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"Ich bin ein großer Zweifler"#

Der österreichische Dramatiker und Drehbuchautor Felix Mitterer über seinen Weg zum erfolgreichen Schriftsteller.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 24./25. Oktober 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Irene Prugger


Felix Mitterer
"Wenn ich mir von vornherein vornehme, etwas Lustiges zu schreiben, klappt das nicht", sagt Felix Mitterer über die Inspiration.
© Prugger

"Wiener Zeitung": Herr Mitterer, woran arbeiten Sie zurzeit?

Felix Mitterer (seufzt): Ich sollte wieder ein Stück für das Theater in der Josefstadt schreiben und ein Stück über Martin Luther, das 2017 von den Volksschauspielen Ötigheim bei Baden-Baden uraufgeführt wird, wenn alles klappt. Auch für Stumm im Zillertal steht ein Stück an, dann bin ich noch ein paar Drehbücher schuldig. Wie immer bin ich in großem Rückstand mit allen diesen Arbeiten.

Neigen Sie zur Prokrastination?

Das kann man so sagen. Ich war richtig erleichtert, als ich hörte, dass es jetzt ein bezeichnendes Wort für dieses ständige Hinausschieben gibt. Bei mir ist die größte Hemmschwelle immer der Anfang, der Arbeitsbeginn. Sobald eine Seite mit Schriftzeichen bedeckt ist, geht es schon. Zwischendurch kommt immer wieder ein toter Punkt, da muss ich dann meine Gedanken und das bisher Geschriebene neu ordnen, dabei hilft aber die tröstliche Erfahrung, dass ich meine Stücke meistens zu Ende gebracht habe.

Oft zu einem schlechten Ende insofern, als Sie sich in vielen Ihrer Stücke mit tragischen Stoffen und Außenseiterschicksalen auseinandersetzen . . .

Ich würde gern häufiger Satiren und Komödien schreiben, aber das kann ich nur, wenn ich einen Stoff habe, der sich dafür eignet. Wenn ich mir von vornherein vornehme, etwas Lustiges zu schreiben, klappt das nicht. Als sich Fritz Muliar zu seinem 70. Bühnenjubiläum ein Stück von mir wünschte - er dachte dabei an ein ernstes Stück wie "Sibirien" - wollte ich lieber etwas Lustiges verfassen. Schon beim Schreiben merkte ich: Ich kann das ja gar nicht. Auch Muliar sagte, als er das Manuskript gelesen hatte, dass er nicht besonders darüber lachen könne, fügte aber hinzu: "Buali, das mach ma schon!" Elfriede Ott und er haben das Stück gerettet, haben improvisiert und extemporiert und es lief recht erfolgreich. Aber die beiden können auch aus dem Telefonbuch vorlesen und das Publikum wäre begeistert.

Das ist zu bescheiden. Welch großartiger Satiriker Sie sind, haben Sie u.a. mit dem Drehbuch zu "Die Piefke-Saga" bewiesen, die vor 25 Jahren zum ersten Mal im österreichischen Fernsehen ausgestrahlt wurde und Sie zu einem Höhepunkt Ihrer Popularität geführt hat. Denken Sie gern daran zurück?

Unfassbar, was damals los war, so viele Reaktionen kann sich ein Schriftsteller nur erträumen. Dieser Erfolg erleichterte meine Arbeit ungemein, auch die Recherche für meine Stücke. Aber die Popularität hatte auch einen großen Nachteil: Viele unglückliche Menschen wollten, dass ich ihnen mit einem Stück zu Gerechtigkeit verhelfe, sie sagten: "Schreib über mein Schicksal!" Das hat mich total überfordert, denn ich kann mit Literatur nichts wieder gut machen. Zweimal habe ich mich auf dieses Experiment eingelassen, zweimal bin ich gescheitert. Es kam sogar so weit, dass mir die Betroffenen eine Klage androhten, weil sie sich missverstanden und falsch beschrieben fühlten.

Ist das bei historischen Stoffen nicht ebenfalls höchst heikel?

Es gibt bessere, öffentlich zugängliche Recherchemöglichkeiten, aber die emotionale Belastung, die ich mir dabei auflade, ist ähnlich groß. Bei meinem Stück über Franz Jägerstätter zum Beispiel habe ich mit seiner Frau und seinen drei Töchtern gesprochen. Es war mir sehr wichtig, dass die Familie mit dem Stück einverstanden ist. Sie war es zum Glück.

Felix Mitterer im Gespräch mit Irene Prugger
Felix Mitterer im Gespräch mit Irene Prugger.
© Prugger

Sie lassen die nahestehenden Personen oder Nachkommen Ihrer Protagonisten die Manuskripte lesen?

Ja, denn das schützt auch mich. Beim Stück "Der Boxer", das noch bis Jahresende im Theater in der Josefstadt läuft und das die Lebens- und Leidensgeschichte von Johann "Rukeli" Trollmann, dem Deutschen Boxmeister im Halbschwergewicht, beschreibt, habe ich ursprünglich eine Sinti-Familie aus Hungergründen ein Pferd schlachten lassen. Als ich den Angehörigen von Trollmann das Manuskript zu lesen gab, sagten sie zu mir: "Was schreibst du denn da, das stimmt ja nicht!" Sie würden niemals ein Pferd essen, denn Pferde sind ihnen heilig. Früher hat man sogar Gasthäuser oder Metzgereien mit dem Schild versehen: "Hier gibt es Pferdefleisch", um die sogenannten "Zigeuner" fernzuhalten. Die Recherche muss genau sein, trotzdem kann ich keine Dokumentarstücke schreiben. Ich muss auch abstrahieren und Dialoge erfinden, es geht ja vor allem um die innere Wahrheit einer Begebenheit und eines Zeitgeschehens. Dieser auf den Grund zu gehen, gehört zu den Aufgaben eines Schriftstellers.

Sie behandeln oft sozialpolitisch brisante Themen, woher kommt dieses Engagement?

Ich gehöre der 68er Generation an, wurde allerdings politisiert, ohne je auf einer Demonstration gewesen zu sein. Ich las mich durch politische Literatur und interessierte mich für den Klassenkampf. Die sozialpolitischen Themen konnte ich aber erst so richtig aufgreifen, als ich meine eigene schwierige Familiengeschichte bewältigt hatte.

Werden Sie ein Stück über Flüchtlinge schreiben?

Ich kann nicht darüber schreiben, solange das alles im Gange ist, das wäre anmaßend, denn ich bin dabei hilflos wie alle. Jetzt muss man die Flüchtlinge selber zu Wort kommen und von ihren Schicksalen erzählen lassen.

Ab wann wussten Sie, dass Sie Schriftsteller werden wollen?

Ich hatte in der Schule in Kirchberg einen Lehrer, der mich sehr förderte. Er sorgte dafür, dass ich die Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck besuchen konnte. Mit dem Lernen haperte es, aber ich war hingerissen von der Weltliteratur in der Heim-Bibliothek, entdeckte auch das Kino mit seinen Tschinnbumm-Filmen und wollte Schriftsteller werden. Ich hatte allerdings ein entsetzlich schlechtes Gewissen wegen meiner schlechten Noten, meine Adoptiv-Eltern, die sich ein kleines Häusl auf sumpfigem Grund am Waldrand erarbeitet hatten, schufteten ja auch für mich. Eines Tages bekamen sie von der Schulleitung einen Brief wegen meiner schwachen Leistungen zugeschickt. Den Brief konnte ich abfangen, aber danach reichte es mir. Ich beschloss, nach London auszuwandern und dort als Schriftsteller zu leben. Da war ich knapp siebzehn. Ich packte einen riesigen Pappkoffer voll mit handschriftlichen Manuskripten, gelangte bei Kufstein über die grüne Grenze, immer in der Angst, die Zollbeamten werden mich erschießen, und fuhr per Autostopp nach Rosenheim. Ich schaffte es bis Hamburg und Rotterdam. Dort sah ich dann so mitgenommen aus, dass ich von der Polizei aufgegriffen wurde. Ich kam in den Arrest mit lauter Matrosen, danach in eine Einzelzelle, wo man mir Hedwig Courths-Mahler zum Lesen gab. Nach ein paar Tagen wurde ich nach Tirol zurückgeschickt. Ich flog aus der Schule, der Lehrerberuf wäre also sowieso nicht mehr möglich gewesen.

Sie arbeiteten dann beim Zollamt in Innsbruck? Ja, elf Jahre lang, obwohl ich zu meinen Kollegen gesagt hatte, dass ich sicher gleich wieder weg bin. Ich kam regelmäßig zu spät, zog mir eine Fantasie-Uniform an wie von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band und schrieb im Büro Literatur. Meine Arbeitgeber und Kollegen waren sehr tolerant. Als ich 1970 meine ersten Texte veröffentlichte und sie mitbekamen, dass ich nebenbei als Schriftsteller arbeite, meinten sie, ich hätte das gleich sagen sollen. Hätten sie gewusst, warum ich so ein Spinner bin, wären sie noch umsichtiger mit mir umgegangen.

Von so einem Büro konnte Franz Kafka nur träumen . . .

So schön war es auch wieder nicht, ich fühlte mich dort sehr einsam, weil ich von der Kultur- und Literaturszene ausgeschlossen war und meine Kollegen ganz andere Interessen hatten als ich. 1977, als sich die ersten größeren Erfolge einstellten mit dem Kinderbuch "Superhenne Hanna" und dem Theaterstück "Kein Platz für Idioten", bei dem ich auch als Schauspieler engagiert war, zuerst bei der Volksbühne Blaas in Innsbruck und dann ein halbes Jahr in Wien, zögerte ich nicht, den Job hinzuschmeißen.

Ohne Existenzangst?

Zuerst ja, denn es gab keine finanziellen Probleme. Ich war als Schauspieler ständig auf Tournee, war u.a. in Hall in Tirol und Telfs bei den Volksschauspielen engagiert, verkörperte in einem Spielfilm Egon Schiele und sollte sogar in Hamburg Ibsen spielen. Allerdings forderte mir die Schauspielerei alles ab, ich bin ja kein Profi. Wenn ich den geistig behinderten Burschen in "Kein Platz für Idioten" spielte, konnte ich mich die längste Zeit nicht davon erholen, während die Profis hinter der Bühne ihre Witze rissen. Zum Schreiben kam ich auch nicht mehr oder nur marginal. Ich schrieb ein Stück für die Josefstadt namens "Veränderungen", ein schreckliches Stück. Es wurde beim Steirischen Herbst uraufgeführt und im Fernsehen übertragen. Ich schaute es mir an und genierte mich fürchterlich. Ich habe es sofort sperren lassen. Und als dann auch noch irgendwann der Exekutor vor der Tür stand, konzentrierte ich mich wieder aufs Schreiben. Das klappte zum Glück sehr gut.

Mitterer als Affe in Kafkas 'Ein Bericht für eine Akademie', in welcher Rolle er sowohl bei den Volksschauspielen in Telfs als auch in Wien auftrat
Mitterer als Affe in Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie", in welcher Rolle er sowohl bei den Volksschauspielen in Telfs als auch in Wien auftrat.
© Apa/www.guentheregger.at

Sie wurden ein sehr erfolgreicher Theater-, Hörspiel- und Drehbuchautor. Ihre Stücke sind Publikumsmagneten, in Wien liefen einmal sogar drei Felix Mitterer-Stücke zur gleichen Zeit. Haben Sie von Beginn an gewusst, dass die Dramatik Ihr Metier ist?

Als Kind träumte ich mich von den belastenden Verhältnissen in meiner Familie fort in eine andere Wirklichkeit. Meine Stiefmutter war ja eine strenge, aggressive Frau und mein ansonsten sehr netter Stiefvater war ein Spieler. Meine Fantasie-Geschichten waren eine ersehnte Flucht. Ich erzählte sie meinen Spielkameraden und brachte sie damit zum Staunen. Auch meine erste veröffentlichte Geschichte war ein Monolog, den ich selber auf Tonband sprach. Ich schickte ihn, es war das Jahr 1970, zur Ö3-Musicbox und er wurde tatsächlich gesendet. Es ging dabei um einen einsamen alten Mann, der zu Weihnachten Selbstmord begeht. Danach schrieb ich Hörspiele für die Literaturabteilung vom ORF-Landesstudio Tirol. Aus vielen dieser Hörspiele entstanden Theaterstücke, zum Beispiel "Kein Platz für Idioten" oder "Besuchszeit". Das Drehbuchschreiben musste ich allerdings erst lernen. Ich schrieb gern James-Bond-Elemente hinein, bis man mir erklärte, das ließe sich so nicht umsetzen. Die Verantwortlichen des ORF hatten sehr viel Geduld mit mir. Heute ist man gnadenlos, liefert man nicht das Richtige, ist man sofort weg vom Fenster. Aber ich muss sagen, dass man es mir nachsieht, wenn ich immer erst auf den letzten Abdruck liefere.

Manchmal, so wird erzählt, muss man auch ein bisschen nachhelfen . . .

Ja, bei einem Drehbuch für den "Tatort" hat mich der Verantwortliche beim ORF gedrängt, eine Nacht lang durchzuarbeiten, damit die Folge endlich fertig wird. Unten auf der Straße wartete ab sechs Uhr früh ein Redakteur auf das Manuskript. Aber unter Druck kann ich zum Glück gut arbeiten.

Woran messen Sie Erfolg? An Kritikerlob? Publikumszuspruch, Auftragslage, finanziellen Umsätzen, eigener Zufriedenheit oder ganz anders?

Ich bin ein großer Zweifler, kenne meine Unzulänglichkeiten und bin nicht so eingenommen von mir. Ich nehme auch nie Einfluss auf die Regie eines Films oder Theaterstückes, gehe nie zu Proben. Ich schaue mir das an, sobald es aufgeführt wird, und wenn mir vorkommt, es ist gelungen, freue ich mich. Beim Theater war das nie eine Enttäuschung, bei den Filmen nur selten. Ich habe viele Verrisse einstecken müssen, diese habe ich aber nach zwei Tagen vergessen. Wenn ich höre, dass meine Stücke lange Zeit ausverkauft sind und die Filme, zu denen ich das Drehbuch geschrieben habe, gern gesehen werden, ist das der schönste Erfolg. Das Wichtigste ist für mich, dass die Menschen Anteil nehmen an den Geschichten, die ich erzähle.

Ein sogenannter "Skandal" kann dabei nicht schaden. Beim Theaterstück "Stigma" zum Beispiel haben Sie einen solchen verursacht, auch mit der "Piefke-Saga" und der vierteiligen Südtiroler Familiensaga "Verkaufte Heimat". Kalkulieren Sie von Vornherein beim Schreiben ein, dass Sie damit provozieren könnten? Nein, nie. Ich wollte nie einen Skandal verursachen. Ich bin ein harmoniesüchtiger Mensch, will immer Frieden haben. In diesem Sinn verfasse ich meine Stücke und Drehbücher immer ganz unschuldig. Mich interessiert ein Stoff, ich schreibe darüber und versuche dabei der Handlung und den Personen gerecht zu werden. Kritische Ansätze und Provokationen ergeben sich dabei oft zwangsläufig.

Nach dem Erfolg mit der "Piefke-Saga" gingen Sie nach Irland und lebten dort 16 Jahre lang. Mittlerweile haben Sie sich im niederösterreichischen Weinviertel niedergelassen. Landschaftliche Schönheit und Einsamkeit - brauchen Sie das zum Schreiben?

In Tirol ist es auch sehr schön und ich komme oft hierher, auch wegen der vielen Freunde, die ich habe. Aber hier stört mich der intensive Tourismus. Wenn es neblig ist und regnet, wie oft in Irland und an der Grenze zum Waldviertel, hat man viel Zeit zum Schreiben. Aber nur Schreiben wäre für mich ein Leben aus zweiter Hand, ich will auch Geselligkeit und Kontakte pflegen. Dass man schreiben und genussvoll leben kann, habe ich bei den Iren gelernt, die alle gesellige Poeten sind.

Irene Prugger, geboren 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

Zur Person#

Felix Mitterer wurde 1948 in Tirol als Sohn einer Kleinbäuerin und eines rumänischen Flüchtlings geboren und von Adoptiveltern aufgezogen. Er arbeitete elf Jahre beim Innsbrucker Zollamt, bevor er sich 1977 für ein Leben als freier Autor entschied. 1970 wurden seine ersten Beiträge im ORF gesendet, seither entstanden rund 40 Theaterstücke, zahlreiche Hörspiele, Kinderbücher und Drehbücher, u.a. für den "Tatort". Vor allem die Drehbücher zu "Die Piefke-Saga" und "Verkaufte Heimat" verhalfen Felix Mitterer Ende der 1980er Jahre zum großen Karriere-Durchbruch.

Neben seiner literarischen Tätigkeit tritt Felix Mitterer auch immer wieder als Schauspieler auf, wie etwa in seinem ersten Theaterstück "Kein Platz für Idioten", in dem er ca. 200 Mal die Hauptrolle spielte, oder in Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie", mit dem er im Sommer 2012 bei den Volksschauspielen in Telfs als Affe "Rotpeter" sein Bühnencomeback feierte.

Mitterer bezeichnet sich selbst als "Tiroler Heimatdichter und Volksautor". In seinen häufig kontrovers diskutierten Theaterstücken und Drehbüchern befasst er sich oft mit sozial isolierten Außenseitern. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Peter Rosegger-Preis, Ödön von Horvath-Preis, Romy, Prix Italia, Ehrenzeichen des Landes Tirol.

Seine Tochter Anna entstammt der Verbindung mit der Tiroler Malerin Chryseldis Hofer-Mitterer. Felix Mitterer lebt heute im niederösterreichischen Weinviertel.

Wiener Zeitung, Sa./So., 24./25. Oktober 2015