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Pittoreske Stadtgewächse#

Das Wien Museum zeigt eine Ausstellung über Wiener Typen zwischen Klischee und Wirklichkeit#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Donnerstag 25. April 2013

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Berufsdarstellung
Die Härte des Berufs ist nur in einigen Darstellungen an den Gesichtern ablesbar.
© Wien Museum

Wenn heute ein Fiaker auf dem Tourismusplakat nach Wien lockt, denkt kaum jemand an die Herkunft des eigentlich mit Erfindung der Straßenbahn und des Automobils ausgestorbenen Berufs. Außer dem Maronibrater, dem Kellner und dem Postboten, sind die hausierenden Handwerker und Dienstleister der frühen Neuzeit nur noch kulturelle Figuren eines "Wiener Typus" voller Klischees. Die verfestigten sich zu Ikonen am Ende des 19. Jahrhunderts in der bürgerlichen "Gründerzeit" um Karl Lueger, als die meisten Berufe bereits durch die Industrialisierung im Aussterben begriffen waren.

Eine aktuelle Ausstellung des Wien Museums beleuchtet nun in vielen Facetten die volkstümliche Gegenwelt zur Moderne, die Wäschermädel, Rastelbinder, Aschenmänner und Lumpensammler als Kuriositäten und Folklore beibehielt und in Operette, Schauspiel, Film oder auch Serien von Stichen und Bildern wie Spielkarten verteilte.

Salamiverkäufer um 1780
Kupferstich eines Salamiverkäufers um 1780 von Johann Christian Brand.
© Wien Museum

Erste Fotoserie über aussterbende Gewerbe#

Aus urbanen Typen der Unterschicht wurden mythische Figuren, aus dem Kontext gerissen oder wie botanische Stadtgewächse mit Weichzeichner eingefangen; das gilt auch für die Fotografie, die ab dem Jahr 1873 erste Serien aussterbender Gewerbe als Sammelobjekte von "Wiener Typen" durch Otto Schmidt präsentierte. Immer war der Blick von oben nach unten gerichtet und verharmlost: Zuerst ließ sich der Adel in Meißen und Wien im Rokoko ab 1745 Blumenmädchen, Schusterbub, Kesselflicker, Laternenanzünder, Milchweib oder arme Straßenmusikanten in Porzellannippes formen, später folgten die Bürger den adeligen Vorbildern. Die Nachfrage war enorm.

Ausgeblendet blieb in den Darstellungen der "Kaufrufe" im 18. Jahrhundert, die akustisch durch einen Audioguide vermittelt werden, die Härte des Berufs wie das Schleppen, die Obdachlosigkeit; selbst das zerfetzte Gewand wurde als pittoresk idealisiert, Kinderarbeit war allgegenwärtig. Mit Hausiererpass, Patenten und anderen Bescheinigungen, die für die Ausübung des Gewerbes erforderlich waren, wird auch die behördliche Schikane sichtbar.

Die als verstörend empfundene Moderne wurde im 19. Jahrhundert von Malern wie Peter Fendi oder Josef Engelhart ausgeblendet und in nostalgischem Rückblick ein amüsantes "Urwienertum" mit Marktfrauen, Blumen- und Wäschermädel vorgeführt.

Spezifische Migranten aus Mähren und die jüdische Minderheit aus Galizien bekamen dabei besonders das Fett der Karikatur ab, es wurden aber auch eigene Typen erfunden. So ist Wiens Dandy um 1900 der Gigerl. Auch die "Sopherl vom Naschmarkt" als resche Marktstandlerin ist eine fiktive Figur. Der Halbstarke oder Kleinkriminelle hieß Pülcher, der Ausdruck aus der Gaunersprache meint einen Obdachlosen, der unter freiem Himmel schläft wie ehedem ein Pilger. Die modischen Dokumente des Verschwindens reichen fotografisch und mit Karikaturen bis ins 20. Jahrhundert, in der Nachkriegszeit haben Barbara Pflaum, Franz Hubmann oder Didi Sattmann das Thema noch einmal beleuchtet, freilich mit einem veränderten sozialen Blick.

Beschwörung des "zum Schreien Getroffenen"#

Heute ist klar, dass es immer um den Rand der Gesellschaft geht. Dies sollte neben den Erzählungen der Ballonverkäufer im Prater, Schenkenweiber, Scherenschleifer, Windmühlenverkäufer, Pfannenflicker oder Fasszieher in jeden Fall bewusst bleiben, die Menge der Verklärten verführt sonst zur Spielerei mit Trachten und der Beschwörung des "zum Schreien Getroffenen", von dem Alt-Wien-Chronist Friedrich Schlögl schreibt. Das wäre dann Wiener Rollenspiel zum Abgewöhnen.

Wiener Zeitung, Donnerstag 25. April 2013