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August Wilhelm Iffland#

Vor 200 Jahren starb August Wilhelm Iffland, legendärer Theatermann und Stifter des Iffland-Rings. Das deutschsprachige Theater verdankt ihm entscheidende Impulse.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 12. September 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Oliver vom Hove


August Wilhelm Iffland
Iffland auf einem Bildnis aus dem 19. Jahrhundert.
Abb.: Tarker/Corbis.

Er war dabei, als der junge Schiller zu seinem kometenhaften Aufstieg auf deutschen Bühnen ansetzte. Für Goethe wurde er später in Weimar der große Anreger für die Umgestaltung des Theaterwesens. Da war August Wilhelm Iffland bereits der gefeiertste Schauspieler auf deutschen Bühnen. In Berlin hatte er ab 1796 als Leiter des Königlichen Nationaltheaters auf dem Gendarmenmarkt eine bislang unerreichte Theaterbegeisterung entfacht. Seit 1811 im Rang eines "Direktors der königlichen Schauspiele", war Iffland bereits zu Lebzeiten als Schauspieler, Dramenverfasser und Theaterleiter gleichermaßen eine Epochengestalt.

An ihn erinnert heute noch ein Ring, der von seinem Träger testamentarisch an den nach seinem Ermessen "jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters auf Lebenszeit verliehen wird." Das von Brillantensplittern gerahmte Kleinod, in dessen dunkelvioletten Halbedelstein Ifflands Bildnis geschnitten ist, bleibt wegen seiner ungeklärten Herkunft legendenumwoben. Derzeit trägt Bruno Ganz den Fingerschmuck, der seit 1954 zweckgebundenes Eigentum der Republik Österreich ist. Dem Schweizer Ganz wurde er 1996 letztwillig von Josef Meinrad zugedacht.

Aufsehen erregte der bedeutendste Theatermann Preußens jüngst, fast 200 Jahre nach seinem Tod am 22. September 1814, noch einmal: Überraschend wurde Anfang dieses Jahres sein nachgelassenes Korrespondenzarchiv, das seit über einem halben Jahrhundert als verschollen galt, im Auktionsangebot eines Wiener Antiquars wiederentdeckt. Ein greiser Berliner Theaterwissenschafter hatte es, als angebliches Fundstück aus der Nachkriegszeit, verkauft. Nach Klärung der Provenienz und gütlicher Einigung mit dem Antiquar wurden die 34 Bände an das Berliner Landesarchiv zurückgestellt.

Flucht und Aufstieg#

Der 1759 in Hannover geborene Iffland war von seinen gutsituierten Eltern für das Theologiestudium bestimmt worden, entfloh jedoch als 18-Jähriger aus seiner Heimatstadt und schloss sich in Gotha einer Schauspielertruppe an. Als am 13. Jänner 1782 Schillers Erstling "Die Räuber" im neu gegründeten Mannheimer Nationaltheater unter stürmischer Begeisterung die Bühnentaufe erlebte, spielte Iffland die Rolle der "Canaille" Franz Moor. Der Dichter selbst hielt, unter dem Inkognito eines Korrespondenten aus Worms, fest, der Darsteller habe ihm von allen am vorzüglichsten gefallen: "Deutschland wird in diesem jungen Manne noch einen Meister finden", prophezeite Schiller und sollte recht behalten.

In der ehemaligen Residenzstadt Mannheim, die vom pfälzischen Kurfürsten Karl Theodor gegen das prachtvollere München getauscht worden war, hatte der Theaterintendant Reichsfreiherr Heribert von Dalberg, ein begüteter Hofmann, Großes vor: Seine Bühne sollte nach dem Vorbild von Wien ein deutsches Nationaltheater werden, und dafür engagierte er nach der Auflösung des Hoftheaters im thüringischen Gotha eine Truppe von Schauspielern, unter denen die Jungmimen Johann David Beil, Heinrich Christian Beck und August Wilhelm Iffland als die begabtesten galten. Alle drei waren in Gotha Schüler des herausragenden Darstellers und Reformators der Schauspielkunst, Conrad Ekhof, gewesen, der sich an Lessing orientiert hatte und 1778 früh verstorben war. In fruchtbarer Kameradschaft hatten sich die drei Jungmimen gegenseitig das Versprechen gegeben, "wenn sie das Große nicht erringen könnten, doch das Gute zu erwerben - der Wahrheit treu zu bleiben und jede Charlatanerie zu verschmähen."

Dalberg leitete in Mannheim sein Theater, indem er sich auf einen Ausschuss von Ensemble-Mitgliedern stützte, die sich über Spielplan und dramaturgische Fragen heftig die Köpfe zerbrachen und anonym die eigenen Vorschläge kritisieren konnten. Führend bei diesem fortschrittlichen Ringen um die Aufgaben eines aufklärerischen, von sittlichen Idealen geleiteten Theaters war Iffland.

Schiller hatte 1784 in Mannheim sein drittes Drama, das "bürgerliche Trauerspiel Luise Millerin", bei Dalberg eingereicht. Es war Iffland, der dem Dichter den kollegialen Rat gab, das Stück "Kabale und Liebe" zu nennen - zuvor hatte Schiller Iffland für ein von ihm verfasstes Moralstück den Titel "Verbrechen aus Ehrsucht" geschenkt.

Dennoch wurde Iffland, der sich nicht nur als Darsteller, sondern auch als Verfasser dramatischer Sitten- und Familiengemälde erfolgreich hervortat, in Mannheim der schärfste Konkurrent Schillers, was der Schauspieler nach bewährter Theater-Unart auch durch Intrigen zu befördern wusste. Ohnehin hatten die Darsteller zunehmend über Schillers anspruchsvolle Sprache gemurrt. Als der Dichter beim fernen Kurfürsten Karl Theodor in München auch noch als "württembergischer Deserteur" denunziert wurde, ließ ihn Dalberg fallen.

Auch Iffland verließ 1786 Mannheim und folgte einer Einladung des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken in dessen Residenz. In der saarländischen Hauptstadt trat er als Schauspieler wie als Regisseur am Fürstenhof auf und erfüllte den Auftrag seines Gastgebers, zwei seiner Dramen fertigzustellen. Bald zog es ihn aber zurück nach Mannheim, wo er zeitweilig in Vertretung Dalbergs das Theater führte.

Als Schauspieler folgte Iffland dem Leitstern einer nuancenreichen, ebenso wohldurchdachten wie klar festgelegten Charakterdarstellung. Damit trug er wesentlich dazu bei, die hochstilisierte Manier der französischen Künstlichkeit von den deutschen Bühnen zu verbannen. "Die Franzosen geben Vorstellungen. Die Deutschen Darstellungen. Ihre Gemälde der Leidenschaften sind prächtig, unsere wahr", schrieb er in seinen theoretischen Theaterschriften, die zum Brevier einer neuen Schauspielkunst wurden. Darin heißt es: "Man wird es dem ganzen Körper ansehen, ob er mit dem Gedanken gehe - oder ob er sich zu den Worten nur bewege." Das war gegen den Tiradenstil gerichtet, der damals grassierte. Die später "Mannheimer Stil" genannte Ifflandsche Darstellungskunst suchte die gezeigten Szenen und Figuren im Sinn einer Idealisierung zu überhöhen, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu schmälern.

Hohes Lob von Goethe#

In seinem Aufsatz "Weimarisches Hoftheater" hat Goethe 1802 die Einzigartigkeit von Iffland gerühmt, durch dessen Weimarer Gastspiele 1796 und 1798 seine eigene Theaterästhetik maßgeblich beeinflusst wurde: "Die Weisheit, womit dieser vortreffliche Künstler seine Rollen von einander sondert, aus einer jeden ein Ganzes zu machen weiß und sich, sowohl ins Edle als auch ins Gemeine, und immer kunstmäßig und schön, zu maskieren versteht, war zu eminent, als dass sie nicht hätte fruchtbar werden sollen." Mit dem Beispiel Ifflands wollte Goethe seinen Schauspielern beweisen, "wie gut Kunst und Natur sich vereinen lassen."

Von 1791 bis 1817 leitete Goethe das neu gegründete fürstliche Hoftheater in Weimar und verschaffte ihm durch seinen weltoffenen Spielplan und den Anspruch auf Bildung des Publikums eine bahnbrechende Bedeutung. Herzog Karl August hatte diese Bühne errichtet, um damit dem Vorbild seiner Standesgenossen aus den siebziger Jahren zu folgen, die sich statt der bislang vorherrschenden Wanderbühnen stehende Theater in ihren Residenzen leisteten.

Als Theaterdirektor ließ Goethe den bewunderten Darsteller als Egmont in seinem gleichnamigen Schauspiel auftreten (1796 unter Schillers Regie) und schrieb für eines der Ifflandschen Dramen eigens einen Prolog. Von keinem Bühnenschriftsteller außer von dem modischen Vielschreiber August von Kotzebue wurden damals am Weimarer Hoftheater mehr Stücke aufgeführt als von Iffland - auch nicht von Schiller oder Goethe selbst.

Im Herbst 1795, als Goethe nach vier Jahren Theaterdirektion amtsmüde war, hatte Herzog Karl August kurz mit Iffland über die Position verhandelt, ihm jedoch kein angemessenes Salär anbieten können. Goethe blieb im Amt, und kurz darauf übernahm Iffland in Berlin die Intendanz des Königlichen Schauspiels, mit einem Jahresgehalt von 3000 Talern, das dem Vierfachen eines Professorengehalts entsprach.

Niemand verfolgte aus der Ferne das Weimarer Theaterwesen mit größerer Aufmerksamkeit als Iffland. Sowohl im Spielplan wie in der Ensemblepolitik richtete man da wie dort das Augenmerk stark auf die Gegenwartsdramatik. Iffland führte in Berlin mit Beharrlichkeit die Stücke von Schiller und Goethe auf und entriss dem schon schwerkranken Schiller nach und nach dessen große Dramen "Maria Stuart", "Die Jungfrau von Orleans" und "Wilhelm Tell". Als Schiller im Frühjahr 1804 in Berlin weilt, setzt Iffland kurzfristig alle Stücke des Dichters, die er im Repertoire hat, auf den Spielplan. Die Auseinandersetzungen von Mannheim waren vergessen.

Shakespeare hatte durch den Aufbruch im "Sturm und Drang" bereits Heimstatt im deutschen Theaterbewusstsein gefunden. Iffland spielte auch Stücke von Lessing, nur mit Kleist kam es, wegen Ifflands Ablehnung des "Käthchen von Heilbronn", 1810 zum Bruch. Das höchste Lob für die Weltoffenheit des Berliner Nationaltheaters stammt von dem Komponisten Johann Friedrich Reichardt: "Man sieht und hört jetzt auf diesem Theater alles, was die Kunst in Frankreich, Italien und Deutschland Schönes hervorbringt." Wie Iffland folgte auch der mit der Revolution sympathisierende Reichardt den Idealen der freimaurerischen Aufklärer.

Gast am Burgtheater#

Als Reisestar, der mit seinen Gastspielen im ganzen deutschen Sprachraum herumgereicht wurde, nahm Iffland bereits früh eine Zeitmode vorweg. In Wien gastierte er 1801 und wieder 1808. Beim zweiten Mal feierte er mit seinen Auftritten als Molieres "Der Geizige", als Shakespeares "Lear" und in seinen eigenen sowie Kotzebues Stücken Triumphe. Damals verhandelte man mit dem Vielumworbenen ernsthaft wegen einer Übernahme der Burgtheater-Leitung und würzte das Angebot durch äußerst verlockende finanzielle Bedingungen. Iffland lehnte aus Treue zum preußischen Königshaus ab.

Als Patriot hatte er sich bereits im Krieg gegen Napoleon 1806/07 bewährt. An seine Schauspieler richtete er einen Appell: "Die Schauspieler dieser Bühne sind in diesen Zeiten mehr als je verpflichtet, dem hiesigen Publicum durch präzise, gute, lebendige und gefällige Darstellungen die wenigen Stunden, welche sie im Theater ihre Lage zu vergessen streben, angenehm vorüber gehen zu machen."

Iffland hatte maßgeblich mitgewirkt, den Schauspielerstand aus dem Bezirk des Geächteten, aus dem Milieu der Vaganten und Jokulatoren herauszuführen und in den Glanz der allgemeinen Adoration, als Stars einer verehrungswilligen Gesellschaft, emporzuheben. Der Ring, den der Ausgezeichnetste seiner Generation in Ifflands Namen trägt, soll demnach auch "das erreichte Sociale" sichern: Rang und Würde des ökonomisch immer gefährdeten Schauspielerstands.

Olvier vom Hove, in Großbritannien geboren, aufgewachsen in der Schweiz und in Tirol. Lebt als Dramaturg, Literaturwissenschafter und Publizist in Wien.

Wiener Zeitung, Freitag, 12. September 2014