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Wilfried Daim als Kunstsammler #

("Trend" 7/1978)

Sein erstes Kunstwerk kaufte er im Sommer 1943 in Russland um 50 Reichsmark - eine Ikone. 20 Jahre später besaß er rund 200 Grafiken. 1978 stapelt er neben 200 Ölbildern weitere 5000 Arbeiten in seiner Villa in Wien Währing. Nicht schätzbarer Gesamtwert: "Die einen würden sagen 400.000 Schilling, die anderen fünf Millionen" wahrscheinlich liegt die Ziffer weit darüber.

Dr. Wilfried Daim. 55jähriger linkskatholischer Psychologe, Bundesheergegner und Autor einer Reihe von psycho- soziologischen Büchern, stellte im Frühsommer einen weiteren Band vor.

Von den sonstigen Themen entfernt, präsentierte Daim mit dem Kunstband „Otto Rudolf Schatz, Grafik" (Edition Roetzer. Eisenstadt) erstmals deutlich einen Teil seiner immensen Bildersammlung. Die "Wiederentdeckung" („Kronen Zeitung") oder „Ein echter Verdienst" („Neue Zeit") des Aufspürens des vergessenen Zwischenkriegsmalers Otto R. Schatz, einem Schiele-Nachfolger und Kokoschka-Zeitgenossen, geriet dem Sammler unfreiwillig zur Darstellung seiner beachtlichen Sammlerpersönlichkeit. Kunsthändler und Galeristen, Kunstsinnige und Kunstpolitiker liegen Daim inzwischen zu Füßen. Allein das Schatz-Ölbild „Schaustellung" kaufte er vor fünf Jahren um 3.000 Schilling ein und würde es heute nicht unter einer Million hergeben. Die Gewissheit, nun auch dank seiner Bilder nicht mehr am Hungertuch nagen zu müssen, gibt ihm die Kraft für moralische Sätze: „Kunst nur wegen des Wertzuwachses kaufen ist eine Sauerei." Zu sammeln, nur weil es „in" ist, sei kaltschnäuzig und weit von echter Freude entfernt.

Daim lebt mit seinem Hobby, das freundlicherweise auch vor Vermögenszuwächsen nicht haltmacht, Lebensqualität vor, die beispielsweise mit dem zur Zeit modernen Sport & Fitness-Chauvinismus, der eine Menge Geld kostet, wenig gemein hat.

„Kunst sammeln, um sich gegen den sozialen Druck zu wehren", lautet die Devise des Individualisten, verträumt geschmückt mit einem Zitat Friedrich Nietzsches: „Ein aus sich rollendes Rad sollst du werden!" Damit steht Daim freilich im krassen Gegensatz zur Mehrzahl der Österreichischen Bildbesitzer, die die Kunst ein bisserl mögen, aber nicht recht wissen, was von ihr und warum. Schon die Frage nach dem Warum entlarvt nach Daims Meinung zweitklassige Motive. So basiert ein Großteil des Erfolges des Wiener Leherb- und Ernst Fuchs-Galeristen Manfred Scheer beispielsweise darauf, dass er preiswerte Druckgrafiken als „Aktien an der Wand" ausgibt und so an die Schachergefühle der unverständigen Kundschaft appelliert.

Oder Gertrude Fröhlich-Sandner: Die Kunst-Dame aus Wien borgt sich öfter mal Gemälde aus dem Fundus der Gemeinde Wien Sammlung aus, um im privaten Speisezimmer vor Gästen Eindruck zu schinden. Nach dem Fest werden die Bilder bis zum Abtransport in der dunstigen Küche gelagert - so geschehen mit einem Makart-Ölbild um Hunderttausende von Schilling.

Oder Manfred Mautner Markhof: Der Parade-Kunstmäzen hatte in den frühen fünfziger Jahren den damals noch provokanten Ernst Fuchs um ein Porträt gebeten. Er erkannte sich später in einem düster bläulich gepinselten Ölgemälde wieder nackt in einem Leichensarg. Seither hält er das Chef d'oeuvre eitel unter Verschluss. Es heißt, Reininghaus würde ein Vermögen ausgeben, um es zu besitzen.

Für Daim hat das alles mit echten Sammlern nichts zu tun, deren vorbildliches Verhalten er so beschreibt: „Unabhängig von ihrem Qualitätsempfinden identifizieren sie sich mit einem Maler und seinem Werk oder suchen konsequent nach bestimmten Sujets wie zum Beispiel Zeitkritisches, Humoriges, Erotisches oder Makabres und so weiter."

Daim, Sproß einer kleinbürgerlichen Familie („Eine Küche ohne Frau ist wie eine Blume ohne Tau"), fand außer kitschigen Gottesbildern in der frühen Jugend wenig Kunstvolles vor. Ab 1939 ging er unter anderem mit Ernst Stankovski, dem jetzigen Schauspieler, Herbert Probst (Volkstheater-Mime) und Paul Twaroch, dem ehemaligen ORF Generalsekretär, zur von Hitler gerade noch tolerierten Pfarrjugend der Kirche in Hernals. Dort nahm sich ein pädagogisches Genie, Jugendkaplan Josef Weinand, der rund 60 Jugendlichen an und befand: „Wir müssen viel, viel g'scheiter als die Nazis sein."

Weinand, der nach dem Krieg als Religionsprofessor unter anderen Otto Breicha - jetzt Kunst-Allroundler zur Zeit mit Sitz im Kulturhaus Graz) und Karl Vak (heute Generaldirektor der Zentralsparkasse) unterrichtete, schuf damals eine Konkurrenz zur Hitlerjugend, ging mit seinen Schäfchen ins Burgtheater oder zu Trödlern, um Renaissanceschränke zu analysieren. Er unterwies in Kunstgeschichte und verschaffte dem jugendlichen Daim mit einem Bild der „Rosenhagmadonna" von Stefan Lochner zu einer allerersten Bildbeziehung (Daim heute: „Milde, subtile Weiblichkeit").

Mit wenig Geld begonnen#

1945 stolperte der kunstsinnige Katholik von einer aufgeriebenen Skijägereinheit aus Ostpreußen mit amputiertem Bein nach Hause. Er studierte bis 1948 Psychologie und stürzte sich in „ideologische Wahnsinnsdiskussionen" mit dem damaligen Wiener Kunstpapst, dem vor vier Jahren verstorbenen Monsignore Otto Mauer, und dessen Freundeskreis Arnulf Rainer, Markus Prachensky, Wolfgang Hollegha und Josef Mikl. Unter diesem Einfluss kaufte er 13 Lithos von Alfred Kubin um 250 Schilling, dem großen Vorbild der jungen Malergarde.

Obwohl er damals „einen Dreck an Geld gehabt" hatte, raffte er ziellos aus dem Dorotheum und von Händlern zusammen, was nur möglich war. Neben Ankäufen von Georg Ehrlich-Blättern war eine der ökonomisch aufwendigsten Aktionen in den fünfziger Jahren die Übernahme von 20 Kubin-Zeichnungen um zusammen 4.000 Schilling. Heute sind sie weit über eine viertel Million wert.

Anfang 1970 bot ihm ein junger Wiener Kunsthändler, Michael Papst, 14 Holzschnitte um 150 Schilling an. Sie waren in groben Druckbuchstaben mit „O. R. Schatz" signiert und waren zum Teil Illustrationen zu Upton Sinclairs sozial kritischem Roman „Coop". Daim griff routinemäßig zu.

Er hatte die Jahre nichts anderes getan, als kritische Bücher zu schreiben. Als Psychologe, der mit Freuds Erkenntnissen Probleme der Gesellschaft ausloten und mitbewältigen will, und ähnlich, wie der US-deutsche Psychopapst Erich Fromm („Über die menschliche Destruktivität") auch politische Psychologie betreibt, empfand er Malerei sehr intensiv.

Auf Geheiß freilich auch materiell.

Bescheiden, wohlhabend (er war zeitweise Assistent an der Ford Foundation, schrieb Psychoanalysen im Auftrag der Industriellenvereinigung für werbewillige Fabriksbesitzer und betreute immer eine allerdings kleine Schar an psychisch Bedienten) fügte er sich dem Wort seiner Frau, dass sich die Bildersammlung selbst erhalten solle. Vereinfachte Strategie:

billig einkaufen, auf bessere Zeiten warten, verkaufen und mit dem Erlös zu mehr billigen Sachen kommen.

Er begann gezielt den O. R. Schatz zu heben. Die Kubins und Ehrlichs seiner Sammlung wurden zur ökonomischen Basis seiner „unblutigen Jagd" auf den verstorbenen Meister. Ein Holzschnitt faszinierte ihn besonders („Es war wie ein Stich"): „Da war ein Fiaker, offensichtlich am Graben in Wien, denn im Hintergrund sieht man die Pestsäule, und da stieg ein Herr ein. Ein Herr mit Frack und Zylinder. Und da ist auch der Fiaker, der seinen Zylinder zieht. Was mich gefangennahm, war das Gesicht des Fiakers. Hier war auf zwei Zentimeter die ganze Wiener Gaunerei festgehalten. "G'schamster Diener, gnä Herr." Hinter dieser Freundlichkeit etwas provokant Aufmüpfiges, gleichzeitig Ordinäres und Verächtlichmachendes war mögliche Sabotage, mögliches Ausnützen.

Laut Meinung des Psychologen im Sammler Daim wären die Kriterien, mit denen Qualität von Kunst gemessen wird, sehr bestechlich - unter vielen unbewußten Motiven würde beispielsweise latente Sexualität den Geschmack beeinflussen.

Es gab einen Test, bei dem Marc Chagalls „Fiddler on the roof" einem Kitschbild „Bergsteiger trägt auf den Armen eine verletzte Bergsteigerin zu Tal" gegenübergestellt wurde. Das Wald- und Wiesenmotiv ist schließlich von den Befragten als das wertvollere der beiden eingestuft worden. Daim leitet daraus ein Dogma des Sammelns ab: „Man soll von der öffentlichen Meinung unabhängig sein."

Otto Rudolf Schatz.#

1900 in Wien geboren, Bohemien und Frauenfreund, Verschwender und immer am Rande des Existenzminimums, Sozialkritiker mit Zwangsarbeitslagererfahrung in der NS-Zeit, war Daim nonkonformistisch genug. Der Maler schaffte trotz Vielweiberei und Sauferei an die 10.000 Werke.

Was einem entschlossenen Sammler, der mit System vorgeht, oft widerfährt, durchlebte auch Daim, als er nach dem Schicksal des 1961 verstorbenen Malers fahndete. Er trieb in Wien die erste Schatz-Witwe auf, die zweite in einem Philadelphier Altersheim. Freundinnen (von denen manche ganz entsetzt waren, zu hören, dass es noch andere im Leben des Geliebten gab) und Freunde:

  • solche, die beeindruckt zur Überzeugung gelangten, dass Daim tatsächlich etwas für den Maler tun wollte, verkauften bereitwillig ihre Schätze;
  • solche, die ein herzhaftes Verhältnis zu Geld hatten und das plötzliche Interesse am Verstorbenen verdächtig fanden, zierten sich und wollten mitverdienen.

Die Witwe eines Dentisten, der in den dreißiger Jahren viele Künstler mit Anhang kostenlos behandelte, verkaufte ihm en bloc gut 200 Arbeiten um 30.000 Schilling.

Über Viktor Matejka, den ehemaligen Stadtrat für Kunst und Volksbildung im Rathaus der Nachkriegsjahre, stießen schließlich Daim und der Schatz-Mäzen der Vorkriegszeit Dr. Otto Kallir-Nirenstein aufeinander. Er besuchte den betagten Emigranten und Grandma-Moses-Entdekker und lernte schnell begreifen, was Kunstpolitik bedeuten kann.

Kallir von Daims Engagement überzeugt: "Das gehört alles in eine Hand, dann kann man was für den Schatz machen. Wieviel Geld haben Sie?" 26.000 Schilling. Heute sind die Aquarelle und die fünf Ölbilder, die Daim dafür bekam, vielleicht das Hundertfache wert.

Bei den hellhörigen Händlern hingegen legte er sich Tricks zu, um sie nicht durch zu engagiertes Interesse auf den Schatz zu stoßen. So erschien Daim gern unvermutet bei Galeristen, die sich auf andere Stile oder andere Maler spezialisiert haben und durch diese Deformation professionelle (Fachidiotentum) gute Arbeiten, die nicht in ihr Schema paßten, billig links liegenließen. Nur „die Louise" von der Galerie Würthle, „der gute Geschmack des Dichand" (Daim), wusste von der Qualität des scheinbar vergessenen Malers (1).

In den frühen siebziger Jahren gab es noch keinen Schatz-Markt. Die Kunstabteilung des Dorotheums wollte keine Holzschnitte von Schatz auf Auktionen sehen. Nur die Würthle-Louise bot schon damals Schatz-Aquarelle um den hohen Preis von 5.000 Schilling an. Daim zog zwar deswegen den Hut vor ihr, kaufte aber nie.

Heute besitzt er rund 300 Schatz-Aquarelle (ihr tatsächlicher Marktwert ist vorerst unbestimmt; Daim schätzt ihn je nach Qualität zwischen 3.000 und 15.000 Schilling), rund 800 Zeichnungen (1.000 bis 3.000 Schilling), zirka 700 Holzschnitte und Radierungen und 30 Ölbilder (6.000 bis 500.000 Schilling).

Im Herbst 1975 fanden sich Schatz-Arbeiten wieder in einer Ausstellung des Museums der Stadt Wien. Er kam in Mode. In den Sommern 1976 und 1977 fanden im niederösterreichischen Schloß Pottenbrunn Ausstellungen über die Zwischenkriegszeit statt, die Daim mit Leihgaben mitbestückte. Und Schatz-Öl glänzte auch im Museum des 20. Jahrhunderts anläßlich der Ausstellung „Neue Sachlichkeit und Realismus". Doch erst durch Dr. Otto Breicha, Chef des Grazer Kulturhauses, kam der Zwischenkriegsmaler besser an die Rampe. Ein Teil seiner OEuvres hängt zur Zeit neben einer Klimt-Ausstellung in Graz und wurde von Kritikern bis Historikern gleichermaßen bejubelt.

Die Herren pflegen sich jetzt die Türklinken der Daim-Villa in die Hände zu drücken: Hofrat Dr. Hans Aurenhammer, Chef der Österreichischen Galerie, will Bilder kaufen und appelliert beim Handeln an Daims Patriotismus. Hofrat Dr. Walter Koschatzky, Boss der Albertina, schwärmt von einer „ungeheuren Sammlerleistung" und plant eine eigene Ausstellung. Es empfahlen sich Hofrat Dr. Wilhelm Mrazek vom Museum für angewandte Kunst wie auch Professor Dr. Ruppert Feuchtmüller vom Diozesan-Museum in Wien.

Kunstsammler, die es so weit bringen, können sich zu diesem Zeitpunkt entweder der genüßlichen Berechnung ihrer Renditen zuwenden oder sich als Altruisten unsterblich machen.

Daim kann sich vorstellen, dass er irgendwann einmal seine gesamte SchatzSammlung der öffentlichen Hand über gibt. Allerdings nur unter einer Voraussetzung: Die Werke müssten dem Publikum zugänglich gemacht werden und nicht, wie eine Reihe von Originalentwürfen, die Schatz für die Gemeinde Wien anfertigte, verschwinden.

Schatz hätte den neuerbaulen Wiener Westbahnhof mit Kachelmosaik schmücken sollen. Seine Vorschläge landeten im Keller, verschimmelten und wurden später verheizt.


(1) Die Galerie Würthle besitzt der Verleger Hans Dichand. Louise Kremlacek ist als Kunstprofi seit Jahrzehnten Geschäftsführerin