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Ein Mensch namens Muliar#

"Wenn man weiß, wie schnell ein Leben zu Ende sein kann, fürchtet man sich."#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 5. Mai 2009) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


von

Edwin Baumgartner


Fritz Muliar machte aus seinen Sympathien ebenso wenig ein Hehl wie aus seinen Antipathien. Auch seine Ängste und seine Nöte artikulierte er.

Als einer der wenigen Prominenten gab er offen seine Angst vor dem Tod zu: "Wenn man weiß, wie schnell ein Leben zu Ende sein kann, fürchtet man sich", sagte er einmal in diesem Zusammenhang. An ein Jenseits oder an eine Wiedergeburt glaubte er sowieso nicht: "Ich glaube an kein Jenseits. Ich möchte auch nicht als Baumwanze wiedergeboren werden." Muliar galt als ein Mensch, der austeilte, selbst aber äußerst sensibel war. Seinem liebsten Feind, dem damaligen Burgtheater-Direktor Claus Peymann, schenkte er nichts: „Erstens bin ich ein Patriot, ich bin für Österreich im Gefängnis gesessen. Und zweitens lasse ich mich von diesem Rotzbuben nicht beleidigen.“

Als Peymann immer öfter deutsche Schauspieler an das Burgtheater holte, sagte Muliar: „Ich will nicht in Wien leben und am Abend in Bochum Theater spielen.“ Als seitens Peymann die Retourkutsche kam, drohte Muliar mit Klage.

Eine Facette dieser Übersensibilität war branchenintern wohlbekannt: Muliar las Kritiken und nahm sie, sollten sie nicht positiv ausgefallen sein, als persönliche Kränkungen.

Verpflichtet fühlte er sich ausschließlich seinem Publikum, das Regietheater lehnte er wie alles ab, das nur dem Intellekt schmeichelt aber nicht dem sinnlichen Erleben.

Problematisch wurde es fallweise, wenn der nach Selbstdefinition "überzeugte sozialdemokratische Monarchist" sich in die Politik einmischte. Als Bundespräsident Thomas Klestil mit steinerner Miene das Kabinett Schüssel I angelobte, stand Muliar ganz auf der Seite Klestils: "Als er dann bei der Angelobung vom Kabinett Schüssel II dieses berühmte ernste Gesicht gemacht hat, habe ich begonnen, ihn zu lieben." Muliar verehrte auch den österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Muliar, der von sich selbst sagte, er sei "schon sehr oft grantig", wollte der älteste aktive Schauspieler Österreichs werden: "Solange ich arbeiten kann, werde ich das tun", sagte er. Es war wie eine Prophezeiung: Fritz Muliar verstarb kurz nach einem Auftritt.

Wiener Zeitung,, Dienstag, 5. Mai 2009