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Diese drei Farben#

Explosiv: Roland Goeschl und Fritz Wotruba im 21er Haus#


Von der Wiener Zeitung (Di, 19. Juni 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Humanic-Haus
Legendäre Werbeaktionen: Humanic-Haus Wien-Favoriten, Fassadengestaltung, 1976, von Roland Goeschl
© Belvedere Wien

Lehrer und Schüler gegenüberzustellen ist oft ein allzu kontrastreiches Programm - nicht so in der kleinen Schau über Fritz Wotruba und seinen Schüler und Assistenten Roland Goeschl im 21er Haus. Die Stellfläche der Wotruba-Privatstiftung ist mit Anregungen der Architektur von De Stijl sensibel umgestaltet. Vor allem Zeichnungen und Modelle der beiden Bildhauer sind um Fotografien der Außenraumgestaltungen ergänzt, Kleinskulpturen ergänzen große Objekte.

Roland Goeschl hat Anfang der sechziger Jahre in London die Farbe für sich entdeckt und sich dann auch mehr und mehr Arbeiten für den öffentlichen Raum, sogar Werbung und Film zugewandt, beziehungsweise aufregenden Ausstellungsgestaltungen wie jener 1969 für das damalige 20er Haus während der Direktion Werner Hofmanns. Vor kurzem hat er dem Belvedere ein Konvolut mit 220 Objekten als Schenkung übertragen. Wotruba verwendete die Farbe nur in manchen Skizzen für seine Skulpturen und "Explosiv" (so der Titel der Schau) war er in seiner Leidenschaft zu unterrichten; Elias Canetti hat seine Streitbarkeit für die Sache der neuen Bildhauerei dokumentiert.

Allerdings wurde das blockhafte Konzept bis jetzt in seinem Werk zu sehr betont, obwohl es stark dynamische Züge aufweist, die für seine Schüler den wesentlichen Anstoß in Richtung plastisches Gestalten gaben. Sichtbar in seiner über Eck gestellten, kubischen Konzeption für das Grab Arnold Schönbergs, in seinen Tusche-Skizzen "architektonischen Figuren" und im Bronzeentwurf für die Kirche in Mauer 1967, die als Archiskulptur eine spätere Tendenz vorwegnimmt, die auch Goeschls Arbeit zwischen den Kunstgattungen anlegt.

Die eigentliche Explosion findet bei letzterem in den legendären, gemeinsam mit seiner Frau Ingeborg Goeschl-Pluhar, konzipierten Werbefilmaktionen für die Firma Humanic statt. Die Modelle nicht ausgeführter Projekte wie die Flakturmbemalung 1972, die Verbauung des Kurfürstendamms oder eine "Skulptomalerei" für die Universität Tübingen zeigen den Künstler als eine damals durch die Teilnahme bei documenta III 1964 und Venedig-Biennale 1968 international viel diskutierte Position. Von der abstrakten Figuration über Einflüsse der Konkreten bis zu Tendenzen der Hard-Edge-Bewegung hat er neben Bruno Gironcoli oder Oswald Oberhuber die österreichische Kunstszene geprägt. Anders als die Genannten blieb er aber methodisch seinem Lehrer mehr verbunden.

Die Verbindung beider zum 20er Haus und dem ehemaligen Skulpturengarten mit Wotrubas großem Figurenrelief wird vor dem Restaurant noch einmal mit vier Skulpturen betont, zwei Bronzen Wotrubas bilden mit den dreifarbigen doppelten Kuben und Säulen Goeschls eine Familie, die auch an die aufsehenerregende überbordende "Interpenetration" der Fassade des Museumsbaus 1969 erinnert.

Wiener Zeitung, Di., 19. Juni 2012