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Meister der Zwischentöne#

Vor 100 Jahren wurde O.W.Fischer geboren, der herausragende Kinostar der fünfziger und sechziger Jahre. Die Filme, in denen er mitwirkte, sind nicht alle denkwürdig - seine Darstellungskunst hingegen schon.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 28./29. März 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Oliver vom Hove


O. W. Fischer, 1986
Stilbewusst bis ins hohe Alter: O. W. Fischer, 1986.
© Foto: dpa/Schmitt

Im Frühjahr 1952 erlebte Wien einen veritablen Theaterskandal. In nahezu allen österreichischen Zeitungen wurde auf einen Schauspieler eingedroschen, der es gewagt hatte, auf dem Höhepunkt eines meteoritenhaften Aufstiegs zum Bühnenstar seinen Vertrag mit dem Burgtheater zu lösen, um sich ganz seiner ebenfalls steil ansteigenden Karriere als Leinwandstar zu verschreiben. Der Entschluss wurde als Fahnenflucht aus den hehren Hallen der Kunst, als Desertion in die Niederungen der wertlosen Unterhaltungsindustrie gebrandmarkt.

Die Aufregung war groß, das Kesseltreiben lautstark. Der Kritikerpapst Hans Weigel hielt in einem "Offenen Brief an einen Schauspieler" in den "Salzburger Nachrichten" dem namentlich nicht genannten Burg-Abtrünnigen eine Standpauke, die in ihrer moralischen Anmaßung und künstlerischen Einseitigkeit bemerkenswert ist: "Niemand verübelt es einem Mitmenschen, wenn er die Gelegenheit zum Geldverdienen wahrnimmt", schrieb Weigel gönnerhaft, nur um dann den Schauspieler frontal anzugreifen: "Sie sollen Ihre Villa und Ihr Auto haben, Sie sollen essen, trinken und reisen, soviel Sie wollen, Sie müssen auch, ich weiß es, grausam hohe Steuern zahlen, und in diesem Fall stehe ich sogar durchaus auf Seiten der Finanzämter. Doch dies alles rechtfertigt nicht, was Sie mit sich und Ihren Gaben anfangen . . . Wenn das Theater in seiner Substanz bedroht ist, wenn die vielbesprochene Theaterkrise auch eine Krise der großen schauspielerischen Potenz ist, sind Sie mitschuldig, ja: Sie, lieber Freund!"

Der Volksschauspieler#

Ganz Österreich wusste, wer da an den Pranger der öffentlichen Meinung gestellt wurde. Just nach seinem fulminanten Uraufführungserfolg in der Titelrolle von Carl Zuckmayers "Herbert Engelmann" (nach Gerhart Hauptmann) im März 1952 hatte es der österreichische Schauspielerstar Otto Wilhelm Fischer gewagt, seinen Rückzug aus dem Burgtheater bekanntzugegeben. Sein Entschluss, sich fortan nur mehr dem Film zu widmen, wurde ausschließlich der Gier nach dem schnöden Mammon zugeschrieben. O. W. Fischers eigene, oft wiederholte Stellungnahme wurde verächtlich überhört. Sie lautete emphatisch: "Film, das ist das große Volkstheater unserer Zeit!"

Aus dem Volkstheater, dem für ein breites Publikum spielenden künstlerischen Ensemble, kam der noch junge O. W. Fischer wirklich: Der Sohn eines Juristen und späteren Hofrats aus Klosterneuburg hatte, nach einer fulminant kurzen Ausbildungszeit am Max Reinhardt Seminar und ebenso kurzem Eleven-Dasein am Theater in der Josefstadt, sehr rasch auf der Bühne des Deutschen Volkstheaters in Wien erstes Aufsehen als junger Heldendarsteller, als klassischer Liebhaber sowie als wienerisch-beherzter Nestroy-Spieler erregt.

Das Haus wurde seit dem "Anschluss" von dem deutschen Theaterfachmann Walter Bruno Iltz geleitet. Unter der Regie dieses geschickt zwischen Anpassung und Widerstand pendelnden Direktors überzeugte O. W. Fischer 1942 vor allem in der Charakterrolle des "Demetrius" von Hebbel. Einen künstlerischen Durchbruch hatte er bereits im Jänner 1941 im Rahmen einer "Grillparzer-Woche der Stadt Wien" als Herzog Otto von Meran in einer Festaufführung von "Ein treuer Diener seines Herrn" errungen und später in der Rolle des Zaren Alexander in "Spiel mit dem Feuer", einer Komödie rund um den Wiener Kongress, bestätigt. Über Iltz sagte Fischer später, er sei "die sichere Burg demokratischen Freigeistes" gewesen.

Im Deutschen Volkstheater hatte O. W. Fischer neben Darstellergrößen wie Judith Holzmeister, Dorothea Neff, der jungen Inge Konradi oder Curd Jürgens zu den Stützen des Ensembles gehört. Als Burgschauspieler vermochte er ab 1946 das Wiener Publikum im Sturm zu erobern. Herausragend waren unter anderem seine Darstellungen des "Anatol" in Schnitzlers "Frage an das Schicksal" (1946), Shakespeares "Julius Caesar" (1949), des Saint-Just in "Dantons Tod" von Büchner (1947) und des Prinzen in Lessings "Emilia Galotti" (1951).

Von früh an wirkte O. W. Fischer an Spielfilmen für das Kino mit. Als 21-Jähriger war er 1936 neben Werner Krauß, Hortense Raky und Hans Moser in Willi Forsts legendärem Melodram "Burgtheater" zu sehen. Es folgten weitere eher harmlose Filmrollen. Sehr zweifelhaft war indes seine Beteiligung an "Wien 1910", einem ab 1941 unter der Regie von E. W. Emo gedrehten Film über die letzten Tage im Leben des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger ("Darstellung der Persönlichkeit des großdeutschen Vorkämpfers Dr. Lueger" nannten es die Nazis). In diesem üblen Propagandastreifen spielte Fischer den Sohn eines Börsenmaklers, Vertreters jener "Volksschädlinge", als die hier neben den Juden auch die Sozialdemokraten verunglimpft wurden. Der von Fischer verkörperte Student versetzt dem "Juden Victor Adler" im Wiener Gemeinderat empört eine Ohrfeige. Gleichwohl wurde der Film 1943 als "zu volkstümlich" für die "Ostmark" verboten. Jedenfalls waren die Nazis dem aufstrebenden Filmschauspieler Fischer gewogen und nahmen ihn in das Verzeichnis der Unersetzlichen auf, das sie als Liste der "Gottbegnadeten" führten. Brillanter Solist

Man muss sich nicht allzu viele Filme mit O. W. Fischer aus den Jahren des deutschen "Wirtschaftswunders" merken. Man müsste sonst wieder einmal feststellen, welch erbärmliches Niveau der Großteil dieser schnell gedrehten Streifen des deutschsprachigen Nachkriegskinos aufweist. Insofern trafen Hans Weigels Vorbehalte gegenüber dem Kino zu. Nur dass der Schauspieler O. W. Fischer diese niedrigen Qualitätsstufen vielfach solistisch übersprang und sich aus eigenem künstlerischen Ehrgeiz zu höheren darstellerischen Herausforderungen aufschwang.

Das begann bereits 1950, als ihm mit der Titelrolle in "Erzherzog Johanns große Liebe" der Durchbruch in einer romantisch-verklärten Rolle gelang. 1954 ergründete er in "Ludwig II." akribisch die seelischen Erschütterungen des Bayernkönigs und bestach im Jahr darauf in einer beklemmenden Darstellung der schillernden Gestalt des Hochstaplers Hanussen.

Schwindler und Lebensluftikusse wurden neben Ärzten eine anhaltende Rollenmarke Fischers: So in "Peter Voss, der Millionendieb" ebenso wie in "Peter Voss, der Held des Tages", als Hochstapler Baron von Gaigern in "Menschen im Hotel" nach Vicky Baums gleichnamigem Kolportageroman oder als Agent Thomas Lieven in der Verfilmung von "Es muss nicht immer Kaviar sein" nach dem Bestseller von Johannes Mario Simmel (1961).

Seiner Vorliebe für zwielichtige Figuren, für Menschen im Zwischenreich von Schein und Wirklichkeit, kamen viele seiner Rollen entgegen - so jener mit sich selbst überworfene Falschspieler in "Bis wir uns wiedersehen". Dieser Film brachte 1952 unter der Regie von Gustav Ucicky erstmals das spätere "Traumpaar" des deutschen Nachkriegsfilms, Maria Schell und O. W. Fischer, zusammen, das die Kinokassen klingeln und die melodramatisch gestimmten Herzen beben ließ.

Der Schauspieler galt am Filmset als Schwieriger. Wie kein anderer deutschsprachiger Darsteller hatte er für sich Privilegien bei der Auswahl von Drehbuch, Regie und Szenengestaltung errungen. 1957 kostete ihn sein Beharren auf Mitsprache die Hollywood-Karriere. Er war für die Hauptrolle in dem Film "My Man Godfrey" ("Mein Mann Gottfried") engagiert worden, doch sein Vertrag wurde bereits nach 16 Tagen im gegenseitigen Einvernehmen wieder gelöst: In der gut geölten Erfolgsmaschinerie des amerikanischen Studiosystems galt die diskursive Auseinandersetzung mit einer Rolle als viel zu kostspieliger Reibungsverlust.

Seiner Karriere im deutschsprachigen Kino tat diese Eskapade keinen Abbruch. Im Gegenteil: Gleich 1958 fand O. W. Fischer in "Helden" nach George Bernard Shaws Drama "Arms and the Man" in dem pazifistischen "Schokoladesoldaten" Hauptmann Bluntschli seine Paraderolle, zuerst im Film und dann bis in spätere Jahre auf vielen Bühnen.

"Er spielte seine Rollen nicht, er zelebrierte sie", schrieb ein Kritiker über Fischer. Er selber sagte schon als junger Darsteller: "Die Zwischentöne sind es, die den Menschen erschüttern; ein Fortissimo kann ihn nur erschrecken." Folgerichtig legte er sich für viele Rollen eine ironisch unterlegte Spielweise zu, ein Augenzwinkern und süffisantes Lippenspiel, das mit der absichtsvoll wienerisch-verhaltenen Sprechweise eine Einheit bildete. Die Mittel der Verdichtung psychologischer Vorgänge, die er am Theater gelernt hatte, übertrug er gleichsam in Großaufnahme auf die Leinwand. So erreichte er eine hohe darstellerische Wirkung und Konzentration.

Am Nachhaltigsten gelang ihm diese Verdichtung in der Verkörperung des schwedischen Mediziners und Philanthropen Axel Munthe. Fischer hatte sich sehr dafür eingesetzt, dessen weltberühmtes "Buch von San Michele" vor die Kamera zu bringen, und 1962 wurde die Verfilmung seines Lieblingsstoffs von einer deutsch-französisch-italienischen Co-Produktion verwirklicht. Wie er die Figur des großen Menschen- und Tierfreunds Axel Munthe, des Charmeurs und Schwerenöters, Schriftstellers und zeitweiligen Armenarztes in ihrer Lebenszugewandtheit, vor allem aber in ihrer späteren Tragik durch Erblindung und Einsamkeit zeichnete, war meisterhaft und darf als der Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere gewertet werden.

Bereits Mitte der sechziger Jahre zog sich Fischer aus dem Filmgeschäft zurück und spielte nur mehr gelegentlich fürs Theater und Fernsehen. Er hatte, angesichts des Auftretens einer jüngeren Generation von Filmemachern mit gänzlich anderen cineastischen Vorstellungen, ein Gespür dafür, dass es Zeit war, der Kinokunst Servus zu sagen. Erfolge erzielte er noch 1967 als Hofmannsthals "Schwieriger" bei den Salzburger Festspielen und als Fabrikant Hofreiter in einer Fernsehproduktion von Schnitzlers "Das weite Land".

Ruhiges Privatleben#

Der umschwärmte Frauenliebling lebte in einer skandalfreien Ehe mit der Prager Schauspielerin Anna Usell, die er im Volkstheater Wien kennengelernt und 1942 geheiratet hatte. Seit 1960 hatte sich das kinderlose Paar im Bergort Vernate hoch über dem Luganer See niedergelassen. Anna Usell starb 1985. Fortan beschäftigte sich der eigenwillige Hagestolz in seinem Tessiner Anwesen mit psychologischen und parapsychologischen Studien. Er starb 2004, 89-jährig.

O. W. Fischer, der am 1. April seinen 100. Geburtstag feiern würde, war ein begnadeter Selbstdarsteller, gänzlich frei von Bescheidenheit. Dennoch besaß er Selbstironie, was sich auch an dem verschmitzten Titel seiner Autobiographie ablesen lässt, für den er den Spruch "Engelsknabe war ich keiner" wählte. Womit er der Wahrheit die Ehre gab.

Oliver vom Hove, in Großbritannien geboren, aufgewachsen in der Schweiz und in Tirol. Lebt als Dramaturg, Literaturwissenschafter und Publizist in Wien.

Wiener Zeitung, Sa./So., 28./29. März 2015