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Eine Götterstraße#

Die Ringstraße feiert dieses Jahr ihr 150-Jahr-Jubiläum. Aufmerksamen Flaneuren bietet sie eine breite Palette an Götter-Statuen. Häufig vertreten ist Pallas Athene - ein Rundgang.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 14. April 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Manfried Welan


Wiener Ringstraße
Nicht nur vor dem Parlament findet man an der Ringstraße Statuen der Pallas Athene.
© apa/Herbert Neubauer

Wien. Auf der Wiener Ringstraße begegnet man immer wieder Götterfiguren aus der Antike. Ich habe aufgehört, sie zu zählen. Es scheint, als hätten die alten Griechen die Prachtstraße geprägt. Ein Spaziergang von der Universität bis zum Museum für angewandte Kunst ist ein Beweis. Pallas Athene oder römisch Minerva ist sogar mehrfach vertreten. Sie ist die Göttin der Weisheit. Daher ist es verständlich, dass auf dem Giebel der Universität Wien die Geburt der Göttin dargestellt ist. Stellt man sich gegenüber der Universität auf und schaut auf sie, so denkt man aber kaum an die Geburt. Die ist schon vorbei - man sieht Athene voll gerüstet neben dem Göttervater Zeus stehen. Immerhin ist hier kein Übervater Franz Josef zu sehen wie auf dem Parlament. Wo er am Giebel seinen Völkern Anteil an der Gesetzgebung und an der Vollziehung gibt. Pallas Athene finden wir als übergroßes Standbild vor dem Haus der Volksvertretung.

Das Parlament als Gebäude verkörpert wie ein großer Tempel das Altertum. Dieser Tempelpalast war etwas Neues. Auch im Sinne des Stiles, der die Ringstraße und ihre Umgebung von der Oper bis zur Börse zwischen Thron, verkörpert in der Hofburg, und Altar, verkörpert in der Votivkirche, beherrscht. Theophil Hansen sagte: "Die Hellenen waren das erste Volk, welche die Freiheit und die Gesetzmäßigkeit über alles liebte." Er war überzeugt davon, dass Liebe zur Freiheit - im richtigen Einklang mit dem Willen zum Gesetz - die Menschheit einem neuen Zeitalter entgegenführen werde. "Denn so wie die Griechen die größte Entfaltung und Vollendung der Kunst in ihren Tempeln verwirklicht haben, die Römer im Forum, die spätere christliche Zeit in den Kirchen, so ist in unserer Zeit ein neues Monument hinzugekommen, wo sich die Aufmerksamkeit der Völker konzentriert, das ist das Parlament."

Austria statt Athene ursprünglich geplant#

Ursprünglich hatte Hansen die Gestalt der Austria vor dem Parlament geplant. Aber die erst Jahrzehnte später vor dem Hauptportikus des Parlaments geschaffene Freiplastik, die mächtige Statue der von Carl Kundmann geschaffenen Pallas Athene auf einem Säulenstumpf, die eine Nike-Statuette hält, ist doch etwas Besonderes. Zu Füßen seitlich sitzen Allegorien der Legislative und der Exekutive auf ausschwingendem Postament, die vier Hauptflüsse Donau und Inn, Moldau und Elbe. Auch im Inneren des Parlaments im Mitteltrakt findet sich auf der rechten Prunktreppe Pallas Athene. Der Kulturwissenschafter Carl Schorske kommentiert das übergroße Standbild vor dem Parlament folgendermaßen: "Die österreichischen Parlamentarier tendierten nicht zu einer Gestalt, die so revolutionär belastet war wie eine Freiheitsstatue. Athene als Beschützerin der Stadt und Göttin der Weisheit war ein ungefährliches Symbol. Sie war die geeignete Göttin, um die liberale Einheit von Politik und rationaler Kultur zu verkörpern, eine Einheit, die in dem oft wiederholten Spruch der Aufklärung ,Wissen macht frei‘ ihren Ausdruck fand."

Athene grüßt Sonnengott auf den Museen#

Geht man auf der Ringstraße weiter, kommt man zu den beiden Museen und begegnet mehrfach der Antike, sogar an der Spitze. So ist das Naturhistorische Museum durch den Sonnengott gekrönt, das Kunsthistorische durch Pallas Athene. Sie ist auch im Inneren mehrfach zu bewundern, insbesondere als "Minerva, welche die Unwissenheit besiegt" auf einem ganz besonderen Werk Bartholomäus Sprangers, der ein Hofmaler Kaiser Rudolfs II. war.

Etwas weiter im Umkreis findet sich Pallas Athene auch am Dachfirst der Albertina und in ihrem Inneren, wo sich eine Minervahalle befindet. Mit ihr beginnt der Zugang zu den Repräsentationsräumen. Hier ist eine Nische mit Statue einer stehenden Minerva, die Göttin ist mit einer Sphinx am Helm geschmückt. Außerhalb des Rings können wir die Göttin in der Stiftskaserne in der sala terrena bewundern. Im Übrigen finden wir die Göttin auf Fassaden und in Palais der Inneren Stadt. So im Liechtenstein-Stadtpalais in der Bankgasse und im Prunksaal der Nationalbibliothek im Gewölk der Himmelszone.

Doch gehen wir auf der Ringstraße weiter zum Museum für angewandte Kunst, kommen wir zum Minervabrunnen. Im Giebel befindet sich das Reichswappen, das Mosaik der Göttin in der Nische wurde für die Kunsthalle der Wiener Weltausstellung 1883 entworfen. Dieses große Bild der Göttin ist also älter als das übergroße Standbild vor dem Parlament. Mit den Bauarbeiten dazu wurde erst 1898 begonnen, 15 Jahre, nachdem das Parlamentsgebäude fertiggestellt worden war. Die Göttin auf dem Goldmosaik hält in der linken Hand einen Stab, in der rechten eine Kugel mit einer kleinen Siegesgöttin Nike. Neben ihrem rechten Fuß steht eine Eule. Der Minervabrunnen befindet sich in einer mit Terrakotta-Schmuck versehenen Nische, in der in Sichtziegelbauweise errichteten Verbindungsmauer zwischen der Universität für angewandte Kunst und dem Museum für angewandte Kunst.

Manfried Welan Jahrgang 1937, ist Politik- und Rechtswissenschafter und Schriftsteller. Er war Rektor der Universität für Bodenkultur und Mitglied der Wiener Landesregierung.

Wiener Zeitung, Dienstag, 14. April 2015