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Andrea Breth#

"Keiner kapiert mehr, was vor sich geht"#


Von der Wiener Zeitung (27. Juli 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Petra Rathmanner


  • Die Regisseurin Andrea Breth spricht über ihre Neuinszenierung von Kleists "Prinz von Homburg", die Bedrohungen der Finanzkrise und die Chancen der Kunst - und warum das Schöne neuerdings das eigentlich Skandalöse darstellt.


"Wiener Zeitung": Sie haben für die heurigen Salzburger Festspiele Kleist "Prinz Friedrich von Homburg" inszeniert. Was reizt Sie an dem Soldatendrama?

Andrea Breth
"Wenn ich etwas mache, kann ich nicht übers Publikum nachdenken. Ich vertraue auf das Stück." Andrea Breth bei der Regie-Arbeit.
© Wiener Zeitung / Bernd Uhlig

Andrea Breth: Im Stück ist ein Vater-Sohn-Konflikt angelegt, dieser Machtkampf zwischen den Generationen interessiert mich ungemein: Der junge Prinz hält sich für auserkoren und wird größenwahnsinnig, während der Kurfürst, der ältere und dominante Gegenspieler, sich als politischer Stratege erweist und mit dem Prinzen wie mit einer Marionette spielt. Beide werden im Lauf der Handlung unberechenbar, dadurch gerät alles in eine Art von Verrückung, gehorcht nicht mehr der Vernunft. An der harschen Entscheidung, den Prinzen wegen Befehlsverweigerung zum Tod zu verurteilen, hält der Kurfürst bis zur letzten Sekunde fest. Vordergründig wird so getan, als sei alles politisch motiviert, dabei handelt es sich vielmehr um eine private Fehde zwischen Alt und Jung. Nichts Neues also, jedoch hochinteressant.

Ingeborg Bachmann verfasste 1960 ein Libretto für Hans Werner Henzes nach dem Kleist-Stück überschriebene Oper. Dabei war die Dichterin besonders von der "Klarheit und Helligkeit" des Originals angetan, die im "ständigen Lichteinfall der Sprache" begründet liege. Als Regisseurin genießen Sie den Ruf, besonders analytisch an Texte heranzugehen. Teilen Sie Bachmanns Urteil?

Obwohl ich von Bachmanns Kleist-Bearbeitung angetan bin, sehe ich das vollkommen anders. Ich finde, es ist ein dunkles Stück, es spielt auch fast immer im Dunkeln, bestenfalls im Morgengrauen. Was Bachmann vielleicht meint, ist die Brillanz der Sprache und des Denkens. Die Sprache ist bei Kleist in der Tat ungemein modern, sie ist vollkommen direkt, enthält aber zugleich Windungen und bewusste Unerklärlichkeiten. Ein Zugang, der sich vom Schreiben von Goethe und Schiller radikal unterscheidet.

Prinz Friedrich von Homburg erschien Bachmann als der "erste moderne Protagonist", gewissermaßen als "schicksalslos", auf sich allein gestellt in einer "'zerbrechlichen' Welt".

Die Welt bei Kleist ist stets zerbrechlich. Der Prinz ist jedoch keinesfalls ohne Schicksal. Das stört mich generell an vielen Interpretationen, dass er als Opfer gesehen wird, wo er doch genauso Täter ist. Er erhält genügend Hinweise, wie er sich verhalten solle, was er besser bleiben ließe. Er hört aber nicht darauf, was Teil seiner Hybris ist.

Sind Ihnen die Figuren des Stücks eigentlich sympathisch?

Sie interessieren mich, sonst könnte ich das Drama nicht inszenieren. Zugleich ist es nicht meine Aufgabe, Bühnenfiguren zu verurteilen. Ich identifiziere mich nie mit ihnen.

Wie verfahren Sie mit dem letzten Akt, bei dem die Tragödie durch ein eigentümliches Happy-End in eine Art Komödie verkehrt wird?

Das verrate ich noch nicht.

Bekanntermaßen sprechen Sie auch nicht gern über Privates. Dennoch machten Sie 2008 in mehreren Interviews Ihr Leiden an der Depression öffentlich.

Ich bin heute gesund, weil ich einen sehr guten Arzt habe. Ansonsten: Tempi passati.

Als Regisseurin haben Sie bereits mehrere Kleist-Stücke inszeniert, darunter zwei Mal den "Zerbrochenen Krug". Um das Drama "Penthesilea" haben Sie bisher einen Bogen gemacht.

Mich interessiert Kleists Sprache, seine Art zu denken. "Penthesilea" ist wahnsinnig schwer auf die Bühne zu bringen. Aus meiner Sicht bleibt die Darstellung auf der Bühne hinter der Sache zurück - ich würde mir daran nicht die Finger verbrennen wollen. "Amphitryon" könnte ich ebenfalls nicht machen. Ich gehe davon aus, dass dieser "Homburg" meine letzte Kleist-Arbeit sein wird.

Die Stücke, die Sie inszenieren, wählen Sie genau und bewusst aus. Lässt sich dieser Entscheidungsprozess generalisieren?

Nein. Das vielleicht absurdeste Beispiel in diesem Zusammenhang hängt mit Schnitzlers "Der einsame Weg" zusammen. In dem Stück findet sich der Satz: "Und über allem lag ein Schleier." Diese kurze Sentenz war letztlich ausschlaggebend dafür, dass ich das Stück unbedingt machen wollte. Manchmal interessiert mich eine bestimmt Epoche, die in einem Text verhandelt wird, dann wieder ein bestimmter Autor, etwa Isaak Babel, dessen Namen bedauerlicherweise nahezu dem Vergessen anheim gefallen ist. Grundsätzlich bin ich davon abhängig, mich intellektuell zu beschäftigen. Ich langweile mich in Grund und Boden, wenn ich nichts zu erforschen habe. Bei der Arbeit an einem wellmade-play wie "Motortown" habe ich mich deshalb auch unendlich fadisiert. Wenn ich ins Theater gehe, will ich auch etwas sehen, worüber es sich nachzudenken lohnt. Nach einer Vorstellung sollte die Wahl des Esslokals nicht unbedingt der erste Gesprächsstoff sein.

Ist die von Krisen gekennzeichnete Gegenwart gut für die Kunst?

Noch nicht. Es wird zwar überall und dauernd von einer Finanzkrise gesprochen, aber man spürt sie - zumindest hierzulande - noch nicht wirklich. Wir sind von den Medien derart überinformiert, dass einem fast alles nur noch wie ein Spielfilm vorkommt.

Die Geldsummen, von denen in zahllosen Berichten die Rede, haben zudem Dimensionen erreicht, die fern jeder Vorstellungskraft liegen.

Andrea Breth, Neuinszenierung Kleist
Peter Simonischek (Mitte) als Kurfürst Friedrich Wilhelm und August Diehl (rechts) als Prinz von Homburg in Andrea Breths Salzburger Neuinszenierung von Heinrich von Kleists Drama.
© Wiener Zeitung / EPA

Das ist das Bedrohliche an der Sache, dass keiner mehr kapiert, was eigentlich vor sich geht. Wenn man ununterbrochen die grauenhaftesten Dinge zur Kenntnis nehmen muss, hat dies irgendwann Indifferenz zur Folge. Grässlich, aber unvermeidlich.

Was vermag das Theater in der Situation da noch auszurichten?

Tagespolitik auf der Bühne interessiert mich überhaupt nicht, auch mit scheinbarer Aktualität kann ich nichts anfangen: Der Prinz von Homburg muss bei mir keine Jogginghose tragen. Ich will Elisabeth die Große auch nicht als Chefsekretärin sehen. Was erzählt das schon? Dadurch wird eine Aufführung um keinen Deut aktueller, das ist völliger Unsinn. Auch der eigenartige Zynismus, der derzeit auf den Bühnen grassiert, bereit mir Probleme.

Worum geht es Ihnen?

Um Prinzipielles, um Probleme, die den Menschen seit jeher beschäftigen, um Fragen, die unabhängig sind vom Gestern, Heute, Morgen. Diese Themen gilt es auf einer ästhetischen Höhe zu verhandeln, die sich nur in der Literatur, Malerei oder auf der Bühne erzielen lässt. Das Schöne ist heute der eigentliche Skandal. Insofern befinde ich mich längst auf verlorenem Posten. Nur: Ich kann mich nicht damit beschäftigen, wenn ringsum merkwürdige - vielmehr: nicht des Merkens würdige - Dinge passieren.

Fühlen Sie sich abseits der Moden wohl?

An Moden habe ich mich nie orientiert, ich habe stets versucht, etwas möglichst genau zu erzählen. Was kann man aber heute voraussetzen? Was lernen Schüler in der Schule? Es findet eine frühe Spezialisierung statt, bei der die Allgemeinbildung ins Hintertreffen gerät, was auch dazu führt, dass sich eine unerträgliche Unbildung breit machen kann.

Haben Sie eine Art inneren Gradmesser, der Ihnen, unabhängig vom veröffentlichen Kritikerurteil sagt, ob eine Arbeit gelungen ist?

Eigentlich nicht. Beim Charms-Abend "Zwischenfälle" waren wir sogar ziemlich erstaunt, dass dieser so ein Knaller wurde. Wenn ich etwas mache, kann ich nicht übers Publikum nachdenken. Ich vertraue auf das Stück.

Der Prozess der Probe ist für jemanden, der mit Theater wenig zu tun hat, schwer nachvollziehbar. Was ist für Sie das Besondere daran?

Es ist schön, guten Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen, zu erleben, wie sich das Spiel durch bestimmte Fragestellungen und Wendungen verändert. Ein Schauspieler setzt eine Figur Schicht für Schicht wie einen Baumkuchen zusammen - er holt sich ein Gefühl von da, einen Gedanken von dort. Man glaubt immer, es sei leicht, Schauspieler zum Spielen zu bringen. Das ist es aber nicht.

Andrea Breth
Andrea Breth
© Wiener Zeitung / APA

Schauspieler haben häufig Angst, und in diesem Beruf ist man auch ständig absturzgefährdet: Man schöpft seine Möglichkeiten nicht aus, bekommt schlechte Presse, womöglich bleibt das Publikum aus. Dann gibt es als Messlatte immer noch das Stück. Die Anforderungen und der öffentliche Druck sind enorm, in Salzburg ganz besonders. Mir persönlich ist es jedoch egal, ob ich in Salzburg oder in Großmugl arbeite.

Gibt es Augenblicke in der Arbeit, in denen Sie sich denken: Bitte nicht das schon wieder! Verschont mich bloß damit!?

Nein, weil jede Arbeit völlig anders ist und man immer wieder bei Null beginnt. Beim "Prinzen von Homburg" hilft es mir nicht, dass ich schon einige Kleist-Stücke gemacht habe, eben weil sie total unterschiedlich sind. Auch wenn man viel gemacht hat, wird die Angst deshalb nicht weniger.

Wie gehen Sie mit Ihren Ängsten um?

Beim Arbeiten verschwindet die Angst. Das ist auch bei Schauspielern so, wenn sie erst mal in die Gänge kommen. Für mich ist die erste Probe, die sogenannte Konzeptionsprobe, die schwierigste. Da ist der Regisseur dran, muss Auskunft darüber geben, wie er das Stück sieht, wie das Bühnenbild und die Kostüme aussehen werden, was er über die Figuren denkt. Grauenhaft! Jedes Mal denke ich erneut, ich bin schon froh, wenn mir nur der Titel des Stücks einfällt.

Sie gelten als Regisseurin, die sich sorgfältig vorbereitet. Trotzdem ergeht es Ihnen so?

Ja. Mit dem "Prinzen von Homburg" habe ich mich eineinhalb Jahre intensiv beschäftigt, wir haben auch eine Fassung erstellt. Die Analysen und Interpretationen der Germanisten sind für mich bei der inhaltlichen Auseinandersetzung übrigens wie Sparring-Partner.

Wie verbringen Sie den Tag der Premiere?

Tagsüber versuche ich meistens noch irgendwelche Premierengeschenke zu finden. Während der Premiere bin ich im Theater, sitze entweder vor dem Monitor oder liege im Dunkeln auf der Bühne - und bekomme regelmäßig einen Heidenschreck, weil ich denke, die Schauspieler haben einen Hänger. Dabei habe ich nur vergessen, dass ich an der Stelle eine Pause inszeniert habe.

Häufig hört man von Regisseuren, dass sie nach der Premiere in ein tiefes Loch fielen. Wie geht es Ihnen nach Erstaufführungen?

Es gibt dieses Loch. Damit es mich erst gar nicht anfällt, werde ich noch am Tag der Premiere Salzburg verlassen. Die Stadt ist mir zu voll, und wenn man nicht arbeitet, kann das schwierig werden.

Sie werden heuer 60. Beschäftigen Sie sich mit dem Älterwerden?

Ich habe kein Problem damit, älter zu werden, zudem ist man mit 60 noch nicht alt. Nur der Gedanke daran, vielleicht irgendwann nicht mehr ohne Rollator oder Rollstuhl außer Haus gehen zu können, ist nicht angenehm. Ich verdränge das nicht, würde auch nicht mehr in eine Wohnung im 5. Stock ohne Lift ziehen. Aber die Tatsache, dass man mit den Jahren reifer und gelassener wird, sich über bestimmte Dinge nicht mehr aufregt, weil sie lächerlich sind, finde ich außerordentlich angenehm.

Wiener Zeitung, 27. Juli 2012