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Die Poesie der Fremde #

„Deine Schönheit ist nichts wert“: Regisseur Hüseyin Tabak beleuchtet in seinem Drama das Seelenleben einer türkischen Migrantenfamilie. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 11. April 2013

Von

Jürgen Belko


Filmszene: Yüsa Durak (li.) als Veysels Bruder Mazlum, Abdulkadir Tuncer als Veysel (re.)
Hervorragender Cast: Yüsa Durak (li.) als Veysels Bruder Mazlum, Abdulkadir Tuncer als Veysel (re.)
© Die Furche

Veysel lebt als halb Kurde, halb Türke mit seiner Familie erst wenige Monate in Österreich, hat aber bereits jede Menge Probleme: er spricht kaum Deutsch, hat keine Freunde und ist unglücklich in eine Schulkollegin verliebt. Nur in seinen Tagträumen kann der Zwölfjährige Anas Herz erobern und vor den familiären Problemen flüchten. Aufgerieben zwischen seinen Wunschvorstellungen und seinem tristen Migranten-Dasein droht Veysel zu zerbrechen – bis er den 33-jährigen Türken Cem kennenlernt: Ein Macho mit Liebeskummer, der wie der kleine Außenseiter ein Faible für die Gedichte des türkischen Poeten und Sängers Asik Veysel hat.

Asik Veysels Dichtkunst #

Nicht nur für die Protagonisten des Migrantendramas „Deine Schönheit ist nichts wert“ spielt Veysels Dichtkunst eine wichtige Rolle, auch Regisseur Hüseyin Tabak ließ sich von dem titelgebenden Gedicht des anatolischen Künstlers inspirieren: „Ich selbst komme aus Ostanatolien und bin mit Veysels Liedern aufgewachsen – sie gehören zu mir. Der Idee zu diesem Film lag die Frage zugrunde: Was bringen Leute mit, wenn sie ihre Heimat verlassen? Da muss ja etwas passiert sein, was sie zu diesem Schritt gezwungen hat.“

In „Deine Schönheit ist nichts wert“ ist es die Vergangenheit des Vaters, der als kurdischer Freiheitskämpfer jahrelang in den türkischen Bergen gelebt hat, die die Familie nach Österreich geführt hat – mit jeder Menge Probleme im Gepäck: Vor allem Veysels älterer Bruder wirft ihm vor, Schande über die Familie gebracht und sie vernachlässigt zu haben. Als der Vater-Sohn-Konflikt in einer körperlichen Auseinandersetzung eskaliert, kehrt Mazlum seinem Elternhaus den Rücken und stellt das ohnehin angespannte Familienverhältnis auf eine harte Probe.

Mittendrin: der kleine Veysel, der ebenso wie das Kinopublikum mit der (überkonstruierten) Problemdichte überfordert ist. Verantwortlich dafür ist Tabaks Versuch, sämtliche zwischenmenschliche Irrungen und Wirrungen vor dem Migrationshintergrund seiner Protagonisten in ein als Liebesfilm getarntes Drama zu verpacken. Statt Veysels Gefühle für Ana in der Tiefe auszuloten holt der deutsch-türkische Filmemacher zu einem thematischen Rundumschlag aus, der das Auflösen aller generierten Klischee- Bilder unmöglich macht.

Filmszene aus: Abdulkadir Tuncer als Veysel sowie Milica Paucic als dessen „Angebetete“ Ana.
Abdulkadir Tuncer als Veysel sowie Milica Paucic als dessen „Angebetete“ Ana.
© Die Furche

Tagträume eines Zwölfjährigen #

Eine besondere Bedeutung kommt dem eskapistischen Kopfkino der Hauptfigur zu: Veysels Tagträume von einer gemeinsamen Zukunft mit Ana visualisieren nicht nur die Schlüsselmomente der Inszenierung, sondern verstärken auch die poetische Filmsprache, die im krassen Gegensatz zu seiner Alltagsrealität steht. Ein Kontrast, der bereits zu Beginn deutlich wird – auf eine gefühlvolle Traumsequenz folgt die raue Wirklichkeit: aus Sorge um seinen von Zuhause weggelaufenen Bruder irrt der Zwölfjährige alleine in der Nacht durch Wiens Straßen. Sein einziger Begleiter ist die Kamera, die ihm stets dicht folgt, und so auch räumlich für eine Nähe zur Filmfigur sorgt. Emotional kann man sich dem kleinen Protagonisten ohnehin nur schwer entziehen.

Mit seinen mandelbraunen Augen und seiner Unschuldsmiene verleiht der bereits aus Tabaks Kinderfilm „Das Pferd auf dem Balkon“ bekannte Abdulkadir Tuncer dem Außenseiter-Dasein seines Leinwand-Alter- Egos ein authentisches Antlitz. Auch bei der Auswahl des restlichen Casts hat der Regie- Newcomer alles richtig gemacht, wie der Gewinn des Türkischen Filmpreises unter anderem in den Kategorien Bester Hauptdarsteller, Beste Nebendarstellerin und Bester Nachwuchsschauspieler beweist.

Die Art und Weise, wie Tabak in seinem Film deutlich macht, dass die emotionale Sprachlosigkeit schwerer zu überwinden ist als die verbale, hat auch die Lehrenden an der Wiener Filmakademie überzeugt: „Deine Schönheit ist nichts wert“ ist nicht nur der erste Langspielfilm des Haneke- Schülers, sondern auch die erfolgreiche Abschlussarbeit seines Drehbuch- und Regie- Studiums.

  • Deine Schönheit ist nichts wert. A 2012. Regie: Hüseyin Tabak. Mit Nazmi Kirik, Abdulkadir Tuncer, Lale Yavas. Filmladen. 85 Min.

DIE FURCHE, Donnerstag, 11. April 2013