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Wild West im Prater#

Der Prater feiert 2016 seinen 250. Geburtstag: "Unbekannte Praterg’schicht’n" Teil XI.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 31. März 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Clemens Marschall


Buffalo Bill´s Wild West Plakat
Buffalo Bill´s Wild West Plakat
© Kadotheum

Wien. "Jedes Truppenmitglied hat jeden Tag ein Kilo Fleisch verputzt, was einen täglichen Bedarf von 800 Kilogramm bedeutet. Die Wiener waren beeindruckt", schmunzelt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, wenn er über das Gastieren von Buffalo Bill’s Wild West Show im Prater erzählt. Die Wild-West-Mythen wurden in Europa nicht nur durch Karl May geformt, eine wesentliche Kraft daran war auch Buffalo Bill, mit bürgerlichem Namen William Frederick Cody.

Der 1846 in Iowa geborene Showman hatte - angeblich, denn er war ein höchst geschickter Selbstvermarkter - schon mit 14 Jahren Erfahrungen als Goldgräber, Viehtreiber, Fallensteller und Reiter gesammelt. Im Sezessionskrieg (1861-1865) kämpfte er in der 5. Kavallerie der US-Armee gegen die Prärieindianer. Beim Kampf mit dem Stamm der Cheyenne verlor Cody einen Teil seines Skalps, doch auch er skalpierte Native Americans. 1867 verdiente Cody seinen Lebensunterhalt mit der Bisonjagd. Täglich erlegte er etwa ein Dutzend, um Arbeiter mit Fleisch zu versorgen. Von ihnen erhielt er den Spitznamen "Buffalo Bill". 1869 begann der Schriftsteller Ned Buntline, Geschichten über ihn zu erfinden und als Groschenromane zu verkaufen. Buffalo Bill wurde zu einem fiktionalen Helden.

Buntline schrieb sogar ein eigenes Theaterstück für Buffalo Bill, in dem dieser sich selbst bzw. jene ihm zugeschriebene Figur spielen sollte. Im Winter arbeitete Cody als Darsteller, im Sommer als Fährtenleser. Später trennte er sich von Buntline und gründete 1883 seine eigene Wild West Show, deren erste Aufführung am 19. Mai desselben Jahres in Omaha, Nebraska stattfand: von Anfang an zwar verkitschte Darstellungen, aber wohl doch mit echten Cowboys, die echte Bisons jagten und ihre Schieß- und Rodeo-Künste demonstrierten. Auch echte Native Americans konnte er für seine Shows gewinnen, u.a. sogar den Häuptling Sitting Bull. Trotz seiner Teilnahme am Amerikanischen Bürgerkrieg und seinem aktiven Kämpfen gegen Native Americans sollte er später einer ihrer Unterstützer - und Arbeitgeber - werden.

Vom Feind zum Freund#

1887 reiste Buffalo Bill mit seiner kompletten Show nach Europa und trat unter anderem beim 50-jährigen Thronjubiläum der britischen Königin Victoria auf. Jahrelang tourte das enorme Ensemble mit eigenen Waggons, hunderten Cowboys, Indianern, Pferden und Bisons durch die europäischen Metropolen. Die Europäer waren fasziniert von den exotischen Kostümen und dem Kriegsgeheul, von den aufwendig inszenierten Reitkunstshows und den professionell choreografierten Kampfszenen.

Buffalo Bill - von den Wienern liebevoll "Büffel Willy" genannt - zeigte ebenso seine eigenen Reit- und Schießkünste. 1890 gastierte er zum ersten Mal in Wien, und in den Medien hieß es: "Das Wiener Gastspiel von Buffalo Bill erwies sich im Mai 1890 als schwere Konkurrenz für das Ronacher. Ein solches Massenaufgebot an Mitwirkenden kann das Etablissement auf der Seilerstätte nicht stellen. Indianer, Cowboys, Hinterwäldler, mexikanische Vaqueros, Lassowerfer, ‚Postillen-Virtuosen‘ und dazu Reiter, Reiterinnen - das war eine Schau, die die Wiener in Massen anzog. Ronacher bekam es in den Kassenrapporten zu spüren..."

Buffalo Bill war ein geschickter Werbe- und Showman, der schon zu Lebzeiten zur Legende wurde. Das gesamte Spektakel war auf seinem Namen aufgebaut und er stilisierte sich zu einer Ikone, die man bis heute kennt. Für seine Shows ließ er eigene Plakate drucken, und sein Manager John M. Burke reiste bereits Tage vor dem Rest der Truppe an den nächsten Aufführungsort, um die Werbetrommel zu rühren. "Für seine Europatournee hat Cody bereits in den USA ein riesiges Plakat drucken lassen, auf dem man in kleinen Vignetten die großen Städte seiner Tour sieht. Bei ‚Vienna‘ hat man allerdings ein kleines Bild des Hradschin und der Wenzelbrücke genommen. Also Geografie war demnach nicht seine Stärke", erzählt Kaldy-Karo.

Andere Plakate ließ er dann erst in Wien drucken, fährt Kaldy-Karo fort: "Einige der großen Plakate für Cody wurden bei der damals bekannten Wiener Druckerei J. Weiner gedruckt, die in der Kaiserstraße im 7. Bezirk zu Hause war und die für viele große Wiener Veranstaltungen, etwa im Ronacher oder dem Zirkus Busch, die Werbung gestaltet hat. Hier im Museum befinden sich nun einige der extrem seltenen Weiner-Plakate."

Im Prater wurde extra für Buffalo Bill’s Wild West Show eine hufeisenförmige Arena mit 38.000 m² erbaut, die für etwa 6000 Zuschauer Platz bot. Cowboys und Indianer schliefen in Zeltlagern neben der Anlage, die Ställe für die Tiere waren in unmittelbarer Nähe. Auch Buffalo Bill wohnte in dieser Zeltanlage, in der es außerdem ein eigenes Küchen- und ein Speisezelt gab. Alkohol war strengstens verboten, zumindest theoretisch - ebenso wie Kontakte, die übers Geschäftliche hinausgingen.

"Die Polizei passte sehr genau auf, dass es zu keinen Kontakten der Wienerinnen mit den strammen US-Boys kam", so Kaldy-Karo, "und das war auch in Codys Sinn, der wollte Fraternisierungen vermeiden. Hauptsächlich, weil er Sorgen hatte, dass ihm wichtige Truppenmitglieder aus Liebe abhanden kommen könnten." Für die Wiener sorgte nicht nur die Show, sondern auch das Ausmaß und der Aufwand davor und danach für Gesprächsstoff. Nur wenige - meist hohe Tiere oder Reporter - bekamen die Erlaubnis, die Zeltdörfer zu besuchen und sich die Szene Backstage anzusehen.

Gala und Rückkehr nach Wien#

Am 8. Mai 1890 gab Buffalo Bill eine Galavorstellung für die Obrigkeit, unter den Gästen: Fürst Metternich mit Gattin Pauline, Fürstin Schwarzenberg, ein amerikanischer Gesandter, verschiedene Botschafter, Parlamentsmitglieder und der damalige Bürgermeister von Wien, Johann Nepomuk Prix. Franz Ferdinand ließ sich separat vom Manager Burk durch das Lager führen. Die Eintrittspreise für reguläre Shows waren gestaffelt, die Logen für den Adel sowie das höhere Bürgertum strikt von den Sitzplätzen für gewöhnliche Bürger und den billigeren Stehplätzen getrennt. Von Buffalo Bill wurde stets darauf hingewiesen, dass seine Show kein Zirkus wäre, sondern vielmehr eine authentische Vorstellung der Sitten und Gebräuche aus dem fernen Westen Nordamerikas. Wie in vielen Schaustellungen wurde versucht, den "pädagogischen Zweck" zu betonen.

Buffalo Bill Plakat
Buffalo Bill Plakat
© Kadotheum

1906 kam Buffalo Bill’s Wild West Show zum zweiten und letzten Mal nach Wien, doch Eagle Horn und Brave Bear - zwei an der Show teilnehmende Native Americans - mussten mit einem Dolmetscher wegen Magenbeschwerden ins Allgemeine Krankenhaus gebracht werden. Für sie war der Arztbesuch sehr ungewöhnlich, und sie wollten sich vor dem Doktor nicht ausziehen. Nach langem Hin und Her konnte doch eine Untersuchung durchgeführt und Gastritis diagnostiziert werden. Die beiden wurden auf einem Krankenzimmer stationiert, natürlich zum großen Erstaunen der anderen Patienten. Diese Episode wurde zu einer in den Wiener Medien breitgetretenen Krankheitsgeschichte - wie alles, was in Zusammenhang mit Buffalo Bill stand.

Aber nicht nur Wien, ganz Europa war aus dem Häuschen und konnte kaum darauf warten, dass seine Show Station in ihrer Nähe machen würde. Am 19. Mai 1906 erschien eine Werbeanzeige in der "Kronen Zeitung": "Nur 3 Wochen in Wien! Zum letzten Male! Sie werden nie mehr kommen! Wer sie jetzt nicht sieht, wird sie nie sehen! Drei Spezialzüge, 800 Männer, 500 Pferde."

Alle Zuschauersitze waren "mit wasserdichtem Tuch überdeckt", und die Vorstellungen fanden bei jeder Witterung statt, was damals alleine schon eine Sensation war. "Brillante Beleuchtung durch spezielle elektrische Beleuchtungssysteme" war ein zweites Gustostückerl. Die Show war, im Gegensatz zur ersten in Wien, noch weiter ausgebaut. Das "Illustrierte Wiener Extrablatt" vom 27. Mai 1906 schreibt: "Einen besseren Scharfschützen als Johnny Baker dürfte es kaum geben. Der berühmte Amerikaner schießt, auf dem Kopf stehend, in die Luft geworfene Eier herunter."

Kaldy-Karo fügt hinzu: "Interessant ist, dass Bufallo Bills Schützen nur mit Colt-Waffen auftreten und schießen durften. Cody hatte einen Werbevertrag mit dem Waffenhersteller Colt Defense. Die berühmten Scharfschützen waren aber eigentlich Winchester-Waffen gewohnt und mussten sich erst umstellen, sprich viele Proben absolvieren." Als "größtes militärisches Karussell, welches die Welt je gesehen" werden japanische Samurai "mit ihren antiken und modernen Kriegsmanövern", "echte Rothäute, Häuptlinge, Krieger, Weiber und Kinder" sowie "Manöver regulärer Artillerie genau wie solche auf dem Schlachtfelde" angekündigt.

Auch Araber waren Teil der Show, die in vollem Laufe auf ihren Rössern eine Pyramide aus neun Mann bildeten. Des Weiteren wurden Kosaken, Mexikaner und Gauchos aus Argentinien in die Spektakel eingebaut. Das "Illustrierte Wiener Extrablatt" berichtete: "In einem Extra-Pavillon stellt Buffalo Bill seine große Sammlung menschlicher Kuriositäten aus. Eine Schlangenbändigerin, einen Mann mit einer vollkommen blauen Körperhaut und noch weitere Sehenswürdigkeiten mannigfacher Art werden dem Publikum gezeigt."

Die ewigen Jagdgründe#

In 20 Spieltagen kamen mehr als 200.000 Zuschauer - ein enormer Erfolg. Buffalo Bill war die Sensation der Stadt, und auch Geschäftsleute in Wien sprangen auf diesen Zug auf. Bald war eine Werbeanzeige zu sehen, auf der es hieß: "Wollt Ihr, dass Ihr und Eure Kinder so tapfer, so unerschrocken, so kühn, so tüchtig und so gesund werden, wie Buffalo Bill? So ernährt schon das Baby mit Szekely’s Milch!" Kaldy-Karo fährt fort: "Alle Kinder haben in Wien in diesen Tagen Cowboy und Indianer gespielt. Die Firma Witte, die es damals bereits gegeben hat, verkaufte während des Gastspieles eine Unmenge an hölzernen Tomahawks und Indianerspeeren, die bunt bemalt waren." Auch heute hat Witte noch ein Geschäft an der Linken Wienzeile, und auch heute noch wird Cowboy und Indianer gespielt - doch anderes änderte sich für immer. Nach seinem erfolgreichen Gastspiel in Wien 1906 sollte es dauern, bis Buffalo Bill wieder zum Stadtgespräch wurde - beim nächsten Mal aber waren es traurige Nachrichten. Das "Neue Wiener Tagesblatt" vom 15. Jänner 1917 schreibt: "Ein Telegramm aus Amerika meldete den Tod des Obersten Cody, der auf seinem Wohnsitz in Cody-City gestorben ist." Er hatte sich nach 30 Jahren Bühnenkarriere um 1913 zurückgezogen: Sein Erfolg ließ nach, er schien ein wenig aus der Zeit gefallen und verbrauchte in den letzten Jahren den Großteil seines einstigen Reichtums auf. William Frederick Cody starb am 10. Jänner 1917 im Beisein seiner Familie und von Freunden an Nierenversagen. Kaldy-Karo wollte es genauer wissen: "Letztes Jahr habe ich das Grab von Cody besucht, das sich außerhalb von Denver befindet. Es ist auf einem Berggipfel gelegen, und zwar so, dass Cody direkt auf seine geliebten Blue Ridge Mountains sehen kann. Es gibt hier auch ein sehr sehenswertes Museum, das über das Leben von Cody berichtet." Im Nachruf der Native Americans aus dem Pine Ridge Reservat heißt es schließlich: "Ihr sollt wissen, dass das Volk der Sioux in Buffalo Bill einen guten und treuen Freund gefunden hatte. Unser Herz ist schwer von Trauer über seinen Verlust. Nur ein Trost bleibt uns; der Gedanke, dass wir uns eines Tages vor Wakatanka, vor unserem Schöpfer in den Ewigen Jagdgründen, wieder sehen."

Wiener Zeitung, Freitag, 4. März 2016

Wiener Prater G'schichten!#