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Die bunte Welt beflügelter Geistwesen#

Die Österreichische Nationalbibliothek präsentiert Engeldarstellungen in alten Handschriften und frühen Druckwerken.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 20. November 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Heiner Boberski


Verkündigung an Maria im Mondseer Liutold-Evangeliar (um 1170)
Das älteste Objekt: Verkündigung an Maria im Mondseer Liutold-Evangeliar (um 1170).
© Österr. Nationalbibl.

Ob Engel existieren, kann man glauben oder auch nicht. Man kann auch darüber streiten, ob es nur eine Unterstellung späterer Humanisten oder wahr ist, dass spitzfindige Theologen einst sogar darüber gerätselt haben, wie viele dieser Geistwesen auf einer Nadelspitze Platz finden könnten. Faktum ist, dass es jede Menge an Engeldarstellungen gibt und diese Himmelsboten (das Wort Engel leitet sich vom griechischen Begriff "angeloi" für Boten ab) in den drei großen monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam als Diener Gottes von großer Bedeutung sind. Engel, insbesondere Schutzengel, sind aber auch heute ein Thema.

Passend zur Vorweihnachtszeit hat die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) gerade in ihrem Prunksaal eine Engel-Ausstellung eröffnet. ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger nennt die mehr als 60 Objekte aus über 500 Jahren Buchkultur, die zum Teil erstmals zu sehen sind, "atemberaubend". Engel waren durch Jahrhunderte ein Standardmotiv religiöser Malerei. Der Bogen reicht von einer Verkündigungsdarstellung aus dem um 1170 im damaligen Benediktinerstift Mondsee entstandenen Liutold-Evangeliar bis zu einem Erstdruck aus dem Jahr 1748: Johann Sebastian Bachs "Canonische Veränderungen über ein Weihnachtslied", in denen der Komponist Martin Luthers Werk "Vom Himmel hoch, da komm ich her" verarbeitet hat.

Männlich, weiblich und kindlich#

Die Welt der Engel reicht weit über so bekannte Szenen wie die Begegnung Marias mit dem Erzengel Gabriel oder das Auftreten von himmlischen Heerscharen bei der Geburt Christi hinaus. Sie treten nicht nur als freundliche Helfer und liebliche Putten der Barockzeit, sondern auch als Rächer, Todesboten oder als gefallene Engel auf. Die Schau beginnt mit der hebräischen Bibel und der Geschichte von Balaam, der im Gegensatz zu seinem Esel den Engel des Herrn nicht erkannte.

Im Judentum wurden Engel gar nicht, im Christentum dann als Männer und ab dem 4. Jahrhundert mit Flügeln dargestellt. Die Kirche schränkte die namentliche Verehrung der Engel auf die drei aus der Bibel bekannten Erzengel Michael ("Wer ist wie Gott"; er stürzte den abtrünnigen Engel Luzifer in den Abgrund), Raphael ("Gott heilt"; Begleiter des Tobias im alttestamentarischen Buch Tobit) und Gabriel ("Kraft Gottes"; der Verkündigungsengel) ein. In späterer Zeit wurde auch die Darstellung weiblicher - vor allem als "Hofdamen" der Himmelskönigin Maria - oder kindlicher Engel üblich. Vom Florentiner Künstler Donatello sind die ersten geflügelten nackten Knaben - Putten genannt - überliefert.

Zwei Glanzlichter der Schau stammen aus Nürnberg. Eine Inkunabel von 1498 zeigt Albrecht Dürers Holzschnitt vom Weltuntergang mit den sieben Posaunenengeln. Der Illustrator Gabriel Glockendon schuf in den Jahren 1536 und 1537 für den Kirchenfürsten Albrecht Kardinal von Brandenburg ein prächtig ausgestattetes Gebetbuch. Als Premiere in der Nationalbibliothek kann man sich auf einem von Studierenden der Fachhochschule St. Pölten gestalteten "Touchtable" durch grandiose Bilder zur Apokalypse - um 1360 in der Werkstatt des Cristoforo Orimina in Neapel entstanden - klicken.

Profunde Darstellung#

Der Großteil der gezeigten Objekte entstand vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Kuratorin Maria Theisen reiht in der Schau und im von ihr herausgegebenen hervorragenden Katalog aber nicht nur sehenswerte Werke der Buchkunst aneinander, sondern erzählt profund die Geschichte der Verehrung und Darstellung der Engel im Lauf der Religions- und Kunstgeschichte. Dabei wird die jüdische Kabbalah ebenso thematisiert wie die Neun-Chöre-Engellehre des Christen Pseudo-Dionysius oder der Glaube des Islam, wonach der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed den Koran offenbart hat.

Das evangelische Christentum hielt - trotz Luthers Weihnachtslied - wenig von Engelverehrung. Hätte die Ausstellung bis zur Gegenwart geführt, wäre aber vielleicht der protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer erwähnt worden, der sich - sogar im Nazi-Kerker und seine Hinrichtung erwartend - "von guten Mächten wunderbar geborgen" fühlte.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 20. November 2014