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Egozentrisch und extravagant#

Vor 150 Jahren wurde Adele Sandrock geboren, die als junge Diva das Theaterpublikum schockierte und begeisterte, während sie später in der Rolle der "komischen Alten" die Kinozuschauer erheiterte.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 17./18. August 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Friedrich Weissensteiner


Adele Sandrock
Ein Glamourbild der Adele Sandrock aus dem Jahr 1900.
Abb.: Wikimedia

Am 1. Dezember 1893, einem kühlen Spätherbsttag, findet am Deutschen Volkstheater in Wien die Premiere des Schauspiels in drei Akten "Das Märchen" statt. Arthur Schnitzler, der Autor des Stückes, entstammt einem großbürgerlichen jüdischen Elternhaus. Er hat Medizin studiert und in diesem Jahr eine Privatpraxis eröffnet. Dem ungeliebten Arztberuf wird er bald Adieu sagen, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Jetzt steht er am Beginn seiner Laufbahn.

Die Hauptdarstellerin in seinem Theaterstück ist Adele Sandrock. Sie spielt die Rolle der Fanny Theren, eine junge Schauspielerin, die sich vehement gegen die Vorurteile einer von Männern dominierten Gesellschaftsordnung zur Wehr setzt. Der Part ist ganz nach ihrem Geschmack, passt ausgezeichnet zu ihrem Naturell.

Bei den Proben lernt die 30-jährige, attraktive, selbstbewusste Schauspielerin den um ein Jahr älteren Autor näher kennen. Aus der Bekanntschaft entwickelt sich binnen kurzem ein ungestümes Liebesverhältnis.

Großes Liebestheater#

Schnitzlers Bühnenerstling wird vom Publikum mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Auch die Theaterkritik ist davon wenig beeindruckt. In der "Neuen Freien Presse" steht am nächsten Tag zu lesen: "Der Autor begnügt sich, einige kampflustige Schlagworte über freie Liebe aufflattern zu lassen und gefällt sich in einigen gewagten Szenen." Aus den einzelnen Figuren spreche aber Talent. Immerhin.

Die Sandrock kommt besser weg. Die Künstlerin habe der Rolle anfangs sehr unwillige Töne gegeben, meint der Kritiker. Sie habe aber im zweiten Akt verdienten Beifall gefunden. Auch nicht eben ein überschwängliches Lob. Sei’s drum.

Auf dem Nachhauseweg des Autors mit seiner Hauptdarstellerin erklärt sie dem in Liebesdingen keineswegs unerfahrenen Dichter kurzerhand: "Ich bin so eine Person, die das im Stand ist - wenn ich mich in einen verlieb’ komm ich einfach zu ihm."

Die Sandrock sucht sich ihre Männer aus. Nicht umgekehrt, wie das damals üblich war. Sie ist kein süßes Wiener Mädel, das sich verführen lässt, sondern eine starke Persönlichkeit, eine weibliche Herrschernatur, eine provokante gesellschaftliche Außenseiterin. Egozentrisch, extravagant, ungezügelt. Auf gute Manieren und Anstand legt sie keinen Wert. Und sie ist freizügig. Die scheinheilige bürgerliche Moral ihrer Zeit überspringt sie mit spielender Leichtigkeit. Die routinierte Seitenspringerin bindet sich bestenfalls vorübergehend an einen Mann. Sie bleibt zeitlebens unverheiratet.

Die Liebesbeziehung zwischen der arrivierten Mimin und dem kaum bekannten Dichter währt nur wenig mehr als ein Jahr. Sie ist gekennzeichnet durch ein Übermaß an beidseitiger Emotionalität. Sexuelle Sinneslust und Liebesglut werden unterbrochen und abgelöst von stürmischen Eifersuchtsszenen, hässlichen verbalen Entgleisungen und zunehmender Abgestumpftheit auf Seiten des männlichen Partners. Die wechselvolle, breite Gefühlsskala reflektiert sich in einer extensiven Korrespondenz und in den Tagebucheintragungen des Schriftstellers. Nicht weniger als 257 Briefe und Telegramme ihrer- und 133 Schreiben seinerseits sind erhalten geblieben. Für sie ist der Liebhaber ein " Silberfisch, ein Panther, ein Eisbär" und ein andermal ist der kleinere Bettgenosse ihr "einziger Zwerg" und, seine intellektuelle Überlegenheit durchaus anerkennend, ihr "ideales Gscheiterl". Der Dichter, der mit der Sprache natürlich schöpferischer umzugehen vermag, charakterisiert sie in ihrer ganzen charakterlichen Bandbreite als "Dämon, liebes Kind, Engerl, Tragödin, Genie, Fratz, Canaille, Liebling, süßes Herz, fascinirende Person gefährliches Wesen, herziger Schatz".

Am Burgtheater#

Die Sandrock ist keine ebenbürtige geistige Gesprächpartnerin für Schnitzler. Er notiert im Tagebuch: "Bei Dilly ab(en)ds. Starb vor Langeweile." Ihre triebhafte Körperlichkeit widert ihn an, er beginnt sich langsam von ihr zu lösen, schreibt an seinem "Anatol" weiter, sehnt sich nach einem "jungen, frischen Mädel".

Die inzwischen (stadt)bekannte Schauspielerin klettert in ihrer Karriere eine Stufe höher. Im Jänner 1895 holt Max Burckhard sie an das k.k. Hofburgtheater. Burckhard, seit 1890 Direktor des Hauses am Ring, hat den Spielplan entstaubt, mit Sonntagsnachmittagsveranstaltungen das Theater neuen Bevölkerungsschichten erschlossen und außer der Sandrock auch Hedwig Bleitreu, Friedrich Mitterwurzer und Josef Kainz an das Haus geholt.

Die Sandrock debütiert als Maria Stuart und stellt bald auch in anderen klassischen Rollen ihre schauspielerische Darstellungskraft und ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Der Direktor, der nicht nur ihre mimischen Qualitäten schätzt, vertraut ihr die Hauptrolle in Schnitzlers "Liebelei" an, das am 9. Oktober 1895 uraufgeführt wird. Es ist ein Wagnis, aber Adele spielt die Rolle der Christine, die so gar nicht zu ihrem Naturell passt, mit der nötigen einfühlsamen Verhaltenheit. Publikum und Kritik sind beeindruckt. Der Erfolg des Stückes markiert den Beginn für Schnitzlers Karriere als Bühnenschriftsteller. Adele, die ihm einmal den Satz ins Gesicht geschleudert hat, "du bist ein Lustknabe, kein Autor", hat entscheidend dazu beigetragen, den Grundstein dazu zu legen. Zur Zeit der bemerkenswerten Premiere ist das Liebesverhältnis bereits zerbrochen. Schnitzler setzt seinen Liebesreigen mit einer anderen Dame fort. Der von konservativen Theaterkreisen angefeindete Max Burckhard reicht 1898 seine Demission ein. Im gleichen Jahr verlässt die Sandrock nach einer heftigen Kontroverse mit dem neuen Direktor Paul Schlenther das Burgtheater.

Unstete Existenz#

Von allen Ensemblepflichten entbunden, tourt die temperamentvolle Diva durch halb Europa, flattert von Bühne zu Bühne. Auf einer ihrer Tourneen lernt sie Anfang Dezember 1900 in der slawonischen Garnisonsstadt Essegg bei einer ausschweifenden Fete in seiner Junggesellenwohnung einen jungen Leutnant der k.(u.)k. Armee kennen: Alexander Roda (= Sandòr Rosenfeld). Die Diva verliebt sich stante pede in den schnauzbärtigen, um neun Jahre jüngeren Offizier, der in der kleinen Stadt ob seiner Leichtlebigkeit und seiner Eskapaden sattsam bekannt ist. Roda wird 1907 wegen "Verstoßes gegen die Offiziersehre" aus der kaiserlichen Armee ausgestoßen. Er macht sich als Roda Roda mit seinen humorvollen, witzig-spritzigen Geschichten einen klangvollen Namen als Schriftsteller und Kabarettist.

Die Affäre mit Adele Sandrock ist kurz, aber von leidenschaftlicher Heftigkeit. Sie gedeiht sogar, was von der grundsätzlichen Einstellung der Schauspielerin gegenüber dem männlichen Geschlecht her gesehen, schwer verständlich ist, bis zur Verlobung, sogar bis zur geplanten Hochzeit, die dann doch nicht zustande kommt.

Von den Veranstaltungsorten ihrer Tourneen aus überhäuft Adele ihren Auserwählten mit glühenden Liebesbriefen, die in ihrer sprachlichen Unkontrolliertheit und ihren erotischen Ergüssen die Schnitzler-Adressate in den Schatten stellen. Sie apostrophiert ihren "Schnauzi" in ihren Anreden als "Weltwunder" und "Ausnahmemenschen", als "Sonnenschein in ihrer Finsterniß", als "Licht ihrer Augen". Einer ihrer erotischen Ergüsse hat nur den Satz zum Inhalt: "Ich liebe dich", hundertmal hintereinander. Nein, das hat kein Teenager geschrieben. Die Schreiberin hat 38 Lenze auf dem Buckel. Und da heißt es auch einmal - man verzeihe mir das Zitat: "Roda gieb mir dein edles weißes heiliges Blut in meinen dich liebenden dich vergötternden zitternden Leib hinein." Das übersteigt selbst die Formulierungskraft phantasiereichster Sexschreiberlinge.

Im September 1901 geht die unsägliche Liebesgeschichte zu Ende. Das schauspielerische Wanderleben, das sie nach dem Abgang von der Burg zu führen gezwungen ist, geht ihr auf die Nerven. Sie sehnt sich in ihr geliebtes Wien zurück, sie möchte wieder im Haus am Ring auftreten. Und setzt alle Hebel in Bewegung, um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Vergeblich. Selbst ein Schreiben an Katharina Schratt, die den Kaiser dafür gewinnen soll, fruchtet nichts. Adele Sandrock kehrt 1902 zwar an ein Wiener Theater zurück, aber nicht an die Burg, sondern an das Deutsche Volkstheater. 1905 holt sie Max Reinhardt an das Deutsche Theater in Berlin. Es ist eine anerkennende Verbeugung des großen Regisseurs vor ihrer Schauspielkunst.

Die zweite Karriere#

Aber Adele Sandrock vermag an die Erfolge ihrer Wiener Zeit nicht mehr anzuschließen. Ein durchschlagender Triumph bleibt ihr auf der Reinhardt-Bühne wie auch auf kleineren Bühnen versagt. Sie veranstaltet Vortragsabende, geht wieder auf Tournee. Das Geld wirft sie beim Fenster hinaus, sodass sie zu guter Letzt sogar auf die finanzielle Hilfe von Freunden angewiesen ist.

Nach dem Ersten Weltkrieg eröffnet sich im Stumm- und dann im Tonfilm für sie ein neues, lohnendes Betätigungsfeld. Jetzt nicht mehr als strahlende Heroine, sondern als egozentrische Alte, als Hausdrachen, als herrschsüchtige Matrone, die mit strafendem Blick und im Generalston mit tiefer männlicher Stimme Befehle erteilt.

Zwischen 1919 und 1936 wirkt Adele Sandrock in etwa einhundertsechzig Filmen mit, vom Kinopublikum ob ihrer Schrullenhaftigkeit gerne gesehen. Als schrullige Alte mit schweren Tränensäcken wird sie den Menschen wohl auch - nicht zuletzt dank vieler Reprisen ihrer Filme - in Erinnerung bleiben.

Das tragische Ende#

Ihr letztes Lebensjahr ist tragikumschattet. Im April 1936 erleidet Adele Sandrock einen Oberschenkelhalsbruch, der sie für sechzehn schmerzvolle Monate an das Krankenbett fesselt. Von ihrer um zwei Jahre älteren Schwester Wilhelmine, mit der sie in Berlin- Charlottenburg seit langem beisammen lebt, liebevoll betreut, erlöst sie am 30. August 1937 der Tod. Sie wurde 74 Jahre alt.

Ihrem Wunsch gemäß wird der Sarg mit ihrem Leichnam nach Wien, ihrer Lieblingsstadt, überführt, wo die kapriziös-emanzipierte Schauspielerin im Beisein zahlreicher Ehrengäste aus Kultur und Politik auf dem evangelischen Friedhof in Matzleinsdorf ihre letzte Ruhestätte findet.

Friedrich Weissensteiner war Direktor eines Wiener Bundesgymnasiums und ist Autor zahlreicher historischer Sachbücher, unter anderem: "Die rote Erzherzogin", "Die Frauen der Genies", "Große Herrscher des Hauses Habsburg".

Wiener Zeitung, Sa./So., 17./18. August 2013