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Das Lied ist nicht aus#

Das österreichische Gedicht der Gegenwart beeindruckt mit starken Akkorden und Dissonanzen. Das nun zu Ende gehende Jahr huldigt den Neutönern mit zwei schönen neuen Lyrikreihen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 28./29. Dezember 2013)

Von

Christian Teissl


Kopf in den Wolken
"sich wolkenboote erfinden . . ."
Mike Agliolo/Corbis

"Noch ist das Lied nicht aus" lautet der Titel einer Anthologie österreichischer Lyrik aus neun Jahrhunderten, die Ulrich Weinzierl 1995 herausgeben hat. Das Buch ist mittlerweile vergriffen, sein Titel jedoch, einem frühen Gedicht Rose Ausländers entlehnt, hat seither nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt. Nach wie vor werden Gedichte geschrieben, gedruckt und gelesen; nach wie vor finden junge Autorinnen und Autoren den Mut, nicht marktkonform mit einem Roman, sondern einem Gedichtband zu debütieren.

Das nun zu Ende gehende Jahr hat auf lyrischem Feld eine reiche Ernte erbracht. Künftige Anthologisten, die in den lyrischen Neuerscheinungen dieses Jahres Umschau halten, auf der Suche nach exemplarischen Arbeiten, werden dabei auf so eindrucksvolle Gedichte stoßen wie das folgende, das den schlichten Titel "Deine Hände" trägt:

"Deine Hände sind schön -/ ach, wie sind deine Hände schön/ was werd ich geben/ um deiner Hände willen?// Deine Hände sagen/ wir sind da/ am Morgen, am Abend/und im Zwischenraum// Deine Hände gleiten/ mir über das Haar/ meine Schultern/ umfassen mich betörend// Träume ich von deinen Händen/ geben sie der knappen Zeit einen Stoß/ bebendes Suchen/ schlaflos ineinander ruhen// Deine Hände schweigen/ wenn es ums Unglück geht/ ziehen sich zusammen,/ knöchelweis für die Kraft.// Nichts will ich, gar nichts/ kein Angora, keine Seide, kein Perlmutt/ bloß sinken in die Zärtlichkeit/ deiner schönen Hände."

Dieses unprätentiöse Liebesgedicht gehört zur poetischen Hinterlassenschaft der früh verstorbenen Wiener Autorin Siglinde Bolbecher. Bis zu ihrem Tod kannte man sie so gut wie ausschließlich als Historikern und Publizistin. Gemeinsam mit ihrem Mann Konstantin Kaiser hat sie die Zeitschrift "Zwischenwelt" in mühevoller Kleinarbeit zu dem gemacht, was sie heute ist: ein Gesprächsforum für alle, die an der Kultur des Exils und des Widerstands lebhaften Anteil nehmen und sich mit ihr schöpferisch auseinandersetzen. Dass Siglinde Bolbecher daneben auch Gedichte schrieb, wussten nur wenige; ihre Lyrik blieb verborgen hinter einer Fülle wissenschaftlicher Aktivitäten.

Ewiges Exil#

Ihr zum Gedenken hat der Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, der schon in der Vergangenheit wiederholt durch einschlägige lyrische Publikationen aufgefallen ist, die Lyrikreihe "Nadelstiche" ins Leben gerufen. Bringt der erste Band eine Nachlese von Bolbechers vor Leben vibrierenden Versen, so präsentiert Band zwei unter dem Titel "Niewiederland" die weitgehend unbekannte Lyrik der 1995 verstorbenen Wiener Exilautorin Trude Krakauer.

Von den Nazis ihrer Heimat beraubt, emigrierte Krakauer 1939 nach Kolumbien. Dort engagierte sie sich im "Comité de los Austríacos Libres" und schuf sich eine neue Existenz, arbeitete u. a. auch als Übersetzerin lateinamerikanischer Dichter. Nach Österreich kehrte sie nur noch ein einziges Mal besuchsweise zurück, Anfang der 1980er Jahre; über die Möglichkeit einer Heimkehr machte sie sich damals längst keine Illusionen mehr: "Ich bin nicht Odysseus, ich kehre nicht heim." Die Landschaft ihrer Kindheit und Jugend war ihr zum "Niewiederland" geworden, und "wer seinen Weg im Niewiederland sucht", so wusste sie wohl, "der kommt nirgends an und kehrt nimmermehr heim; / Er geht nur und geht, um zu gehen."

Krakauers Exillyrik ist in allen ihren Entwicklungsstufen von bestechender Klarheit, bildhaft und lapidar. In schmerzwachen Versen leistet sie Trauerarbeit, trauert sie um die Ermordeten. Der oft und gerne bemühten Klischeevorstellung von der Zeit, die alle Wunden heilt, widersetzt die Dichterin sich mit aller Entschiedenheit: "Ich will mir Salz in meine Wunden streun,/ Daß sie die Zeit nicht kühle. Meine Toten/ Sind nur im Schmerz mir nah - so soll er brennen/ Der Zeit zum Trotz, ein Licht in ihrer Nacht./ Der Tod heilt alles, doch solang ich lebe/ Will ich unheilbar sein."

Generationen#

Zeitgleich mit der Reihe der Theodor Kramer Gesellschaft haben Nils Jensen, Hannes Vyoral und Sylvia Treudl, drei vielseitige und erfahrene Aktivisten des literarischen Betriebs, die Kleinbuchreihe "Neue Lyrik aus Österreich" aus der Taufe gehoben. Damit hat die von Alois Vogel begründete, später lange Jahre von Manfred Chobot herausgegebene Reihe "Lyrik aus Österreich", die es auf 100 Bände brachte, ehe sie 2004 eingestellt werden musste, endlich eine ebenbürtige Nachfolge gefunden. Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Editionen liegen auf der Hand: Die Bände sind hier wie dort schlicht und schmucklos gestaltet, der Reihencharakter wird auf den ersten Blick sichtbar; jeder Band hat einen Umfang von 64 Seiten und kommt ohne Vor- oder Nachwort aus.

Die alte "Lyrik aus Österreich" war geprägt vom friedlichen Nebeneinander verschiedener Generationen und bot eine feine Mischung aus bekannten und neuen Namen. Es steht zu erwarten, dass sich diese Qualitäten auf die neue Reihe übertragen; ihre ersten vier Folgen, die nunmehr vorliegen, deuten jedenfalls darauf hin.

Den Auftakt macht Gerhard Ruiss mit dem Band "Paradiese". Ruiss, den alle Welt als nimmermüden Vertreter und Verteidiger von Autoreninteressen kennt, hat in den letzten Jahren mit seiner Nachdichtung sämtlicher Lieder des Oswald von Wolkenstein von sich reden gemacht. Nun ist er aus dem Herbst des Mittelalters in die Gegenwart zurückgekehrt, ist wieder ganz bei sich zu Hause, "in dieser wienerischsten aller städte/ in diesem alsergrundigsten aller bezirke/ in dieser grü-nentorgassigsten aller gassen/ unter dieser fünfzehntesten hausnummer aller grünentorgassigen hausnummern fünfzehn . . ." Hier, in derart vertrauter Umgebung, ergründet er das Weltgewissen und widmet sich letzten Fragen: "mit welcher tröstung/ werde ich sterben/ ich bin geliebt worden/ und werde es werden/ solange es ein gedächtnis gibt/ bzw. erben".

Einmal mehr erweist sich Ruiss hier als begnadeter Silbenjongleur und Buchstabenakrobat. Er liebt Homonymien und Assonanzen, weiß mit dem Reim sein hintergründiges Spiel zu treiben. In den meisten seiner paradiesischen Gedichte kommt er mit einigen wenigen Versen aus. Lyrischen Stimmungen geht er konsequent aus dem Weg - dafür sind ihm seine sparsam gewählten Wörter zu schade -, hingegen wird er niemals müde, die Lächerlichkeit einer "maulheldengesellschaft" bloßzulegen, die er als "maulhaltegesellschaft" durchschaut.

Aus ganz anderem Stoff sind die Gedichte in dem Band "die gezirpte zeit" von Sophie Reyer, einer Grenzgängerin zwischen verschiedenen künstlerischen Disziplinen, einer Pendlerin zwischen Wort, Bild und Musik, die sich bereits mit einer ganzen Reihe von Publikationen einen Namen gemacht hat. Auf die Wörter ist ebenso wenig Verlass wie auf den eigenen Körper, das weiß diese Autorin genau; die Sprache verbirgt weit mehr als sie offenbart, und auch der menschliche Körper ist unberechenbar, ist vor keiner Metamorphose gefeit: "einen riss im/ herzen gekriegt heute/ nacht. (. . .) aus den// brüsten waren ihr/ knospen geschossen am/ morgen: die liebe hatte// versucht zu/ blühen."

Allen schönen, verlogenen Reden schleudert Reyer ihre zornigen Litaneien entgegen, und von den mit Ängsten befrachteten Schnittmustern der Kindheit befreit sie sich durch die Vision eines neuen, souveränen Anfangs: "sich selbst gebären./ am morgen den tau fragen, dass es weh tut./ einen flaschenöffner brauchen für das eigene// herz. sich wolkenboote erfinden, mit/ schornsteinen drauf. auf schachtelhalmen/ schaukeln (zumindest in gedanken). die engel/ suchen . . ."

Das scheinbar Banale#

Das Gedicht, meint Jan Wagner in seinem Essay "Die Sandale des Propheten", "verhilft dem geflissentlich Übersehenen zu seiner verdienten Aufmerksamkeit und lässt das nur scheinbar Banale leuchten." Wie dies in der poetischen Praxis aussehen kann, führt Barbara Pumhösel in ihrem Band "Parklücken" vor, der als Band 3 der "Neuen Lyrik aus Österreich" diesen Herbst erschienen ist. Die titelgebenden Parklücken, für viele Autofahrer mehr Ärgernis als Augenweide, dienen der Lyrikerin als Schule des Sehens. "bei genauem Hinsehen ist jede Parklücke anders/ zufällig und veränderlich nicht berechenbar in ihrer Dauer/ abhängig von Unvorhergesehenem/ hier wellen die Wurzeln einer Trauerweide die Teerschicht/ der Kieselstein links im Vordergrund die tote Wespe".

Mit großer Beharrlichkeit sucht das lyrische Ich in diesen Gedichten die Ränder auf, Straßen- und Stadtränder, jene Übergangsbereiche, "wo der Parkplatz in ein ausgetretenes Feldstück übergeht/ das an eine aufgelassene Baustelle grenzt/ die Unterkellerung ist geblieben/ zurückgelassene Geräte, Rost überwachsen/ von Brennesseln, Holunderbüschen/ ein Fuchs hat weitergebaut/ nach eigenen Plänen."

Während sich solche Momentaufnahmen schon bei der ersten Lektüre erschließen, braucht es längere Zeit, bis man sich in den breiten und dichtmaschigen Textgeweben von Martin Fritz zurechtfindet. Der 1982 geborene Autor, sozialisiert in der äußerst regen und bunten Szene der Poetry Slams, erweist sich in seinem vorliegenden Debütband "intrinsische süßigkeit" ganz als Kind des Internetzeitalters: "so many messages to send" lautet bezeichnenderweise das Motto eines der Gedichte, in andere sind ganze Webadressen hineinmontiert. Der Link wird in ihnen zum Vers, der Vers wird verlinkt. Bezeichnete Peter Sloterdijk in einem Interview vor etlichen Jahren die Welt als eine einzige große Xerokopieanstalt, so erscheint sie in den Texten von Martin Fritz als eine endlose Abfolge von Copy& Paste. Im weltweiten Netz wird die Sprache zur Endlosschleife; das Subjekt ist entgrenzt, die Konturen der Gegenstände lösen sich auf in einem Gestöber aus Zitaten und Querverweisen. Die Möglichkeit, dem zu entkommen, wird von Fritz jedoch offengehalten: "die dinge des lebens/ sind an den richtigen stellen vorhanden/ meine liebe zu katzen ist unermesslich".

Noch ist das Lied nicht aus, auch wenn es sich mitunter kaum noch als Lied zu erkennen gibt. Mit den beiden hier vorgestellten neuen Lyrikreihen werden ihm erfreulicherweise neue Akkorde und Dissonanzen hinzugefügt.

Wiener Zeitung, Sa./So., 28./29. Dezember 2013