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Der Schritt von Wagner zu Klimt#

Die Überraschung steckt im Katalog#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 25. September 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Edwin Baumgartner


Das Jüdische Museum enthüllt das Spannungsverhältnis zwischen den Wiener Juden und Richard Wagner.#

Gustav Klimts Fries
Gustav Klimts Fries zeigt im Affen ein antisemitisches Furcht- und Zerrbild.
© Belvedere Wien/Jüd. Museum

Die große Überraschung der insgesamt außerordentlich gelungenen Richard-Wagner-und-Wien-Ausstellung im Jüdischen Museum verbirgt sich im Katalog: Dort weist Brigitte Borchhardt-Birbaumer akribisch nach, dass der Affe in Gustav Klimts Beethovenfries eine antisemitische Karikatur aus der Sicht einer von Wagner geprägten Musik-Rezeption darstellt. Brigitte Borchhardt-Birbaumer ist international gefragte Kunstwissenschafterin, Ausstellungsmacherin und - warum es verschweigen, statt stolz festzuhalten - Mitarbeiterin der "Wiener Zeitung".

Ihr Nachweis sitzt wie ein Stachel im Fleisch - und das ist gut so. Denn zu lang schon wird der "kleine Antisemitismus" der großen Kulturschaffenden hingenommen. Der Antisemitismus auf der Basis von (falsch verstandenem) Christentum, (vermeintlicher) kultureller Identität und/oder einem antikapitalistischen Ansatz auf der Basis von Karl Marx ist der Nährboden jenes antisemitischen Rassismus, der letzten Endes wohl zur Shoah führte.

Antisemitischer Rassismus#

Es ist Richard Wagner, der in Schriften und Aussagen die Grundlagen dieses antisemitischen Rassismus’ entwickelt, wobei es keine Rolle spielt, ob nun Wagners Ehefrau Cosima in ihren Aufzeichnungen eigene antisemitische Ideen "dem Meister" in den Mund legte: Im Haus Wagners waberte der Antisemitismus wie auf seiner Bühne die Kunstnebelschwaden. Und Wien war die Stadt, wie Ausstellung und Katalog darlegen, in der sich Wagner vom Salonantisemiten, wie er im 19. Jahrhundert in bürgerlichen Kreisen die Regel war, zum antisemitischen Rassisten wandelte.

Somit wird Wien, auch das ist eine durchaus verstörende Erkenntnis dieser Ausstellung, Katalysator des Antisemitismus’: Hier fühlt sich Wagner durch die Angriffe des Kritikers Eduard Hanslick und des Feuilletonisten Daniel Spitzer verfolgt, hier beginnt er, nach der Absetzung der Uraufführung von "Tristan und Isolde", eine jüdische Verschwörung zu wittern, die in seinem Denken immer mehr Raum greift. (Und hier ist es auch, nebenbei bemerkt, dass Hitler zum Antisemiten wird, und, um einen Bogen zu schlagen, ist es auch hier, dass der Nationalsozialist Karl Böhm während des Dritten Reichs Direktor der Staatsoper wird und es, nun lippenbekennender Nichtmehr-Nationalsozialist, nach dem Wiederaufbau des Hauses nochmals wird, um, so die Begründung, Kontinuität zu schaffen.)

Wagner und das jüdische Wien - das ist aber auch gemäß dem Ausstellungstitel das Spannungsverhältnis zwischen kritikloser Zustimmung und, vielleicht allzu rigoroser, Ablehnung.

Eine Ablehnung, die zuerst ästhetische Gründe hatte: Hanslick war, nach anfänglicher Begeisterung für Wagners Werk, zu einem seiner schärfsten Kritiker geworden. Er verteidigte ein klassisches Schönheitsideal gegen die, wie er meinte, auflösenden Kräfte der Romantik, deren Protagonisten er in Wagner zu erkennen glaubte. Doch während Hanslick insgesamt bei der - freilich spitzfedrig pointierten - Argumentation blieb, schlug Wagner mit einem persönlichen Angriff zurück: Er karikierte Hanslick, der sich auch als Komponist versuchte, in der Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" als künstlerisch impotenten Kritiker Beckmesser, den er, zu allem Überfluss, mit antijüdischen Stereotypien ausstattete.

Wagners Zerrbilder#

Spätere antisemitische Zerrbilder sind die Bühnenfiguren Alberich und Mime im "Ring des Nibelungen", während der "Parsifal" einen arischen Erlöser dem jüdischen Christus entgegensetzt.

Vielleicht aber hat die Konfrontation der jüdischen Bevölkerung Wiens mit dem täglichen Antisemitismus auf religiös-kulturell-antikapitalistischer Basis auch dazu geführt, dass Juden mit dieser Ungeisteshaltung zu leben gelernt hatten. So nahmen sie Wagner als bedeutenden Komponisten wahr und ordneten seine antisemitischen Ansichten dort ein, wo sie Antisemitisches etwa von Luther, Goethe und Herder bis herauf zu Marx einzuordnen pflegten. So hatten die Wagner-Vereine zahlreiche jüdische Mitglieder, darunter so prominente wie den Komponisten Carl Goldmark, den Musikwissenschafter Guido Adler und den Philosophen Otto Weininger, und der jüdische Komponist, Dirigent und Chef der Hofoper Gustav Mahler setzte neue Standards für Wagner-Aufführungen. Erst Hitlers Berufung auf Wagner konnte zumindest jener Nachwelt, die es wissen wollte, die Augen öffnen für die Besonderheit von Wagners antisemitischem Ansatz.

Nach all dem harmlosen Wagner-Gedenken des laufenden 200.-Geburtstags-Jahrs, ist die Ausstellung im Jüdischen Museum ein befreiender Kontrapunkt: Weil sie darstellt, ohne zu urteilen, weil sie Denk- und Diskussionsmaterial liefert. Ihr vorzuwerfen, sie sei - wagnerkritische - Partei wäre indessen der blanke Unsinn: Gerade die Gestalt eines Wagner verlangt nach kritischem Umgang. Dass er nun endlich und endlich auch gerade in diesem feiertrunkenen Jahr erfolgt ist, muss man mit Dankbarkeit registrieren. Fast scheint es symptomatisch, dass ein Jüdisches Museum diese Arbeit leistete. Denn viel war in diesem Jubiläumsjahr die Rede davon, dass Wagners Musik die Tore ins 20. Jahrhundert geöffnet, wenig aber davon, dass er auch den Wegweiser nach Auschwitz aufgestellt hatte.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 25. September 2013