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Wanderer zwischen den Genres#

Eine Retrospektive in der Neuen Galerie Graz stellt Architekt Hans Hollein als Künstler und Designer vor#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 26. Jänner 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Manisha Jothady


Ein Besuch bei Architekt und Universalkünstler Hans Hollein.#

Hans Hollein
"Alles ist Architektur", dieses Statement hat Hans Hollein in den 1960er Jahren berühmt gemacht. Heute zählt der Grandseigneur zu den bekanntesten Architekten der Welt.
© WZ/Newald

Auf sympathische Weise bescheiden wirkt Hans Holleins Atelier im vierten Wiener Gemeindebezirk. Die Zimmerfluchten im Mezzanin des Altbaus lassen auf den ersten Blick kaum erkennen, dass man sich hier im Kreativlabor eines international agierenden Stararchitekten befindet. Die auf das Notwendigste reduzierte Ausstattung des Besprechungszimmers mag so gar nicht zu dem Gestalter passen, der in seiner Zunft zu den Pionieren der Postmoderne gezählt wird. Jener Epoche, die mit ihrem Stilpluralismus und ihrer überbordenden Zeichenhaftigkeit der Zweckrationalität des Funktionalismus eine Absage erteilte.

Seit 1964, dem Jahr seiner Bürogründung, entwickelt Hollein in einem genügsamen Ambiente also seine Konzepte. Über seinem Haupt mit dem für ihn so charakteristischen, nach hinten gekämmten Haar schwebt ein Dreieck aus Neonlampen. Eine Röhre hat den Geist aufgegeben. Holleins scharfen Blick für Details scheint diese kleine Nachlässigkeit nicht zu trüben.

Weltbekannter Architekt#

Der 1934 in Wien geborene Clemens-Holzmeister-Schüler kann schon seit langem für sich beanspruchen, zu den renommiertesten österreichischen Architekten zu zählen. Zahlreiche Preise und Ehrungen wurden ihm im Verlauf seiner mittlerweile über 50 Jahre währenden Karriere zuteil. Am Beginn seiner Laufbahn als selbständiger Architekt standen freilich keine bombastischen Bauten. Hollein verstand es dennoch schon früh, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nur 16 Quadratmeter groß ist die heute unter Denkmalschutz stehende ehemalige Kerzenboutique Retti in der Wiener Innenstadt. 1966 erhielt Hollein dafür den damals mit 25.000 US-Dollar dotierten Reynolds Memorial Award. 1983 wurde ihm der Große Österreichische Staatspreis verliehen. Seit 1985 ist er der bisher einzige heimische Architekt, der mit dem Pritzker Preis ausgezeichnet wurde. Spätestens damit fand Hollein Eingang in den Olymp jener Disziplin, für die es bekanntlich einen besonders langen Atem braucht.

Diesen legt der bald 78-Jährige mit seinem Team auch heute noch an den Tag. In der chinesischen Millionen-Metropole Shenzhen sprießen seit einigen Jahren Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden. So auch Holleins aus einem Wettbewerb hervorgegangenes Siegerprojekt. Mit 200 Meter Höhe und 42 Geschoßen wird der SBF Tower nach seiner Fertigstellung zwar nicht der höchste Büroturm im Finanzdistrikt der Stadt sein, dafür aber der am meisten begrünte. Ganz der "Herr Professor", als den man ihn respektvoll anzusprechen pflegt, erklärt er das Prinzip der Gebäudeskulptur, das vom Wechsel zwischen den jeweils sechs aufeinander gestapelten, identischen Etagen mit stringenter Glasfassade und den jeweils folgenden fünf Stockwerken mit flexiblen Grundrissen, Rücksprüngen und Auskragungen für vertikale Gärten lebe. Hollein hat mit seinen früheren Bauten Architekturgeschichte geschrieben.

Mit dem SBF Tower scheint er im 21. Jahrhundert angekommen zu sein. Die Idee dazu kam ihm, wie eine seiner unzähligen Skizzen belegt, bereits 1959 während eines Studienaufenthaltes in den USA. Dort erforschte er neben der indianischen Puebloarchitektur auch die Wolkenkratzerkultur.

Das Wien der ausgehenden 1950er Jahre hatte mit dem Hochhaus in der Herrengasse und dem Ringturm kaum Anschauungsbeispiele zu bieten. Der junge Hollein reiste deshalb während seiner Zeit als Student an der Akademie der bildenden Künste nach Schweden, wo das Wohnen in luftiger Höhe bereits en vogue war.

Heute spiegeln sich in den Trabantensiedlungen jener Zeit die gescheiterten Gesellschaftsutopien der Architekturmoderne wider. Die diese Orte so prägenden sozialen Probleme sind allerdings kein Thema, das Hollein beschäftigt. "In einem dreistöckigen Gebäude können genauso Konflikte entstehen", meint er dazu lapidar. Generell scheint sich der Architekt beim Reden über Architektur lieber auf bauliche Tatsachen zu konzentrieren. Schnell ist daher im Gespräch über den inszenatorischen Aspekt seiner Museumsbauten der Stift zur Hand, mit dem er den dreieckigen Grundriss des 1991, nach 13-jähriger Planungs- und vierjähriger Bauzeit, eröffneten Museums für Moderne Kunst in Frankfurt noch einmal skizziert.

Allrounder und Universalist#

Als Architekt ist Hans Hollein weltberühmt. Dem breiten Publikum weniger geläufig ist er als Künstler, Designer und Theoretiker. Dem Allrounder Hollein wird deshalb in der Neuen Galerie Graz in Form einer Retrospektive noch bis Frühling gehuldigt. Auch das 21er Haus stellt im Rahmen der Gruppenschau "Utopie Gesamtkunstwerk" (ab 20. Jänner) einige Zeichnungen aus, die den künstlerischen Gehalt im Schaffen des Universalisten verdeutlichen. "Alles ist Architektur", lautet Holleins bekanntestes Statement aus den 1960ern. Mit diesem Credo stand der Wanderer zwischen den Disziplinen in der ideologischen Nachbarschaft zu Joseph Beuys’ Konzept der sozialen Plastik. Es untermauerte seine Auffassung von einem erweiterten Architekturbegriff. Diese animierte ihn zur Herausgabe der vom antiautoritären Zeitgeist beseelten Zeitschrift "Bau" ebenso wie zu Brillen-, Schmuck-, Vasen-, Möbel- und Ausstellungsdesigns.

Ab den frühen 1960ern stellte Hollein seine Bilder, Skulpturen und Installationen in Kunstinstitutionen aus. Raumschiffe und Raumanzüge definierte er als perfekte Minimalbehausungen für ein Überleben unter Extrembedingungen. Sein als Telefonzelle konzipiertes Heim garantierte den Anschluss zur Außenwelt, die von ihm entwickelte "Architekturpille" räumlich entgrenztes Erleben. Legendär auch das als "Mobiles Büro" entworfene pneumatische Gebilde sowie die zahlreichen Collagen, in denen Hollein Flugzeugträger, Rolls-Royce-Kühlergrills und andere Alltagsobjekte als monumentale Gebäude imaginierte. Letztere stehen in deutlicher Nähe zur Popart. Sie befinden sich in wichtigen Sammlungen. 1974 adelte Beuys etwas verspätet den Freund in Form einer Postkarte zum Künstler. Diesem amüsanten Detail begegnet man in der Grazer Ausstellung, die das Spartenübergreifende Oeuvre Holleins nicht chronologisch aufrollt, sondern die unterschiedlichen Inhalte seines breit gefächerten Schaffens thematisch vernetzt.

Wo endet die Kunst?#

Mit der Frage, wo für ihn Kunst aufhöre und Architektur beginne, weiß Hans Hollein nicht viel anzufangen. Der Satz "Alles ist Architektur" schließt eben auch mit ein, dass alles Kunst sei. Der Slogan aus Jugendtagen besitze für ihn noch immer Gültigkeit, doch habe man, räumt der Meister ein, seinerzeit damit noch für Diskussionen gesorgt. Ins Schwärmen gerät er, wenn er von seinem Vulkanmuseum bei Clermont-Ferrand erzählt und sich dabei auf die archaischen Kultbauten der präkolumbianischen Völker bezieht. Aus ganzer Kraft scheint der unterirdische Museumspark, der sich äußerlich durch einen mit Titan verkleideten Kegelstumpf zu erkennen gibt, aus der Tiefe heraus zu leuchten.

Es ist eine Architektur, die mehr in der Fiktion als in der Wirklichkeit angesiedelt zu sein scheint, eine Architektur, wie sie eigentlich nur ein Künstler ersinnen kann.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 26. Jänner 2012