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"Traumverhangen war ihr Auge" #

Die Schauspielerin Nora Gregor war in den dreißiger Jahren ein Liebling des Wiener Publikums – Episoden aus dem Leben eines vergessenen Stars.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 18. Oktober 2008)

von

Hans Kitzmüller


Nora Gregor
Nora Gregor.
© Wiener Zeitung

Jean Renoir sah sie zum ersten Mal eines Abends in einem Pariser Theater, unweit von ihm sitzend. Sie machte auf ihn einen so enormen Eindruck, dass er sie unbedingt sofort als Hauptdarstellerin in seinem Film „La Règle du jeu“ engagieren wollte. Etwas später sagte der große französische Regisseur, man sollte einen Roman über die Seele dieser Exilierten schreiben. Nach dem Anschluss 1938 lebte Nora Gregor in Paris. Als die Nazis auch Frankreich besetzten, musste sie weiter flüchten. Sie reiste nach Südamerika. In Santiago de Chile starb sie 1949 – Selbstmord oder Herzversagen? Man weiß es nicht genau. Der Krieg war seit Jahren beendet, aber sie konnte nicht zurück in die Heimat, zurück in ihre Welt: auf die Bühne. In den zwanziger und dreißiger Jahren war Nora Gregor eine der berühmtesten österreichischen Schauspielerinnen. Als Burgtheatermitglied trat sie von 1933 bis 1937 in vielen Rollen auf: als Agnes Bernauer, Käthchen von Heilbronn, die Shakespearsche Julia, als Nathalie im „Prinz von Homburg“, als Kaiserin in Saßmanns „Maria Theresia und Friedrich II“, um nur die wichtigsten zu nennen. Eine ihrer letzten Rollen war die Schönheit im „Salzburger großen Welttheater“. Als solche hatte sie „das mühelos und selbstverständlich Strahlende der Schönheit, dagegen das Eitle, Lockende und Spielerische der Schönheit deutete sie nur an mit leisen, zaghaften Strichen. Fast, als schäme sie sich dessen. Aber als dann der Schmerz die Schönheit überfällt, als der Totentanz auch sie zum Abschiednehmen zwingt, wie war sie da wieder ganz sie selber. . . “ So entzückt war de Kritiker Oskar Maurus Fontana. „Traumverhangen war ihr Auge, und ihr Blick, auch der lachende, der lächelnde, der spöttische, ging in die Ferne“, hieß es von ihr. Die Gregor war keine tragische Darstellerin, dazu fehlte ihr die Nähe zum Dämonischen und der Urlaut der Leidenschaft, aber sie war eine durch und durch lyrische Schauspielerin. 1920 debütierte sie im Renaissancetheater in einem harmlosen Allerweltslustspiel neben Harry Walden, in der Rolle eines weiblichen Parzival. Sie war noch sehr jung und schien geradewegs von der Theaterschule zu kommen. Dennoch horchte man auf, schon bei den ersten Worten, die sie sprach, lag ein ungewöhnlicher Ton in ihrer Stimme. Und wie man im Laufe des Abends dem Spiel der jungen Schauspielerin folgte, wurde man fast verführt, ihrer spröden, mädchenhaften Anmut Seele zuzutrauen, so berichtete der damals schon von ihr begeisterte Fontana. Die Debütantin hatte auch Seele, was sie in vielen Rollen auf fast allen Wiener Bühnen bis zum Jahre 1938 stets aufs Neue beweisen konnte. In der Theatergeschichte ist Nora Gregor als Schauspielerin unter Max Reinhardt ebenso präsent wie als Burgschauspielerin. Viele erinnerten sich lange an die Salzburger Festspiele des Jahres 1923, als Reinhardt in seinem Schloss Leopoldskron den „Eingebildeten Kranken“ aufführte. Max Pallenberg, der große Komödiant, war von einer Schar hervorragender Schauspielerinnen umgeben, doch konnte mancher sein Auge nicht von einer dunkelhaarigen 22-Jährigen wenden: Es war Nora Gregor als Beline, „ein Wesen von unverwechselbarem Zauber, hell in ihrer Zartheit, voll nervöser Harmonie“, wie Piero Rismondo sie beschrieb.

Kindheit im Süden#

Um das damalige Phänomen Nora Gregor ganz zu verstehen und dem Geheimnisvollen ihres Reizes und ihres Wesens auf die Spur zu kommen, muss daran erinnert werden, dass Nora Gregor (wie übrigens auch Rismondo) aus dem Süden des alten Österreich stammte, und zwar aus seinem italienischen Teil. Sie wurde 1901 im altösterreichischen Görz geboren, in jener kleinen Vielvölkerstadt am Isonzo, wo damals noch vier Sprachen gesprochen wurden: Deutsch, Italienisch, Friulanisch und Slowenisch. In diesem idyllischen Görz, einst als „Österreichs Nizza“ gefeierter Winterkurort, ist Nora Gregor aufgewachsen. Schon als Mädchen träumte sie davon, zur Bühne zu gehen, so erzählte sie selbst. Jede Theatervorstellung wurde für sie zum Erlebnis. Aber ihre Eltern erlaubten ihr nicht, Schauspielerin zu werden. Der Vater war sehr konservativ, zum Wunsch seiner Tochter, Schauspielerin zu werden, sagte er nur: „Ausgeschlossen“. Nach den ersten Isonzoschlachten musste die Zivilbevölkerung Görz verlassen. Die Familie Gregor zog erst nach Klagenfurt, wo Nora heimlich, ohne Erlaubnis der Eltern, ins Stadttheater ging, und dann nach Graz, wo Vater Gregor wieder ein Juweliergeschäft eröffnete. Nora arbeitete fleißig im Geschäft und durfte dafür bei Liebhaberaufführungen mitwirken. In Graz war sie bald als die „Brünette vom Jakominiplatz“ bekannt. Eines Abends kam Nora wie verwandelt vom Theater nach Hause: es gab seit diesem Tag keinen Schauspieler und keine Schauspielerin in Graz, in die sich Nora nicht verliebt hätte. „Mit dem Frieden in unserer Familie“, erzählte sie, „war es nun definitiv aus“. Zuerst setzte sie durch, dass sie bei einem Schauspieler Unterricht nehmen durfte. Und als das erreicht war, wollte sie selbstverständlich nach Wien. Wiederum großer Widerstand, „besonders mein Vater, ein richtiger Bürgerpatrizier von altem Schrot und Korn, wehrte sich wie ein Held“, erzählte Nora Gregor 1933 in einem Interwiew. Mit einer theaterspielenden Tochter hatte sich Herr Gregor abgefunden. Aber dass sie sich nun ins Sündenbabel Wien begeben wollte, leuchtete ihm durchaus nicht ein und er malte der ehrgeizigen Tochter in den lockendsten Farben aus, wie herrlich es sein würde, wenn sie im viel moralischeren Krems, Waidhofen oder Cilli ein Engagement bekäme. Nun hatte sie aber schon einen Antrag an die Wiener Renaissancebühne geschickt und rief Alexander Moissi, der mit ihren Eltern befreundet war, zu Hilfe. Der berühmte Mime sandte dem Vater sofort ein langes Telegramm, in dem er ihn beschwor, Noras Glück und Karriere nicht im Wege zu stehen. So kam sie also nach Wien, notabene am selben Tage, an dem die Renaissancebühne Pleite machte. Kein Geringerer als der burgtheatermüde gewordene Harry Walden übernahm aber die kleine Bühne in der Neubaugasse, und Nora durfte somit voll Stolz nach Graz berichten, dass bei ihrem Debüt der gefeierteste Schauspieler Wiens ihr Partner sein würde. Nach zwei Jahren bei Theaterdirektor Jarno und ersten Schritten im Stummfilm kam sie nach Berlin, spielte dort mit Max Pallenberg als Partner und wurde von Max Reinhardt entdeckt. Er stand damals vor der Übernahme des Josefstädter Theaters, und Nora war die erste Frau, die er für seine im Entstehen begriffene Wiener Bühne engagierte. Nora Gregor debütierte dann hier in Somerset Maughams Stück „Heilige Flamme“.

Hollywood und retour#

Nora Gregor war aber kurz danach auch in Hollywood erfolgreich: „Die zwei Jahre drüben (in Kalifornien, Anm.) gehören sicher zum Schönsten, was ich je erlebt habe“, sagte sie einmal in einem Interwiew. „Aber je mehr Leute mich nun dort für eine Engländerin oder Amerikanerin hielten, desto stärker wurde in mir die Sehnsucht nach der Heimat. Und schließlich konnte mich drüben nichts mehr halten, ich musste einfach nach Österreich zurück!“ Also nahm sie ein Engagement am Burgtheater an. Der erste Auftritt des Hollywood-Stars im Akademietheater im Oktober 1933 wurde ein Riesenerfolg. Nora Gregor in der Hauptrolle des Stückes „Weißer Flieder“ von George F. Lennox überzeugte alle. Das Publikum spendete stürmischen und enthusiastischen Beifall, und auch die Theaterkritiker waren begeistert. Das Stück wurde 115 Mal gespielt. Noch in den fünfziger Jahren erinnerte die Zeitschrift „Die Bühne“ an dieses Ereignis und bemerkte, dass weder davor noch danach ein so schönes langes Satin-Kleid auf einer Wiener Bühne gesehen wurde, wie jenes von Nora Gregor. „Ihre wunderschönen Kinoaugen blicken in natura auf ein von ihr restlos entzücktes Parkett. Sie ist also nicht nur sex-, sondern auch heart-appeal und eyes-appeal und so ziemlich alle Appeals, die es gibt.“ So schrieb damals Alfred Grünwald im „Wiener Journal“. Trotz sex appeal gab Nora Gregor den Wienern jedoch keinen Anlass zu moralischer Entrüstung. Sie besuchte keine Nachtlokale, sondern lebte still und zurückgezogen. Selbstverständlich hatte sie eine Menge Verehrer, doch sie hielt zu allen Distanz. So wenigstens berichtete die damalige Presse.

Die geheime Liaison#

Marcel Prawy hat mir allerdings einen kleinen Witz erzählt, der angeblich schon Mitte der dreißiger Jahre kursiert sein soll: Nora war als Schauspielerin sehr freizügig mit der Enthüllung ihres Busens. Im alten Burgtheater war die Akustik auf der Galerie sehr schlecht. Am Stehplatz stehen zwei Herren, den Operngucker gespannt auf sie gerichtet. Es entwickelt sich folgender Dialog: „Verstehst du den Werner Krauss?“ „Kein Wort!“ „Verstehst du den Raoul Aslan?“ „Kein Wort!“ „Verstehst du die Gregor?“ „Kein Wort. Ich verstehe nur den Fürsten Starhemberg.“ Was Mitte der dreißiger Jahre ein Gerücht war, entsprach den Tatsachen: Nora Gregor war mindestens seit Ende des Jahres 1933 mit dem damaligen Vizekanzler Ernst Rüdiger von Starhemberg heimlich liiert. Nora hatte sich nie für Politik interessiert, deshalb kümmerte sie sich auch nicht um die bekannte, ziemlich umstrittene Rolle, die Starhemberg im politischen Leben Österreichs spielte. Sie wusste angeblich über den Fürsten nichts zu sagen, als dass sie ihn liebte. Als Hitler in Österreich einmarschierte, befand sich das seit 1937 verheiratete Paar auf Winterurlaub in der Schweiz. Plötzlich konnten die beiden nicht mehr nach Wien zurück. In Paris erlebte Nora ein weiteres interessantes Kapitel ihres Lebens. Außer ihrer Rolle in Jean Renoirs „La Règle du jeu“ bekam sie mehrere Arbeitsanträge. Sie begegnete Greta Garbo, Maurice Chevalier und Coco Chanel. In einer Wohltätigkeitsveranstaltung las sie aus klassischen Werken zugunsten österreichischer Flüchtlinge. Während sie lachend einige heitere Verse sprach, packte sie plötzlich eine solche abgrundtiefe Verzweiflung über das Schicksal ihrer Heimat, dass sie mitten auf der Bühne zusammenbrach und einen Weinkrampf erlitt. Als die Deutschen Paris besetzten, meldete sich Starhemberg freiwillig bei der französischen Luftwaffe. Als die Nachricht in Berlin eintraf, wurden alle seine Besitztümer in Österreich beschlagnahmt. Starhemberg war einer der wenigen Österreicher, die öffentlich gegen Hitler kämpften. Nora verließ mit ihrem Kind Europa und fuhr nach Argentinien. Starhemberg kam zwei Jahre später nach. Das Zusammenleben wurde schwierig. Das Paar trennte sich. Nora spielte in einem französischen Film, der in Chile gedreht wurde. Vier Jahre nach Kriegsende war sie noch immer in Chile, mittellos mit ihrem Kind. Von Wien wusste Nora damals nur, dass es in Trümmern lag. In Briefen rieten ihr die Freunde davon ab, nach Wien zurückzukommen. „Eine Starhemberg“ wäre auf den Bühnen nicht gerne gesehen. Aber sie war keine Starhemberg mehr. Sie war nunmehr nur Nora Gregor, ein vergessener Star. Nur das Burgtheater hat sie nie vergessen. Im oberen Foyer hängt noch immer, neben all den anderen Burgtheaterlegenden, ihr Porträt. Im Rahmen der Viennale zeigte das „Film Archiv Austria“ zwischen dem 18. und dem 29. Oktober 2008 eine Nora Gregor-Retrospektive.

Hans Kitzmüller, geboren 1945, lebt als Universitätsdozent und Schriftsteller in Brazzano bei Görz. Er schrieb Romane und Reiseliteratur auf Italienisch. Seine ausführliche Nora Gregor-Biographie ist im Sammelband „Nora Gregor“ (herausgegeben von Igor Devetak, Kinoatelje, Gorizia 2005) enthalten.


Wiener Zeitung, Samstag, 18. Oktober 2008