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Die Skulptur als Scharnier#

Franz West, Österreichs bekanntester Künstler, ist mit 65 Jahren gestorben#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 27. Juli 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Franz West
"Franz West, Objektkünstler und Kunst-Eingemeinder, in seinem Atelier."
© Wiener Zeitung / Archiv Franz West

  • Mit seinen multifunktionalen Skulpturen holte er die Kunst in den Alltag.

"Ihm ist alles Performance" war eine typische Charakteristik des vielseitigen Objektkünstlers Franz West. Sein lakonischer Ausspruch, er "mache schlicht home-art", wird gerne überstrapaziert. Denn der im Ausland bekannteste österreichische Künstler hinterlässt Widersprüche und Rätselhaftigkeit, die für die Gegenwartskunst typisch sind. Seine Flucht aus Pathos und Leidthematik der "Wiener Aktionisten" war nur ein Auslöser für seine neue multifunktionale Skulptur. Andere Anregungen holte er sich aus der Philosophie, die er - laut Peter Noever - allerdings las, wie man in Modejournalen liest. Sicher richtig bleibt die Beobachtung, dass er von Immanuel Kants "interesselosem Wohlgefallen" an der Kunst bis in die heute im Trend bleibende Trash-Ästhetik vieles sehr genau untersucht hat, bevor er nach langen Jahren des Experimentierens überhaupt als Künstler auftrat.

Kunst hinein in den Alltag#

Für Franz West war die Skulptur kein feststehender Block mit Aura, sondern ein Scharnier. Sein langjähriger Galerist Peter Pakesch nennt seine Werke "Angelpunkte" einer neuen Beziehung zwischen Künstler und Publikum. Dieses sollte sich mit allen Sinnen Kunst-Installationen als Vorschlägen für einen neuen Lebensraum widmen. Er schaffte es, Kunst einzugemeinden in den Alltag, seine Werke auf Stühle und Monitore zu platzieren, als Art Prothesen an Körper anzupassen. Kunst ist für ihn frei von der "Heraldik des gutbürgerlichen Formats". Demgemäß wandelte er Stühle, Diwans und Tische aus Eisenteilen und Industrieschrott zu Kunstwerken. Trotz Neuerfindung des Lebensraums verweigerte er sich aber nicht den Museen und dem Ausstellungsbetrieb. Neu war vor allem seine Fähigkeit, die Funktion der Kunst in der Gesellschaft zu hinterfragen, kritisch über die Avantgarden zu reflektieren und auch die Rolle des Künstlers neu zu definieren.

Franz West
Dieses "Gekröse", eine der letzten Arbeiten Franz Wests (aus 2011), wurde im Juni bei der Art Basel gezeigt.
© Wiener Zeitung /EPA

Dabei blickte der am 16. Februar 1947 in Wien geborene Franz West trotz seiner engen Gebundenheit an Wien immer über die Szene des "Wiener Aktionismus", die er als junger Mann durch seinen Halbbruder Otto Kobalek, der der "Wiener Gruppe" nahestand, aktiv miterlebte, hinaus. Vor seinem späten Studium bei Bruno Gironcoli 1977 bis 1982 kam er mit Zeichnungen und Collagen in den Dunstkreis der Avantgardegalerie nächst St. Stephan. Etwa 1980 begann er mit Möbelskulpturen, die zuerst roh, dann später durch Stoffe und Polsterauflagen mit Ethnomustern veredelt wurden. Durch Friedl Kubelka-Bondy kam er zu neuen Medien. Als Anregung dienten ihm weniger Künstlerkollegen als die Schriften von Ludwig Wittgenstein und Adolf Loos zum Rezeptionsprozess, doch auch die Tiefenpsychologie Sigmund Freuds und Jacques Lacans.

Goldener Löwe im Vorjahr#

Den Durchbruch hatte West mit Kasper Königs "Westkunst"-Schau in Köln, 1995 nahm der legendäre Kurator Harald Szeemann ihn in seine "Spuren, Skulpturen und Momente"-Ausstellung auf, Hans Hollein kürte ihn davor 1990 als Österreichs Beitrag zur Biennale von Venedig. 1992 war er auf der documenta IX und unterrichtete 1992 bis 1994 an der Städelschule in Frankfurt. Das Moma in New York zeigte ihn 1997, die Foundation Beyeler in Basel 2009, neben vielen Preisen bekam er 2011 zur Biennale den Goldenen Löwen in Venedig. In Wien war er ab 1989 mit der Konfrontation seiner Liegen vor Caravaggio und Vermeer in allen Museen zu sehen; das Belvedere besitzt Skulpturen für den Garten, seit 2001 stehen vier Lemurenköpfe auf den Brückenpylonen neben dem MAK. Kommenden Februar plant das Mumok in Wien eine Retrospektive.

Vieles in Wests Kunstauffassung ist Reaktion auf die internationale Performancekunst, aber auch Pop-Art und Minimalismus, im Objektbegriff hat er die vielen Rückblicke auf das Ready-made Marcel Duchamps bis 1970 hinter sich gelassen und den Schritt in eine post-utopische Auffassung als einer der Ersten gewagt. Mit seinen berühmten "Passstücken" aus armen Materialien wie Draht, Holz und Papiermaché, die an den Körper angelegt werden und seltsame Posen hervorrufen, hat West den Kunstbegriff erweitert. Ihn kennzeichnet postmoderne Ambivalenz, ironische Haltung, permanente Dynamik, Zufall und Fehler waren ihm willkommene Anregungen, sich ständig zu verändern. Er betitelte die bemalten Skulpturen als hässlich oder schön, aber auch provokant als "Busenschupfer", "Alpenglühen" oder "Hirn mit Ei". Raubbau am eigenen Körper führte nun auch zu seinem Tod im 66. Lebensjahr.

Höchstpreise am Kunstmarkt#

Als Teamworker der ersten Stunde arbeitete West mit Hans Weigand, Herbert Brandl, Heimo Zobernig, Marcus Geiger, Mike Kelley, zuletzt 2011 mit Gelatin und Sarah Lucas in Krems, aber auch mit Dichtern wie Reinhard Priessnitz oder Ferdinand Schmatz. Seine frühen Ausstellungen in New York führten neben internationaler Präsenz auch zu Höchstpreisen. Das kommentierte er mit ständiger Erweiterung seiner Atelierwerkstätten, für die er bis zuletzt die Ideen sowie wichtige Korrekturen für seine ausführenden Assistenten stiftete.

West faszinierte die Kritik an der Kunstsituation der Moderne, die der ins amerikanische Exil geflüchtete Kunsthistoriker Edgar Wind den Galeristen anlastete. Die Abkoppelung von Schaffendem und Rezipienten sei das Problem, ein Galerist müsse zum neuen Mittler werden und nicht nur Konfektionsware vertreiben. Offenbar lösten seine Galeristen, in Wien nach St. Stephan und Pakesch, Hummel und Meyer-Kainer, in New York Zwirner und Gagosian, diese Forderungen ein.

Wiener Zeitung, Freitag, 27. Juli 2012