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Heiterer Professor und heiliger Asket#

Eine Erinnerung an den in diesem Sommer verstorbenen Kunsthistoriker und Byzantinisten Helmut Buschhausen, der mit dem Fund der Mumie des ägyptischen Kopten Aba Kafka ein wichtiges Forschungskapitel schrieb.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 16./17. August 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Helmut Buschhausen
Helmut Buschhausen, 1985 in Rom.
© V. Auenhammer-Pirker

Die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts galten als Endzeit aller Ideologien, und einseitige wissenschaftliche Methodik verwandelte sich in einen pluralistischen Methodenkanon. Nur am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien hing man weiter der Formalanalyse an, die seit der berühmten ersten "Wiener Schule der Kunstgeschichte" nach 1900 üblich war.

Die Sehnsucht der Studierenden nach einer Öffnung hin zu vielseitigerer Methodologie erfüllten nur wenige Professoren; einer davon war der 1937 in Castrop-Rauxel als Sohn eines Malers geborene Helmut Buschhausen, der am 1. Juli 2014 in Wien verstorben ist. Er war zwei Instituten zugeteilt, der Byzantinistik und der Kunstgeschichte, doch auch seine frühe Teilnahme an Ausgrabungen von Ludwig Budde in Mopsuestia (nahe Adana, Türkei), Studien in Münster, München und Wien, sowie zahlreiche Reisen von Albanien bis Russland erweiterten seine Sicht- und Denkweisen nachhaltig. Grundsätzlich zog er einen sinnlichen Zugang zu Kunstwerken starrer Theorie vor.

Im Wintersemester 1981/82 war er mein erster Prüfer beim Thema Landschaftsmalerei. Dabei spannte seine Vorlesung einen anspruchsvollen Bogen von frühchristlichen Mosaiken in Klein-asien bis zu barocken Ölgemälden in Europa. Die Freiheit des Selbst-Entdeckens war ein wesentlicher Teil seiner Pädagogik, dazu kamen Erzählungen mit einer sich vor Begeisterung überschlagenden Stimme. Nächte vor Ort im Schlafsack, kleine Übertretungen des Erlaubten, gepaart mit ansteckender Heiterkeit, ließen uns damals Forschung als Lebenserfüllung spüren.

Mein Wagnis, bei der Prüfung zu erscheinen, wurde nach seiner beunruhigenden Ankündigung, "Erstsemestrige" bei Nichterkennen der Bildbeispiele wieder ziehen zu lassen, mit großer Anerkennung belohnt. Obwohl Diapositive zuweilen am Kopf standen, kam zum Hochgefühl bestandener Prüfung ein Diktat Buschhausens betreffs weiterführender Literatur. Der Slogan von der Einheit von Lehrenden und Lernenden erfüllt sich für mich bis heute mit diesem Erlebnis.

Es ging erfreulich weiter mit intensiven Seminaren zum frühen Märtyrerkult und allerlei Exkursionen dieses von 1976 bis 2002 an zwei Instituten lehrenden Professors. Diese Konstruktion von 1976 kam uns Studierenden vor allem bei einer Exkursion nach Rom, gemeinsam mit den Byzantinisten, zugute. Buschhausen ermöglichte während der Sichtung der berühmtesten frühchristlichen Handschriften in der Vatikanischen Bibliothek ein Umblättern in sonst unberührbaren Schätzen für alle Studierenden. Für einige Stunden fühlten wir uns wie im geheimnisvollen Turm aus Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose".

Bei den "Ottonen"#

Buschhausen selbst war ein Schüler des bekannten Mittelalterforschers und Byzantinisten Otto Demus, der 1981 als fast Neunzigjähriger neben Otto Pächt am Institut weiter arbeitete. Die beiden emeritierten Professoren, die aus englischer Emigration zurückgekehrt waren, wurden ehrerbietig nach den deutschen Kaisern die "Ottonen" genannt - und man stieg auch als Frau für sie auf die Bücherleiter. Bei Demus dissertierte Buschhausen 1966 über den Barockmaler Domenico Zampieri ("Domenichino" 1581-1641); 1973 wurde er mit einer Arbeit über die süditalienische Bauplastik zur Zeit Kaiser Friedrichs II. habilitiert. Da war er schon lange ein wissenschaftlicher Weltreisender. Er publizierte zehn, teils umfangreiche Bücher, davon wurde das gemeinsam mit seiner Frau Heide Lenzen-Buschhausen geschriebene über den Verduner Altar in der Stiftskirche von Klosterneuburg 1980 als schönstes Buch des Jahres prämiert.

Mit dem Kloster der Mechitharisten-Congregation in Wien verband Buschhausen die Bearbeitung dort lagernder armenischer Handschriften, die er 1981, ebenfalls mit seiner Frau, publizierte. Dorthin nahm er auch uns Studierende mit, die wir stundenweise für ihn arbeiteten und Taschen voller Bücher aus seiner Bibliothek für unsere Themen von ihm geliehen bekamen. Buschhausen war Ausstellungsgestalter, Korrespondent des Warburghauses in London und des Metropolitan Museums in New York. 1986 kuratierte er auf der Schallaburg in Niederösterreich eine Ausstellung mit frühchristlichen Mosaiken, weitere über Buchmalerei oder die Kopten in Bochum, München, Düsseldorf und Berlin folgten. Forschungen im Katharinenkloster am Sinai 1982 führten ihn Richtung Ägypten. Außerdem kämpfte er bis zuletzt für die Erhaltung der "Klimtvilla" in Hietzing und gab sich mit seinem aus England stammenden Freund Derrick Dakin leidenschaftlich Kinofilmen hin, was die Vermutung nahe legt, dass sein komisches Talent schauspielerische Vorbilder hatte . . .

Der Fund des Asketen#

Wir alle ahnten nichts von der schweren Erkrankung Buschhausens, der seit den Siebzigerjahren an Multipler Sklerose litt. Dem Spiel des etwas linkisch wirkenden, manchmal stolpernden Professors haftet mit diesem Wissen seit seinem Tod eine tragische Komponente an. Von den großen Schwierigkeiten, die sein Leben begleiteten, wollte er uns nichts fühlen lassen, doch sein sensationeller Fund der Mumie des Aba Kafka in Ägypten war jedenfalls - rückblickend betrachtet - ein Zusammentreffen mit einem ebenso von Krankheit Geprüften.

Im März 1992 entdeckte Buschhausen mit einem internationalen Ausgräberteam im koptischen Kloster Abu Fano (oder Fana, im Ort El-Menia in Mittelägypten), wo er seit 1986 forschte, das Grab mit der Mumie eines Heiligen, der im 4. Jahrhundert (etwa 353-390 n.Chr.) lebte und 18 Jahre in seiner dunklen Zelle aufrecht stehend als Asket verbracht hatte.

H. Buschhausen (r.) bei einer Ausgrabung in Ägypten
H. Buschhausen (r.) bei einer Ausgrabung in Ägypten, 1980er Jahre.
© V. Auenhammer-Pirker

Dieser Aba (auch Apa, also Aabbas) Bane, oder Aba Kafka nach einer Votivtafel, ist einer der wichtigsten koptischen Heiligen und das Vorbild für spätere berühmte Säulenheilige wie etwa Symeon Stylites in Syrien (ca. 390-439). Er lag in einem einfachen Schachtgrab und war teilweise traditionell nach altägyptischem Ritus einbalsamiert und mit Leinentüchern eingepackt, die in Purpur getaucht wurden. Das Kloster Abu Fana liegt zum Teil im Wüstensand verborgen - die vielen ausgegrabenen Wandmalereien, darunter das monumental-ste Kreuz der koptischen Kunst, mussten zur Sicherheit wieder mit Sand bedeckt werden.

"Palmenkrankheit"#

Die Lage auf einem Berg in der Nähe von Hur (Hagir-Abusir al Sidr, nahe dem altägyptische Hermopolis Magna) geht auf eine antike Festung zurück. Sie wurde mit einer Kirche, Mönchstrakten und Einsiedeleien überbaut. Wunder am Grab ließen an der Stelle einer Grabkapelle um 500 n. Chr. eine Memorialkirche vom Typ Katharinenkloster am Berg Sinai entstehen. Abu Fana beherbergte im 4. Jahrhundert rund tausend asketische Mönche, die Almosen verteilten und in Isolation unter Schweigegelübde beteten.

Den Untergang des Klosters brachte wohl die Pest 540 n. Chr. Erstmals wieder entdeckt von den Jesuiten 1717, wurden in der Kirche ab dem 19. Jahrhundert Messen abgehalten. Im 20. Jahrhundert siedelten sich wieder koptische Mönche an, doch die Situa- tion verschärfte sich für sie und die Ausgräber in den neunziger Jahren durch islamische Fundamentalisten derart, dass der Ort verlassen werden musste.

Aufgrund der krankhaften Verkrümmung seiner Wirbelsäule (Morbus Bechterew seit seinem 22. Lebensjahr) konnte Aba Bane (Abt Dattelpalme) identifiziert werden. Sein Schüler Aba Abraham und fünf arabische Viten erzählen vom vorbildlichen Asketenleben des Heiligen. In seiner Einsiedelei gab es eine eigens errichtete Mauer, an die gelehnt er auch schlief, und eine gemalte Palme an der Wand. Vom ewigen Stehen waren seine Unterschenkel angeschwollen, verhärtet und die Haut verdorrt; die Schmerzen müssen unerträglich gewesen sein, auch seine Zähne zeigen Anzeichen der Mangelernährung.

Trotz der "Palmenkrankheit" wird er als Visionär mit engelsgleichem Gemüt beschrieben, der auch wilde Flusspferde und Krokodile aus dem Nil besänftigen konnte. Eine Stimme sagte ihm, es blieben nur mehr 18. . . - und dann würde er sterben; dabei handelte es sich aber nicht um Tage oder Monate, sondern Jahre, die er danach stehend im Gebet verbrachte. Die Vorbilder dieser asketischen Mönche waren Moses, Elias, Christus, Hieronymus und Antonius. Ihre Ernährung in der Wüste war mitunter auf Heuschrecken und wilden Honig beschränkt, trotzdem schien dieses Leben für Tausende erstrebenswert. Unter Aba Banes Grab wurde ein antikes Frauenskelett freigelegt, in der Nähe eine weitere Mumie (Aba Herakleides), ein Refektorium und eine Küche.

Mit diesen Funden stand Helmut Buschhausen am Höhepunkt seiner Karriere, und es stimmt traurig, dass ihn die österreichische Forschungsgemeinschaft, neben Ehrenzeichen der Stadt Wien und von Niederösterreich, nicht mehr gewürdigt hat. Uns Studierenden aber war er stets Vorbild für wissenschaftliche Redlichkeit, Offenheit der Methoden und Begeisterung für seine Fächer.

Brigitte Borchhardt-Birbaumer ist freie Kunsthistorikerin und -kritikerin, Kuratorin, Lektorin an der Akademie der bildenden Künste und am Reinhardt-Seminar.

Wiener Zeitung, Sa./So., 16./17. August 2014