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Der rehabilitierte Dekorateur #

In einer Doppelausstellung der Extraklasse präsentieren Belvedere und Wien Museum im Künstlerhaus den lange verschmähten „Malerfürsten“ Hans Makart als großen Netzwerker und Multimedia-Künstler seiner Zeit.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (7. Juli 2011)

Von

Johanna Schwanberg


Makart-Stil, Bildnis von 1875, das Charlotte Wolter als „Messalina“ zeigt
Makart-Stil. Ob Gemälde, wie das Bildnis von 1875, das Charlotte Wolter als „Messalina“ zeigt, Hans Makart mag es farbenfroh und opulent.
Foto: © Wien Museum
„Bacchus und Ariadne“ von Hans Makart aus den Jahren 1873-1874
Üppig. Makarts Bilder (hier „Bacchus und Ariadne“ aus den Jahren 1873-1874, zu sehen im Belvedere) sind kunstvoll komponiert und von intensiver Farbigkeit.
Foto: © Belvedere Wien

„Gott sei Dank, dass es nun damit vorbei ist.“ Der Architekt Adolf Loos drückte aus, was heute noch in manchen Köpfen herumgeistert. Die üppige Makart-Epoche mit riesigen Historienschinken und prunkvollen Festzügen war ein letztes Aufbegehren des 19. Jahrhunderts – eine „Zeit der Dekoration“, die es von der Moderne zu überwinden galt, so lange die gängige Meinung. Symbol dieser opulenten Epoche – vor dem Auftauchen der Avantgardisten Gustav Klimt, Egon Schiele, Otto Wagner und Konsorten – ist Hans Makart. Schließlich prägte der „Malerfürst“ das Stadtgeschehen im Wien der 1870er und 1880er Jahre wie kein Zweiter. Sein Wirken beschränkte sich dabei keineswegs auf das Bemalen monumentaler Leinwände. Vielmehr beeinflusste er Einrichtungsstil, Mode und Bühnenausstattungen. Wie stilprägend dieser Künstler war, davon zeugen auch heute noch Begriffe der Alltagskultur wie der Makart-Hut, das Makart-Bouquet oder der Makart-Baiser.

Hans Makart, Fotografie 1879
In Pose. Die Fotografie Ludwig Angerers aus dem Jahr 1879 zeigt den „Malerfürst“ Hans Makart in einer pompösen Kostümierung der Renaissance.
Foto: © ÖNB/Wien, Bildarchiv

Begehrte Bilder für das „Führer-Museum“#

War noch das Begräbnis Makarts, der 1884 mit nur 44 Jahren in Wien an den Folgen einer Syphilis-Erkrankung starb, ein gigantisches Event, so wurde der Künstler bereits wenige Jahre nach seinem Tod als „Dekorateur“ abgetan. Dass Adolf Hitler seine Kunst besonders schätzte und zahlreiche Makart-Gemälde für sein geplantes „Führer-Museum“ in Linz zusammentragen ließ, trug zur geringen Wertschätzung Makarts bis in die 1970er Jahre bei. Erst die 1972 in der Staatlichen Kunsthalle Baden- Baden veranstaltete Schau „Hans Makart. Triumph einer schönen Epoche“ sowie eine Monografie des ehemaligen Belvedere-Direktors Gerbert Frodl sorgten für seine Rehabilitierung. Dennoch spaltet er bis heute die Meinungen. Die entscheidende Frage lautet nach wie vor, wie es in einem Bericht über die österreichisch-ungarische Kunst auf der Weltausstellung 1878 hieß: „Sind sie Makartist oder Anti-Makartist?“

Makart-Stil, Damenhofkleid von 1886
Makart-Stil. Ob Mode, wie das Damenhofkleid von 1886, Hans Makart mag es farbenfroh und opulent.
Foto: © Wien Museum

Nach zwei Ausstellungen 2000 und 2007 in Wien und Salzburg haben nun zwei Wiener Institutionen – das Belvedere und das Wien Museum im Künstlerhaus – eine Makart- Doppelausstellung der Extraklasse auf die Beine gestellt, die Wien Museum-Direktor Wolfgang Kos zu Begeisterungstürmen veranlasst: „So viel Makart war in Wien noch nie!“ Tatsächlich ist das Doppelprojekt nicht nur ein Ereignis, weil hier zwei Museen koordiniert agieren. Durch die hohe Dichte an Exponaten und die unterschiedlich ausgerichteten Ausstellungen, die man mit einem Kombiticket besuchen kann, wird auch die außergewöhnliche Wirkung dieses multimedial agierenden Künstlers nachvollziehbar.

Das Wien Museum im Künstlerhaus präsentiert Makart als großen Netzwerker im Wien des 19. Jahrhunderts. So widmet sich ein eigener Raum dem Makart- Festzug. Diese 1879 von Makart anlässlich der Silberhochzeit des Kaiserpaares inszenierte Mega-Performance mit 14.000 Teilnehmenden gehört zu den größten visuelltheatralischen Events, die Wien je erlebte. Modelle, Kostüme, Skizzen, Ölbilder und Fotos geben einen Eindruck von dem eintägigen Massenspektakel am Ring. Als Gestalter von Großinszenierungen wie mit seiner Selbststilisierung zum Künstlerguru in seinem legendären Atelier in der Gußhausstraße erscheint Makart der Gegenwartskunst oft verwandter als so mancher Avantgardist; man denke an Andy Warhol, Hermann Nitsch oder die Happening-Künstler.

„Dumba-Zimmer“ als Highlight#

Im Unteren Belvedere stehen dagegen die Bilder Makarts in ihrer kompositorischen Qualität, der intensiven Farbigkeit und der pastosen lockeren Malweise im Zentrum. Sehenswert sind der Vergleich mit französischen Vorbildern wie Eugène Delacroix oder Gustave Moreau und der Raum, der Makarts reflektierten Umgang mit dem neuen Medium der Fotografie beleuchtet. Abschließendes Highlight ist das „Dumba-Zimmer“, die einzige komplette Raumgestaltung Makarts, die er für den kunst- und musiksinnigen Mäzen Nicolaus Dumba realisierte.

DIE FURCHE, 7. Juli 2011