unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Karl Wiener und die Montage als politisches Ventil#

Verschollen im Museum. Der Künstler Karl Wiener#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 10. Mai 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Selbstporträt Karl Wieners
Ein Selbstporträt Karl Wieners um 1940.
© Foto: Wien Museum

Karl Wiener (1901–1949) wird mit seinen 40 zumeist politischen Collagen als Wiens John Heartfield oder männliches Pendant zu Hannah Höch in die Kunstgeschichte eingehen. Er führte ein Doppelleben als Lehrer an der Kunstgewerbeschule und Gebrauchsgrafiker, der im Atelier zu Schere und Klebstoff griff und seinen Protest gegen die Austrofaschisten und gegen Hitler in Montagen aus Zeitungen einfließen ließ. Diese historische Dimension seiner Werke hätte das Wien Museum allerdings schon kurz nach 1965, als die Nachlasskiste mit seinen Werken durch Käthe Dostal ans Wien Museum kam, erkennen können. Doch die Arbeiten wurden weder inventarisiert noch gesichtet, sondern gingen 40 Jahre lang im Depot "verloren", und erst die Anfrage für die Grazer Schau "Moderne in dunkler Zeit" gab 2001 durch einen Tipp des bekannten Sammlers Wilfried Daim den Anstoß, das "museologische Koma" aufzuheben. Eine Schiene der Schau "Verschollen im Museum. Der Künstler Karl Wiener" beschäftigt sich daher kritisch mit der Gegenüberstellung aller Fakten wie Briefe, Dokumente oder Fotos, die über die Vitrinen mit den Werken geordnet sind.

Städte und Totenköpfe#

Die Kuratorinnen Lisa Wögenstein und Marion Krammer geben Wiener mit einer Gruppe von interessanten Selbstbildnissen in vielen Techniken als Auftakt die Gelegenheit, sich vorzustellen. Die oft nächtlichen oder roten Himmel, Stadtansichten und ihn begleitenden Totenköpfe lassen auf einen eher schwermütigen Charakter schließen. Jedoch ist es auch seine schwierige Situation als Künstler und Sozialist in faschistischer Zeit, welche die dunklen Inhalte begründet. Fassbar wird Wiener trotz aller persönlichen Vermerke in und zu den Bildern nicht wirklich, aber sein Suizid erklärt sich wohl durch viele Brüche in seinem Leben, die in dieser Zweigleisigkeit gut fassbar werden.

Der geborene Grazer hatte in seiner Heimatstadt nach dem Studium bei Berthold Löffler und später Rudolf Jettmar an beiden Wiener Akademien Erfolge. Er bekam Preise und Stipendien, eine positive Presse, konnte nach Schweden, Dänemark, Deutschland und Russland reisen und in Moskau Grafiken verkaufen. Doch mit der Entscheidung, 1937 nach Wien zu gehen, riss seine Erfolgssträhne ab. Obwohl er Anschluss an Linksintellektuelle und Kollegen wie Otto Rudolf Schatz hatte und als ihr Mitglied auch Aufträge der sozialistischen Partei bekam, fand er nie eine Galerie oder private Sammler. Scheitern am Leben

1938 trat er der Reichskunstkammer bei, um an der Jugendstrafanstalt in Kaiserebersdorf und dann – wohl durch Löfflers Hilfe – an der Kunstgewerbeschule unterrichten zu können. NSDAP-Mitglied wurde Wiener nie.

1945 wurde sein Atelier ausgebombt, Werke gingen verloren, und obwohl ihm Kulturstadtrat Viktor Matejka half und Wiener mit dem Heimkehrer Schatz gemeinsam 1946 ausstellte, blieben Erfolge weiter aus. Depression und Medikamentensucht führten wohl auch zur Kündigung seiner Stelle. Zwei Jahre danach starb er durch Einatmen von Lachgas.

Das schwierige Leben Wieners fand allerdings seine Fortsetzung im nun durch diese Personale erst aufgehobenen Museumskoma. Seine künstlerische Leistung war offenbar 1965 noch schwer zu erkennen, das Werk zu heterogen, vielleicht auch zu nahe an Schatz in den sozialkritischen Grafiken, und die spannenden anarchistischen Collagen empfand man offenbar in Details als obszön. Dazu bleibt ihre persönliche Note bis heute rätselhaft offen. Jedenfalls eignete sich Wiener in den Augen von vier Direktoren nicht für das Künstlerbild der Nachkriegszeit. Das gibt zu denken.

Wiener Zeitung, Dienstag, 10. Mai 2011