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Literatur aus dem rauen Ottakring#

Der Vorort brachte so manchen großen Schriftsteller hervor. A. Petzold schrieb als „Arbeiterdichter“ Geschichte.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung (Freitag, 22. August 2008) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


von

Andrea Reisner


Ottakring

Dieser Aufsatz ist das Ergebnis von Leserzuschriften: Gefragt waren insbesondere Beiträge zu literarischen Werken und Schriftstellern, die sich mit dem Vorort auseinandersetzten. Zunächst wendet sich die Gemeine einem Autor zu, der als sogenannter Arbeiterdichter in die Literaturgeschichte einging: Alfons (auch Alphons) Petzold (1882–1923). Wie Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, zu bedenken gibt, befindet sich das Geburtshaus des Dichters nicht in Ottakring, sondern in der Robert-Hamerling- Gasse 28 im heutigen 15. Wr. Gemeindebezirk. Allerdings verbrachte Petzold einen großen Teil seines Lebens in Ottakring bzw. Neulerchenfeld. Herbert Beer, Wolfpassing: Der Schriftsteller „entstammte einer armen Arbeiterfamilie, verlor früh den Vater“.

Die „Wiener Krankheit“#

Um den Lebensunterhalt für sich und seine Mutter zu sichern, war er schon als Jugendlicher zu harter Arbeit gezwungen, trotz schlechter körperlicher Verfassung. Dr. Manfred Kremser, Wien 18: „Von Geburt an litt Petzold an einer Wirbelsäulenverkrümmung, . . . war unterernährt, schwächlich, und es zeigten sich bereits in seinem 26. Lebensjahr erste Anzeichen der »Wiener Krankheit« – meist auch zurecht als »Arbeiterkrankheit « bezeichnet – der Tuberkulose“. Diese war damals eine gefürchtete und weit verbreitete Krankheit, die auch Petzold nicht überlebt hat. Er starb 1923 in Kitzbühel. Erst später sollte neben der Verbreitung von Antibiotika „auch die Verbesserung der sozialen Verhältnisse (allgemeine Hygiene, Wohnung mit Platzangebot und guten Lichtverhältnissen, etc.)“, die Tuberkulose eindämmen.

Feuchte Wohnungen#

Zurück zu Alfons Petzold: Wirft man mit Dr. Karl Beck, Purkersdorf, einen Blick auf seine Wohnverhältnisse, so verwundert Petzolds gesundheitlicher Zustand nicht: „Zusammen mit seiner Mutter lebte er einige Zeit bei der Schmelz in einer feuchten Kammer, die nach einem Wolkenbruch einmal . . . unter Wasser stand. Danach gedieh der Moder noch prächtiger an den Wänden.“ Später logierte er zeitweise sogar im „»Freihotel zum goldenen Ratzen«, dem Sammelkanal beim Wienfluss.“ Auch beruflich konnte er nirgends Fuß fassen. Er versuchte sich, so der bereits zitierte Tüftler Beer, „als Bauhilfsarbeiter, Heizer, Kohlenträger, Metallschleifer, Fensterputzer“, um nur eine Auswahl zu nennen – Tätigkeiten, die seiner Gesundheit nicht eben zuträglich waren. Christine Sigmund, Wien 23: Schon früh wandte er sich der Politik zu; sein „Interesse führte ihn über Karl Lueger und die Deutschnationalen zur Sozialdemokratie.“ Er begann zu schreiben. „Franz Karl Ginzkey (öst.-ungar. Offizier und Schriftsteller, Anm.) . . . erkannte Petzolds dichterisches Talent.“ Dr. Heribert Plachy, Wien 7: Schließlich „setzte Josef L. Stern die Herausgabe des Aufsehen erregenden Gedichtbandes »Trotz alledem!« (1910) durch, der Petzold als »Dichter des Proletariats« etablierte.“ Sein tristes Dasein schilderte er im sozialgeschichtlich aufschlussreichen autobiographischen Roman „Das rauhe Leben“ (1920), den Traude Scheibl, Wien 18, sowie Dr. Wilfried Korber, Wien 14, nennen. Zur Rezeptionsgeschichte dieses Werks bemerkt Mathilde Lewandowski, Payerbach: „Seine Autobiographie wurde nach seinem Tod durch Eingriffe und Kürzungen im nationalsozialistischen Sinn verfälscht.“ Zu Lebzeiten als „Arbeiterdichter“ etikettiert, wurde er unter den Nazis zum „Heimatdichter“.

Weinhebers Heimat#

Dies ist das Stichwort für einen weiteren Ottakringer Dichter, den MedR DDr. Othmar Hartl, Linz, anführt: Josef Weinheber, 1892 geboren, lebte viele Jahre in der Hasnerstraße. In seinem populären Gedichtband „Wien wörtlich“ (1935) „spielt sein Heimatbezirk Ottakring eine besondere Rolle.“ Von der NSIdeologie vereinnahmt, setzte der bedeutende Lyriker am 8. April 1945 seinem Leben ein Ende. Ein heute nahezu vergessener Klassiker der Jugendliteratur darf im Zusammenhang mit Ottakring nicht unerwähnt bleiben: Karl Bruckner (1906–1982). Der bereits erwähnte Zeitreisende Dr. Kremser erinnert sich an den 1949 erschienenen Bestseller „Die Spatzenelf“ über fußballbegeisterte Buben auf der Schmelz: „Noch heute, wenn ich . . . auf die Schmelz Basketball (»bebeln «) spielen gehe, werde ich an die Fußballschlachten . . . mit dem »Fetzenlaberl « erinnert.“ Hildegard Rabel, Wien 1, hatte Gelegenheit, den Autor persönlich kennenzulernen: „Ich erinnere mich gerne an »Heurigenabende «, wo Bruckner oft ganze Gesellschaften unterhielt.“

Verarmter Expressionist#

Nicht zuletzt befasste sich die Gemeine mit Albert Ehrenstein (1886–1950). Günter Hinze, Wien 8: Er wurde in Ottakring „als Sohn jüdisch-ungarischer Eltern geboren“, sein Vater war Kassierer in der Brauerei. Ein bekanntes Werk des Expressionisten ist die Erzählung „Tubutsch“ (1911), in der der gleichnamige Protagonist unter anderem die Gansterergasse im 16. Bezirk beschreitet. „Illustriert wurde das Werk von Ehrensteins Freund Oskar Kokoschka.“ Tüftler Dr. Beck zitiert den Beginn: „Mein Name ist Tubutsch, Karl Tubutsch. Ich erwähne ihn bloß, weil ich außer meinem Namen nichts besitz.“ Ehrenstein starb 1950 in einem Armenhospital in New York.

Wiener Zeitung, Freitag, 22. August 2008