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"Ich hab’ mir Wien erliebt"#

Michael Heltau#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Freitag, 7. Dezember 2007)

von

Michaela Schlögl


Michael Heltau
Michael Heltau
© Wiener Zeitung
Der Schauspieler und Entertainer Michael Heltau über den Beginn seiner Karriere, die Liebe zur Musik, warum ihn Regieführen nie gereizt hat – und über sein neues Solo-Programm.

Wiener Zeitung: Herr Heltau, wir befinden uns in Würzburg und spazieren durch die Altstadt. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Stadt und diesem Weg?

Michael Heltau: Es ist eine Rückkehr. Diese Strecke bin ich täglich ins Theater gegangen! Hier hatte ich Anfang der fünfziger Jahre mein erstes Engagement als junger Reinhardtseminarist. Die ehemalige Barockstadt Würzburg wurde im Krieg fast gänzlich zerbombt. In den Straßen waren überall noch schwere Kriegsschäden sichtbar. Der heute wiederaufgebaute Dom war zugenagelt, Studenten haben im Kirchenschiff Steine sortiert. Ich erinnere mich auch gut an die Predigten des damaligen Bischofs. Die Allee im Würzburger Schlossgarten strahlt derzeit in Herbstfarben.

Damals bestimmte allerdings schlechtes Wetter Ihr Schicksal ...

Allerdings. Fritz Kortner war mit dem Auto durch Deutschland unterwegs, und da die Straßen so vereist waren, musste er in Würzburg Halt machen und übernachten. Was macht ein Theatermann, wenn er zufällig in einer Stadt ist? Er geht ins Theater. Er sah mich spielen und wollte sich am nächsten Morgen mit mir im Kaffeehaus treffen. So kam ich ans Münchner Residenztheater.

Aber eigentlich wollten Sie ja schon damals nur nach ...

... Wien! Wien! Ich bin ja kein geborener Wiener, sondern stamme aus Ingolstadt. Wien hab’ ich mir erliebt. Ich kann’s nicht anders sagen. Man kann so etwas nicht planen, Wiener zu werden, das muss sich ergeben. Sonst wird es peinlich, wenn man sich anbiedert. Wien ist in meinen Augen eine Metropole, so wie Paris. Wenn man da nicht hinpasst, heißt es schnell: Was macht der denn da?

Hat Sie die Theaterstadt Wien gelockt?

Nein. Es war die Musik. Ich wollte dorthin, wo das Musikherz schlägt. 1945 waren in Wien Burg und Oper zerstört, Österreich war nicht reich, aber die Wiener haben als erstes ihre Theater wieder aufgebaut. Hamburg hingegen war wahnsinnig reich, dort eröffnete man zuerst wieder die Banken. Irgendwann besann man sich dann aber, auch eine Oper zu bauen. Das habe ich übrigens in Hamburg genauso gesagt.

Muss ein Schauspieler musikalisch sein?

Also ich will mir keinen unmusikalischen Schauspieler vorstellen. Wie soll der Klassiker, Raimund, Nestroy oder gar Schnitzler spielen? Im süddeutschen Raum war es früher undenkbar, dass ein Schauspieler kein Couplet singen kann. Für mich gibt es nur fließende Grenzen zwischen Mozarts Papageno und den allerbesten Wiener Liedern. „Wenn der Herrgott nicht will . . .“ – das ist eine Lebensweisheit!

Wollten Sie nie Sänger werden?

Ich wäre gerne Sänger geworden, habe auch Gesangsunterricht genommen. Als Kind saß ich an unserem Radio, einem Volksempfänger, und hörte Opern. Als Achtjähriger hat mich die „Arabella“ von Richard Strauss fasziniert, ich hatte keine Ahnung, worum es in dem Stück geht, habe mir zu dieser Musik abenteuerliche, leidenschaftliche Geschichten ausgemalt. Später, wenn ich „Arabella“ auf der Bühne gesehen habe, war mir die Darstellung immer zu zahm! Ich bin aber nicht Sänger geworden, weil ich schon damals wusste, dass – außer dem Tänzerschicksal – jenes des Sängers das Traurigste ist, was es gibt. Selbst, wenn etwas aus mir geworden wäre, wäre die Stimme heute nicht mehr tragfähig. Bei Sängern läuft die Lebensuhr viel rascher. Ich habe viele Sänger sehr gut gekannt, manche haben im Alter still gelitten, wie Irmgard Seefried, manche revoltierend, wie Elisabeth Schwarzkopf.

Heißt das, dass man als Schauspieler auf jeden Fall eine längere Karriere hat?

Ein Schauspieler kann ein Leben lang auf seinen Erfahrungen aufbauen. Das ist wie bei einem Stafettenlauf, man übernimmt die Rollen von den ganz Großen und darf keine Angst haben, an ihnen gemessen zu werden, sonst dürfte man erst gar nicht starten. Früher gab es öffentliche Generalproben an der Burg, das war für uns junge Schauspieler Fegefeuer, Hölle und Himmel zugleich. Die berühmten Kollegen saßen in den ersten Reihen, oft schon mit schlechten Augen und Ohren. Einmal drang ein „Wer ist es?“ auf die Bühne herauf, der Name des agierenden Schauspielers wurde halblaut genannt, darauf ertönte nochmals „ Wer ist es?“ Aber es hat niemand gelacht. Paula Wessely hat mir einmal erzählt, sie hätte gehört, wie Adrienne Gessner während einer solchen Probe halblaut zu einer Kollegin über die oben spielende Akteurin lapidar gemeint hätte: „Nicht ihre Rolle.“ So wurde man gegeißelt.

Aber andererseits machte das auch wieder Luft zwischen Generalprobe und Premiere, denn alle dachten: Heute sind sie ja nicht da! Das war wie in einer Familie. Ich habe schon als Junger gewusst: Ich will nicht nur den Don Carlos spielen, sondern auch einmal den König Philipp. Heute will ich das übrigens nicht mehr.

Warum? Hängt das mit Ihren Erfahrungen mit Regisseuren zusammen?

Wissen Sie, ich hab’ mich schon als junger Schauspieler getraut, einem Regisseur zu sagen: „Nein, das mache ich nicht.“ Dadurch habe ich manche Rolle nicht bekommen. Aber Helene Thimig, meine Lehrerin am Reinhardtseminar und Mentorin, hat mir auf den Weg mitgegeben: „Sagen Sie nie ein Wort, an das Sie nicht glauben.“

War das Ihr Erfolgsrezept?

Auch. Aber ich hatte vor allem in den ersten zehn Bühnenjahren eine Ernsthaftigkeit, die andere nicht hatten. Und die Aussicht, einmal in Wien zu spielen, hat mich ungemein beflügelt. Ich hätte ja gleich nach dem Reinhardtseminar ans Burgtheater engagiert werden sollen, Direktor Rott wollte mich mit dem Küchenjungen Leon in „Weh dem der lügt“ in der Eröffnungssaison des wieder errichteten Hauses besetzen. Damals haben im Ensemble, um nur einige zu nennen, Werner Krauß, Oskar Werner, Ewald Balser, Käthe Gold, Paula Wessely gespielt. Ich wusste auch, dass Raoul Aslan den Schauspielern, die ans Burgtheater gekommen waren, gesagt hat: „Sie treten jetzt in einen Orden ein!“ Das hatte ich im Ohr. Ich habe daher als blutjunger Seminarist abgelehnt und gesagt: Nein. Respekt und Vernunft geboten mir: Es ist zu früh.

Jetzt sind Sie, als Doyen des Burgtheaters, nach Jahren der Burg-Abstinenz zwar nicht mit einer Rolle, doch mit einem eigenen Programm heimgekehrt. Die Titel Ihrer vorangegangenen One-Man-Shows hießen „Statt zu reden“, wobei Sie der Operette oder dem Jacques-Brel-Chanson huldigten, und „Statt zu singen“, wobei sie rezitierten. Jetzt heißt es „Statt zu spielen“. Es glaubt Ihnen doch niemand, dass Sie an der Burg nicht spielen!

Mir sind interessante Rollen in den letzten Jahren angeboten worden, aber es wollte zu nichts kommen. Giorgio Strehler hätte mit mir am Burgtheater „König Lear“ gemacht, starb jedoch vor der Verwirklichung dieses Projektes, und als man mir den Lear danach anbot, lehnte ich immer ab. Das hätte angesichts der prägenden, dreißigjährigen Zusammenarbeit, die Strehler und mich verbunden hatte, doch geheißen, das Schicksal nicht zu verstehen, wenn ich es dann mit jemand anderem gemacht hätte. Ich habe viele große Rollen verkörpert. Das jetzige Programm ist ein Kaleidoskop, wiederum von Loek Huisman zusammengestellt. Es ist ein Theater-, aber auch ein Musikabend. Natürlich spiele ich.

Was war die Motivation für das Programm „Statt zu spielen“?

Viele großartige Dinge dem Vergessen zu entreißen, sich ihnen wieder mit Liebe und Respekt zu nähern. Ich will mich selbst nicht so wichtig nehmen, mir ist immer der warnende Schnitzler-Satz im Ohr: „Werk, gib Acht, was ich dir zu sagen habe!“ Es geht um Unterhaltung, um Menschen im Metier: singend, schreibend, existierend . . . Wissen Sie, Unterhaltung wird heute inflationär gehandelt. Theater ist für viele ein intellektuelles Versuchsgebiet, Unterhaltung darf jeder machen. Ich glaube nicht, mit meinen Programmen etwas zu verändern, aber vielleicht geht das eine oder andere zu Herzen. Die Vorbereitungsarbeit hat mich riesig gefreut. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich mich über etwas noch so freuen kann! Ich bin aber auch sehr hellhörig dafür, wie lange man diesem immer älter werdenden Heltau noch zuhört.

Man hat einmal über Sie gesagt, Sie seien immer ein Solist gewesen. Ist daran etwas Wahres?

Ich wollte immer die volle Verantwortung übernehmen für das, was ich mache. Deshalb hat mich auch das Regieführen nie gereizt. Regisseure sind ja arme Teufel, Puppenspieler mit lebendigen Menschen. Ich selbst bin doch auch nie wegen eines Regisseurs in eine Aufführung gegangen, sondern immer nur der Schauspieler wegen. Ich wollte immer den Kontakt zum Publikum. Deshalb die Soloabende – da ist nichts zwischen mir und dem Publikum! Aber das Verhältnis zwischen Schauspieler und Regisseur hat sich in den letzen Jahrzehnten in geradezu tödlicher Weise verkehrt. Die Regisseure überschätzen sich und haben die Schauspieler entmündigt.

Haben Sie dermaßen schlechte Erfahrungen mit Regisseuren gemacht?

Ich habe viele Erfahrungen mit Regisseuren gemacht. Ich kenne ihre Attitüden. Viele erscheinen, auch wenn sie schon fünfzig sind, wie Studenten, ganz in Schwarz gekleidet und des Denkens müde. Genial zu sein muss anstrengend sein! Ich habe auch mit solchen Regisseuren gesprochen. 1967/ 68 sollte ich den Nathan spielen, und der Regisseur sagte mir auf meine Frage, wie er sich den Nathan vorstelle: „Na, wir wollen den Nathan doch zusammen erfinden!“ Stellen Sie sich das vor: Nathan den Weisen erfinden! Lessing erfinden! Es gab in meiner Schauspielerlaufbahn aber auch Regisseure, die uns den gesamten Text vorgelesen und jedes Wort erklärt haben, als wären wir der deutschen Sprache unkundig. Die Schauspieler haben sich dann gedacht: Der sagt eh alles, was er will. Natürlich ist das schauspielerische Talent des Einzelnen dadurch nicht weniger geworden, aber die Lust an der Eigeninitiative stirbt. Reinhardt hat das schöne Bild erfunden, dass man als Schauspieler die eigene Kindheit in die Tasche steckt.

Hat das auch etwas mit Naivität zu tun?

Das hat sehr viel mit Naivität zu tun. Uns ist die natürliche Naivität verloren gegangen! Wenn Regisseure wie Claus Peymann ein Stück fünf Monate lang geprobt haben, kann man eine Dissertation darüber schreiben, aber spielen kann man das nicht mehr. Wenn Sie auch ewig proben, ist das Ganze trotzdem in zweieinhalb Stunden vorbei. Ich fange jedes Mal ganz neu an.

Wie lernen Sie denn neue Rollen?

Spazierengehend. Ich gehe, wenn es zeitlich möglich ist, stundenlang im Wienerwald spazieren. Plötzlich glaubt man bei einer Textstelle, jetzt hat man’s. Bei der Probe hat man es dann vielleicht wieder, und wenn man Glück hat, ist es bei der Vorstellung wieder da. Aber ich glaube nicht daran, dass einem große Rollen von Anfang bis Ende durchgehend gelingen können. Vollendet werden unsere Interpretationen ja erst durch das Publikum. Wir provozieren die Phantasie des Publikums. Aber es kann nie zweimal dasselbe sein, es sitzen jeden Abend andere Menschen im Zuschauerraum. Manchmal sagt einer im Publikum dann: Das hätt’ ich auch können. Früher war ich etwas befremdet durch so eine Aussage. Heute weiß ich, das ist höchstes Lob.

Ihre Soloabende sind doch Spitzenleistungen, nicht nur künstlerischer, sondern auch physischer Natur. Sie stehen ohne Pause zweieinhalb Stunden auf der Bühne – und dann kommt jemand und sagt: Das hätt’ ich auch können!

Handwerk und Hirn müssen für solche Abende ganz in Ordnung sein. Wenn man sehr gut drauf ist, kommen die Leute und sagen: An einem guten Tag mach’ ich das auch. Ich will ja heute nicht mehr nur Rollen verkörpern, sondern Schicksale, kleine Geschichten auf die Bühne bringen. Wenn die Leute im Publikum das so sehr verstehen, dass sie sich selbst darin erkennen, dann stimmt es. Und dafür brauche ich heute keine Theaterutensilien mehr. Ich habe alle Schwerter und Totenköpfe in der Hand gehabt. Jetzt ist das Theaterspielen in diesem Sinn für mich absolut vorbei. Ich interpretiere heute Kurzgeschichten. Ich spiele nicht Menschen, sondern menschliche Situationen. Max Reinhardt hat gesagt: Nicht die Träne ist interessant, sondern der Kampf gegen die Träne.

Wenn Ihnen das als Schauspieler gelingt – dann weinen die Menschen im Publikum! Sie haben sich oft nicht als Schauspieler, sondern als „Bühnenmenschen“ bezeichnet. Auch der Bühnenmensch lebt in anderen Figuren, erlebt ständig Transformationen. Ist die Trademark Michael Heltau dabei von Vor- oder von Nachteil?

Am Thaliatheater in Hamburg spielten wir „Einen Jux will er sich machen“, eine der schlechtesten Vorstellungen, die ich je erlebt habe. Der Regisseur sagte, ich solle mir die Haare rot färben und mich ganz weiß anziehen. Ich sollte aussehen wie ein Mehlwurm. Ich fragte: Warum? Er meinte, er wolle, dass man mich nicht erkenne, wenn ich auftrete. Ich entgegnete: Hören Sie, ich arbeite seit 25 Jahren daran, dass man mich erkennt . . .

Ist es schwer, über den Beruf des Schauspielers abstrakt zu reden?

Ja. Wissen Sie, ich wollte ja immer auch komödiantische Rollen spielen. Aber das Komische, das mir ebenfalls im Blut liegt, kam in den ersten Jahren nicht unbedingt vor in den Rollen, die mir zugedacht waren. Da fällt mir eine Anekdote ein: Um die vorige Jahrhundertwende im alten Kaiserreich kam ein in Wien zu höchsten Ehren gekommener Hofschauspieler zurück in das Dorf, aus dem er stammte. Als man den prominenten Künstler naiv fragt, was er denn jetzt eigentlich in Wien mache, meint dieser, wenn man es nicht selbst sähe, könne man es nur sehr schwer beschreiben. Die Dorfkameraden sahen ihn verständnislos an, ließen aber nicht locker und meinten schließlich: „Na, mach doch einen Purzelbaum!“

Zur Person#

Michael Heltau, 1933 im bayerischen Ingolstadt geborener Wahlwiener; Schulbesuch im Salzkammergut, Absolvierung des Reinhardtseminars in Wien; Debüt in Würzburg, anschließend folgten Engagements am Münchner Residenztheater, am Theater in der Josefstadt in Wien, in Berlin am Schillertheater und im Theater am Kurfürstendamm, sowie in Hamburg. Seit den 1960er Jahren regelmäßige Auftritte bei den Salzburger Festspielen, seit dreißig Jahren Ensemblemitglied und heute Doyen des Wiener Burgtheaters.

Heltau ist ein "Bühnenmensch" – dieses Genre umfasst Schauspiel, Entertainment, Operette und Chanson. Nach der Verkörperung klassischer Hauptrollen, wie Shakespeares Hamlet, Schillers Carlos, aber auch Schnitzlers Anatol und seiner legendären Interpretation des Bluntschli im Udo-Jürgens-Musical "Helden, Helden", wandte sich Heltau dem Showbusiness zu, sang und spielte vorrangig die Lieder und Chansons des Belgiers Jacques Brel. In diesem Genre entstanden viele Eigenproduktionen fürs Fernsehen und Theater, wie "Auf d’Nacht, Herr Direktor" oder der "TV-Liedercircus". In den 1990er Jahren war Heltau der Professor Higgins in unzähligen Volksopernaufführungen von "My Fair Lady". Die Begegnung mit Giorgio Strehler bezeichnet Heltau als eine seiner wichtigsten künstlerischen Erfahrungen, in Strehlers letzter Burgtheaterinszenierung, Pirandellos "Riesen vom Berge", war Heltau der Zauberer Cotrone; Heltau ließ die Strehlerinszenierung von Mozarts "Le nozze di figaro" im Rahmen der Wiener Festwochen 2001 am Theater an der Wien wieder aufleben. In den letzten Jahren konzentrierte sich das Multitalent auf eigene Shows, die stets von Loek Huisman programmiert und dramaturgisch betreut werden. Derzeit tritt Heltau mit dem Solo-Programm "Statt zu spielen" im Burgtheater auf. Die nächsten Vorstellungen: 12., 17. und 31. Dezember.


Wiener Zeitung,, Freitag, 7. Dezember 2007