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Überstrapaziertes Epizentrum#

Hommage an Arthur Schnitzler und wunderbares literarisches Kabinettstück: "Herznovelle" von Julya Rabinowich.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 26. Februar 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Andreas Wirthensohn


Julya Rabinowich., Foto: Marko Lipus
Julya Rabinowich.
Foto: Marko Lipus

Das zweite Buch ist bekanntlich immer das schwerste, besonders dann, wenn das Debüt bemerkenswert erfolgreich war. Für ihren Roman "Spaltkopf", 2008 in der kleinen Wiener "edition exil" erschienen, bekam Julya Rabinowich den Rauriser Literaturpreis, der die beste Prosa-Erstveröffentlichung auszeichnet.

Doch die 1970 in St. Petersburg geborene und seit 1977 in Wien lebende Autorin verschob den Druck klugerweise ein Stück nach hinten: "Nein, ich würde mich erst beim dritten Buch furchtbar unter Druck gesetzt fühlen. Beim zweiten noch nicht, weil ich noch nicht einmal realisiert habe, dass das erste geschrieben ist. Ich bin noch entspannt. Wenn das zweite absehbar fertig sein wird, werde ich Krämpfe bekommen", sagte sie 2009 im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Nun ist es also erschienen, das zweite Buch. Und Julya Rabinowich hat so ziemlich alles richtig gemacht. Vor allem hat sie bewusst eine ganz andere Richtung eingeschlagen: weg vom Autobiografischen, weg vom Thema Migration, die den Debütroman bestimmten. In die Schublade "Migrantenliteratur" einsortiert zu werden, war ihr ohnehin stets ein Gräuel; sie empfindet diese Kategorisierung sogar als "geradezu rassistisch", weil sie ihrer Ansicht nach vor allem abschätzig verwendet wird. Wobei allerdings nicht auszuschließen ist, dass es sich mitunter auch umgekehrt verhalten kann: nämlich dass die Tatsache des Migrantischen über so manche Schwäche im Literarischen hinwegsehen lässt.

Zur Sicherheit hat Rabinowich außerdem noch die Gattung gewechselt und eine Novelle vorgelegt. Doch nicht nur das: Mit ihrer "Herznovelle" rekurriert sie bewusst auf Arthur Schnitzlers 1925 erschienene "Traumnovelle". Doch bei ihr ist es ausschließlich die Frau, die sich in erotisch aufgeladenen Träumereien und Fantasien von einem anderen Leben verliert. Die Ich-Erzählerin wird von ihrem Mann zu einer Herzoperation ins Krankenhaus gebracht. Die OP verläuft ohne Komplikationen, doch die Frau ist anschließend wie ausgewechselt: "Ich habe das Gefühl, dass mein Leben von mir abgeschnitten wurde wie eine alte, gewaltsam abgezogene Haut."

Vor allem aber ist sie getrieben von einer fast manischen Sehnsucht nach dem Arzt, der ihr Herz – nicht nur "Zentrum", sondern "Epizentrum" – berührt hat. Sie stellt ihm nach, sie besucht den Ärzteball, um ihn wiederzusehen, sie täuscht schließlich einen erneuten Herzanfall vor und lässt sich wieder ins Krankenhaus einliefern. "Ich will, dass Sie mich ganz machen", lässt sie ihn wissen. "Ich träume fast jede Nacht von Ihnen, und ich habe das Gefühl, dass ich mich jede Nacht mehr von dem entferne, was früher mein Leben ausgemacht hat."

Doch der Angebetete begreift ihr Sehnen nicht und wahrt vorschriftsmäßige Distanz. So bleiben alle Vorstellungen von erotischer Vereinigung und einem neuen, "ganzen" Leben auf die Sphäre jenseits der Realität beschränkt. Traum und Wirklichkeit verschwimmen immer mehr, bis am Ende eine Psychologin der "emotional herausfordernden" Frau den Weg zurück ins bisherige Leben weist. Am Schluss steht, wie bei Schnitzler, die Rückkehr zum Status quo ante, zu einem Leben als brave Ehefrau, die ihre Tage mit Kochen und Putzen zubringt. Doch anders als bei Schnitzler bedeutet dieses "Scheitern" nicht, sich den gesellschaftlichen Konventionen zu beugen, sondern entspringt der Einsicht, dass das Ich nur so wenigstens halbwegs Halt findet: "Ich als Treibgut, das von den Wellen umhergeschleudert wird, ein Treibgut, das Inhalt verspricht und doch nur wertloses Holz ist."

Julya Rabinowich ist eine erstaunlich stilsichere Autorin und wie ihre Ich-Erzählerin mit einem "Händchen für Geschichten" ausgestattet. Wie schon in ihrem Erstling besticht sie vor allem mit ihrem Sinn für tragikomische Situationen, etwa als die "Stalkerin" auf dem Ärzteball statt dem Angebeteten ihren pensionierten Hausarzt trifft, der seinerseits einem erotischen Abenteuer mit ihr nicht abgeneigt wäre.

Da macht es auch nichts, dass die Herzmetaphorik mitunter ein wenig arg überstrapaziert wird (von Herzrasen bis Hasenherz) und man nicht wirklich weiß, was die immer wieder zwischengeschalteten lyrischen Passagen für das Verständnis der Novelle bringen sollen. Julya Rabinowich ist jedenfalls ein wunderbares literarisches Kabinettstück gelungen, das eine unerhörte Begebenheit – dass ein Mann im physischen Sinne das Herz einer Frau berührt – zu einer unbeschwerten Hommage an die Novellenkunst Arthur Schnitzlers macht. Das dritte Buch kann kommen. Hoffentlich wieder ohne Krämpfe.

Wiener Zeitung, Samstag, 26. Februar 2011