auch Damenkapellen
Allmählich etablierten sich dort Attraktionen, Schießbuden, Wirtshäuser und auch Damenkapellen, die aufspielten.
© Archiv

Wien. "Hereinspaziert, hereinspaziert!", grüßt Robert Kaldy-Karo und öffnet die Pforten zum Wiener Circus- und Clownmuseum im Stuwerviertel im 2. Bezirk. Der Direktor trägt einen Frack, eine mit Ornamenten verzierte Kappe und auffällig buschige Augenbrauen. "Stuwer", erzählt er über das Viertel mit dem Touch Rotlicht, "war eine legendäre Prater-Familie, die ab Ende des 18. Jahrhunderts für spektakuläre Feuerwerksshows sorgte." Informationen wie diese hält das wandelnde Geschichtsbuch im Vorbeigehen bereit. Sein Wissen ist die Ernte einer mehr als 40-jährigen Auseinandersetzung mit dem Prater, der Zauberkunst und den historisch-obskuren Seiten der Unterhaltungskunst.

Heute ist im Prater, der in seinem Vierteljahrtausend zahllose Mutationen durchlebte, nur mehr wenig zu spüren von der damals berüchtigten Welt aus Praterhütten, Damenkapellen, Geistererscheinungen und Kraftmenschen. Eine Zeitreise dorthin ist allerdings im Circus- und Clownmuseum möglich, das Kaldy-Karo mit Michael Swatosch betreibt.

Hier wuchern liebevoll arrangierte historische Artefakte, Kostüme, Plakate und Sensationshinweise auf "dressierte Flöhe", sowie Pläne längst vergangener, damals viel größerer Formen des Praters. Geht man an einem lebensgroßen Pferd vorbei in den zweiten Raum des Museums, kommt man zu einer Bühne, die auch heute noch bespielt wird.

"Wir führen hier unsere Reenactment-Show ‚Prater Varieté‘ vor, in der man vergessene Kleinkünste erleben kann, so wie sie früher auch im Prater aufgeführt worden sind", erklärt Kaldy-Karo. Eine Tür weiter befindet sich das nicht öffentlich zugängliche Museumsarchiv: Tonnen von Büchern, Zeitungsartikeln, privaten Aufzeichnungen und unveröffentlichten Fotos, die für die Artikelserie "Unbekannte Pratergschicht’n" systematisch durchgearbeitet werden.

Die erste urkundliche Erwähnung des Praters, dessen Name sich von "pratum" ("Wiese") ableitet, lässt sich auf 1162 datieren; ab 1560 galt der Raum als kaiserliches Jagdgebiet. Es sollte noch mehr als 200 Jahre dauern, bis Joseph II. das Prinzip "Alles für das Volk, aber nichts durch das Volk" ausführte und die Jagdgründe 1766 der Bevölkerung "schenkte": die Geburtsstunde des Praters. Das Resultat waren vorerst Vergnügungen für die einfachen Leut‘: bescheidene Holzhütten als Wirtshäuser, Schießbuden und Karusselle. Bald aber kamen für die Oberschicht Theater, Zirkusse und Restaurants hinzu, die nicht mehr für jedermann leistbar waren, so Kaldy-Karo: "Das waren zwei verschiedene Paar Schuhe. Der Wurstel- oder Volksprater war in der Nähe vom Praterstern, der Nobelprater lag an der Hauptallee. Dort spielten auch bekannte k.k. Militärkapellen auf, die von Strauss, Lanner und Ziehrer dirigiert wurden."

Der Prater gedieh fortan in verschiedenste Richtungen. 1773 ließ Johann Georg Stuwer sein erstes Feuerwerk hochgehen; Schwanenfeld kam 1795 mit einem Wachsfigurenkabinett; Kratky-Baschik machte sich als Zauberkünstler und Musikvirtuose einen Namen; 1847 eröffnete Heinrich Schreyer sein Affentheater; 1854 wurde der "Große Chineser" auf Geheiß von Basilio Calafati errichtet, der - fast ein halbes Jahrhundert vor dem 1897 erbauten Riesenrad - zum Wahrzeichen des Praters werden sollte.

Praterhetz#

Fast von Prater-Beginn an zogen die meist aus Italien stammenden Käse- und Salamiverkäufer - genannt "Salamucci" - durch das Gelände, um die Besucher mittels Bauchläden zu versorgen. Manche Wirte ließen die Salamucci nicht in ihre Hütten, weil sie mit ihren billigen Imbissen als geschäftsschädigend galten. Das wiederum erzürnte die Wanderhändler: Das 3. Kaffeehaus im Prater wurde von den Salamucci gestürmt, nachdem dort ein Schild angebracht worden war: "Eine Portion Salami 15 kr., eine Portion Käse 10 kr. Und besser wie beim Salamimann." Den Salamimännern wurde schließlich seitens der Polizei das Recht eingeräumt, ihre Ware unter freiem Himmel, und damit auch in den Biergärten, feilzubieten. Aber sogar unter den herumziehenden Salamihändlern kam es immer wieder zu (Platz-) Streitigkeiten, die in teils tödlichen Messerstechereien endeten.

Der Prater war seit jeher Anziehungspunkt für sämtliche Klassen und Schichten. Auch Bettler und Hausierer witterten innerhalb der Menschenmengen ihre Möglichkeiten, und trotz großflächigen Polizeiaufgebots waren die "Taschelzieher" ein Massenphänomen. Dennoch entfernte man bereits 1775 die Gitter am Eingang des Praters, sodass man die Gegend auch nachts betreten konnte. Dem Prater ging es gut: 1780 gab es bereits mehr als 40 Wirtshäuser mit Kegelbahnen. Auch Kaffeehäuser mit Billardtischen, Ringelspiele und Hutschen vermehrten sich zusehends. Schriftsteller und Dramatiker Johann Friedel beschreibt in seiner Briefsammlung "Das galante Wien" (1785) die damalige Stimmung im Prater: "Volle Becher, betrunkene tollkühne Spieler, Vogelscheiben, Lustfahrten, das Billardspiel, gebratene Kapaunen und Gänse, blinde Harfenisten, Süßigkeitsweiber und Salamikrämer."

Auch an Mozart geht der Prater nicht spurlos vorüber. Er schreibt 1788, KV 558: "Gehn ma’n Prada, gehn ma in d’Hatz." Hier schließt sich ein historischer Kreis, war es doch Joseph II., der die Uraufführung der Mozart-Oper "Le Nozze di Figaro" 1786 genehmigt hatte. Dass die "Praterhetz" Joseph II. zu verdanken war, wurde auch von der Allgemeinheit nicht vergessen. Das Lokal "Zum römischen Kaiser" brachte 1802 über seinem Eingang folgenden Vers an: "Vivath der Kaiser Joseph sol leben, weil er uns die Freiheit im Pratter hat gebn."

Das größte Wirtshaus#

1836 erschien der Reiseführer "Der Fremde in Wien", laut dem an Sonntagen bis zu 15.000 Besucher in den Prater strömten. Der wurde nun als "Des Heiligen Römischen Reiches größtes Wirtshaus" bezeichnet. Ein buntes musikalisches Durcheinander zählte schon damals zu den Haupteindrücken. Im Unterschied zu heute hörte man seinerzeit verschiedene Kapellen simultan um die Wette spielen, keine Musik aus der Dose. Adalbert Stifter berichtet in "Aus dem alten Wien" (1844) über das laute Durcheinander: "Du weißt, Wien ist die Stadt der Musik, daher auch hier Musik genug: türkische, der Leiermann, der Harfenist und Bänkelsänger, schwärmerische Handwerksgesellen mit Gitarren, dort zwei Jungfrauen, die eine Romanze absingen, ewig um eine Quint voneinander abstehend wie zwei parallele Linien, heimkehrende Freundschaftsketten, die den Rinaldini singen - hie und da in den Händen eines Knaben eine Harmonika - und nun kommen auch noch die Zigeuner, seltsame starre Gesellen, ein Traum aus einer urfrühen Zeit der Weltgeschichte.. ."

Schaukeln im Prater
Schaukeln im Prater
© Archiv

Eine weitere Klangebene beanspruchten die Ausrufer für sich. Sie standen vor den Attraktionshäusern und versuchten auf teils charmante, teils deftige Weise, das Publikum für sich zu gewinnen. Ein starkes Organ und ein schnelles Mundwerk waren die Grundvoraussetzungen, doch eine gesunde Portion "Showmanship" gehörte ebenso dazu, wie Felix Salten in seinem Klassiker der Wiener Moderne "Wurstelprater" (1911) schreibt: "Der Ausrufer ist immer furchtbar erregt. Er schreit und tobt, als könne er sich nicht fassen von all’ dem, was er da drinnen in der Bude gesehen; als ob er eine wunderbare Entdeckung gemacht hätte und nun die ganze Welt hinter den roten Vorhang schleppen müßte, damit sie erstaunt und bewundert gleich ihm."

Für Kinder wurden in einfachen Holzhütten Puppentheater aufgeführt. Eine der Hauptpersonen dieser Erheiterungen war Hanswurst, von dem sich auch der Name "Wurstelprater" ableitet. Nicht zu vergessen ist selbstverständlich die kulinarische Ebene, die in den dutzenden Praterhütten zelebriert wurde. Ein damaliges Praterphänomen war der "Fensterschwitz", erzählt Kaldy-Karo: "Der ‚Fensterschwitz‘ war das billigste Bier, das man kriegen konnte." Technische Veränderungen schlugen sich von Anbeginn in der Gestaltung des Praters nieder, fährt er fort: "Der Prater war immer eine Stätte der Novität. Die Praterunternehmer hatten nie Angst vor technischen Entwicklungen, im Gegenteil: Sie wollten sie nutzen und dem Publikum immer etwas Neues bieten. Die Entwicklung der Technik spiegelt sich in der Entwicklung des Praters wider, und das hatte auch einen gesellschaftlichen Effekt: während ein wohlhabender Fürst auf einem echten Ross auf der Hauptallee stolzierte, konnte im Prater auch das arme Hausmadl eine Runde auf einem Holzpferd reiten. Dasselbe gilt für die Entwicklung des Automobils, das ja für einen Normalsterblichen damals unleistbar war. Im Prater konnte plötzlich auch der einfache Arbeiter eine Autorunde am Karussell fahren, eine Runde in eine andere Welt eintauchen."

Neben technischen Innovationen war der zweitstärkste "Veränderungsmotor" das fortwährende Auftreten von Feuern. Doch so oft Brände den Prater auch heimsuchten, bis die Donauregulierung 1875 beendet wurde, war Hochwasser eine viel größere Bedrohung.

1873 Weltausstellung#

Bis Anfang der 1870er Jahre waren die meisten Gasthäuser und Etablissements simple Holzhütten, doch mit dem Bau der 84 Meter hohen Rotunde als Zentrum der Weltausstellung 1873 trat eine Zäsur ein, die als "Ende des Urwurstelpraters" gilt. Die folgenden "Regulierungsarbeiten" sollten die wild gewachsenen Praterhütten begradigen, normieren oder überhaupt eliminieren. Hand in Hand mit der Demolierung wuchs dennoch die Anzahl der Praterhütten von 82 auf 187: Neuerrichtungen, die dem internationalen Flair standhalten sollten. Wien wollte sich bestmöglich produzieren, war die Weltausstellung 1873 doch bis heute die einzige der Stadt. Der Unmut über die "schiere Verschönerungswut" war dennoch groß. Das "Illustrierte Wiener Extrablatt" vom 19. Mai 1875 schreibt: "Der einstige Wurstelprater wurde zu Ehren des Weltausstellungsjahres von den Herren Prater-Regulierern so nobel zugerichtet und so vornehm ausgestattet, daß sich das ‚Volk‘ teils aus Scheu vor diesem ‚nobilitätischen‘ Wesen, teils aus Schonung seiner Hühneraugen langmächtig nicht getraute, diesen Volksprater, diesen ‚allen Menschen gewidmeten Schotterhaufen‘ zu besuchen. Der ganze neue Volksprater, den wir erst kriegt habn (den sich aber niemand verlangt hat), ‚roch nach Steinpappe, Distinktion, Firniß, Noblesse und Teer‘."

Mit der Aufwertung stieg auch der Platzzins rapide, was besonders in Verbindung mit dem Börsenkrach von 1873 auf die Praterleute furchtbare Auswirkungen hatte. Kaldy-Karo fügt hinzu: "Die Weltausstellung hatte weder finanziell noch besuchermäßig den gewünschten Erfolg gebracht, und dann kam noch der Ausbruch der Cholera in Wien dazu."

Er klopft auf den Tisch im Archiv des Circus- und Clownmuseums und sagt: "Hier, am Ilgplatz, befanden sich übrigens bis zur Weltausstellung die Abschussrampen für Feuerwerke der Familie Stuwer. Dann war hier der Stellplatz für die Kutschen der Oberschicht." Cholera hin, finanzielles Desaster und Wiener Grant her: Wie immer ging die Show im Prater weiter, und 1895 wurde unter Gabor Steiner der womöglich erste Themenpark der Welt gebaut, "Venedig in Wien": ein spektakulärer Nachbau der Lagunenstadt, mit Kanälen, Gondolieri und italienischen Sängern. In der Mitte von "Venedig" wurde 1897 das Riesenrad errichtet.

Im Ersten Weltkrieg quartierte so gut wie jedes größere Gasthaus im Prater Soldaten ein. Tausende Verwundete wurden frei Haus bewirtet und durften die Attraktionen gratis besuchen. Auch im Zweiten Weltkrieg drehten sich die Ringelspiele weiter und schenkten die Praterhütten Bier aus, so gut es ging. Die Nazis nutzten Unterhaltung als Ablenkungsmittel vom alltäglichen Gräuel, so auch die "Heile Welt"-Filme, die nicht nur während des Krieges, sondern auch nach 1945 ihre Zwecke erfüllten. Anfang April 1945 wollte die 6. deutsche Panzer-Division den Prater zum Verteidigungsbereich gegen die Russen aufbauen, doch am 8. April brachen großflächige Feuer aus, die einen tiefen Einschnitt in der Geschichte des Praters bedeuteten. Die Brandursache bleibt Spekulation, doch hatten vermutlich auch Nazis aktiv Feuer gelegt, um zu verhindern, dass sich feindliche Truppen in den Gebäuden verschanzen. Am 10. April besetzten schließlich sowjetische Truppen das Pratergelände. Das Resultat der Kampfhandlungen im Vergnügungspark: 353 Bombentrichter, 982 Schützenlöcher, neun Schützengräben mit einer Gesamtlänge von 340 Metern, 24 Splittergräben, Autowracks, zerschossene Panzer sowie Unmengen von Trümmern - und Toten. Was nun folgte, war "die praterlose, die schreckliche Zeit" - aber auch die war nicht von ewiger Dauer.

Die Bevölkerung hatte in all dem Elend einen großen Drang nach Abwechslung und Zerstreuung, und so konnte bereits am 6. November 1945 die Praterbetriebsgesellschaft m.b.H gegründet werden, um am Wiederaufbau des Praters zu arbeiten. Dieser wurde 1953 für vollendet erklärt, woraufhin sich die Gesellschaft am 31. Dezember desselben Jahres wieder auflöste.

Die Zeitschrift "Wiener Leben" hatte schon im April 1923 verkündet: "Vom Prater, wie er war, ließe sich noch viel erzählen, aber ich kann durch meine kleine Erinnerungsepistel, sein langsames Sterben leider nicht aufhalten." Doch auch wenn sich der Prater immer wieder neu erfinden musste, gilt: Im Prater blüh’n noch immer die Bäume.

Die Serie "Unbekannte Pratergschicht’n" von Clemens Marschall erscheint zum runden Prater-Jubiläum wöchentlich in der "Wiener Zeitung" und beleuchtet eher obskure Nebenstränge der Geschichte des Praters. Im Frühjahr erscheint zudem Kaldy-Karos Archivbildband "250 Jahre Prater" im Sutton Verlag. Wer darüber hinaus in die Materie eintauchen möchte, dem sei ein Besuch der Sonderausstellung "250 Jahre Wiener Prater" im Circus- und Clownmuseum Wien (Ilgpl. 7, 1020 Wien) empfohlen, die ab März zu sehen ist.

Wiener Zeitung, Dienstag, 19. Jänner 2016

Wiener Prater G'schichten!#