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Museum unter freiem Himmel#

Mosaike an Wiener Gemeindebauten geben Einblick in die Stadtgeschichte – und verschafften vielen Künstlern nach 1945 ein Zubrot.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 6. Februar 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Elisabeth Corazza


Rudolf Brestel
Ausschnitt aus dem Mosaik "Befreiung Österreichs – Symbolische Darstellung der Wiederaufbautätigkeit der Stadt Wien" von Carry Hauser in der Simonygasse in Wien-Währing
© Foto: Corazza

Was haben Wolfgang Hutter, Rudolf Hausner und Anton Lehmden gemeinsam? Sie gehören nicht nur zu den Vertretern des "Phantastischen Realismus", sie haben auch in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts allesamt Mosaike im Auftrag der Gemeinde Wien angefertigt und die oftmals schmucklosen, ja tristen Fassaden von Gemeindebauten der Nachkriegszeit optisch aufgewertet. Jeder, der durch Wiens Straßen schlendert oder eilt, hat diese Kunstobjekte schon einmal bemerkt: Mosaike, also Bildnisse aus vielen kleinen, bunten Steinen, sind neben Sgraffiti (Kratzputz) am häufigsten zu sehen. Gelegentlich werden sie von dichtem Gestrüpp und hohen Bäumen überwuchert – oder sind verwittert. Manchmal mussten sie Lifteinbauten weichen, oder sie sind unter Thermofassadenputz verschwunden.

Dekorative Einblicke#

Mitunter sind es nur rund einen Quadratmeter kleine sogenannte Hauszeichen an Stiegeneingängen großer kommunaler Wohnhausanlagen: Bildnisse von Tieren, Pflanzen oder etwas Abstraktes. Sie dienen den Bewohnern als Erkennungsmerkmal, als Identifikationssymbol für "ihr" Haus. Manchmal erstrecken sich die Bildnisse auch über ganze Fassaden und mehrere Stockwerke und dominieren flächig-dekorativ die Architektur.

Viele Stadtbewohner haben sich an ihren Anblick so sehr gewöhnt, dass sie ihnen gar nicht mehr als eigenständige Kunstobjekte auffallen. Dabei können diese Bilder aus Stein- und Glasteilchen viel über vergangene Zeit verraten, einen Einblick in die vergangene politische Situation der Stadt vermitteln. Die dekorative Nachkriegskunst der "Aufbaugeneration" wird nirgendwo ausführlicher präsentiert als in diesem "Gemeindebaumuseum", einem Museum unter freiem Himmel. Die Geschichte der "Kunst am Bau" ist untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden. Um 1900 lebten in Wien rund zwei Millionen Menschen. Überteuerte Zinskasernen mit hoffnungslos überfüllten und lichtlosen Wohnungen, mangelnde Hygiene und die "Wiener Krankheit" (Tuberkulose) waren für einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung bittere Realität. Die Schlafstätten wurden an "Bettgeher" vermietet, die Kinder wuchsen auf der "Gasse" auf. Einige Mosaike aus den 1950er Jahren erinnern an diese Zeit, wie etwa die "Ziegelarbeiter aus Favoriten" des akademischen Malers Rudolf Pleban im 10. Bezirk (Laxenburger Straße/Dampfgasse/Jagdgasse).

Von der Jahrhundertwende bis nach dem Zweiten Weltkrieg gab es mehrere politische Anläufe, das Elend der Stadtbevölkerung in den Griff zu bekommen. Die äußerst tristen Verhältnisse, in der große Teile der Bevölkerung seiner Residenzstadt leben mussten, veranlassten schon Kaiser Franz Josef I. anlässlich seines 50. Regierungsjubiläums (1898) zur Gründung der "Jubiläumsstiftung für Volkswohnungen und Wohlfahrtseinrichtungen". Sein Ziel: "Optimale Lösungen für Musterhäuser mit Arbeiterwohnungen zu finden, geeignet für eine künftige Massenproduktion". In Ottakring entstanden der "Lobmeyerhof" und der "Stiftungshof", ausgestattet mit "Volksbibliothek" und Dampfwäscherei. Die Wohnungen verfügten über Toiletten – für einfache Menschen bis dahin ein unvorstellbarer Luxus.

Rudolf Brestel
"Ziegelarbeiter aus Favoriten" in der Laxenburgerstraße, Wien 10
© Foto: Corazza

Die Einführung der Wohnbausteuer unter Finanzstadtrat Hugo Breitner ermöglichte das erste Wohnbauprogramm. Am 21. September 1923 besiegelte der Wiener Gemeinderat die Erbauung von 25.000 "Volkswohnungen": Die Grundlage für das "Rote Häusermeer" war geschaffen. Es entstanden "Volkswohnungspaläste", wie etwa der "Sandleitenhof" in Ottakring, der "Georg-Washington-Hof" in Favoriten und der "Rabenhof" in Erdberg. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ein großer Teil der Häuser, Straßen und Brücken durch Bombenangriffe demoliert, 13 Prozent des gesamten Wohnhausbestandes waren zerstört. Von rund 700.000 Wohnungen (1939) waren nahezu 90.000 unbewohnbar geworden. Die erste Wiener Stadtverwaltung nach dem Krieg beschloss im Juli 1945 eine "Enquete für den Wiederaufbau Wiens".

Die finanziellen und materiellen Mittel waren damals denkbar knapp. Viele Künstler hatten emigrieren müssen oder den Nationalsozialismus nicht überlebt. Jene, die dageblieben waren, mussten sich mühsam über Wasser halten. Wer gab schon Geld für Kunstwerke aus, wenn es an Essen und Arbeit mangelte?

Überbrückungshilfe#

Diese Gegebenheiten wurden von vielen als "luftleerer" Raum empfunden. Doch die "Nachkriegsrealität" schuf gleichzeitig Platz für völlig neue künstlerische Betätigungsfelder: Der Wiederaufbau brachte nicht nur architektonische Neuerungen. Für viele Künstler, die nach 1945 (noch oder wieder) in Wien tätig waren, bedeutete ein öffentlicher Auftrag eine finanzielle Überbrückung. Zu überwinden war lediglich die künstlerische Hürde, sich in ein völlig neues Genre – wie etwa dem Legen von Mosaiken – zu begeben.

Der damals 43-jährige Wiener Künstler Carry Hauser musste 1938 wegen der jüdischen Herkunft seiner Frau in die Schweiz flüchten und kehrte 1947 nach Wien zurück. In der Simonygasse in Währing gestaltete er ein überdimensionales Mosaik, das sich aktiv mit der Zeitgeschichte auseinandersetzt: "Befreiung Österreichs – Symbolische Darstellung der Wiederaufbautätigkeit der Stadt Wien".

Dieser Wiederaufbau bedeutete auch für jene Künstler Einnahmequelle und Broterwerb, die zur Entstehungszeit der Mosaike oft noch unbekannt und aufstrebend waren. Heute sind ihre Namen aus der österreichischen Kunstgeschichte nicht mehr wegzudenken: Alfred Hrdlicka, Anton Lehmden, Wolfgang Hutter, Rudolf Hausner, Albert P. Gütersloh, Edda Mally, Hilde Prinz, Marianne Neugebauer oder Lucia Kellner haben sich mit Mosaik-Aufträgen von der Stadt Wien ein Zubrot verdient. Die Stadtregierung unter Bürgermeister Franz Jonas (1951 – 1965) sah es als ihre "vornehme Pflicht" an, einer "neuen Entfaltung der Kunst und der Künstler eine freie Bahn" zu bieten und vielen brotlosen Künstlern im Wien der Nachkriegszeit eine Überlebenschance zu verschaffen. Bis 1980 erhielten nach Schätzungen etwa 450 Künstler (100 davon waren Frauen) mindestens einen Gemeindebau-Kunstauftrag.

Zwischen 1949 und 1980 wurden rund 3.400 Objekte im Rahmen der "Kunst am Bau"-Förderung geschaffen. Von 1949 bis 1959 wurden 350 Maler und Bildhauer mit künstlerischen Arbeiten für Kommunalbauten beauftragt. Ausgeführt wurden Werke unterschiedlichster Art: Sgraffitis, Reliefs, Plastiken, Brunnenanlagen und vor allem Mosaike, die gut die Hälfte der Aufträge ausmachten.

Wiederaufbau-Symbole#

Mehrere Mosaike von Erna Frank, Johannes Krejci, Stephan Praschl und Heribert Potuznik aus den Jahren 1956 bis 1960 erzählen rund um den Nothnagelplatz in Favoriten von der regen Bautätigkeit dieser Zeit. "Umbau des Südtirolerplatzes" nennen sich die 20 Torfeldmosaiken des verstreut in einer großzügigen Grünanlage angelegten Gemeindebaus. Hier werden keine arbeitenden Menschen, sondern Gerüste und Maschinen einer Großbaustelle dargestellt. Fleiß und Tüchtigkeit galten als das optimistische Ziel einer gemeinsam zu schaffenden Zukunft. Solche Symboliken des Wiederaufbaus untermauerten den bis heute nachwirkenden Mythos vom nationalen Wirtschaftswunder und der Einsatzbereitschaft der Aufbaugeneration. Die Gemeinde Wien feiert ihre Wohnbautätigkeit mit und in dem überdimensionalen Mosaikwandbild "100.000 neue Wiener Gemeindewohnungen" von Otto Rudolf Schatz am Franz-Novy-Hof (benannt nach dem damaligen Wiener Baustadtrat und SPÖ-Obmann) in der Pfenninggeldgasse in Ottakring. Der Maler und Grafiker erhielt 1938 Berufsverbot, emigrierte mit seiner jüdischen Frau nach Brünn und kehrte erst nach Kriegsende nach Wien zurück.

"Fabelfahrzeuge"#

Manche Künstler, wie Hans Staudacher, kamen in den Genuss von mehreren Aufträgen. Auf seine "Briefmarken", wie er seine zahlreichen Hauszeichen in Floridsdorf bezeichnet (Eipeldauerstraße/Anton-Sattlergasse), ist er heute aber nur wenig stolz. Auch für die damals noch junge Künstlerin Lucia Kellner waren die Aufträge der Stadt Wien damals lediglich eine Möglichkeit, um halbwegs über die Runden zu kommen. Die heute im Westen Wiens beheimatete Künstlerin sagt über ihre Arbeiten in der Floridsdorfer Großfeldsiedlung (sechs "Fabelfahrzeuge" aus Glas und Natursteinen): "Wir haben das alle wegen des Geldes gemacht. Keiner von uns hat welches gehabt. So richtig austoben konnte man sich allerdings künstlerisch nicht, da hab’ ich mir gedacht, ich mach was für die Kinder."

Literatur:

  • Elisabeth Corazza, Beate Lang, Frank M. Weber: Mosaike an Wiener Gemeindebauten. Kunst am Bau im Wien der Nachkriegszeit. Edition Volkshochschule, Wien 2009, 191 Seiten, 22 Euro.


Elisabeth Corazza, geboren 1966 in Innsbruck, lebt als Sozialarbeiterin, freie Journalistin und Autorin in der Nähe von Wien.

Wiener Zeitung, Samstag, 6. Februar 2010