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Adolf Loos (1870 - 1933)#


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus dem Buch: Große Österreicher. Thomas Chorherr (Hg). Verlag Carl Ueberreuter, Wien. 1985.


Viele Photos, auch Zeichnungen, zeigen ihn mit der Hand hinter dem linken Ohr, aufmerksam, wenngleich offenbar mühsam lauschend. In der Tat: Adolf Loos ist seit seiner Kindheit schwerhörig gewesen, im mittleren Alter wurde er vollständig taub - das Leiden hat ihn indes niemals, so wie etwa einen Beethoven, in die innere Emigration gezwungen. Im Gegenteil: Loos, einer der großen Erneuerer der Architektur im ersten Viertel dieses Jahrhunderts, einer der Großen der Baukunst überhaupt, ist stets extrovertiert gewesen, ein Gesellschaftsmensch, ein Ruheloser wohl, aber gesellig, einsam erst, als ihn ein Nervenleiden in den Rollstuhl zwang.

Adolf Loos: Gewiß, er war in einer Art ein Sonderling. Als Architekt schon zu Lebzeiten anerkannt, ja weltberühmt, ist er so etwas wie ein Gesamtkünstler gewesen, ein Polyhistor ganz eigener Art. Er galt als einer der bestgekleideten Männer Wiens, er hat einfache Eleganz nicht nur für die Bauten gepredigt, sondern auch für Anzüge, er hat dafür immer viel Geld ausgegeben, und wenn er es nicht hatte, was durchaus vorkommen konnte, baute er als Gegenleistung die Schneidereilokale um - und machte sie zu Kunstwerken. Er ist auch Schriftsteller gewesen, seine Artikelserie in der »Neuen Freien Presse« über die Kaiser-Jubiläums-Gewerbeausstellung in Wien war damals das Tagesgespräch in der Reichshaupt- und Residenzstadt.

Er war - vielleicht - gestört. Daß er in einen Sittlichkeitsprozeß verwickelt war, weil er kleine Mädchen nackt in seiner Wohnung zeichnete - erschwerend: sie hatten vorher jeweils ein Bad nehmen müssen -, ist ihm von den Wienern angekreidet worden; als er wegen Verführung zur Unzucht Minderjähriger zu einer bedingten Kerkerstrafe verurteilt wurde, schrieb Alfred Polgar, die Stadt habe »ein sonderbares Geräusch« durchlaufen: »Es war das Geräusch des Wassers, das den Wienern im Mund zusammenlief.«

»Der Fall Loos« - es ist ein ganz eigener Fall. Nur 63 Jahre ist Adolf Loos alt geworden, und doch ist er ein Bahnbrecher gewesen. Mit Josef Hoff¬mann - einem Schulfreund - war er der große Verkünder der einfachen Form, er hat jede Ornamentik gehaßt, im Grunde hätte er den »Emmentalerstil« der Wiener Gemeindebauten nach 1945 loben müssen. Mit Karl Kraus - der ihm die Grabrede hielt - und Peter Altenberg, mit Schönberg, Webern, Kokoschka war er einer von jenen, die aus der Ballung der Genialität im Wien der Jahrhundertwende hervorgegangen ist und Bleibendes geschaffen hat. Er war - nicht nur, was sein Gehörleiden betraf - erblich belastet. Vater Adolf Loos war Steinmetz und Bildhauer in Brunn, der Sohn wanderte mit schlechten »Sittennoten« von Gymnasium zu Gymnasium, besuchte schließlich die Staatsgewerbeschule, studierte kurz in Wien an der Akademie, dann in Dresden an der Technischen Hochschule - und ging dann, mit einem Schiffsbillett und 50 Dollar in der Tasche, nach Amerika, wo ein Bruder seines Vaters lebte. Vier Jahre verbrachte Adolf Loos in den USA, die Zeit dort hat nicht nur seinen Horizont geweitet, sondern seinen Stil geprägt. Zwar war er zuerst Hilfsarbeiter, Tellerwäscher, Musikkritiker und erst im letzten Jahr »Möbelzeichner« und Architekt, aber die glatten Schachtelformen der Wolkenkratzer haben ihn sein ganzes weiteres Leben lang nicht mehr losgelassen. Als er einen einfachen Koffer in der Auslage eines Ledergeschäfts sah, sagte er: »Das Einfache ist schön.« Dabei ist er geblieben, auch wenn über das, was er unter »schön« verstand, heftig gestritten worden ist. Typisch für Adolf Loos: bevor er aus Amerika nach Wien zurückkehrte, kleidete er sich in London neu ein - modern, elegant, kostspielig. In Wien war Loos anfangs Mitarbeiter des Baumeisters und Professors Carl Mayreder. Er war in eine Stadt zurückgekommen, in der die Architektur noch völlig unter dem Einfluß von Otto Wagner stand, in der sich aber auch schon die modernen Strömungen bemerkbar machten, die dann zur Gründung der »Secession« führen sollten. Josef Hoffmann, einer ihrer Hauptexponenten, schätzte wie Adolf Loos den glatten, kubischen Baukörper - er hatte ihn in Süditalien kennengelernt-, doch vertrat Hoffmann die Auffassung, Architektur, Dekoration und Kunstgewerbe sollten eine Einheit bilden - ein Ideal, das er dann in der »Wiener Werkstätte« verwirklichte. Loos war ganz anderer Meinung: »Ornament und Verbrechen« war der Titel eines seiner berühmtesten Vorträge.

Im Interieur des »Cafe Museum«, das er als ersten Auftrag zu gestalten hatte, verwirklichte Adolf Loos diesen Gedanken vom glatten, ornamentlosen Stil. In den nächsten zehn Jahren war er dann hauptsächlich mit Innendekoration und der Gestaltung von Geschäftsportalen betraut, bis er 1910 sein insgesamt größtes Projekt realisierte, den Bau des Geschäfts- und Wohnhauses am Michaelerplatz. Der Sturm in der Öffentlichkeit über diese Architektur - erst eine aufwendige Geschäftsfassade, darüber eine glatte, nur von Fenstern durchbrochene Mauer - war so groß, daß sich Loos ein Magenleiden zuzog und sich später sogar einer Operation unterziehen mußte. Er könne, soll der alte Kaiser Franz Joseph gesagt haben, jetzt nicht einmal mehr aus den Fenstern der Hofburg blicken, ohne sich ärgern zu müssen. Und »Haus mit Augenbrauen« nannten die Wiener den Loos-Bau.

Adolf Loos blieb dennoch anerkannt, mehr noch: weil er, unterstützt von seinen künstlerischen Freunden, als Wortführer »Richtlinien für ein Kunstamt« veröffentlicht hatte, wurde er 1920 Chefarchitekt des Siedlungsamts der Stadt Wien, entwarf Mustersiedlungen - am Heuberg in Wien wurde eine gebaut - und war somit einer der architektonischen Schöpfer der Wiener Variante des sozialen Wohnbaus, die in der Zwischenkriegszeit weltberühmt geworden ist.

Immer ist sein Stil unverkennbar gewesen, ob es die »Loos-Bar« war oder eine der zahlreichen Villen, die er gestaltete, ob es seine eigene Wohnung gewesen ist - die sich heute im Historischen Museum der Stadt Wien befindet - oder die glattklassische Form seiner Geschäftsportale. Das Kalte, Monumentale, Einfache, Ornamentlose hat Adolf Loos geliebt. Marmor war sein Werkstoff. Funktionalität war Trumpf.

Lange Zeit hat Adolf Loos in Paris gelebt, auch in der Tschechoslowakei arbeitete er - als gebürtigem Brünner wurde ihm dort eine Lebensrente zugestanden -, und selbst in Palästina baute er. Sein Privatleben war hektisch; viermal ist er verheiratet gewesen, allein ist er schließlich gestorben, in einem Sanatorium in Kalksburg. Heute steht das, was von seinen Werken übriggeblieben ist, von Krieg und Willkür verschont wurde, unter Denkmalschutz. Loos-Bauten sind Pilgerstätten geworden, und sein Name wird überall dort genannt, wo von der Architektur des frühen 20. Jahrhunderts die Rede ist. Adolf Loos - in der Tat, er ist viel, viel mehr gewesen als nur ein »Fall« ...