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Zwei Welten, eine Leidenschaft#

Chronistin der Wiener Bohème. Zweite Karriere im New Yorker Exil#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung vom 26. Jänner 2011.

von

Simon Rosner


Die Ebendorferstraße in Wien, gleich beim Rathaus, Nummer drei. Mögen die Zwanziger Jahre in Wien vielleicht nicht so golden geglänzt haben wie anderswo, doch ein wenig glitzerte es schon in dieser Stadt mit ihren Varietés, Theatern und Konzerthäusern. Und eben auch in der Ebendorferstraße, Nummer drei.

Fleischmann-Akt
Mit Aktstudien, wie jener von 1925, wurde Trude Fleischmann bekannt © Wiener Zeitung, Foto: Wien Museum

Hier hatte die Fotografin Trude Fleischmann 1920 im Alter von 25 Jahren ein Atelier eröffnet. Sie war Teil einer neuen, vom wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung beseelten Generation; wie Fleischmann wagte damals eine Reihe junger Frauen den Schritt in grafische Berufe, die bis dahin fast nur Männern vorbehalten waren.

Bei einem der renommiertesten Fotografen, Hermann Schieberth, hatte Fleischmann ein kurzes Praktikum absolviert. Und dort entstand 1918 auch ihr erstes bekanntes Foto, als eines Tages Adolf Loos und Peter Altenberg gemeinsam ins Atelier spazierten, um sich von Schieberth ablichten zu lassen, dieser aber gerade außer Haus war.

"Die beiden fanden das Foto sehr gut. Das hat ihr sicher Selbstvertrauen gegeben und ihr einige Türen geöffnet", sagt die Autorin Heike Herrberg, die sich seit Jahren intensiv mit Trude Fleischmann beschäftigt.

Fleischmanns zwei Jahre später eröffnetes Atelier wurde binnen kurzer Zeit zu einem Treffpunkt für Wiens Künstlerszene, deren Protagonisten sie porträtierte. Und zwar anders. "Das ging schon in Richtung der Neuen Sachlichkeit. Sie hat ihre Modelle zwar posieren lassen, aber nicht allzu sehr inszeniert", sagt Herrberg.

Die Aktstudien der Tänzerin Claire Bauroff machten Fleischmann auch international bekannt, zumal Fotos von ihr im Vorfeld eines Auftritts Bauroffs in Berlin beschlagnahmt worden waren. "Sie war nicht die Erste, die Nacktaufnahmen machte. Aber sie hat einen bestimmten Typus von Frauen dargestellt, athletische, muskulöse. Das war schon ungewöhnlich."

Trude Fleischmann war einerseits Chronistin, andererseits aber auch selbst Teil des kulturellen Lebens im Wien der Zwanziger Jahre. Ihre Atelierfeste seien legendär gewesen, erzählt Barbara Loss, eine Cousine Fleischmanns. "Das waren sehr elegante Anlässe. Sogar der Herzog von Windsor soll einmal gekommen sein."

Flucht vor den Nazis#

Doch es war eine kurze Zeit der Unbeschwertheit. Zuerst die Wirtschaftskrise, dann die politischen Umwälzungen in Österreich sowie im März 1938 der Anschluss an Hitler-Deutschland. Viele Künstler mussten flüchten, so auch Trude Fleischmann, die als Jüdin das Land verlassen musste, zuerst nach Paris und London, im April 1939 dann nach New York ging.

Fleischmann-Studio
Trude Fleischmann 1929 in ihrem Wiener Atelier. Neun Jahre später musste sie flüchten
© Wiener Zeitung/Foto: Fritsch Antiquariat, Wien

Die Fotografin hatte so gut wie alles zurücklassen müssen. Ein Großteil ihrer Arbeit wurde zerstört, viele Dokumente jener spannenden Zeit in Wien sind damit für immer verloren. Auch in New York arbeitete Fleischmann als Fotografin, sie hatte ihr eigenes Studio in der 56. Straße, gleich neben der Carnegie Hall. Und wieder lichtete sie Prominente ab: Albert Einstein, Sinclair Lewis, Eleanor Roosevelt und Marian Anderson. Und doch war vieles anders.

"Es war ein schwieriges Leben für sie", sagt Herrberg. Und Barbara Loss erzählt: "Als Kinder wurde uns immer gesagt, sie führe das Leben der Bohémiens, dass jene, die sie fotografiert hat, auch ihre Freunde seien." Tatsächlich konnte sich Fleischmann in New York aber nur eine kleine Wohnung leisten. "Und wir wussten auch, dass es Phasen gab, in denen sie auf die Hilfe von Freunden angewiesen war."

Harte Konkurrenz#

In New York war Trude Fleischmann eine von vielen. Die Konkurrenz war riesengroß, da auch aus Frankreich, England und Deutschland zahlreiche Fotografen emigrieren mussten. "Und sie war keine gute Vermarkterin ihrer Selbst", sagt Loss. "Sie ist nur durch Mundpropaganda zu Aufträgen gekommen und sie hat nicht viel Geld verlangt."

Die Familie hat Fleischmann regelmäßig besucht, immer hatte sie ihre Kamera dabei. "Wir haben sie bewundert", erzählt Loss. Über ihre Gefühle Wien gegenüber, dem bitteren Abschied aus dieser Stadt, von diesem glamourösen Leben, weiß sie aber wenig. Zudem hielt Fleischmann ihr Privatleben stets bedeckt. "Sie war keine öffentliche Person. Man hat einfach weitergelebt, hat versucht, sich schnell zu assimilieren."

Für Herrberg ist die Arbeit über Fleischmann in dieser Hinsicht wie ein Puzzle mit sehr wenig Teilen. "Wer wirklich ihr inner circle war, weiß man weder von ihrer Wiener noch ihrer New Yorker Zeit." Ein paar Freunde sind bekannt, aber die wissen auch nicht viel über andere Bekannte. War sie wirklich Teil der New Yorker Szene? Oder nur gelegentlich als Fotografin in dieser involviert?

"Man stolpert über ihre Werke in National Museum in Washington, im Getty, dem MoMA und Guggenheim. Aber ihr Name ist in den USA nicht bekannt", sagt Loss, "es gibt viele Rätsel." Einen Briefverkehr mit Albert Einstein, Referenzierungen auf Fleischmann von Andy Warhol. Gemeinsam mit Herrberg bemüht sich Loss sich um den Nachlass. Das ist nicht leicht. Fleischmann hatte ihr gesamtes Œuvre bei ihrem späten und wohl auch finanziell bedingten Umzug nach Lugano 1969 ihrer Agentin überlassen. Und vor einigen Jahren verkaufte diese fast alle Fotos und Briefe an einen Galeristen, der seitdem gluckengleich drauf sitzt und weder Forschern noch Familie einen Einblick erlaubt.

"Wahrscheinlich würde sich ihr Leben vor einem ausbreiten, weil sie auf ihren Fotos immer Notizen gemacht hat. Sie sind wie Tagebücher", sagt Herrberg. Trude Fleischmann starb 1990 im Alter von 94 Jahren in der Nähe New Yorks.

In die Ebendorferstraße, auf Nummer drei, sind mittlerweile Anwaltskanzleien und Ärzte eingezogen. An Trude Fleischmann, ihre Fotos, ihre Feste, an diese lebensfrohe Zeit, erinnert nichts mehr.

Artikel anläßlich einer Ausstellung im Wien Museum bis 29. Mai 2011


Wiener Zeitung, Mittwoch, 26. Jänner 2011