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Der Künstler als Sektenführer#

Der österreichische Aktionist Otto Muehl ist knapp 88-jährig gestorben#


Von der Wiener Zeitung (Montag, 27. Mai 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Von

Edwin Baumgartner


  • Otto Muehl polarisierte durch seine Taten mehr als durch seine Kunst.


Otto Mühl
Otto Muehl polarisierte mit Werk und Biografie.
© apa/Pfarrhofer

Otto Muehl ist tot. Der Aktionist und Kommunengründer starb am Sonntag in Moncarapacho, Olhão (Portugal). Mühl war eine der umstrittensten Gestalten der österreichischen Kunst nach 1945.

Allerdings, und das ist der Kernpunkt, muss die Frage aufgeworfen werden, ob die Diskussionen um Muehl durch sein künstlerisches Werk in Gang gesetzt wurden oder durch sein Leben: 1991 wurde Muehl in Österreich wegen Kindesmissbrauchs und Verstoßes gegen das Suchtgiftgesetz zu 7 Jahren Haft verurteilt.

Otto Muehl, der sich zeitweise auch "Mühl" schreibt, steht für eine seltsame Verwechslung von Leben und Kunst. Die künstlerische Aktion gilt als das wahre Leben - doch es gibt Opfer dabei, und an sie denkt Muehl erst gegen Ende seines Lebens. Bis dahin fühlt er sich im Recht und erkennt nicht, dass auch er sich den Gesetzen des Staates unterzuordnen gehabt hätte. Am Höhepunkt pervertiert das fröhlich ungenierte Experiment zur dunklen menschlichen Katastrophe.

Die Gegengesellschaft#

Zuerst ist alles irgendwie originell und lustig. Da tauchen Anfang der 1970er Jahre in den Grafik- und Malereiklassen der damaligen Hochschule (heutigen Universität) für angewandte Kunst in Wien glatzköpfige junge Menschen auf; sie heben sich ganz bewusst ab, tragen etwa gestreifte Latzhosen, die Frauen sind ungeschminkt. In den Malerei- und Grafikklassen gehen sie missionieren. Sie werben für die "Muehl-Kommune oder AAO". Wolfgang Hutter weist sie konsequent aus seinen Klassen. Die Kommune verspricht vor allem freie Liebe. Doch obwohl man die längst, die Gesellschaft ist schließlich liberaler geworden, auch im normalen Leben finden kann und obwohl der Beitritts-Obolus zur Gemeinschaft horrend ist, hat sie Zulauf. Wer ist eigentlich ihr Gründer, dieser Otto Muehl?

Der am 16. Juni 1925 im burgenländischen Grodnau geborene Muehl, der sich im Zweiten Weltkrieg freiwillig zur Offiziersausbildung in der Wehrmacht gemeldet hatte, absolvierte nach dem Krieg ein Lehramtsstudium in Deutsch und Geschichte, studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien und arbeitete als Maltherapeut. Anfang der 1960er Jahre kehrte er sich von der Malerei ab und wandte sich Vorformen des Aktionismus zu. 1962 fand in seinem Atelier die erste aktionsähnliche Veranstaltung "Die Blutorgel" statt. An ihr waren, neben Muehl selbst, Adolf Frohner und Hermann Nitsch beteiligt.

Im Juni 1968 war Muehl unter den Organisatoren der Pissaktion, bei der drei nackte Männer um die Wette urinieren. Die erreichten Weiten wurden gemessen und an der Tafel notiert. 1969 schlachteten Muehl und Nitsch bei einer Aktion ein Schwein und schütteten Blut, Urin und Kot über eine nackte Frau, dazu spielten sie Weihnachtslieder über Lautsprecher zu. Es folgte eine Verurteilung wegen "Herabwürdigung der österreichischen Staatssymbole". Muehl emigrierte nach Berlin.

Nach seiner Rückkehr widmet sich Muehl ab 1971 dem Aufbau seiner Kommune als Gegengesellschaft. Mitglied werden kann man für einen Betrag von 100.000 Schilling (7270 Euro) - damals ein horrender Betrag: Die Miete für eine Zwei-Zimmer-Wohnung betrug etwa bei 2000 Schilling.

1974 erwirbt die Kommune den halb verfallenen Friedrichshof im Burgenland. Der Hof wird revitalisiert. Bis zu 240 Personen können dort leben. Alles Eigentum befindet sich im Besitz der Gemeinschaft. Es wird eine biologische Kläranlage gebaut, Strom und Telefon werden eingeleitet, der eigenen Schule wird später sogar Öffentlichkeitsrecht zugestanden. Es gibt sogar eine Behindertengruppe rund um Muehls spastisch gelähmte Tochter Lili.

Otto Muehls Bilder 'Hitler und Eva Braun' und 'Hinrichtung'
Otto Muehls Bilder wie "Hitler und Eva Braun" und "Hinrichtung" verabreichen dem Betrachter gezielte Schocks - auch und gerade auf der Ebene des Geschmacks.
© apa/Robert

Doch die Idylle ist keine. Homosexualität etwa wird zuerst als "infantile Schädigung" betrachtet, dann doch toleriert - aber die Auflagen sind für Hetero- wie Homosexuelle klar: Zweierbeziehungen sind ausgeschlossen. Sie gelten als Ergebnis der Lieblosigkeit in der Kindheit. Wer gerade besonders begierig auf Sex ist, spricht es offen aus, um entsprechend bedient zu werden.

Die Hierarchien wechseln turnusartig - was zuerst funktioniert, entwickelt 1979 unvorhergesehene Sprengkraft, als einzelne Kommunenmitglieder wirtschaftlich erfolgreich sind und deshalb, da sie das Gemeinschaftseigentum überdurchschnittlich vergrößern, mehr Einflussnahme auf die Hierarchien verlangen. Im Gegenzug lässt Muehl die Idee des Gemeinschaftseigentums für beendet erklären, erschüttert damit aber die Kommune in ihren Grundfesten.

Mehr Sekte als Kommune#

Jetzt brechen die mühsam übertünchten Risse endgültig auf: Die Kommune hat ohnedies längst die Züge einer Sekte angenommen, Muehl als unersättlicher Guru im Zentrum fordert von jedem neuen weiblichen Mitglied das Recht der ersten Nacht ein. Man beginnt, die Öffentlichkeit zu meiden.

Muehl überlegt gar, die Mitglieder hierarchisch durchzunummerieren, sich selbst freilich nimmt er von allen Ritualen und Selbstanalysen, die er anordnet, aus. Der Mangel an Intimität und Selbstbestimmung erzeugt immer heftigere Konflikte.

Dennoch dauert es bis 1988, dass die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Muehl eröffnet. Nun sagen Kommune-Mitglieder aus: Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und im Kollektiv erzogen - und noch weit Schlimmeres geschah: Sexueller Missbrauch und Vergewaltigung von Kindern gehörten zum Erziehungssystem. Nach den selbstgesetzten Regeln der Gruppe müssen Kinder sich nämlich frühzeitig ihrer Sexualität bewusst werden und mit ihr umgehen. Auch Drogen werden als Hilfsmittel zur Erziehung verabreicht. Die Geschehnisse in der Kommune verarbeitet auch Paul-Julien Roberts jüngst uraufgeführter Dokumentarfilm "Meine keine Familie".

Muehl ist im Prozess zu keiner Reue bereit. Sieben Jahre unbedingte Haft lautet das Urteil.

Provokation der Gesellschaft#

Nach der Entlassung Muehls 1998 organisiert der damalige Burgtheaterdirektor Claus Peymann eine Muehl-Lesung am Burgtheater als gezielte Provokation der bürgerlichen Gesellschaft. Der Umgang mit einem straffällig gewordenen Künstler wäre ein Prüfstein für die liberale Gesellschaft, doch im Fall Muehl steht auf der einen Seite Kindesmissbrauch und auf der anderen ein Werk, das den Gipfel der bedeutenden Gegenwartskunst nie erklommen hat: Muehls Kunst pardoniert nicht seine Vergehen, sondern seine Vergehen lassen seine Kunst als prickelnd verrucht erscheinen.

Nach 1998 lebt Muehl in einer Gruppe mit 14 Erwachsenen und deren Kindern in Faro in Portugal. Er leidet schon längere Zeit an der Parkinsonkrankheit. Der zunehmenden Vergessenheit entreißt ihn kurz der Porno-Jäger Martin Humer, der ein Bild, auf dem Muehl den ehemaligen Wiener Erzbischof Hans Hermann Kardinal Groër mit ejakulierendem Penis darstellt, mit roter Farbe anschüttet.

Zu seinem 85. Geburtstag entschuldigt sich Muehl bei seinen Opfern in einem offenen Brief. Vielleicht ist er, der sagte, "warum sollte der Staat vorschreiben, ab wann man Sex haben darf?", schließlich doch noch einsichtig geworden.

Reaktionen zum Tod von Otto Muehl#

"Das eigenwillige Werk von Otto Muehl ist radikal und verstörend und wird als solches Bestand haben."

Tobias G. Natter, museologischer Direktor des Leopold Museums

"Muehls sozialrevolutionäres Projekt führte in der Kommune am Friedrichshof zu Selbstentwicklung, verursachte aber auch viel Leid. Es entstand unter Mitwirkung vieler auf der Basis von Unzufriedenheit und Frustriertheit mit dem Status quo der Gesellschaft. Dieser Spur gilt es zu folgen."

Diethard Leopold, Stiftungsvorstand des Leopold Museums

"Muehl hat vielen Menschen, vor allem Kindern, Unsägliches angetan. Es ist widerlich, dass viele hochrangige Politiker nicht nur jahrelang in seine Kommune gepilgert sind, sondern ihn auch nach seiner Verurteilung weiterhin stützten."

FPÖ-Vizeparteiobmann Norbert Hofer

Filmtipp zum Thema:#

(az) Nicht nur die Fragen "Was ist Familie?" und "(Wann) wird sie zur Bedrohung?" stehen im gedanklich rekreierten Raum in Paul-Julien Roberts Doku "Meine Keine Familie", sondern auch Gedanken zu Diktatur, Mitläufertum - und dem Wahnpotenzial von Kunst: Nach seiner Kindheit in Otto Mühls Kommune konfrontiert Robert erstmals seine Mutter mit Fragen über diese Vergangenheit; so ist dieser Film auch ein wenig Selbsttherapie. Jedenfalls offen, ehrlich - und sehenswert. ("Meine keine Familie", Ö 2012, Regie: Paul-Julien Robert)

Wiener Zeitung, Montag, 27. Mai 2013