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Choreographie der Nacktheit#

Die gefeierte deutsche Tänzerin Claire Bauroff erregte in den 1920er Jahren auch als Nacktmodell Aufsehen#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 27. 10. 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Oliver Bentz


Claire Bauroff
Claire Bauroff, porträtiert von Trude Fleischmann (1924).
© Wiener Zeitung

"Claire Bauroff geriet schon früh in Vergessenheit. Allenfalls beiläufig taucht ihr Name in Erinnerungen von Schriftstellern und Künstlern der Weimarer Republik und des ,Dritten Reiches’ auf. Dass sie nach 1945 nur noch selten in das Blickfeld der historischen Tanzforschung trat, mag darauf zurückzuführen sein, dass sie weitaus mehr denn als darstellende Künstlerin als Aktmodell für Fotografen wie Trude Fleischmann, Nini & Carry Hess oder Alexander Binder im Gedächtnis geblieben ist, deren Aufnahmen in den 1920er Jahren gerade für den Tanz und seine Protagonistinnen das Medium der gesellschaftlichen Repräsentation schlechthin geworden waren. (...)

Das Vergessen, das sich über ihre Existenz legte, hatte viele von den Menschen, mit denen sie in den 1920er Jahren verkehrte, schon weitaus früher erfasst und stellt sich nicht selten als eine von den Nationalsozialisten gezielt gesteuerte damniato memoriae an eine im Denken und Leben sich als modern-aufgeklärt verstehende Künstlerschaft dar, von der im Einzelfall kaum noch Spuren in die Gegenwart führen."

Münchner Bohème#

Diese Sätze finden sich in einem 2008 erschienenen Aufsatz von Ralf Georg Czapla über die Tänzerin Claire Bauroff. Anlass für seine Erinnerung an die Künstlerin war dem Freiburger Germanisten die Tatsache, dass Claire Bauroff Anfang der 1920er Jahre in enger Verbindung mit dem Wiener Schriftsteller Hermann Broch stand, der ihr sogar zwei Gedichte widmete. Des Öfteren tauchte ihr Name auch 2011 wieder auf. Etwa im Zusammenhang mit der im Wien Museum gezeigten, viel beachteten Ausstellung über die Fotografin Trude Fleischmann, welcher Bauroff, wie erwähnt, Modell stand - oder anlässlich des Erscheinens des Bändchens "Wandlung aber ist das Leben" mit Gedichten der Tänzerin (Bernstein Verlag, Bonn 2011).

Am 26. Februar 1895 unter dem Namen Klara Amanda Anna Baur als viertes von sechs Kindern eines königlich-bayerischen Notars in Weißenhorn bei Neu-Ulm geboren, war der Frau, die sich später den Künstlernamen Claire Bauroff zulegen sollte, ein Leben in der Bohème nicht in die Wiege gelegt. Gegen den Willen der Eltern wollte sie jedoch schon in jungen Jahren zur Bühne, nahm in München Schauspielunterricht und ließ sich dort von 1913 bis 1915 beim bekannten Rudolf Bode im Tanz ausbilden.

Nachdem sie im letzten Weltkriegsjahr in Begleitung ihrer Mutter zur Unterhaltung der Truppen an der Front unterwegs war, erlangte die junge Tänzerin nach dem Krieg erste Beachtung. Im Film "Pán" das ungarischen Regisseurs Pál Fejös erzielte sie 1920 auch Aufmerksamkeit als Leinwand-Star. Im selben Jahr heiratete sie einen ihrer zahlreichen vermögenden Verehrer, den um drei Jahrzehnte älteren ungarischen Grafen István Zichy. Die Ehe währte nur wenige Monate: Einsam im fremden Budapest, ließ sich die vom Heimweh Getriebene von der älteren Schwester nach Hause holen. Der Ehemann verwand die Trennung nicht und nahm sich kurze Zeit später das Leben. Den an sie gerichteten Abschiedsbrief sollte Claire, so Ralf Georg Czapla, nie öffnen.

Auf der Basis des Ausdruckstanzes trat Claire Bauroff Anfang der 20er Jahre erstmals als Nackttänzerin vor das Publikum. Sie rechnete sich dabei der seriösen Kunst, und nicht den auf den Voyeurismus des Betrachters abzielenden Variétéveranstaltungen zu. Mit ihren Auftritten folgte sie jener Tanzbewegung der Zeit, die sich vom Bewegungskodex des in die Krise gekommenen klassischen Balletts, das formal weitgehend ausgeblutet und in bloßem artistischen Können erstarrt war, entfernte, dafür im antikisierenden Schönheitsideal der Isadora Duncan, der rhythmischen Erziehung nach Émile Jaques Dalcroce und im Lehrsystem von Rudolf von Laban ihre Grundlagen fand und in ihrer Frühzeit etwa von Mary Wigman verbreitet wurde.

Ideen ihres Lehrers Rudolf Bode aufnehmend, der Émile Jaques Dalcroces Theorien weiterentwickelt hatte, adaptierte Claire Bauroff tänzerische Elemente zur "Ganzkörpergymnastik", bei der der Rhythmus des Körpers mit oder unabhängig von jeglicher Musik im ganzkörperlichen Schwung auflebte und innere Bewegtheit durch Bewegung ausdrückte.

Die Metropolen Berlin und Wien (die Stadt an der Donau war damals eines der Zentren des freien Tanzes in Europa, hier warfen Tänzerinnen wie die Geschwister Grete, Elsa und Berta Wiesenthal, Gertrud Bodenwieser oder deren Schülerinnen Gertrud Kraus, Hilde Holger und Cilli Wang die Zwänge von Ballettschuhen und Kostümen ab und gründeten eigene Tanzinstitute) waren die Orte, an denen Claire Bauroff mit ihren künstlerischen Nackttänzen die größten Erfolge hatte.

Berliner Rampenlicht#

In der deutschen Hauptstadt feierte Bauroff mit Solotanzvorführungen etwa in der "Scala", mit Auftritten in Fritz Grünbaums Bühnenprogrammen, in den berühmten Ausstattungsrevuen Hermann Hallers im Admiralspalast sowie in frühen UFA-Filmen ebenso Erfolge wie mit der Truppe des Deutschen Volkstheaters Wien, mit der sie in einer "sensationellen Aufführung" (Carl Zuckmayer) von Frank Wedekinds "Franziska" zu sehen war. Zum Triumph der Inszenierung von Karl Heinz Martin, in der Tilla Durieux die Titelrolle spielte, und die auch in Wien und anderen Städten begeistert aufgenommen wurde, trug Bauroff entscheidend bei.

In Wien bot sie ihre Tanzprogramme im Konzerthaus, in der Secession oder im Ronacher dar. 1924 brachte sie im Theater in der Josefstadt auch das von ihr selbst choreographierte Tanzdrama "Das Licht ruft" auf die Bühne, zu dem Franz Salmhofer die Musik komponierte. "Bauroff visualisierte in dieser Aufführung sieben Charaktere in sieben getanzten Bildern: den gierigen Geizhals, den Lügner, das Kind, den Paria, den fetten Kapitalisten, den Narren und den Sehnsüchtigen, und das zum Teil nackt." (Frauke Kreutler, siehe Literaturhinweis). In der Zeitschrift "Der Tag" feierte der Kritiker Max Ermers ihren Auftritt als "getanzte Ethik". Auch in anderen Blättern fanden sich begeisterte Besprechungen, wenngleich manch Kritiker doch Bedenken gegen die "Kostümlosigkeit" der Tänzerin vorbrachte.

Auch als Künstlermodell war Claire Bauroff, die in Berliner und Wiener Intellektuellen- und Künstlerzirkeln gerne gesehen war, sehr begehrt. Der Graphiker Ottheinrich Strohmeyer-Platenius legte schon 1919 eine Mappe mit 20 Lithographien ihrer Tänze "Hermes" und "Spreetanz" vor. Der aus Wien stammende Zeichner Benedikt Fred Dolbin, der 1925 nach Berlin gekommen war und dort Karriere machte, bannte die Dynamik ihrer Bewegungen mit dem Zeichenstift aufs Papier. Fotografen wie Nini & Carry Hess, Alexander Binder, Lotte Jacobi oder Trude Fleischmann stand sie Modell; die Aufnahmen Letzterer wurden zu Ikonen der frühen Tanzfotografie.

Trude Fleischmann, eine jener jungen, selbstbewussten Fotografinnen, die nach dem Ersten Weltkrieg in Wien eigene Studios eröffneten, sorgte mit ihren Bewegungs-, Tanz- und Aktstudien für Furore. Bei den 1924 entstandenen Aufnahmen von Bauroff verband Fleischmann moderne Sachlichkeit mit Psychologisierung. Sie platzierte den hellen Körper in tänzerischer Pose bei absoluter Konzentration auf das Modell, ohne jegliche Requisiten und vor einem schwarzen Hintergrund, mit dem die Dargestellte - völlig in sich versunken und gleichsam unbeeindruckt von der Kamera - zu verschmelzen scheint. Wenige Jahre zuvor, als es für die Darstellung des Nackten noch der vordergründig historisierten "Akademien" im Stil der Salonmalerei bedurfte, wäre diese Darbietung natürlicher unverstellter Nacktheit undenkbar gewesen.

Die in Illustrierten und Magazinen abgedruckten Fotos brachten Claire Bauroff internationale Aufmerksamkeit. Und für Trude Fleischmann, die auch mit Por-träts von Karl Kraus, Alban Berg oder Adolf Loos bekannt werden sollte, waren die Aktbilder der Tänzerin ein Markstein in der Anerkennung als Fotografin. Ihr Atelier wurde zu einem Treffpunkt des Wiener kulturellen Lebens. Als ihre Fotos von Claire Bauroff 1925 in der Vorschauvitrine des Berliner Admiralspalastes für einen Auftritt warben, wurden sie wegen unverdeckter "pikanter Stellen" von der Polizei entfernt.

Dichter und Tänzerin#

Hermann Broch begegnete Claire Bauroff erstmals im Sommer 1922, anlässlich eines Kuraufenthaltes in Karlsbad. Der Schriftsteller, den dann zeitlebens eine innige Freundschaft mit der Tänzerin verband, widmete ihr sein mit 8. September 1922 datiertes Gedicht "Die Tänzerin":

"Noch ist der Tod Dir eine Welt, die schweigt; / Das Sein ist Dir noch durch und durch real, / In ihm ist Dir die Lust, ist Dir die Qual, / Aus dem Dein schmales Leben steigt: // Und Deines Lebens windverwehter Hall / Trifft den und jenen, der sich in Dich beugt, / O fremder Schatten, der Dich bloss bezeugt, / einsam als enger Punkt im All. // Und löst sich Dir die freieste Gebärde, / Spannst Du die Welt in einem grand écart, / So bleibst Du doch in ihr stets auf der Erde: - // Bis ein Gefühl in Dir sich groß gebar, / Das wissend, zeitlos die Gebärde bannt / Und dich im All, das All in Dir umspannt -".

Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten und ihrem Kampf gegen die künstlerischen Avantgarden wurde die Situation für Claire Bauroff immer schwieriger. 1927 hatte sie einen von Brochs engsten Freunden, den jüdischen Philosophiehistoriker Paul Schrecker, geheiratet. Während dieser, von dem sie sich wenige Monate zuvor getrennt hatte, 1933 ins Exil nach Frankreich und später in die USA ging, blieb Claire Bauroff, wohl nicht zuletzt in Sorge um ihre alte Mutter, für die sie im Falle einer Emigration Nachteile befürchtete, in Deutschland und arbeitete als Tanzlehrerin. 1944 wurde ihre Wohnung in der Münchner Schellingstraße durch Fliegerbomben zerstört. Sie zog aufs Land, wo sie mit ihrer Mutter bis zu deren Tod 1974 in Gräfelfing lebte. Claire Bauroff starb am 7. Februar 1984 in einem Seniorenheim.

Oliver Bentz, geboren 1969, Germanist. Kulturpublizist, schreibt seit dem Jahr 1996 Beiträge für das "extra". Lebt in Speyer.

Literaturhinweise#

  • Ralf Georg Czapla: "nach Maß gearbeitet". Aufsatz, in: "Jahrbuch zur Kultur und Literatur der Weimarer Republik" (Bd. 12, 2008, Verlag edition text+kritik, 33 Euro).
  • Anton Holzer, Frauke Kreutler (Hrsg.): "Trude Fleischmann - Der selbstbewusste Blick"; Begleitband zur Ausstellung über die Fotografin im Wienmuseum 2011 (Hatje Cantz Verlag, 139 Abb., 39,80 Euro). Ein Kapitel thematisiert die fotografische Zusammenarbeit zwischen Trude Fleischmann und Claire Bauroff.

Wiener Zeitung, Samstag, 27. 10. 2012