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Ein Außenseiter des Kunstbetriebs#

Der bei Salzburg lebende Maler Rudolf Kortokraks, einst erster Assistent von Oskar Kokoschka, blickt auf ein bewegtes Künstlerleben zurück.#


Von der Wiener Zeitung (4./5. Dezember 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Oliver Bentz


Ein Selbstbildnis des Künstlers aus dem Jahr 2000. Foto: Bentz
Ein Selbstbildnis des Künstlers aus dem Jahr 2000. Foto: Bentz

Wien, 1. Bezirk, Stallburggasse 2, "Café Bräunerhof": Ein elegant gekleideter Mann betritt das Lokal. Der ältere Herr mit Gehstock, im noblen Anzug und schwarzen Mantel, ist der 1928 im deutschen Ludwigshafen geborene Maler Rudolf Kortokraks, der viele Jahre in Österreich gelebt hat und heute in einem Gasthof in Maria Plain bei Salzburg wohnt. Wäre Rudolf Kortokraks ein "einfacher Zeitgenosse", würde er sich als hervorstechender Künstler gewiss schon seit langem großer Bekanntheit erfreuen. Da er aber zeitlebens nicht bereit war, in seiner Kunst Kompromisse einzugehen, und bis heute keine Gelegenheit auslässt, mit "wichtigen" Vertretern der Kulturpolitik und der Kunstszene die Klingen zu kreuzen, blieb er ein mit dem Kunstbetrieb nicht kompatibler Außenseiter.

Ohne lange Umschweife kommt Rudolf Kortokraks, nachdem er sich in einer Caféhausnische niedergelassen hat, ins Erzählen, berichtet über die kleine aber feine Ausstellung, die man ihm zum 80. Geburtstag 2008 in Salzburg – wo er, neben seinen Wohn- und Arbeitsorten in London und Tuscania bei Rom, meist lebt – eingerichtet hat; von seiner Zeit als Mitarbeiter Oskar Kokoschkas in der Salzburger "Schule des Sehens" in den 1950/60er Jahren; von seinen Malkursen in jenem alten Turm in Italien, den er wegen gesundheitlicher Probleme verlassen musste; von seiner Kindheit während der Nazizeit in Ludwigshafen; und von den Schwierigkeiten, die man schon immer, nicht nur in seiner Heimatstadt, mit ihm, seiner Art und seiner Kunst gehabt hat.

An das Ludwigshafen seiner Kindheit, das er 1941 nach der Trennung der Eltern mit der Mutter in Richtung Graz verließ, kann er sich noch gut erinnern. Etwa an den Tag der Machtergreifung Hitlers 1933, als er einen Aufmarsch der Nazis miterlebte. Weil das Pferd eines SA-Mannes dauernd wieherte, sagte ein Bekannter zu seinem Vater: "Da lachen ja sogar die Pferde." Doch das Lachen sollte den beiden Männern, sie waren Kommunisten, bald vergehen. Noch heute überkommen Rudolf Kortokraks Stolz und Angst bei dem Gedanken, wie sein Vater damals in seinem Beisein einen "Stürmer-Kasten" mit Hetzparolen der Nazis zertrümmerte – und noch heute fröstelt ihn die Erinnerung an die Hausdurchsuchungen in der Wohnung seiner Eltern, die er während des Dritten Reiches erleben musste.

Lehrjahre in Graz#

Auch an seine erste Ausstellung 1951 in Bremen hat er noch lebhafte Erinnerungen. Kortokraks teilte die Schau mit dem in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckten und nun hoch geschätzten Surrealisten Richard Oelze: "Uns verband auch besonders, dass wir stempeln gingen. Arbeitslosen-Unterstützung hieß das damals. Oelze hatte ein Hauptwerk im New Yorker Museum of Modern Art, aber das interessierte in Deutschland damals niemanden."

Fünfeinhalb Jahre Volksschule in Ludwigshafen und ein Jahr in Graz hat Rudolf Kortokraks, wie er lächelnd betont, an Schulbildung aufzuweisen. "Ich würde heute an keiner höheren Lehranstalt angenommen, höchstens als Lehrer." In Graz entdeckte man zum Glück sein zeichnerisches Talent und nahm ihn 1942 mit nur 14 Jahren an der Kunstgewerbeschule auf, wo die renommierten Maler Rudolf Szyszkowitz und Alfred Graf Wickenburg seine Lehrer waren. Einseitig begabt oder auf manchen Gebieten faul könnte man ihn wohl nennen, denn dem Besuch der Kurse zog er das Zeichnen im Stadtpark und im Zirkus vor. Immer wieder, erzählt Rudolf Kortokraks belustigt, musste ihn sein von den Professoren bewundertes Zeichentalent vor den Folgen der Unzulänglichkeiten in anderen Unterrichtsfächern retten.

In die Pfalz zurückgekehrt, besuchte Rudolf Kortokraks 1946 die Freie Akademie Mannheim; danach ging er nach Worpswede und für einige Jahre nach Paris, bevor er 1954, auf Vermittlung des Direktors der Mannheimer Kunsthalle, mit Oskar Kokoschkas Salzburger "Schule des Sehens" in Kontakt kam. Als Grund, warum Kokoschka gerade ihn zu einem seiner engsten Mitarbeiter berief, nennt Rudolf Kortokraks "nicht unbedingt" sein künstlerisches Können, sondern vielmehr die Tatsache, dass er aus Mannheim kam. Die Stadt habe in Kokoschka immer schöne Erinnerungen an die 20er Jahre wachgerufen, als er an der dortigen Kunsthalle, damals ein Zentrum der künstlerischen Moderne in Europa, mit großem Erfolg ausgestellt hatte. "Vielleicht aber", ergänzt Kortokraks augenzwinkernd, "hat Kokoschka ja auch nur meine hübsche Freundin gefallen."

Wenn Rudolf Kortokraks an Oskar Kokoschka denkt, dann fällt ihm zuerst die ungeheuere Subjektivität ein, mit der dieser künstlerische Werke beurteilte. Oft hätten sich Schüler in Salzburg verzweifelt an ihn als ersten Assistenten Kokoschkas gewandt: "Gestern fand der Professor meine Zeichnung sehr gut und heute beurteilt er sie als wenig gelungen." Damals sei ihm diese Eigenschaft Kokoschkas unverständlich gewesen, "aber heute, ich musste fast 80 Jahre für diese Erkenntnis werden", sagt Rudolf Kortokraks, "verstehe ich ihn sehr gut. Objektivität ist in unseren Dimensionen ein unerreichbares Ideal. Objektiv gut ist, was nach 300 Jahren Bestand hat." Den Schülern habe er übrigens, wie er mit der ihm eigenen Verschmitztheit bemerkt, den Rat gegeben, die Zeichnung dem Meister am nächsten Tag einfach noch einmal zu zeigen.

Seine eigene Malerei beschreibt Rudolf Kortokraks als Zwangshandlung. Ihm gehe es aber nicht – "wie vielen zeitgenössischen Künstlern" – darum, sein "Innenleben auszuspeien, nicht um die Darstellung des Seelenzustandes, sondern um dessen Überwindung". Zuversicht und Lebensfreude zu kommunizieren, sei das Ziel seiner Arbeit. "Inhaltsleere" Malerei lehnt er ab: "Ich kann kein Bild einer verendeten Seemöwe betrachten und mich am Spiel der Farben erfreuen, ohne an die elende Kreatur auf dem Bild zu denken". Den Vorwurf, sich stilistisch stark an Kokoschka orientiert zu haben, kontert Kortokraks mit dem Hinweis, "schon im Zustand der Unbelehrbarkeit gewesen" zu sein, als er den großen Maler Anfang der fünfziger Jahre kennen lernte. Spätestens seit seinen unter ärmlichsten Umständen verbrachten Studienaufenthalten in Paris Anfang der 1950er Jahre stand für Rudolf Kortokraks fest, der sich damals abzeichnenden Entwicklung in der Kunst nicht zu folgen: "Sie widerstrebte meinem Charakter und meinem Temperament. Ich war nicht fähig und auch nicht willig, die Bindung an die Natur zu lösen und die Darstellung und Interpretation der sichtbaren Welt zu verlassen." So ignorierte Kortokraks die Meinung der "Hohepriester der Kunst", nach der die Natur ausgedient habe, blieb sich und seiner Handschrift treu und malte mit seinen Blumen-, Städte- und Menschenbildern, die aus dem Antrieb entstehen, "die Schöpfung zu verherrlichen", Jahrzehnte lang "aus Trotz" gegen alle sich abwechselnden Stile an, die gerade Mode waren.

Kompromisse und die im Kunstbetrieb notwendige "Geschmeidigkeit", um erfolgreich zu sein, sind seine Sache nicht. Und schon gar nicht das Produzieren von einfach verwertbarer "Kunstbetriebskunst", wie sein im letzten Jahr verstorbener Freund Alfred Hrdlicka, mit dem er die Herkunft aus proletarischem Milieu und die Erlebnisse in der Nazizeit teilte, einmal leicht verkäufliche Kunstprodukte nannte.

Lob war Rudolf Kortokraks immer verdächtig, denn er ist nicht nur kritisch gegen andere, sondern besonders gegen sich selbst. So bat er während seiner Zeit mit Kokoschka den großen Maler, seinen Bildern kein Lob zu spenden, da dies seiner Kunst nur hinderlich gewesen wäre. Seine an sich selbst gestellten hohen Ansprüche standen Kortokraks oft im Wege. "Man muss", sagt der Künstler bestimmt, "für das, was man macht, in den Spiegel schauen und vor sich selber bestehen können. Das ist das Einzige. Ich male zu meiner eigenen Befriedigung, nach meinem eigenen Qualitätskanon. Und manchmal gefallen Menschen diese Werke."

Rudolf Kortokraks war nie ein "einfacher Zeitgenosse". Und wenn er von jemandem nichts hielt, ließ er es ihn das – egal, um wen es sich handelte – ganz undiplomatisch auch spüren. Etwa jenen Kulturpolitiker seiner Heimatstadt Ludwigshafen, den er als "Würstchen" ansah – und ihm zur Verdeutlichung seiner Meinung ein solches per Post aus London zusandte. Der Schelm muss laut auflachen bei der Vorstellung, "wie das damals nach dem langen Postweg gestunken haben muss".

Rudolf Kortokraks: Salzburg, 1982. Foto: Bentz
Rudolf Kortokraks: Salzburg, 1982. Foto: Bentz

Verkannt und verpönt#

Mit solchen Aktionen macht man sich natürlich keine Freunde. So verwundert es auch nicht, dass es in seiner pfälzischen Kindheitsheimat, wo seine Bilder in den 1960er/70er Jahren häufig zu sehen waren, schon lange keine größere Korktokraks-Ausstellung mehr gegeben hat. Überhaupt, so der Maler, habe man ihn in seiner Geburtsstadt seit jeher mit dem Etikett "unbegabt" versehen und seine Äußerungen für "das wirre Gewäsch eines bemitleidenswerten Irren" gehalten. Es habe sogar in manchem Amtszimmer Aktenvermerke gegeben, die lauteten: "Rudolf Kortokraks hat nicht zu existieren!" Und in Österreich, so schreibt er in seinen fragmentarisch vorliegenden Lebenserinnerungen, erzähle man sich gerne, dass Rudolf Kortokraks als "Un-Person im Orwellschen Sinne" zu betrachten sei.

Nur wenige Menschen, denen er bis heute sehr verbunden sei, hätten sich überhaupt für ihn – der stolz darauf ist, nie Preise gewonnen zu haben – und für sein Werk eingesetzt. Das Land Rheinland-Pfalz besitzt gut zwei Dutzend Gemälde von ihm, die lange in Amtszimmern der Landeshauptstadt Mainz hingen, berichtet der Künstler. Wie etwa jenes Menschenbild – das Wort "Porträt" lehnt Kortokraks strikt ab – des ultralinken Labourabgeordneten Sydney Silverman, dessen zäher Einzeinitiative es zu verdanken war, dass das englische Parlament die Todesstrafe auf der Insel abschaffte. Jahrelang schmückte das Bild das Mainzer Amtszimmer des späteren Bundeskanzlers Helmut Kohl, als dieser noch Ministerpräsident des südwestdeutschen Bundeslandes war. In der Mannheimer Kunsthalle dürften sich heute etwa zehn Bilder von Rudolf Kortokraks befinden. Und in Österreich, wo es in Wien und Salzburg immer wieder Ausstellungen seiner Werke gab, besitzt das Lentos Kunstmuseum in Linz großformatige Gemälde und Graphiken von Kortokraks.

"Sonst werden meine Bilder heute aber kaum mehr ausgestellt", meint der 82-jährige Künstler. "Ich bin vielleicht noch nicht tot genug. Diesen Zustand aufrecht zu erhalten, bemühe ich mich."

Oliver Bentz, geboren 1969, hat Germanistik studiert und lebt als Kulturpublizist in Speyer(D).

Wiener Zeitung, 4./5. Dezember 2010