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Die schönen Bilder der Adria #

Der Wiener Secessions-Künstler Josef Maria Auchentaller und seine Frau Emma lebten in Grado, wo sie vierzig Jahre lang eine Pension betrieben und das gesellschaftliche Leben prägten. #


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 6./7. September 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christine Casapicola


Josef Maria und Emma Auchentaller
Josef Maria und Emma Auchentaller.
Foto: © Auchentaller Archiv, Südtirol Emma

Der Friedhof von Grado liegt am Rande der Stadt. Die Gradeser haben ihn lagunenseitig auf einer stillen, kleinen Insel errichtet. Viel tut sich hier nicht. Eine schwarze Katze scheint im Geräteschuppen der Gärtnerei ihr Zuhause gefunden zu haben und ein paar Möwen hüpfen zwischen den Gräbern herum. Auch das Grab hinter dem Eingang, erster Hauptgang links, einige Schritte rechts, sieht selten Besucher. Doch zu Allerheiligen brennt dort eine Kerze und vor dem Grabstein leuchtet es lila. Erika Auchentaller hat – nomen est omen – ihren Großeltern fünf Erikastöcke aus Südtirol mitgebracht. „Die hätten ihnen sicher gefallen. Das Violett dieser robusten Gebirgssorte ist besonders schön“, sagt sie.

Gut verpackte Kisten #

Frau Auchentaller überlegt sich genau, welche Farbe sie ihrem Großvater jedes Jahr auf sein Grab setzt. Den behutsamen Umgang mit ihm hat sie in den letzten fünfundzwanzig Jahren gelernt. „Unser Hotel in Südtirol hat mir keine freie Minute gelassen. Das Erbe des Großvaters ruhte jahrzehntelang gut verpackt in Kisten auf dem Dachboden“, erzählt sie und kann es im Nachhinein selbst nicht glauben. Denn der Großvater, für den so lange keine Zeit war, ist kein Geringerer als der Secessionist Josef Maria Auchentaller. In den Kisten fand Frau Auchentaller viele Skizzen und Fotos, nach denen er gemalt hat, sowie hunderte Briefe an die Großmutter. Zeitweise schrieb er täglich von Wien an seine Frau Emma in Grado. „Seit meine Kinder erwachsen sind und im Betrieb helfen, ist es leichter geworden. Ich habe ein Archiv angelegt und die Bestände geordnet.“

Frau Auchentaller ist viel „in Sachen Großvater“ unterwegs, wie sie es ausdrückt: Ausstellungen besuchen, Kataloge begutachten, Biographen treffen, Termine in Museen in Wien und Italien. Irgendwie sei der Großvater die graue Eminenz im Hintergrund. Sie schmunzelt. „Die Bezeichnung graue Eminenz trifft den Nagel auf den Kopf. Aber ›grau‹ . . . das würde ihn stören! Die Welt des Großvaters war bunt, die Farben in seinen Bildern haben eine einmalige Aussagekraft.“

Man merkt, wie gerne sie über ihren Großvater erzählt, ihre eigene Biographie hält sie hingegen kurz. In Triest geboren, hat sie bis zu ihrem neunten Geburtstag in Grado gelebt – zusammen mit ihren Eltern und den damals schon greisen Großeltern. Sie war erst sechs, als die Großmutter starb, die Erinnerung an die angesehene Unternehmerin ist verschwommen: schwarz gekleidet, selbst im Alter noch durch und durch eine Dame. Der Großvater, der Künstler und Maler, ist ihr präsenter, ihn sieht sie noch auf der Terrasse des Fortino sitzen und übers Meer schauen. Bis auch er ging; da war sie neun.

Das Leben von Josef Maria Auchentaller und seiner Frau Emma lässt sich anhand des regen Briefwechsels gut verfolgen. Emmas Schrift war ausladend und groß, jene von „Pepi“ gestochen scharf und präzise. Der Schrift nach war sie die Künstlerin und er der beinhart kalkulierende Geschäftsmann. Doch oft sind die Dinge anders als sie scheinen. Ein ungleiches Paar seien die Großeltern aber wohl gewesen, mit zwei grundverschiedenen Berufen: Er ein verschlossener Maler, sie ein Organisationstalent. Meist stand Emma in der ersten Reihe und Josef Maria hinter ihr, wiewohl nicht in ihrem Schatten. Für ihn war Emma eine Art Muse, er hat sie verehrt und oft porträtiert.

Emmas Vater, der erfolgreiche Schmuckfabrikant Georg Adam Scheid, hatte es den beiden nicht leicht gemacht, ein Paar zu werden. „Diesen Künstler? Niemals!“, soll er gesagt und mit der Enterbung gedroht haben, was die junge Frau wenig kümmerte. Sie bestand auf ihrem Künstler und selbst Vater Scheid erkannte bald die Vorteile eines künstlerisch begabten Schwiegersohns für seine Schmuckmanufaktur. „Der Großvater hat bis ins Jahr 1900 viele Schmuckstücke für die Firma Scheid entworfen. Aber Emma traute ihrem Vater letztlich nicht über den Weg. Sie wollte finanziell unabhängig sein und hatte dazu bereits eine Idee: die Eröffnung einer Pension in Grado.“

Auchentallers Pension Fortino in Grado
Auchentallers Pension Fortino in Grado.
Foto: © Historische Postkarte

Erika Auchentaller macht eine Erzählpause. Es ist unschwer zu erraten, wo ihre Gedanken sind. Das Fortino, wie die Pension später heißen würde, ist Teil ihres Lebens. Sie erinnert sich noch genau, wo die Gemälde des Großvaters im Stiegenaufgang hingen. Das Besteck, die Milchkännchen und die Vorlegeplatten mit dem Fortino-Wappen nach den Entwürfen des Großvaters sowie einige Möbel sind bis heute in ihrem Hotel in Südtirol in Verwendung.

Die Pension lag dicht am Meer und die Zimmer hatten kleine Veranden, die mit einem Arkadenbogen überdacht waren. Die Sonne von dort aus im Meer versinken zu sehen, war ein Erlebnis. Aber das Beste war der Speisesaal. Er ging auf eine weite, gegen das Meer vorgeschobene Terrasse. Vom Deich aus gesehen glich das Fortino einem großen Schiff, das bereit war, die Anker zu lichten.

Ins Küstenland #

Die Anfänge der Großeltern in Grado kennt Frau Auchentaller aus Familienerzählungen. Der Großvater hatte primär die Gesundheit seiner kleinen Tochter im Auge, als er Emmas Gradopläne billigte. Maria war 1892 zur Welt gekommen. Zehn Jahre später kränkelte das Kind ständig, die Wiener Ärzte rieten zu einem Urlaub am Meer. Die Wahl fiel auf Grado. Der kleinen Maria tat das Klima gut und Emma fühlte sich wohl. Frau Auchentaller zieht einen Brief aus der Tasche. Im September 1901 schrieb Emma aus Grado: „Wir unterhalten uns Tag für Tag ausgezeichnet, immer ist irgendein Grund vorhanden, eine kleine Aktivität zu veranstalten oder zu lachen und zu scherzen. Und die blaue Adria hat es mir wieder vollkommen angetan.“ Für Emma stand nach jedem Sommer fest: Auch nächstes Jahr würde sie wieder ins Küstenland fahren, zurück nach Grado, zurück ans Meer. Sie liebäugelte damit, in Grado ein eigenes Haus zu besitzen: eine Pension, direkt am Meer, an der Spitze des Wellenbrechers, gebaut auf den Resten einer französischen Festung. So schwebte es ihr vor und so sollte es zwei Jahre später sein.

Grado war für die Künstlerkarriere J. M. Auchentallers nicht ideal. In Wien hatte er sich inzwischen einen Namen gemacht. Er entwarf Möbel, Schmuck, Plakate und war als Porträtmaler angesehen. Für die Beethovenausstellung schuf er 1902 in der Secession einen Fries, der jenem von Klimt um nichts nachstand. Linker Saal Klimt, rechter Auchentaller – in jeder Beziehung auf demselben Niveau. Durch die Aufenthalte in Grado verlor er jedoch den Anschluss an die Wiener Gesellschaft, und die „Clique“ der Secessionisten, wie er sie in Briefen an Emma nannte, nutzte seine langen Absenzen, um ihn auszubooten.

Im Jahr 1905 trat J. M. Auchentaller aus der Secession aus. „Dafür engagierte sich der Großvater in Grado umso mehr. Ein paar Jahre war er Mitglied des touristischen Förderungskomitees. Aus dieser Zeit stammt das berühmte Plakat ›Seebad Grado‹. Die beiden eleganten Damen auf dem Plakat sind meine Großmutter Emma und ihre Schwester Martha, die mit einem der Thonet-Söhne verheiratet war. Die linke ist Emma.“ Das Fortino hatte im Jahr 1904 den Betrieb aufgenommen. Viele Wiener Bekannte der Auchentallers, von Otto Wagner bis Carl Moll, verbrachten die Sommer in Grado und in ihrem Kielwasser folgten Schriftsteller, Komponisten, Gelehrte und das wohlhabende Bürgertum.

Im Fortino zu nächtigen gehörte zum guten Ton. Emma Auchentaller ging in der Rolle der Geschäftsfrau auf. Grado verdankt seinen Erfolg als Kurort nicht zuletzt ihrem Elan. Der Unternehmergeist Emmas, die Kontakte der Großeltern zur besseren Wiener Gesellschaft und die Künstlerfreunde des Großvaters haben die „wirklich guten Leute“ nach Grado gebracht. Davon ist Frau Auchentaller überzeugt.

Josef Maria und Emma Auchentaller erschufen mit dem Fortino ein Kleinod und verbrachten ihr halbes Leben in Grado. „Es gab auch Schicksalsschläge. Aber letztlich hat das die beiden noch mehr zusammengeschweißt“, resümiert Frau Auchentaller. Über den plötzlichen Tod von Tochter Maria kamen Emma und Pepi ein Leben lang nicht hinweg. Was genau passiert ist, weiß die Familie bis heute nicht. Die zweiundzwanzig Jahre alte Maria war bei ihrer Tante Martha in Bistritz zu Besuch, als die schreckliche Nachricht kam. „Ich muss sofort nach Bistritz, es ist etwas Furchtbares passiert“, schrieb J. M. Auchentaller an Emma. Doch er konnte nichts mehr für seine Tochter tun.

Auch als Künstler erlebte J. M. Auchentaller Enttäuschungen. Der Verlust von etlichen Gemälden in den Zwanzigerjahren traf ihn so sehr, dass er ab diesem Zeitpunkt deutlich weniger malte. Die Werke waren für eine Ausstellung zusammengestellt worden und plötzlich spurlos verschwunden. Das Ende einer Ära Die Familie Auchentaller hat Grado geprägt. Zwischen der Eröffnung des Fortino im Jahr 1904 und der Schließung im Jahr 1942 veränderte sich die Welt um Emma und Josef Maria. Ihre Liebe zu Grado blieb bis zum Schluss gleich. Während des Zweiten Weltkrieges hatten die Engländer auf dem Fortino eine Radarstation untergebracht und, als sie sich zurückzogen, den obersten Stock gesprengt. Zurück blieb eine Ruine ohne Dach. Dennoch harrte die Familie bis 1949 in Grado aus, ehe der Familienrat den Umzug beschloss. Der hochbetagte J. M. Auchentaller war damit einverstanden und verpackte noch eigenhändig seine persönlichen Schätze, die Briefe und Skizzen in Kisten und Schachteln.

„Mein Großvater starb am 1. Jänner 1949, wenige Monate bevor wir nach Südtirol gingen. Ich komme nur noch selten nach Grado, aber die Erikapflanzen zu Allerheiligen sind ein Muss.“

Kurzfassung eines Kapitels aus Christine Casapicolas Buch „Nächstes Jahr im Küstenland“ (Editioni Braitan, Cormons, Italien, 2014). In diesem Buch erzählt die Autorin fünfzehn Familiengeschichten und zeichnet dadurch ein Gesamtbild der einstmals österreichischen Küstenregion zwischen dem Isonzotal und Triest.

Christine Casapicola lebt in Wien und Friaul. Sie begleitet Projekte, die den Kulturaustausch in der Alpen-Adria- Region fördern.

Wiener Zeitung, Sa./So., 6./7. September 2014