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Die Angst als Kapital#

Der visionäre Graphiker und Literat Alfred Kubin wurde der "österreichische Goya" genannt. Der Künstler starb am 20. August 1959#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 14. August 2009) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Friedrich Weissensteiner


Alfred Kubin, Das Grausen, um 1902
Alfred Kubin (1877–1959): Das Grausen, um 1902
Foto: © Leopold Museum, Wien

"Sie wollen mir die Angst nehmen, aber die Angst ist ja mein Kapital." Dieser Satz, den der betagte Alfred Kubin dem Pfarrer von Wernstein (dem Vertrauten seiner späten Jahre) gegenüber einmal äußerte, ist ein Schlüsselsatz für das Verständnis des Lebens und des Werkes dieses großen Zeichners, den der vergessene österreichische Lyriker und Kunstfreund Richard Schaukal zu Recht den österreichischen Goya genannt hat.

Kubins Ängste, seine seelischen Zwiespälte und Erschütterungen, seine Heimsuchungen und Neurosen waren der Antrieb seines künstlerischen Schaffens. Und dieses Schaffen wirkte zurück auf seine verwundbare Seele, half ihm, die Flut seiner Visionen zu bändigen und vor der brüchigen Welt in ein gespenstiges Traumland zu entfliehen, wo er sich geborgen fühlte: die Kunst als Therapie, als seelischer Befreiungsakt. Alfred Kubin war eine äußerst sensible Natur, die sich bereits als Kind und als Halbwüchsiger am Unverständnis des Elternhauses, der Erzieher, im Beruf und an seiner Umgebung wund rieb. Die Frustrationen seiner Jugend ließen tiefe psychische Verletzungen in ihm zurück. Am 10. April 1877 im böhmischen Leitmeritz geboren, war Alfred Kubin der einzige Sohn eines k.u.k. Beamten und einer Pianistin, deren Erziehungsprinzipien sich gänzlich voneinander unterschieden. Während der Vater sich als Zuchtmeister gerierte, brachte die Mutter dem feinnervigen Knaben viel Liebe und Verständnis entgegen. Ihr früher Tod (nach langem Siechtum) erschütterte den Zehnjährigen zutiefst.

Das zweite Lebensjahrzehnt des jungen Kubin war geprägt von den falschen Berufsentscheidungen des Vaters. Zunächst scheiterte der Bub am Gymnasium. Latein und Mathematik erwiesen sich als Folge von Unkonzentriertheit und Arbeitsunlust als unüberwindbare Hürden, die künstlerische Begabung blieb unerkannt und daher ungenützt. Der verständnislose Vater schickte den Sohn daraufhin in eine Photographenlehre zu seinem Bruder nach Klagenfurt. Dort hielt der seelisch labile Jugendliche zwar vier Jahre durch, aber der Beruf fesselte ihn ganz und gar nicht. Völlig auf sich allein gestellt, suchte der pubertierende Jüngling nach einem Lebensanker, den er aber weder in dummen Jugendstreichen, noch in der Liebe oder in Büchern fand. Ein Selbstmordversuch am Grab seiner Mutter als letzter Ausweg aus seiner Existenzkrise schlug fehl, der Onkel wies ihn aus dem Haus. Auch die nächste pädagogische Wegweisung des Vaters, die für seinen unsoldatischen Sohn eine Karriere in der Armee vorsah, mündete in dessen totalen körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Erst im Frühjahr 1898 gestattete der unsensible, verständnislose Vater Alfred, an der Münchener Kunstakademie Graphik und Malerei zu studieren. Eine entscheidende Weichenstellung.

Dämonen und Visionen #

Doch auch in München fand Alfred Kubin sein seelisches Gleichgewicht zunächst nicht. Die Beschäftigung mit dem graphischen Werk so großer Meister der Zeichen- und Malkunst wie Francisco Goya, Edvard Munch und James Ensor lösten in ihm Niedergeschlagenheit, Minderwertigkeitskomplexe und Zweifel an seinen eigenen Fähigkeiten aus. Von einer dunklen, als dämonisch empfundenen Kraft getrieben, stürzte sich Kubin in die Arbeit und schuf in einem wahren Schaffensrausch in kürzester Zeit Hunderte von Blättern, voll mit schrecklichen Visionen, furchterregenden Ungeheuern, höllischen Dämonen, fratzenhaften Spukgestalten und Weltuntergangsstimmungen. Dieses symbolistische Frühwerk, damals auf Unverständnis stoßend, wird heute sehr geschätzt.

Die Anerkennung, um die Kubin sich nach Kräften mühte, wurde ihm nur langsam zuteil. Erste Käufer fanden sich, erste Ausstellungen wurden veranstaltet. Hand in Hand damit ging ein Selbstfindungsprozess, der, durch äußere Anlässe und innere Zwänge verursacht, von depressiven Schüben gefährdet wurde, und erst im Mannesalter zum Stillstand kam. 1904 heiratete der scheue Künstler Hedwig Gründler, eine gebildete und begüterte Witwe, die ihm durch ihr mütterliches Wesen seelischen Halt gab und seine treue Lebensbegleiterin wurde. Mit ihrem Geld erwarb das Ehepaar das kleine Schlösschen Zwickledt bei Wernstein im oberösterreichischen Innviertel.

Es war in vielerlei Hinsicht ein neuer Lebensabschnitt, der nun begann, ein Wendepunkt seiner Existenz: Kubin entsagte dem hektischen Getriebe der Großstadt und schuf in den nächsten Jahrzehnten in ländlicher Abgeschiedenheit sein großes, heute in aller Welt geschätztes Werk. Seine seelische Ausgeglichenheit reflektierte sich in seinen Blättern. Sein zeichnerischer Strich wurde gelöster,sein künstlerisches Traumreich nahm freundlichere, hellere, und wenn man so will, auch hellsichtigere Züge an.

Die Dämonen in seinem Inneren verstummten zwar nicht zur Gänze, aber sie plagten ihn immer seltener. Das zweigeschossige Schlösschen in Zwickledt nördlich von Schärding, das sich heute im Besitz des Landes Oberösterreich befindet und als Gedenkstätte eingerichtet ist, war bis zu Kubins Tod die Quelle seiner Inspiration und Imagination. Hier führte er, umgeben von einer stattlichen Anzahl von Haustieren, mit seiner Frau ein zurückgezogenes Künstlerleben. Den Kontakt mit der Außenwelt hielt er anfänglich noch durch Reisen aufrecht, die Sommer verbrachte er im Böhmerwald, einem Landstrich, dem er sich zutiefst verbunden fühlte. "Diese oft düstere, menschenleere Landschaft ist die eigentliche Landschaft meiner Seele, in ihr ruhen die tiefsten Wurzeln meiner Wesens", vermerkte er auf einer der Zeichnungen aus der Sammlung: "Phantasien aus dem Böhmerwald". Mit der Außenwelt in geistiger Verbindung blieb er auch durch seine intensiven Briefwechsel mit Hans Fronius, Hermann Hesse, Fritz Herzmanovsky-Orlando, Richard Billinger und anderen Künstlerpersönlichkeiten. Zu Billingers Drama "Rauhnacht", das 1931 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, fertigte er das Bühnenbild an und setzte sich mit dessen literarischen Schaffen in seinen graphischen Blättern auseinander.

Verändertes Weltgefühl#

Zur Literatur hatte Kubin eine innige Beziehung, nicht zuletzt deshalb, da er selbst auch schriftstellerisch tätig war. Das wichtigste Werk aus seiner Feder ist der Roman "Die andere Seite", in dem er detailreich und visionär die Weltkatastrophen des 20. Jahrhunderts vorausahnend beschrieb. Hermann Hesse bezeichnete den 1908 erschienenen Roman als das „am meisten dichterische Werk der letzten Jahrzehnte“. Kubin selbst sprach von einem "veränderten Weltgefühl", das nun in seine Seele einzog; das Buch mit seinen autobiographischen Bezügen hatte zweifellos therapeutischen Charakter. Außerdem verfasste er Erzählungen, Essays und eine Autobiographie. Alfred Kubin war, wie Albert Gütersloh, Fritz von Herzmanovsky-Orlando und Oskar Kokoschka eine künstlerische Doppelbegabung. Trotz seiner verhältnismäßig geringen Schulbildung war der "Einsiedler von Zwickledt" ein Mann von weitreichenden geistigen Interessen. Er beschäftigte sich intensiv mit philosophischen und religiösen Fragen; weltanschaulich neigte er zum Buddhismus.

Die wirtschaftliche Grundlage seiner Künstlerexistenz bildete seine Tätigkeit als Illustrator bedeutender Werke der Weltliteratur, die ihm bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts internationale Anerkennung eintrug. Er hat die Bücher geistesverwandter Schriftsteller wie Edgar Allan Poe, Franz Kafka, Fjodor Dostojewski, E.T.A. Hoffmann und August Strindberg, um nur einige zu nennen, kongenial illustriert. In seiner dämonischen, zwielichtigen Bilderwelt mischt sich Visionäres mit Skurrilem, Unheimliches mit Grauenerregendem, Gespenstisches mit Groteskem. Hin und wieder blinzelt aber auch ein kauzischer, schalkhafter Humor durch die labyrinthische Traumwelt des begnadeten Zeichners.

In der nationalsozialistischen Ära wurden zahlreiche Werke Kubins als „Entartete Kunst“ diffamiert und beschlagnahmt. Er wurde aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen, erhielt aber kein Ausstellungsverbot.

Ein österreichisches Schicksal blieb dem großen Graphiker leider nicht erspart: Die öffentliche Anerkennung erreichte ihn sehr spät. Erst im Alter von 73 Jahren erhielt Alfred Kubin den Preis der Stadt Wien für Malerei und Graphik, 1951 wurde ihm der Große Österreichische Staatspreis für bildende Kunst verliehen, zwei Jahre vor seinem Tod erhielt er das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst.

Alfred Kubin starb am 20. August 1959 in Zwickledt und wurde auf dem Friedhof in Wernstein beerdigt. Schule hat der künstlerische Einzelgänger keine hinterlassen. Aber sein Werk war für viele österreichische Künstler eine Quelle der Inspiration. Hans Fronius, mit dem er eine langjährige Korrespondenz unterhielt, und der vor kurzem verstorbene Paul Flora verdienen es, in diesem Zusammenhang an vorderster Stelle genannt zu werden.

Friedrich Weissensteiner © Wiener Zeitung


Friedrich Weissensteiner

war Direktor eines Wiener Bundesgymnasiums

und ist Autor zahlreicher historischer Bücher.

Wiener Zeitung, Freitag, 14. August 2009