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Der sensible Berserker ist tot#

Hrdlickas Werke, vom "Pferd für Kurt Waldheim" bis zum "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus", erregten die Gemüter#


Von der Wiener Zeitung, (Montag, 07. Dezember 2009) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Verena Franke


  • Bildhauer Alfred Hrdlicka 81-jährig in Wien gestorben
  • Künstler der Kontroversen

Hrdlička, Alfred
Alfred Hrdlicka vor einer Zeichnung seiner Ausstellung "Der Titan und die Bühne des Lebens", die er im letzten Jahr im Künstlerhaus in Wien präsentierte
© Wiener Zeitung / Foto: epa

Krieg, Gewalt, Faschismus waren seine Themen. Das körperliche Leid, von Menschenhand hervorgerufen, stand stets im Mittelpunkt seiner Arbeit: Alfred Hrdlicka, einer der wichtigsten zeitgenössischen Bildhauer und Zeichner Österreichs, ein Künstler von weltweiter Bedeutung, ist am Samstag im Alter von 81 Jahren verstorben.

Der Berserker mit dem Hammer#

Hrdlicka wurde am 27. Februar 1928 in Wien geboren. Nach Absolvierung einer Zahntechnikerlehre begann er, an der Akademie der bildenden Künste zunächst Malerei bei Albert Paris Gütersloh und Josef Dobrowsky zu studieren, ehe er mit einem Diplom als akademischer Maler in die Bildhauerklasse von Fritz Wotruba eintrat. 1957 erwarb er auch als Bildhauer akademische Ehren. Seiner ersten Skulpturenschau 1960 (gemeinsam mit Fritz Martinz) folgten Ausstellungen im Wiener Künstlerhaus und in der Galerie Welz in Salzburg.

1964 war er Vertreter Österreichs bei der Biennale in Venedig. Professuren führten ihn an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, die Hochschule für bildende Künste Hamburg, die Hochschule der Künste Berlin und schließlich 1989 an die Universität für angewandte Kunst Wien.

Als Bühnenbildner arbeitete er etwa in Bonn ("Faust I und II", 1982) und Stuttgart ("Intolleranza", 1992). 2001 stattete er Christine Mielitz’ Inszenierung des "Ring des Nibelungen" in Meiningen aus. Ferner zeichnete er für die Ausstattung der Salzburger Festspielproduktion von Zemlinskys "Der König Kandaules" derselben Regisseurin verantwortlich.

Zu seinen bedeutendsten Arbeiten zählt das "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" (1988/91) auf dem Albertina-Platz, das Bürgermeister Helmut Zilk gegen den anhaltenden Widerstand diverser Medien, speziell die "Kronen Zeitung", durchsetzte. Auch die Karl-Renner-Büste im Rathauspark (1967 aufgestellt) war umstritten. Von Bedeutung ist auch das "Gegendenkmal" in Hamburg.

Leiden der Bildhauer#

Hrdlicka konnte bereits seit einigen Jahren nicht mehr eigenhändig an seinen Steinskulpturen arbeiten, er habe sich "zu Tode geschunden". In einem Interview im letzten Jahr meinte er, dass seine Wirbelsäule ein Trümmerhaufen sei: Knochenbrüche und andere Erkrankungen des Skeletts sind das Leiden vieler Bildhauer, das durch den jahrelangen harten Schlag des Hammers auf den Meißel hervorgerufen wird. Aus diesem Grund widmeten sich viele Bildhauer auch der Zeichnung. So auch Hrdlicka. Die Zeichnung ermöglichte ihm, wie auch die Skulptur, die Reduktion auf das Wesentliche des Körpers, auf die Darstellung des Haptischen, ohne die Technik an sich zu vereinfachen.

Hrdlička, Mahnmal gegen Krieg und Faschismus
Hrdlickas "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" in der Wiener Innenstadt
© Wiener Zeitung / Foto: apa

Auch der Einfluss seines Lehrers Fritz Wotruba ist in Hrdlickas Werken erkennbar: Er blieb der figürlichen Darstellung des menschlichen Körpers verhaftet, und zwar sowohl in seinen Plastiken als auch in seinen Zeichnungen. Ein charakteristisches Beispiel für seine Ästhetik ist etwa die muskelbepackte "Hommage an Sonny Liston", einen US-Schwergewichtsboxer. Da er in seinen Plastiken immer wieder einerseits Muskelstränge betonte, andererseits durch Weglassung von charakteristischen individuellen Merkmalen zur vereinfachenden Typisierung neigte, wurde ihm vorgeworfen, er habe die Ästhetik des sozialistischen Realismus der Sowjet-Kunst übernommen. Allerdings ist es eine Ästhetik, die auch beim frühen Wotruba erkennbar ist. Insoferne haben Hrdlickas Kritiker unzulässigerweise eine politische Einstellung mit einem ästhetischen Ansatz vermengt.

Denn Hrdlickas politische Einstellung war kein Geheimnis: Hrdlicka war Kommunist und Atheist. Der Künstler selbst wurde in seiner Jugend von Nazis mehrfach verprügelt. Als die Sowjetarmee in Wien einmarschierte, war er diesen Soldaten für die Befreiung dankbar. Er brachte die Befreiung mit Stalin in Zusammenhang und bekannte sich auch noch als Stalinist, längst nachdem dessen Verbrechen offenkundig waren.

Hrdlicka hat nie gezögert, politisch Stellung zu nehmen und Zeichen zu setzen: Als etwa Kurt Waldheim während seines Bundespräsidentschafts-Wahlkampfes (1996) sagte, er selbst sei nie bei der SA Mitglied gewesen, er sei nur in einer SA-Organisation reiten gewesen, sagte der damalige Bundeskanzler Fred Sinowatz (SPÖ): "Ich stelle fest, dass Kurt Waldheim nie bei der SA war, sondern nur sein Pferd.” Daraufhin schuf Hrdlicka ein hölzernes Pferd für Kurt Waldheim, das während der Demonstrationen stets dabei war.

Alfred Hrdlicka galt als sensibler Berserker, der mit seinem gewaltigen Lebenswerk polarisierte.

Wiener Zeitung, Montag, 07. Dezember 2009