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Verspielt, genial und dämonisch#

Er war ein vielseitiger Künstler mit zwanghaftem Spieltrieb – Vor 50 Jahren starb der berühmte Schauspieler Werner Krauß.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung (Samstag, 17. Oktober 2009)

Von

Friedrich Weissensteiner


In seinem Buch "Das Wiener Burgtheater" (1975) bezeichnet Ernst Haeusserman, von 1959 bis 1968 erfolgreicher Direktor dieses geschichtsträchtigen Hauses an der Wiener Ringstraße, Werner Krauß als den "wahrscheinlich größten deutschsprachigen Schauspieler unserer Zeit."

Und er zählt etliche Rollen auf, die Krauß an der Burg spielte, und er erzählt ein paar Anekdoten über den großen Mimen, den man seiner zeitweiligen Schrullen wegen als einen Vorgänger Helmut Qualtingers bezeichnen könnte. Krauß habe, bevor er den Mephisto spielte, monatelang Einlagen in einem Schuh getragen, um sich so an das Hinken auf der Bühne zu gewöhnen; einmal sei er als Julius Caesar verkleidet über die Ringstraße gegangen, kurz bevor er die Rolle an der Burg spielte. Und nach einem Heurigenbesuch habe er beim Nachhausekommen irrtümlich statt der Nachttischlampe die Höhensonne aufgedreht und sich schwere Verbrennungen zugezogen. So Ernst Haeusserman.

"Ab durch die Mitte"#

Werner Krauß berauschte mit seiner genialen, dämonischen Schauspielkunst nicht nur die Zuschauer, er war oft auch selbst berauscht. Auf der Bühne war er immer wieder zu Späßen und Neckereien aufgelegt. "Mit ihm auf der Bühne zu stehen hieß, auf alles – alles! – gefasst zu sein", schreibt Heinz Rühmann in seinen Lebenserinnerungen. "Ich hab’ es am eigenen Leib bei den ‚Lustigen Weibern’ erlebt. Eines Abends – es war eine Aufführung wie jede andere – erschien Krauß in einer Szene, in der er gar nichts zu suchen hatte, klopfte mir auf die Schulter und extemporierte im besten Shakespeare-Sprachrhythmus: ‚He, Junker Schmächtig, auf ein Wort, wo geht’s zur nächsten Schenke?‘ Für Sekunden war ich völlig verdattert, doch dann sah ich seine listigen Äuglein blitzen und wies irgendwohin in Richtung Kulissen. ‚Geht dort hinein, doch schnell, Ihr stört!‘ Dabei hatte ich noch genug Geistesgegenwart, so zu tun, als nestelte ich ein Geldstück aus meinem Wams, das ich ihm in die Hand drückte. Kichernd verschwand Krauß. Ab durch die Mitte."

Das Schlimme aber sei gewesen, so Rühmann, dass Krauß nun jeden Abend erschien – so viel Spaß bereitete ihm die Einlage. Das Ganze ereignete sich übrigens am Berliner Deutschen Theater. Mit dabei unter der Regie von Heinz Hilpert waren unter anderen Ida Wüst, Marianne Hoppe und Gustaf Gründgens.

Für einen Ulk, eine handfeste Schelmerei war Werner Krauß stets zu haben. Er hatte eine lebhafte Phantasie, und ihm fiel oft Ungewöhnliches ein. Die Komödiantik war ein Teil seiner Persönlichkeit und seiner Schauspielkunst. Wer denkt in diesem Zusammenhang nicht an jene Rollen, die er mit kauziger Tiefgründigkeit und unheimlich wirkender Lächerlichkeit ausstattete, an seinen Malvolio etwa, an seinen Falstaff in den "Lustigen Weibern", vor allem aber an seinen unvergesslichen Hauptmann von Köpenick, mit dem er eine ganze Epoche, nämlich die militante und militarisierte Gesellschaftsordnung Kaiser Wilhelms II., mit einem einzigen schneidenden Befehlston, einer unnachahmlichen Körperhaltung und einer wegwerfenden Geste charakterisierte und bloßstellte.

Werner Krauß besaß eine ungeheure Suggestionskraft, er war ein Verzauberer, ein Magier, der das Publikum in seinen Bann ziehen und hypnotisieren konnte. Um einen Charakter darzustellen oder eine Situation blitzschnell zu erhellen, brauchte er einfach nur da zu sein. "Aus seinen Blicken und Bewegungen, aus Worten und Wendungen, aus plötzlichen Pausen und unerwarteten Beschleunigungen ergab sich dann auf wunderbare Weise eine so suggestive wie originelle Figur." Das schreibt einer seiner kritischen Verehrer, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, in seiner Autobiographie "Mein Leben".

Genie der Verwandlung#

Das Rollenrepertoire von Werner Krauß war von beeindruckender Vielfalt. Es reichte von Shakespeare über Goethe, Schiller und Grillparzer bis Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmann, Bernard Shaw, Georg Kaiser und Ferdinand Bruckner. Er spielte mit praller Vitalität, stupender Verwandlungsfähigkeit, glühender Eindringlichkeit und subtiler Genauigkeit, mit ausladenden oder sparsamen Gesten und einer breiten Skala an Ausdruckskraft, gedämpft, wild aufbrausend, dämonisch, verschlagen, hochmütig und liebenswürdig den Jago, Shylock, Hamlet und König Lear, Faust und Mephisto, Wallenstein, Wilhelm Tell und Kaiser Rudolf den Zweiten, Ibsens John Gabriel Borkmann, den Geheimrat Clausen in Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang", Shaws Julius Caesar und Professor Higgins. Und er erfüllte alle diese Figuren mit seiner schier unerschöpflichen Phantasie.

Werner Krauß, der am 23. Juni 1884 in Gestungshausen bei Coburg zur Welt kam, war der Sohn eines Postbeamten, der in jungen Jahren in einer Nervenheilanstalt verstarb. Über die Beziehung zu seinen Eltern, die lieblos, und über seine Kindheit, die karg gewesen zu sein scheint, verliert er in seiner Autobiographie "Das Schauspiel meines Lebens", wofür Carl Zuckmayer die Einleitung schrieb, kein einziges Wort. Der Bub besuchte die Grundschule und danach auf Wunsch seines Großvaters mütterlicherseits, der sich um seine Erziehung kümmerte, eine Präparandenanstalt in Breslau. Der begabte Enkel sollte Lehrer werden. Aber daraus wurde nichts. Einer seiner Schulkollegen, der am Breslauer Lobe-Theater als Statist tätig war, nahm ihn zu einer Aufführung mit und wurde so unbeabsichtigt zum Geburtshelfer einer großen Schauspielerkarriere. Denn ab diesem Zeitpunkt ließ das Theater Werner Krauß nicht mehr los. Eine dämonische Kraft in seinem Inneren trieb ihn auf die Bühne. Er hatte seine Lebensaufgabe gefunden.

Sein Weg vom namenslosen Statisten zum weltberühmten Bühnenstar kann hier natürlich höchstens andeutungsweise nachgezeichnet werden. Er führte über zahlreiche Stationen, übrigens ohne professionelle Ausbildung, von der Schmiere bis zu den größten Tempeln der deutschsprachigen Schauspielkunst: dem Wiener Burgtheater, dem Deutschen Theater und dem Staatlichen Schauspielhaus in Berlin, sehr oft unter der Regie von Max Reinhardt, den er, und der ihn sehr schätzte.

An der Burg, wo er 1928 zum ersten Mal Gastrollen spielte, war er von 1933 bis 1944 und von 1948 bis 1959 Ensemblemitglied. Über das von ihm heiß geliebte Theater machte er einmal die wohl nicht ernst gemeinte Bemerkung: "Drei Fehler kann ein Schauspieler machen. 1. Ans Burgtheater gehen. 2. Vom Burgtheater weggehen. 3. Ans Burgtheater zurückkehren."

Nicht nur am Theater, auch im Stummfilm, dem neuen Stilmittel der Maskenkunst, in dem er seine meisterhafte Mimik und seine chamäleonhafte Wandlungsfähigkeit voll zur Geltung bringen konnte, bezauberte Werner Krauß das Publikum. Der renommierte Produzent und Regisseur Richard Oswald, der ihn 1916 zum Film holte, war davon so beeindruckt, dass er Krauß schon nach dem ersten Film eine höhere Gage bezahlte als vertraglich vereinbart war, und dem "Kraußle", wie er ihn nannte, immer wieder neue Rollen anbot. Neben seiner Theaterarbeit wirkte Krauß in den nächsten dreizehn Jahren in 104 Stummfilmen mit, darunter in so eindrucksvollen Streifen wie "Das Cabinet des Dr. Caligari", "Die freudlose Gasse" mit Greta Garbo und "Die Hose", nach einem bürgerlichen Lustspiel von Carl Sternheim, in denen er bewies, dass er alle filmischen Darstellungselemente von der Komik bis zur Groteske virtuos beherrschte.

Der Fall "Jud Süß"#

Die Stummfilmzeit des Werner Krauß ist heute vergessen. In der Öffentlichkeit nicht vergessen ist hingegen, dass er sich, ohne Einspruch zu erheben, als "staatspolitisch wertvoller" Charakterdarsteller in Veit Harlans antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß", der 1940 gedreht wurde, dem NS-Regime zur Verfügung stellte und in fünf verschiedenen Versionen des "ewigen Juden" brillierte. 1943 spielte er an der Burg einen extrem jüdelnden Shylock.

Das waren nicht nur künstlerische Fehltritte. Der kleinwüchsige Schauspieler, der keineswegs dem Ideal des germanischen Herrenmenschen entsprach, arrangierte sich mit dem verbrecherischen Regime. Auch wenn Werner Krauß immer wieder betonte, dass er kein Mitglied der NSDAP war, so war er doch stellvertretender Präsident der Reichstheaterkammer und Hitlers Gast in dessen Domizil auf dem Obersalzberg gewesen.

Als er die Rolle in "Jud Süß" annahm, fragte ihn der Regisseur Wolfgang Liebeneiner: "Werner, warum machst du das?" "Weißt du, wie viele Juden ich in diesem Film spiele? Fünf! Und jeden anders", gab Krauß zur Antwort. "Aber weißt du nicht, welchen Schaden du damit anrichtest?" "Das geht mich nichts an – ich bin Schauspieler!" Das erzählt Hilde Krahl, Liebeneiners Frau, in ihrem Erinnerungsband "Ich bin fast immer angekommen". Werner Krauß‘ zwanghafter Spieltrieb erstickte sein kritisches Verantwortungsbewusstsein.

Nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft erhielt Krauß Berufsverbot und wurde von der amerikanischen Besatzungsmacht aus Österreich ausgewiesen. Seine dritte Frau blieb mit Sohn Gregor auf dem Landgut Scharfling am Mondsee zurück. Der vielseitige Schauspieler musste sich vor einem deutschen Entnazifizierungsgericht verantworten, wurde als "minderbelastet" eingestuft und zu einer Geldstrafe verurteilt.

Das Berufsverbot wurde 1950 aufgehoben. Krauß kehrte nach Österreich zurück, durfte wieder Theater spielen und das Publikum begeistern. Das gelang ihm trotz seines mittlerweile vorgerückten Alters in zahlreichen Rollen auf verschiedenen Bühnen und auf Tourneen. Seine großartige Schauspielkunst wurde (wieder) gewürdigt, er erhielt viele Auszeichnungen, zuletzt den Iffland-Ring, den er testamentarisch Josef Meinrad vermachte.

Seine letzte Rolle, den König Lear, konnte der schwer zuckerkranke Künstler bei seinem letzten Burgtheater-Auftritt nur noch unverständlich brabbelnd zu Ende spielen. Er hatte während der Aufführung einen Schlaganfall erlitten. Fast auf den Tag genau ein Jahr später, am 20. Oktober 1959, starb Werner Krauß in seiner Wiener Wohnung in der Porzellangasse. Sein Leichnam wurde im Krematorium der Stadt Wien den Flammen übergeben. Aus einer Blockflöte ertönte eine Hirtenmelodie. Reden hatte sich der große, unvergessene Schauspieler verbeten.

Friedrich Weissensteiner war Direktor eines Wiener Bundesgymnasiums und ist Autor zahlreicher historischer Bücher.

Wiener Zeitung, Samstag, 17. Oktober 2009