unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Ein Weltstar aus Wien#

Erinnerung an Hedwig Kiesler, die unter dem Namen Hedy Lamarr Hollywood eroberte#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt (20. November 1998).


von

Rudolf Ulrich


Hedy Lamarr, eine der schönsten Frauen der Welt, wurde am 9. November 1915 als Tochter aus höherem Hause in Wien geboren. Ihr richtiger Name war Hedwig Maria Eva Kiesler. Der aus Lemberg stammende Vater war ein geschäftiger Direktor der Wiener Creditanstalt Bankverein, die in Budapest geborene Mutter gab für die Tochter eine noch nicht angetretene Karriere als Konzertpianistin auf. Das „Prinzeßchen" sollte eigentlich ein Junge werden, sie galt kurzzeitig als häßliches Entlein, das verwöhnte Einzelkind bekam Unterricht in Ballett und Klavier und lernte verschiedene Sprachen, darunter Ungarisch, Italienisch und Englisch. Ein Internat in der Schweiz vervollständigte ihre gesellschaftliche Ausbildung. Die Kieslers lebten in einem luxuriösen Haus im noblen 19. Bezirk, auf Reisen nach London, Paris oder Rom war die kleine „Lady" selbstverständlich mit dabei. Hedy war bereits ein Filmfan, gab ihr Taschengeld für die Flucht in die Welt der Illusionen in Form einschlägiger Magazine aus und kam außerdem auf ihrem täglichen Schulweg an den Sascha-Ateliers in Sievering vorbei.

Als sie sich eines Tages, man schrieb das Jahr 1930, statt in das Döblinger Gymnasium zu gehen, Zugang zum Atelier verschaffte, begegnete sie dem Regisseur Georg Jacoby, der von ihrem guten Aussehen und Enthusiasmus für den Film beeindruckt war und sie für die restliche Zeit des teilweise abgedrehten Streifens „Geld auf der Straße" als Scriptgirl engagierte. Es war der erste 100prozentige österreichische Tonfilm, eine musikalische Komödie, und Hedy Kiesler durfte zusätzlich neben Georg Alexander, Rosa Albach-Retty und Hans Moser in der kleinen Rolle einer jungen Nachtklubbesucherin debütieren.

Georg Jacobis nächster Film „Sturm im Wasserglas" (ursprünglich „Die Blumenfrau von Lindenau") ging 1931 mit Hansi Niese, Renate Müller und Harald Paulsen ins Sascha-Atelier. Hedy Kiesler hatte sich inzwischen im Studio bekannt gemacht und so war es keine Überraschung, dass sie erneut zu einem Part kam. Es war indes letztmals, dass sie sich mit einer Kleinrolle begnügen mußte. Carl Boese stellte sie 1931 in Berlin in der Zeitsatire „Man braucht kein Geld" mit Heinz Rühmann als Partner bereits in einer Hauptrolle heraus, der Film lief in den USA unter dem Titel „His Majesty, King Ballyhoo", und die „New York Times" beschrieb Hedy Kiesler als „the girl, who neatly demonstrates that German and Austrian movie actresses need not necessarily all be Marlene Dietrichs".

Der Jungstar wurde Schülerin der Theaterschule am Deutschen Theater Max Reinhardts, der sie in Nebenrollen in seinen Inszenierungen „Das schwache Geschlecht" und „Private Lives" einsetzte, wobei ihre Bühnenkritiken teilweise besser waren als ihre Filmkritiken. Mit dem Tobis-Streifen „Die Koffer des Herrn O. F." spielte Hedy Kiesler 1931 bei Alexis Granowsky zusammen mit Peter Lorre, der 1944 in Hollywood in dem Spionagefilm „The Conspirators" und 1957 in dem Fantasy-Drama „The Story of Mankind" erneut ihr Partner war. In einer kleinen Rolle war auch Aribert Mog beschäftigt, mit dem sie zwei Jahre später in „Ekstase" vor der Kamera stand.

Hedy Kiesler war 17, als ihr der Prager Gustav Machaty eine Rolle in seinem nächsten Film „Symphonie der Liebe" oder „Ekstase" anbot. Machaty, 1920 in Hollywood für zwei Jahre Assistent von D. W. Griffith, ein Regisseur mit sensualistischer Grundhaltung, setzte das Zentralthema des skandalumwitterten Außenseiterfilms und dessen psychologischen Ausdruck in symbolischen und naturalistischen Sequenzen um. Die einfache Erzählung des Lyrikers Vitezslav Nezval, ein ehebrecherisches Dreiecksverhältnis vor ländlichem Hintergrund und die Empfindungswelt einer enttäuschten Frau, erhielt durch die exzellente Kameraführung Jan Stallichs große lyrische Schönheit.

Der Film, in seinen Absichten oft mißverstanden, wurde 1932 in der CSR fertiggestellt und im Jänner 1933 in Prag uraufgeführt. Die legendären Nacktszenen, die Hedy Kiesler in paradiesischer Unbekleidetheit zeigten, erscheinen heute harmlos, bewirkten aber seinerzeit einen Sturm der Entrüstung beim klatschfreudigen Massenpublikum in fast ganz Europa. Hedy Kiesler hatte keine Bedenken gegen diesen Film, allerdings auch keine Ahnung von den Demütigungen, die er ihr bescherte, noch dass er sie aus ihrem mitteleuropäischen Kreis zum Weltruhm katapultieren würde.

Trotz der Proteste des Papstes Pius XI. fand der Film bei der Biennale in Venedig eine triumphale Aufnahme. In den USA fiel der Streifen dagegen einem zwei Jahrzehnte anhaltenden Bann zum Opfer. Hedy Kieslers erster Gatte, der Wiener Waffenmagnat Fritz Mandl, den sie im August 1933 ehelichte, versuchte über einen langen Zeitraum vergeblich alle Filmkopien aufzukaufen, trotz seiner und der Zensoren Anstrengungen verhalf die stilvolle Erotik und Lyrik dem Film aber weiterhin zu seinem verdienten Erfolg.

Hollywood#

Im Anschluß an „Ekstase" spielte Hedy Kiesler 1933 in Wien bei Franz Marischka in Fritz Kreislers Operette „Sissy" die Titelrolle, mußte jedoch auf Geheiß ihres Gatten die Schauspielkarriere aufgeben. Madame Mandl führte ein großes Haus, gab große Gesellschaften und wurde in den Kreisen internationaler Prominenz verehrt. Trotzdem floh sie aus dem goldenen Käfig dieser Ehe, 1937 erreichte sie in Paris die Scheidung. In London brachte sie der amerikanische Agent Bob Ritschie mit Louis B. Mayer zusammen, auf der gemeinsamen Uberfahrt nach New York auf dem Frenchliner „Normandie" offerierte ihr der MGM-Mogul trotz seiner Befürchtung, dass sie für das US-Publikum zu sexy sein könnte, einen Siebenjahresvertrag. Als Hedy Kiesler am 30. September 1937 amerikanischen Boden betrat, gehörte sie zum inneren Kreis der MGM-Familie.

Es war Mayer, der Hedy Kieslers Namen zu Ehren des verstorbenen Stummfilmstars Barbara LaMarr änderte. Mit dem Namen wählten die Imagesucher „Grazie und Erhabenheit" als Typ für sie, Hedy Lamarr die kalte Marmorgöttin. Sie wollte die Kinobesucher in Erstaunen versetzen, und nachdem mehrere für sie vorgesehene MGM-Projekte nicht realisiert werden konnten, gelang ihr dies 1938 mit „Algiers", dem US-Remake des bekannten Romans „Pepe Le Moko" von Roger D'Ashelbe. MGM verlieh Hedy dafür an Unites Artists, weil Charles Boyer sie als Partnerin für diesen Streifen haben wollte. Dolores del Rio und Sylvia Sydney hatten die Rolle der Gaby zuvor abgelehnt, Hedy Lamarr machte sich damit über Nacht einen Weltnamen. Sie hatte mehr Sex-Appeal gezeigt, als seit langem auf der Leinwand zu sehen war, sie wußte, dass sie sexy war, und sie wußte nun auch, was sie damit anfangen konnte. Die Marmorgöttin war fest entschlossen, ein ganz großer Star zu werden.

Mayer hatte die Initialzündung genutzt und sie in „Lady in the Tropics" neben dem glamourösen Robert Taylor eingesetzt. Der MGM-Boss war gewillt, sie niemals mehr zu verleihen und die größten Stars, die besten Drehbuchautoren und die talentiertesten Regisseure zu ihrer Unterstützung zu engagieren. Er verpflichtete große Namen für den nächsten Film: den Drehbuchautor Charles McArthur, Josef von Sternberg • mit dem Hintergedanken, dessen Regie-Erfolge mit Marlene Dietrich auf Hedy Lamarr zu übertragen (Sternberg gab nach Schwierigkeiten mit Mayer auf) • und Spencer Tracy als Hauptdarsteller. „I Take This Woman" von 1940, eine Seifenoper, war den Kritiken nach eigentlich ein Desaster, aber erneut war „everyone delightet by Hedy Lamarr".

Nach Streifen wie „Boom Town" und „Comrade X" war sie als Superstar so fest etabliert, dass sie einen höher dotierten Vertrag bekam. Im April 1941 konnte man sie neben James Stewart und dem emigrierten Holländer Philip Dorn (früher Fritz van Dongen) in dem opulenten Ausstattungsfilm „Ziegfeld Girl" bewundern, einem der besten Backstage Pictures aller Zeiten, mit dem Hollywood das amerikanische Musical und die Follies glorifizierte und bestes Entertainment für jedermann bot.

Hedy hatte Mayer um eine Rolle besonders in diesem Film gebeten. Mit der John-Steinbeck-Verfilmung „Tortilla Flat" und Streifen wie „Crossroads" und „White Cargo", alle 1942, befand sich Hedy Lamarr auf der Erfolgsstraße. „The Heavenly Body" mit William Powell war 1943 ihre letzte Arbeit bei MGM.

Die eigene Produktionsfirma#

Nachdem sie sich von dem Studio freigemacht hatte, aber registrieren mußte, dass sie in seichten Filmen als liebesbereite Verführerin beim amerikanischen Publikum außer Mode zu kommen drohte, entschloß sie sich, eine eigene Produktionsfirma zu gründen. Partner in diesem Joint-venture waren Hunt Stromberg und Jack Chertok. In der ersten unabhängigen Produktion 1946, dem auf ihr Talent zugeschnittenen Star Vehicle „The Strange Woman" nach einem Bestseller von Ben Ames Williams überzeugte sie unter der sicheren Regie des Wieners Edgar Ulmer mit der besten schauspielerischen Leistung ihrer Karriere auch jene Kritiker, die ihr manchmal bösartig mimisches Können absprachen und ihr nur ihre Schönheit zugute hielten.

In ihrer nächsten Produktion „Dishonored Lady" (1947) agierte Hedy Lamarr zusammen mit ihrem damaligen Gatten John Loder. Die geringe Resonanz des Streifens bewog sie zur Demission der eigenen Company. Geplante Bühnenauftritte am New Yorker Broadway ließen sich nicht realisieren. Die Schauspielerin war inzwischen zweifache Mutter und hatte nach Fritz Mandl Ehen mit dem Filmproduzenten Gene Markey und dem Kollegen John Loder hinter sich. Trotz der folgenden Hauptrolle in Cecil B. De Milles kolossalem Kinoschaustück „Samson and Delilah" (1949) nach einem Stoff aus dem alten Testament, ihre vielleicht wichtigste Rolle in Hollywood, begann sich ihre Karriere dem Ende zuzuneigen. Sie war perfekt als Delilah, und sie betrachtete den Film als den besten, in dem sie je mitgewirkt hatte. Es war ihr erster Farbfilm, und Kritiker hatten eine „Oscar"-Nominierung erwartet. Tycoon Mayer, von ihrer Darstellung beeindruckt, beeilte sich, sie wieder für MGM zu gewinnen, nach fünfjähriger Absenz stand sie 1950 in „A Lady Without Passport" noch einmal für das Studio vor der Kamera. Paramount engagierte sie für zwei Produktionen, in „Copper Canyon" (1950), einem Western, störte ihr ansonst gut angebrachter Wiener Akzent in ihrer Rolle als „saloonkeeper" in New Orleans, in der Komödie „My Favorite Spy", in der sie auch zwei Songs zum besten gab, wurden auf Verlangen ihres schwierigen Partners Bob Hope einige ihrer besten Szenen geschnitten, was sie dem Starkomiker ein Leben lang verübelte.

In Negation der schlechten Erfahrung versuchte sie sich mit der Unterstützung ihres fünften Ehemanns W. Howard Lee erneut als Produzentin, landete jedoch mit dem 1953 in Italien realisierten Großprojekt „Eterna Femmina", trotz der Regisseure Marc Allegret und Edgar Ulmer, einen künstlerischen und finanziellen Mißerfolg. Hedy Lamarr zog sich nun einige Jahre vom Filmgeschäft zurück, 1957 übernahm sie in Irwin Allens Menschheitsgeschichte „The Story of Mankind" eine Cameo-Rolle, die Universal-Produktion „The Female Animal" war ein Jahr später ihre letzte Filmaufgabe.

Hedy Lamarr hat in exzentrischer Weise eine Reihe guter Angebote abgelehnt, darunter die Starrolle in Pearl S. Bucks Bestseller „Dragon Seed" und die Ingrid-Bergmann-Parts „Gaslight" und „Casablanca".

Pin-up der GIs#

Die exotische Rolle in dem Drama „White Cargo" favorisierte sie in den Kriegsjahren zum Liebling der amerikanischen GIs, sie unterstützte dafür deren Moral mit Auftritten in der von Bette Davis geleiteten Hollywood Canteen. Ihr Foto hing in den GI-Unterkünften neben denen von Rita Hayworth, Dorothy Lamour oder dem berühmten Pin-up von Betty Grable.

Nach vielen Jahren in den USA erhielt sie 1953 in Los Angeles die amerikanische Staatsbürgerschaft. Zu ihren Ehemännern kamen noch der Schweizer Bandleader Teddy Stauffer und der Scheidungsanwalt Lewis J. Boies hinzu. Sie hatte in annähernd 25 Filmen, bei Lux Radio Theatre und durch Verwendung ihres Namens zur Promotion einer Reihe von Produkten, wie Parfums, Make-up, Soda-Drinks und Zigaretten, an die 30 Mill. Dollar verdient und ausgegeben. Privat machte sie Schlagzeilen als häufiger Gast im Scheidungsparadies Reno, das ihr als „gute Kundin" den goldenen Schlüssel zum Justizpalast überreichte. Die von den Ghostwritern Cy Rice und Leo Guild verfaßte Autobiographie „Ecstasy and Me" von 1966 ging erfolgreich über die Ladentische, sorgte aber in ihrer Unverblümtheit für einen gehörigen Eklat. Die Künstlerin lebte zehn Jahre etwas verarmt in einem Appartment an New Yorks fashionabler Eastside in enger Verbindung zu ihren Kindern, dem Adoptivsohn James sowie der Tochter Denise und dem Sohn John aus der Ehe mit John Loder. Bis in die siebziger Jahre hinein brachte sie sich als gern gesehener Guest Star in vielen Fernsehshows in Erinnerung. Sie malte und überraschte 1984 mit einem unvermuteten Talent als Songwriterin, als der Sänger Chris Taaj ihre Lieder in einem Cabaret in Greenwich Village interpretierte.

Hedy Lamarr entwickelte eine 1942 patentierte Funkfernsteuerung für Torpedos. Diese war durch sich selbsttätig wechselnde Frequenzen störsicher. Das 1962 von der US-Army während der Kuba-Krise eingesetzte „frequency hopping" ist eines der Schlüsselkonzepte der amerikanischen Missile-Technologie und wird inzwischen auch in vielen zivilen Bereichen verwendet. Hedy Lamarr wurde dafür mit dem EFF Pioneer Award der Electronic Frontier Foundation (EFF) ausgezeichnet.

Zu der Erfindung war es gekommen, als sie und der Komponist George Antheil eines seiner Werke für 16 Klaviere synchronisieren wollten. Das Problem löste sie mittels identischer Lochkarten in Sender und Empfänger. Dadurch waren die zeitgleichen Frequenzwechsel möglich. Da das US-Militär die Erfindung zunächst nicht zum Einsatz brachte - sie nahmen das Patent einer Schauspielerin und eines Komponisten nicht ernst - konnten die beiden Erfinder keinen finanziellen Nutzen erzielen. Erst mit der GSM-Technik wurde auf die Entwicklung zurückgegriffen, das Patent war jedoch mittlerweile abgelaufen.

Die Wienerin, ein Produkt des Hollywood-Vorkriegsstarsystems und eine außergewöhnliche Frau mit gewinnendem Charme, zählte über 15 Jahre zu den Weltstars. Ihr Stern glänzt unter den vielen auf dem „Walk of Fame" am Hollywood Boulevard. Der Biograph Christopher Young hat sie in einer der schönsten Starbiographien ausgezeichnet porträtiert. Er schloß mit dem Bemerken, „dass die Zeit wohl das Image gemindert habe, dass einst ,Ekstase' heraufbeschwor, dass aber nichts die Vision von Schönheit und Reiz mindern könnte, die in den Filmen von Hedy Lamarr für uns bewahrt bleibt".


Wiener Zeitung, Freitag, 20. November 1998. (Ergänzt durch das Austria-Forum)