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Kunst macht Wut#

Hermaphroditen und homosexuelle Männer erregen nur auf Wiener Plakaten die Gemüter.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Freitag, 30. Mai 2014)

Von

Edwin Baumgartner


antike Hermaphroditen-Darstellung
Ein Fall für die Wutmutter: Die antike Hermaphroditen-Darstellung steht im Berliner Antikenmuseum und löst Bewunderung, nicht aber Aufregung aus.
© Anagoria/wikimedia

Also, schauen wir genau hin: Es ist, da braucht man gar nicht lange herumzudiskutieren, eindeutig eine Frau mit männlichem Geschlechtsteil. Sie oder er, das bleibt dem Betrachter überlassen, ist nackt und auf eine Weise in Szene gesetzt, die weniger erotisierend als kühl distanzierend und doch auch irgendwie anziehend wirkt. Ein Spiel der Gegensätze. Ein lustvolles Fest der Unvereinbarkeiten. Eindeutig "transgender" also, wie das auf gut Anglodeutsch heißt.

Dennoch stehen die Wiener Wutmütter nicht Schlange, um den Penis mittels Farbspray zu schwärzen oder den Aufkleber "Das ist pervers" darauf anzubringen. Sie müssten dafür nämlich nach Berlin fahren, denn in der dortigen Antikensammlung steht die beschriebene hermaphroditische Gestalt, die auf das zweite nachchristliche Jahrhundert datiert wird. Von einer großen Erregung, wie sie jetzt um David LaChapelles Life-Ball-Plakate angefacht wurde, berichten die antiken Geschichtsschreiber nichts.

David in aller Schönheit#

Sie berichten auch nichts von einer Erhitzung des Florentiner Gemüts, als 1504 Michelangelos David aufgestellt wurde. Der ist nun zwar kein Hermaphrodit, aber ein Mann, der schon etwas schöner ist, als ein Mann sein sollte, was zweifellos daran liegt, dass Michelangelo schönen Männern sehr zugetan war. Und gerade dieser Michelangelo, der in seiner Lyrik die Liebe zu Männern bedichtete, oder konkret zu einem Mann, nämlich zu Tommaso de Cavalieri, malt in der Sixtinischen Kapelle (schnell die K-Schlagworte genannt: Kirche, katholisch, keusch) so ausführliche männliche Geschlechtsteile und Berührungen unter Männern, dass diese Meisterwerke gewiss auch als Garten homosexueller Wunschvorstellungen durchgingen, wäre da nicht der eindeutige Verweis auf Himmlisches - was andererseits auch wieder vielsagend ist. Wutmütter - auf nach Rom! Ausziehleitern nicht vergessen, die Keuschheitsflecken müssen immerhin in 21 Meter Höhe aufgesprayt werden.

Oder nein - Wutmütter, doch hierbleiben, bitte. Die Besprayung der Life-Ball-Plakate ist zwar, juristisch gesehen, Sachbeschädigung, wofür, sollte der Schaden 3000 Euro übersteigen, eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren verhängt werden kann (ab 50.000 Euro wären’s bis zu fünf Jahre), doch heruntergetaktet auf die Ebene der Kunst ist es die erwartete Reaktion auf eine provozierende Aktion.

Das Plakat selbst - das mag schon die Wutgefühle der Conchita-Wurst-Verlierer anstacheln, jener, die mit Internet-Shitstorms gegen Thomas Neuwirths Kunstfigur aufbegehrten, das Ende der geschlechtertrennenden Zivilisation an die Wand malten - und erleben mussten, wie das Objekt ihres Hasses vom Eurovision Song Contest als Triumphator heimkehrte. Wobei ja nicht einmal der Triumph selbst die Niederlage der Tugendwächter bedeutete, sondern die zunehmende Akzeptanz von "solchen wie Conchita Wurst". So tut man den Life-Ball-Plakaten also an, was man Conchita Wurst gerne antun würde. Man schlägt den Sack und meint den Esel - was für den Esel ein Glück ist und für Conchita Wurst auch und mit Nachdruck die Frage stellt, wer nun überhaupt der Esel ist - aber das nur am Rande.

Die Provokation des Life-Ball-Plakats aber ist nicht diese Zusammensetzung von Hieronymus-Bosch-Ingredienzen mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen, was man auch als postmoderne Mischung in jeder Hinsicht deuten mag - die Provokation liegt eher in der Häufigkeit des Plakats. Bei Michelangelos eindeutig homosexuell konnotiertem David kann der Homophobe in die andere Richtung schauen. Schaut der Homophobe bei einem Life-Ball-Plakat in die andere Richtung, sieht er gleich wieder eines, und schaut er von dort weg, erblickt er das nächste. Ihm bleibt nur Augen zu und durch, auf die Gefahr hin, die Kunstfertigkeit eines Autofahrers einer Prüfung mit ungewissem Ausgang zu unterziehen.

Hingucker und Aufreger#

Überbewerten sollte man das Ganze freilich nicht. Kunst war immer für Aufreger gut - vor allem dann, wenn es Kunst im öffentlichen Raum war. Da ging es schon auch um Zeichensetzungen der Befürworter ebenso wie der Gegner, und man erinnert sich an den Konflikt, den der österreichische Bildhauer Alfred Hrdlicka mit seiner Karl-Renner-Büste auslöste und später, noch heftiger, mit seinem Mahnmal gegen Krieg und Faschismus, oder an den Konflikt um die Skulptur "Arc de Triomphe" der Wiener Künstlergruppe Gelatin in Salzburg.

Wobei das alles für die Kunstwerke ja noch glimpflich ausging. Denn auch die Zerstörung eines Objekts kann als Zeichensetzung verstanden werden - ganz so, wie es in früheren Jahren zum Werk der Eroberer gehörte, die Götter der Eroberten zu schmähen, indem man ihre Figuren schändete. Auch bei der Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan ging es den Taliban wohl primär um die religiöse Zeichensetzung. Ich werde den Verdacht nicht los, der jüdische Gott Jahwe erteilte seinem Volk aus diesem Grund das Verbot, ihn abzubilden: Einen Gott, der nur im Gedanken und Glauben existiert, kann ein eventuell siegreicher Feind nicht durch die Zerstörung von Figuren verächtlich machen.

Doch zur Kunst gehört die Ausreizung der Grenzen. Das ist keine neue Entwicklung, sondern eine, seit es Kunst gibt. Ob David LaChapelle auch die Entrüstungsstürme auslösen wird, wenn seine Werke ab Sonntag in der Galerie Ostlicht zu sehen sind, wird sich weisen. Ich halte die Wahrscheinlichkeit für gering: In einer Galerie entfaltet Kunst eine andere Aura als im öffentlichen Raum. Selbst stärkere Provokationen als jene LaChapelles schwächen sich im intellektuellen Umfeld ab. So bleibt der Berliner Hermaphrodit ein Objekt der Bewunderung und der auf LaChapelles Bild ein Aufreger. Welcher von den beiden die wirklich guten Karten hat, mag jeder für sich entscheiden.

Wiener Zeitung, Freitag, 30. Mai 2014