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„Das ist mein ganzes Leben“ #

26 Jahre war Charlotte Salomon, als sie 1943 ermordet wurde. Das Salzburger Museum der Moderne und ein Roman erinnern an die Malerin. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von DIE FURCHE (Donnerstag 27. August 2015)

Von

Anton Thuswaldner


Charlotte Salomon (geb. 1917 in Berlin, ermordet 1943 in Auschwitz)
Keine Idylle. Charlotte Salomon (geb. 1917 in Berlin, ermordet 1943 in Auschwitz) zeichnet im Garten im französischen Exil in Villefranche, um 1939.
Foto: © Stiftung Charlotte Salomon

Der letzte Satz, der von Charlotte Salomon überliefert ist, lautet: „Das ist mein ganzes Leben.“ Mit diesen Worten überreicht sie dem Arzt Dr. Moridis einen Koffer mit 1325 Blättern, Gouachen, die chronologisch Familiengeschichte abbilden. Sie hat eine besondere Form der Autobiografie erfunden. Blatt für Blatt, ordentlich durchnummeriert, taucht man in Szenen ein, in der eigene Erfahrungen festgehalten sind und Erzählungen der Eltern und Verwandten wiedergegeben werden – hautnah Erlebtes also und Familienmythen, sehr Konkretes, was sich festgebrannt hat in Kopf und Seele, und sehr Vages, was weitergereicht, nie befragt und für gültig genommen wurde. Wahr sind beide Formen der Erinnerung, immerhin prägen sie das Bewusstsein von einem Menschen und seiner Stellung in der Welt.

Was aber müssen wir uns unter „mein ganzes Leben“ vorstellen? Das ganze Leben gebannt auf eine Serie von Blättern, lesbar wie ein Buch, für jeden nachvollziehbar, der die Ereignisfolge abruft? Das ist der resignative Kommentar, weil die junge Frau mehr nicht zu erwarten hat. Oder ist mit dem ganzen Leben der Bilderzyklus gemeint, das Hauptwerk einer Künstlerin, die gerade einmal 26 Jahre alt werden durfte? Dann spricht der Trotz aus ihr. Diese Arbeiten sind es, die bleiben von ihrem Leben, wenn schon sonst für mehr die Zeit nicht vorhanden war. Deshalb diese fl iegende Hast, die man einzelnen Szenen ansieht, mit denen sie zu Papier gebracht wurden. Viel Zeit zum Überlegen hatte Charlotte Salomon nicht. Zwischen 1940 und 1942 machte sie sich ans Werk, ihre Biografi e zu dokumentieren, die über das Einzelwesen hinausweist. Was dem Kind, der Jugendlichen, der jungen Erwachsenen widerfährt, ist repräsentativ für eine ganze Generation.

Charlotte Salomon wuchs in behüteten Verhältnissen auf, und dennoch stand ihr Leben unter keinem guten Stern. Der jüdische Glaube bedeutete für die Salomons nicht länger eine Verpflichtung. Sie waren assimiliert und anerkannt. Der Vater arbeitete als Arzt, ihm gelangen bahnbrechende Ergebnisse in der Forschung. Ungewöhnlich viele Selbstmordfälle störten den Frieden empfindlich. Als Charlottes Mutter Selbstmord beging, erklärte man der neunjährigen Tochter, dass sie an Grippe gestorben sei. Als sie sehr spät die eigentlichen Hintergründe erfuhr, war das ein Schock, den sie schwer zu überwinden vermochte.

Ausnahmetalent an der Kunstakademie #

Überhaupt fi el diese Enthüllung in eine Phase, als die junge Frau sich in höchstem Aufruhr befand. Sie musste den Aufstieg des Nationalsozialismus erleben, erfuhr Ausgrenzung, mit voller Wucht traf sie die Verachtung von Menschen, die sich vorher noch zivilisiert gegeben hatten. Als Ausnahmetalent durfte sie an der Kunstakademie studieren. Als ihr ein Preis zugesprochen worden war, durfte sie ihn als Jüdin nicht in Empfang nehmen. Mit einem Schlag erfuhr sie, dass sie in Deutschland keine Zukunft hatte.

Gouache von Charlotte Salomon aus dem Zyklus „Leben? oder Theater?“, 1940–1942
Erinnern in Bildern. Gouache von Charlotte Salomon aus dem Zyklus „Leben? oder Theater?“, 1940–1942.
Foto: © Stiftung Charlotte Salomon

Der Entschluss zur Emigration fiel ihr dennoch schwer. Die Liebe zum Gesangspädagogen Alfred Wolfsohn ließ sie zaudern. Sie wollte sie nicht aufs Spiel setzen. Von 1940 bis 1943 hielt sie sich im französischen Exil auf, wohin sie ihren Großeltern gefolgt war. Sie war in eine existenzielle Krise gefallen, die private und politische Gründe hatte. In Berlin, von wo sie gefl üchtet war, trachteten die Nationalsozialisten nach ihrem Leben. Von der großen Liebe, an die sie Hoffnungen hängte, blieb nur deren dürftiger Schatten, die Sehnsucht. Das war zu wenig, um im Gleichgewicht zu bleiben. Der Aufenthalt im Ausland war kein dauerhaft sicherer Ort. Frankreich kollaborierte mit den Deutschen, Südostfrankreich wurde von Italien kontrolliert. Da die Judenverfolgung hier nachlässig betrieben wurde, befanden sich die Emigranten in einer Art Schutzzone. Auf Widerruf jedenfalls. Nach der Kapitulation der Italiener griffen die Deutschen hart durch.

So sieht das Knochengerüst der Tatsachen aus, die noch lange kein Leben ergeben. Was macht der Einzelne aus den Umständen, was machen die Umstände mit dem Einzelnen? In dieser Zeit der Ungewissheit zog Charlotte Salomon künstlerisch Bilanz über das, was ihr die Erinnerung zuspielte. Sie malte tatsächlich um ihr Leben. Sie schuf eine Dokumentation der zunehmenden Verfi nsterung und nahm sich die Freiheit der Gestaltung. Bilder interpretieren etwas und lassen einen Deutungsspielraum. In diesem Spannungsfeld ist dieser einzigartige Zyklus zu sehen. Das bin ich, das ist meine Familie, drückt sie aus, aber so, wie ich sie sehe. Sie stellt uns eine individuelle Wahrheit zur Verfügung, die eine durch die Wahl des Motivs, des Ausschnitts, des Ausdrucks, der Haltung, der Farbgebung formal arrangierte ist. Gleichzeitig ist diese Wahrheit hochgradig emotional aufgeladen. Salomon war angewiesen auf eine Bildsprache der Angst und eine der Liebe, auf eine der Verunsicherung und eine der starken Selbstbehauptung.

Dreifache Charlotte #

Einmal sehen wir eine dreifache Charlotte mit Skizzenblock inmitten belebter und unbelebter Natur: ein Sessel, eine Sonnenblume, Schuhe, Obst, ein Kleinkind, eine Wiese, ein Handkarren, ein Hut – Gegenstände, die alle festgehalten werden wollen, haben sie doch unmittelbar Bedeutung für diese eine Person. Wie eine dreifaltige Maria des Zeichenstifts in blauem Gewand, gleichsam thronend über allem, arbeitet sie an einem drängenden inneren Auftrag, Gedächtnis einer gewaltsam zum Verschwinden gebrachten Welt zu sein.

Gouache von Charlotte Salomon aus dem Zyklus „Leben? oder Theater?“, 1940–1942
Bilder-Zyklus Titelgebende Gouache von Charlotte Salomon aus dem Zyklus „Leben? oder Theater?“, 1940–1942.
Foto: © Stiftung Charlotte Salomon

Charlotte Salomon liefert Bilder der höchsten Verdichtung, sie sind Konzentrate des Erlebens und Empfi ndens. In einem einzigen Moment wird eine Strecke gebannt. Nie ist nur vom Augenblick allein die Rede, hat er doch eine Vorgeschichte und eine Wirkung, die ebenso zur Anschauung gebracht werden. Oft fügt sie Texte ein oder legt transparente beschriebene Blätter über die Gouachen, um der Bildhaftigkeit noch einmal Nachdruck zu verschaffen oder Zusatzinformationen beizusteuern. Das verschafft bisweilen den Eindruck von ins Tragische gewendeten Comics.

Der französische Schriftsteller David Foenkinos geriet durch Zufall in eine Ausstellung dieses Zyklus. Er war derart überwältigt davon, dass ihn die Person hinter der Kunst nicht mehr los ließ. Charlotte Salomon arbeitete in eigener Sache. Ihr Ich war die Instanz, die entschied, was aufs Papier kam. Sie schöpfte aus ihrem Inneren, formulierte ihr Leben in Kunst, in etwas Gültiges, Endgültiges um. Foenkinos blickt von außen auf dieses Leben. Er verfügt über die Distanz, die Salomon nicht hatte. Sein Roman ist ein Epitaph auf einen Menschen, der ihm so nahe geht, dass er Schwierigkeiten hat, den Abstand einzuhalten. Foenkinos schreibt nicht nur über sie, er ist sie.

Die Gefahr, in der Porträtierten ganz und gar aufzugehen, ist ihm bewusst. So zwingt er sich dazu, Identifikationsblocker einzubauen in den Text. Er lässt sich nicht hineinfallen in den Roman, er arbeitet sich bewusst quälend Satz für Satz voran. Die Lebensgeschichte fließt nicht energisch und zielstrebig auf das Ende zu, jeder Satz ergibt einen neuen Absatz. Mit dieser Methode des Hinhaltens, des Hinauszögerns wirkt er der Neigung, unbedingt empathisch sein zu wollen, entgegen. Die Sätze sind knapp, oft verkürzt, malen Episoden nicht breit aus. So geht Foenkinos der Hinterhältigkeit schlechter historischer Romane nicht auf den Leim, in die man sich derart einleben soll, als wäre die Vergangenheit nur eine Spielform der Gegenwart. Dennoch kriecht er bei jeder Gelegenheit hinein in die fremde Person, die ihm so vertraut scheint, dass er kritische Fragen über das Wesen der Persönlichkeit hintanstellt.

Schwierigkeit, die Distanz zu halten #

„Leben? oder Theater?“ heißt Charlotte Salomons Zyklus. Diese Alternative stellt sich für den Autor gar nicht. Er hievt ein grandioses Imaginationstheater auf die Bühne, das er für das Leben der so bewunderten Frau nimmt. Er erzählt mehr, als Dokumente und Nachforschungen hergeben, weil er zu wissen meint, wie diese Person tickt. Nicht ungefährlich, das Verfahren, weil Kitschgefahr droht. Das lässt sich am Beispiel einer Szene im Exil nachweisen, als sich Charlotte um ihre Großmutter kümmert:

Schau, schau, dieses klare Blau.

Ja, sagt die Großmutter,

Sie bestaunt auch die Bäume, die blühen.

Die verheißungsvollen Farben.

Bald werden wir wieder am Meer spazieren gehen.

Versprich mir, dass wir am Meer spazieren gehen, bettelt Charlotte.

Ihre Stimme ist sanft, ihre Güte heilt Wunden. Sie nimmt die Großmutter bei der Hand.

Rührend klingt das, wie sich die Enkelin um die alte Dame kümmert. Woher weiß das der Autor? Das spielt ihm seine Fantasie zu, die gerne sieht, wenn sich Charlotte engelhaft benimmt. Vor allem ergibt sie dann einen gewaltigen Kontrast zur Monstrosität der Zeit und allen möglichen Widerlingen wie Denunzianten, gemeinen Bösewichten oder gar so einem primitiven Schlächter wie dem Nazischergen Alois Brunner.

Gewiss gibt es wenig zu sagen gegen eine so starke Persönlichkeit wie Charlotte Salomon, die gedemütigt, ausgegrenzt, verjagt, psychisch zerstört und umgebracht wurde. Bei Foenkinos steigt sie mehr als Heilige denn als Mensch aus. Verzaubert von der Persönlichkeit erkennt er keine Schwächen, lässt er sie gleichsam über den Dingen und den Menschen schweben. Gegenüber der so liebevoll und andächtig Porträtierten wandert Zeitgeschichte zu sehr in die Kulissen ab. Lesen sollte man den Roman dennoch. Immerhin lässt er Charlotte Salomon jene Gerechtigkeit widerfahren, die ihr im Leben versagt blieb.

Buchcover: Charlotte

Charlotte

Roman von David Foenkinos

Deutsche Verlags-Anstalt 2015.

Aus dem Franz. von Christian Kolb

237 S., geb., €18,50


DIE FURCHE, Donnerstag 27. August 2015