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"Scheue" feministische Position #

Ungeachtet ihrer regen Ausstellungs- und Lehrtätigkeit gelang der Künstlerin Birgit Jürgenssen (1949–2003) zeitlebens nie der große Durchbruch. Nun widmet ihr das Bank Austria Kunstforum eine umfassende, äußerst sehenswerte und vielschichtige Retrospektive.#


Von der FURCHE (5. Jänner 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Johanna Schwanberg


Zeichnung von Birgit Jürgenssen
Bereits in den Siebzigerjahren hat Birgit Jürgenssen Themen behandelt, die auch heute noch en vogue sind. Ihre Arbeitenwirken nie belehrend, vielmehr zeichnet sie ein Hauch von Ironie und Leichtigkeit aus.
© Foto:Bankaustria Kunstforum

Es gehört zu den traurigen Mechanismen des Kunstbetriebs, dass die Bedeutung von Künstlern häufig erst posthum erkannt wird. Bei weiblichen Kunstschaffenden scheint dies verstärkt der Fall zu sein – zumindest war es im 20. Jahrhundert noch so. Obwohl viele Frauen der Avantgarde konsequent ihre Visionen umsetzten, standen sie meist im Hintergrund. Zum Erfolg gehören schließlich im Kunstmarkt nicht nur qualitätsvolle Arbeit, sondern auch Ellbogentechnik und Netzwerke.

Die Österreicherin Birgit Jürgenssenscheint dieses Schicksal der Spätentdeckung zu ereilen. Im Jahr 2003 mit nur 54 Jahren verstorben, widmet ihr jetzt das Bank Austria Kunstforum als erste Wiener Kunstinstitution eine umfassende posthume Retrospektive mit zum Teil unveröffentlichten Arbeiten aus dem Nachlass. Die Ausstellung ist in Kooperation mit der Sammlung Verbund entstanden, die auch einen Großteil der 250 Werke zur Verfügung gestellt hat.

Weibliche Identität und Fremdbestimmtheit#

Jürgenssen stellte zeitlebens unermüdlich in der Galerie ihres langjährigen Lebensgefährten Hubert Winter aus, war stets bei heimischen und internationalen Gruppenausstellungen vertreten und prägte die Kunstszene durch ihre Lehrtätigkeit in der Meisterklasse von Arnulf Rainer an der Akademie der bildenden Künste. Der große Durchbruch gelang ihr im Unterschied zu VALIE EXPORT aber nie. Erst 1998 wurde eine breitere Öffentlichkeit durch eine Retrospektive im Oberösterreichischen Landesmuseum auf diese wichtige Pionierin der feministischen Avantgarde aufmerksam. Sieht man sich das Werk an, so verwundert dies. Denn bereits in den Siebzigerjahren hat Birgit Jürgenssen in ihrer Kunst Themen behandelt, die heute unter jungen Künstlerinnen international noch immer en vogue sind. Vor allem ging es ihr um die gesellschaftliche Rolle der Frau, um weibliche Identität und Fremdbestimmtheit innerhalb einer weitgehend noch männlich dominierten Umwelt.

Birgit Jürgenssen, den Aktionisten verwandt und doch ganz anders
Den Aktionisten verwandt und doch ganz anders
© Foto:Bankaustria Kunstforum
Birgit Jürgenssen, den Aktionisten verwandt und doch ganz anders
© Foto:Bankaustria Kunstforum

Den Aktionisten verwandt und doch ganz anders zeigt Jürgenssen gesellschaftspolitische Unterdrückung am eigenen Körper auf. Eine Befreiung aus den vorgegebenen Bahnen kann demnach nur über eine Befreiung des Körpers gehen. Nie wirken die Arbeiten von Jürgenssen dabei belehrend, vielmehr zeichnet sie immer ein Hauch von Ironie und Leichtigkeit aus. In der Fotoarbeit „Küchenschürze“ zeigt sie den Herd als Teil der „Hausfrauen“- Kleidung, in der Zeichnung „Bügeln“ ist die Frau selbst zu einem Teil der Bügeldecke geworden.

Nicht nur durch ihre die Geschlechterrolle hinterfragenden Themen, sondern auch durch die mediale Vielfalt wirkt das Werk von Birgit Jürgenssen ausgesprochen gegenwärtig und erinnert an spätere, international renommierte Künstlerinnen wie Cindy Sherman, Rosemarie Trockel oder Sylvie Fleury.

Zeichnung von Birgit Jürgenssen.
Zeichnung von Birgit Jürgenssen.
© Foto:Bankaustria Kunstforum

Erst jetzt scheine die Zeit reif für eine „scheue“ feministische Position, die weniger agitatorisch im öffentlichen Raum agierte als etwa VALIE EXPORT, Marina Abramovi´c oder Yoko Ono, so die Kuratorinnen Heike Eipeldauer und Gabriele Schor: „Ihre stillen poetisch angelegten Arbeiten macht sie allein mit sich selbst aus, immer wieder ist das Selbstauslöserkabel zu sehen.“

Unser täglich Schuhwerk#

Dass Jürgenssen nicht davor zurückschreckte „typisch weibliche“ Motive anzupacken, macht die Serie „Schuhwerk“ deutlich, der in der Schau ein eigener Raum gewidmet ist. Die surrealistische und dadaistische Tradition aufgreifend, wird dem Schuh hier ein Eigenleben zugestanden. Er kann unterschiedliche Zustände und Gefühle („Schwangerenschuh“) repräsentieren, mit anderen Gegenständen oder Lebewesen verwachsen („Netter Raubvogelschuh“) oder überdimensional aufgeblasen zu einem „Möbel“ („Schuhsessel“) mutieren. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Titel und das Wortspiel. So ergibt sich der Sinn eines Objekts erst durch die Kombination aus dem Dargestellten und der sprachlichen Formulierung. Etwa wenn Jürgenssen einen Schuh aus Brot formt und ihn „Unser täglich Brot“ nennt oder einen „Relikteschuh“ aus Zähnen, Fußabdrücken und einem Seidenpolster bastelt, der Assoziationen an den christlichen Reliquienkult weckt.

Die FURCHE, 5. Jänner 2011