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Magnetismus und Abstoßung#

Zum 65. Geburtstag von André Heller am 22. März erscheint eine voluminöse Biografie von Christian Seiler, die das Leben des "Tausendsassa" als Art Entwicklungsroman erzählt.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag , 17./18. März 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gerald Schmickl


André Heller bei der Präsentation seiner Biografie, © Wiener Zeitung / APA/GEORG HOCHMUTH
André Heller bei der Präsentation seiner Biografie
© Wiener Zeitung / APA/GEORG HOCHMUTH

Der bayerische Kabarettist und Satiriker Gerhard Polt, dem anlässlich seines 70. Geburtstag derzeit eine sehenswerte Ausstellung im Münchner Literaturhaus gewidmet ist (Titel "Braucht’s des?!"), ist der grundsätzlichen Ansicht: "Ein Mensch, der lebt, verdient keine Biografie".

Aber wie lange soll man bei jemandem, der bereits mit 25 Jahren einen filmischen Nachruf auf sich selbst gestaltet hat ("Wer war André Heller?", 1972 vom ORF - auf ausdrücklichen Wunsch Gerd Bachers! - im Hauptabendprogramm gezeigt), zuwarten, bis all seine zur Unüberschaubarkeit neigenden Taten, Untaten, Talente, Erfolge, Pleiten und sonstigen Lebensspuren sich darstellen und bilanzieren lassen?

Es ist also durchaus sinn- und auch verdienstvoll, wenn nun, zu André Hellers 65. Geburtstag am 22. März, eine solche umfassende Biografie erscheint. Geschrieben hat sie der Wiener Journalist und Autor Christian Seiler, seit vielen Jahren ein intimer Kenner des Lebens und Werks von Heller, der ihm in vielen hunderten Stunden auch bereitwillig Einblick in beide Bereiche gegeben hat. Und Seiler hat - seit er 1989 in einem Pro & Contra-Beitrag im "Standard" als Fürsprecher Hellers in Erscheinung trat (die Gegenposition vertrat damals der Schriftsteller Antonio Fian, der A.H. - nicht nur wegen der Initialen- mit Adolf Hitler verglich ...) - nie ein Hehl aus seinem wohlwollenden Interesse an dem Poeten, Musiker, Regisseur, Schauspieler, Zirkusdirektor, Polit-Aktivisten, Ausstellungsmacher, Feuerwerker, Weltreisenden und Gartenkünstler gemacht.

Trotzdem ist Seiler kein kritikloser Adorant, auch kein beweihräuchender Mythologe, sondern ein distanzierter, genauer Beobachter, der nicht nur Hellers Selbstbildnissen und -reflexionen folgt, sondern sich ein eigenständiges Urteil über diesen vielseitigen Menschen bildet. Und das kommt dieser Biografie zugute, die eben nicht in Heller-Manier geschrieben ist, also weder metaphernschwanger und poetisch-verklärend ausfällt noch assoziativ-satirisch und wortwitzreich, sondern in eleganter, nüchterner und doch bildhafter Sprache einen Überblick über die zahlreichen Lebensstationen und Entwicklungen dieses notorischen Tausendsassas gibt.

Seiler geht dabei nicht stur chronologisch vor, sondern bündelt Ereignisse zu Themenbereichen, die sich zwar zeitlich mitunter überlappen, dafür aber tiefere Zusammenhänge sichtbar und verstehbar machen. Wobei, wie der Biograf gleich zu Beginn konzediert, "kaum ein Thema steht für sich allein, und Heller ist nur in der Gesamtheit seiner unzähligen Hervorbringungen und Motive wirklich zu verstehen".

Daher erfährt man zwar einerseits viel über all die Kreationen, die Heller in über 40 Jahren geschaffen und vom Stapel gelassen hat - von seiner Zeit als aufmüpfiger DJ der Ö3-"Musicbox", als "Cafe Hawelka"-Bewohner, Qualtinger-Freund, Pluhar-Ehemann über die Sänger-Karriere bis hin zum bunten Potpourri seiner circensisch-massenkulturellen Inszenierungen wie "Roncalli", "Flic Flac", "Begnadete Körper", "Luna Luna", "Kristallwelten", "Body And Soul" und "Magnifico" -, erhält andererseits aber auch Einblicke in das Beziehungs- und Seelenleben eines zutiefst verunsicherten und verstörten Egomanen (zumindest eine Zeit lang) und in die Selbsterhellungs- und Reifungsprozesse eines Zu-sich-selbst-Findenden.

Pleiten und Pannen#

Man erfährt von Hellers jahrelanger Medikamenten-Abhängigkeit, von einer schweren Gelbsucht (als Folge des jahrelangen Saufens an der Seite Qualtingers), von depressionsähnlichen Zuständen über Jahre hinweg - und von chronischen Geldsorgen. Denn anders, als viele glaub(t)en, ist Heller das Geld nicht familiär in den Schoß gefallen, bzw. dort nicht lange geblieben. Bereits 1965 ließ er sich 800.000 Schilling Erbe ausbezahlen - und steckte die Summe kurz danach in die Co-Produktion eines Films, weil er dessen Hauptdarstellerin, Erika Pluhar, kennen lernen wollte. Das Vorhaben gelang - und führte zu einer nicht nur damals von vielen verständnislos betrachteten, glamourösen Ehe mit der Burg-Schauspielerin (die Heller heute seine "Erzfreundin" nennt).

Danach schrammte Heller mehrfach an Pleiten und Privatkonkursen vorbei, schaffte es aber immer wieder (auch weil seine Mutter das Familienhaus in Hietzing vorübergehend belehnte), trotz Beibehaltung seines durchgängig hohen Lebensstils sich selbst und andere zu retten - und letztlich ein solides Vermögen zu erarbeiten, das ihm stets weitere Projekte und auch seine drei nunmehrigen Wohnsitze in Wien (in der Beletage des Palais Windischgrätz), am Gardasee und in Marokko ermöglichte.

Die Biografie ist in diesem Sinne auch als eine Art Entwicklungsroman angelegt, der die essenziellen Wandlungen André Hellers jenseits aller medialen Images und Prestige-Wechsel menschlich nachvollziehbar zeigen will. Wie also aus dem einstigen "Bürgerschreck", der sich von Abneigungen "ernährte", ein veritabler selbstkritik- und zuneigungsfähiger Freund, Partner, Vater - und mittlerweile sogar Großvater werden konnte. Heller betrachtet seine frühe Exaltiertheit heute mit schonungsloser Schärfe: "Ich bin aus meinen Minderwertigkeitskomplexen (. . .) in einen Ruhm geschleudert worden, der mir nichts wert war. (. . .) Ich wollte kein Discjockey sein. Ich wollte kein Jugendidol sein. Ich wollte mindestens ein wesentlicher Dichter sein, aber ich war eine vollkommen entgleiste Figur."

Erst allmählich, so sagt er, musste er lernen, sich "mit sich selbst zu befreunden". "Wie aber baut man seine Persönlichkeit um? Heller beschreibt den Prozess als unendlich langsam und von vielen Rückschlägen begleitet. Jahrzehntelange Selbstverständlichkeiten mussten revidiert werden. Ansprüche, die Heller an sich selbst gestellt hatte, mussten korrigiert und durch neue Ansprüche ersetzt werden", berichtet Seiler.

Heller gibt über diesen Prozess, diese Art von Häutung mittlerweile ja auch in vielen Fernseh- und Zeitungsinterviews Auskunft - und dabei kann man den Eindruck gewinnen, dass es ihm damit zwar sichtlich ernst ist, dass er aber - ob er will oder nicht - selbst in seiner Selbstironie und Selbstkritik noch selbstgefällig bleibt. Aber wäre ein komplett geläuterter, fast schon entrückter Heller ohne jegliches Ego nicht eine - zumindest öffentlich - uninteressante, langweilige Figur!? Eine seiner großen Stärken besteht ja gerade darin, aus inneren - und mitunter auch äußeren - Widersprüchen Energie zu beziehen und diese kreativ umzusetzen. Diese Widersprüche mögen sich wandeln und verändern, aber sie bleiben für Hellers Wirken konstitutiv. Dass sie ihn nun nicht mehr zerreißen, ihn nicht von einer Sucht in die nächste treiben (und Menschen rund um ihn in Abgründe stürzen), ist freilich ein psychosozialer Fortschritt, den man nicht ästhetisch aufzurechnen braucht.

Die vielleicht größte Anerkennung hat sich Heller, der in seinem Pass als Berufsbezeichnung "Poet" stehen hatte, wohl zeitlebens als Dichter erhofft. Aber gerade auf literarischem Gebiet sind die Kritiken besonders harsch ausgefallen - nicht nur von seinen "Lieblingsfeinden", wie etwa der einstigen "profil"-Kritikerin Sigrid Löffler oder dem Wiener Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler.

Selbst das Lob des deutschen Kritiker-Grandsigneurs Joachim Kaiser, der Hellers Erzählband "Schlamassel" sehr positiv besprach, und in dem "unterschätzten Prosa-Autor Heller" einen Maupassant, einen Schnitzler und "Joseph Roth von morgen" sah, führte zu einer unwillkommenen Gegenreaktion: "Joachim Kaisers Urteil bewirkte etwas anderes. Die Verbindung zwischen ihm, der in seiner Branche durchaus eine Reizfigur ist, und der Reizfigur Heller erzeugte einen Magnetismus besonderer Abstoßungen."

Als Dichter am Zenit#

Dabei kann man Christian Seiler durchaus zustimmen, wenn er den Schriftsteller Heller in dessen 2008 erschienenem Buch "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein" am Zenit seines literarischen Könnens sieht. "Es führt vor, wie ein Stoff so lange gewartet hat, bis sein Autor in der Lage ist, ihn auf der Höhe des eigenen Niveaus zu bewältigen. Die Sprache ist endgültig nicht mehr ,wie Schnitzler oder ,wie Maupassant, sie besteht aus lupenreinem autochthonem Heller’schem Eklektizismus."

So bleibt zu diesem Buch, nämlich der Biografie mit dem Titel "Feuerkopf" (wozu Heller bei der Präsentation nur lapidar meinte: "Besser als ,Arschloch!"), als einzige kleine Einschränkung zu sagen, dass es nicht besonders schön geraten ist. Vor allem das Cover. Aber das dürfte auf Kosten des Verlags gehen. Nicht wirklich schön, vor allem, was den Satzspiegel betrifft, ist auch ein Sammelband mit allerlei Wien-Texten von André Heller ("Wienereien oder ein absichtlicher Schicksalsnarr". Verstreutes gesammelt. Verlag C. Brandstätter, Wien 2012, 255 Seiten). Allerdings ist das weniger dem in ästhetischen Dingen ansonsten unverdächtigen Verleger (und Heller-Langzeitfreund) Christian Brandstätter geschuldet, als viel mehr dem Umstand, dass halt sehr viele Texte in dem kleinen Buch untergebracht werden mussten - und es ausschauen sollte wie Hellers Notizbücher. Dem Jubilar gefällt’s - und das ist in diesem Fall wohl die Hauptsache.

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag , 17./18. März 2012