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Alltagsdramen der Schwachen#

Die in Wien geborene und im Londoner Exil verstorbene Schriftstellerin Veza Canetti schrieb beharrlich gegen das soziale Elend und die Unmoral an. Am 30. April jährt sich ihr Todestag zum 50. Mal.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 27./28. April 2013

Von

Evelyne Polt-Heinzl


Veza Canetti
Stimme der Elenden: Veza Canetti (1897-1963).
Foto: © Carl Hanser Verlag

Im Jahr 1933 erhielt Veza Canetti den zweiten Preis des Kurzgeschichten-Wettbewerbs der Wiener "Arbeiter-Zeitung" - es waren 827 Einreichungen, und der erste Preis wurde nicht vergeben. Ihre Erzählung "Ein Kind rollt Gold" liefert eines der nachhaltigsten Bilder der purzelnden Valutawerte und Moralbegriffe in den Inflationsjahren: Die fünfjährige Hedi, Tochter einer Putzfrau, spielt im Stiegenhaus mit einer großen Börse voller Geldscheine und Goldstücke verschiedener Währungen. Alle möglichen Hausbewohner passieren das spielende Kind, und jeder davon würde ihr das Geld blitzschnell wegnehmen, wäre da nicht Grimm, ein sehr großer Hund, der das Mädchen auftragsgemäß gut bewacht.

Die Scheine wird dann ein Polizist - gegen Quittung - sicherstellen, die hübscheren Münzen hat Hedi rechtzeitig in ihrer Schürze geborgen. Dass der "Winkelban-kier", der die Börse vor der Hausdurchsuchung rasch in eine Ecke des Stiegenhauses geworfen hat, sich als Besitzer bekennen wird, ist wenig wahrscheinlich.

Erschienen ist die Erzählung unter dem Pseudonym Veza Magd, andere Beiträge zeichnete sie als Veronika Knecht oder Martha/Martina Murner. "Die Wahl des Namens entsprach ihrer Art", schreibt Ernst Fischer in seinen Erinnerungen, sie "war stolz und voller Scham . . . Sie hat gelernt, über Fehlendes, nicht in Erfüllung Gegangenes hinwegzusehen". Dass Fischer damit im Rückblick das Handicap ihres fehlenden Arms ansprach, soll Elias Canetti empört haben; in seiner eigenen, dreibändigen Autobiographie, publiziert zwischen 1977 und 1985, erscheint die acht Jahre ältere Veza als exotische Schönheit von großer Intelligenz, der physische Makel bleibt verschwiegen - freilich auch ihre schriftstellerische Arbeit.

Veza und Elias#

Geboren wurde Veza Canetti als Venetiana Taubner-Calderon am 21. November 1897 in Wien, als Tochter einer jüdischen Spaniolin aus Belgrad und eines ungarischen Vaters. Bis zum Tod ihrer Mutter 1934 lebte sie mit ihr in der Ferdinandstraße 29 in der Wiener Leopoldstadt, ab Ende 1933 gemeinsam mit Elias Canetti. Dann mietet sich das Paar in jener Grinzinger Villa in der Himmelstraße ein, die Handlungsort von Vezas 1939 geschriebenem Roman "Die Schildkröten" ist.

Veza Canetti stand dem Austromarxismus nahe, gehörte aber auch zum Kreis der Karl Kraus-Begeisterten. In seiner 300. Vorlesung, so will es der stilisierte Bericht Elias Canettis, lernte der literarisch ambitionierte Chemiestudent die in den kulturellen Zirkeln eingeführte Veza kennen. Sie lebte von privaten Englischlektionen und publizierte ab den 1930er Jahren in Zeitungen und Anthologien. Als die beiden 1934 heirateten, war sie als Schriftstellerin keine Unbekannte mehr. Ihre letzte Publikation dürfte 1937 die Erzählung "Hellseher" im "Wiener Tag" gewesen sein.

Im englischen Exil schrieb Veza weiter und suchte Kontakte zu Verlagen und Theatern. Im Brotberuf war sie als Übersetzerin und Rezensentin tätig. Erst 1956 habe sie endgültig resigniert, so Elias Canetti, dessen Bücher sie zeitlebens begleitete und lektorierte. "Ihr geistiger Anteil daran ist so groß wie meiner. Es gibt keine Silbe darin, die wir nicht zusammen bedacht und besprochen haben", schrieb er über "Masse und Macht" in einen Brief an Hermann Kesten, kurz nach Vezas Tod am 1. Mai 1963 in London.

Als Bärbel Schrader 1983 für den Leipziger Reclam Verlag eine Neuauflage der Anthologie "Dreißig neue Erzähler des neuen Deutschland" vorbereitete, die Wieland Herzfelde 1932 zusammengestellt hatte, wurde sie auf die vierte Erzählung des Bandes aufmerksam: "Geduld bringt Rosen" von Veza Magd. "Mein erstes Buch war ein Kaspar Hauser-Roman, und ich schickte ihn begeistert einem großen Schriftsteller. Der war so klug, mich solange auf die Antwort warten zu lassen, bis ich sie mir selber gab. Seither veröffentlichte ich Erzählungen und den Roman ‚Der Genießer‘ in der deutschen und österreichischen Arbeiterpresse."

Das ist die knappe "Selbstbiografie", die Veza Magd-Canetti für den Band formuliert hatte. Beide Romane gelten bis heute als verschollen. Immerhin führte die Neuauflage der Anthologie zur Entdeckung ihres Werks; der Göttinger Germanist Helmut Göbel war durch den Vornamen Veza auf die richtige Spur gekommen.

Und so erschien 1989 endlich Veza Canettis Debütroman "Die gelbe Straße". "Heute, zu meiner Freude, sehe ich, daß es Kenner gibt, die diesem Buch Gerechtigkeit widerfahren lassen", schrieb Elias Canetti im Vorwort, und: "Es ist unnatürlich, daß heute über Vezas Schreiben nichts bekannt ist." Der Roman montiert Porträts und Szenarien aus den sozialen Randlagen im Wien der Zwischenkriegszeit. Die zu klirrendem Sarkasmus neigende Distanz der Erzählstimme, die stets einen unterkühlten Ton wahrt, rückt Veza Canetti in die Nähe der Neuen Sachlichkeit, wo sie bis heute nicht dazugezählt wird.

Eine Episode des Romans ist die unglückliche Ehegeschichte Frau Igers, deren Gatte erst an ihrer Mitgift interessiert war, dann an ihrem Erbe. Frau Igers Vater hat ein bemerkenswertes Bewusstsein für die Notlage seiner unglücklich verheirateten Tochter - möglicherweise auch ein schlechtes Gewissen, denn dass die junge Frau an dem unschönen kleinen Geschäftsmann Gefallen fand, scheint kaum wahrscheinlich. Jedenfalls versucht der Vater vorzusehen, dass das Erbe in der Verfügungsgewalt seiner Tochter bleibt, was mangels juridischer Handlungsoptionen verheirateter Frauen illusorisch bleibt.

Dieser Erzählstrang ist die Basis des Theaterstücks "Der Oger", benannt nach dem Menschenfresser des französischen Märchens. Hier ist die Schuld des Vaters mit einem "Meine Tochter heiratet sechs Häuser" schonungsloser benannt. Noch 1947 bemühte sich Veza Canetti beim Schauspielhaus Zürich um eine Inszenierung, doch die Uraufführung erfolgte erst 1992 in der Regie von Werner Düggelin.

Scharfe Sozialkritik#

Was alle ihre Texte auszeichnet, ist der scharfe Blick auf soziale Ungerechtigkeiten und charakterliche Verbiegungen, festgehalten in dynamischen Bildern mit offenen Rändern zum Grotesken. Es sind Short Cuts aus den Alltagsdramen von Menschen, die das Leben klein gemacht hat und um einen Rest von Würde ringen lässt, wie Schwester Leopoldine aus "Die gelbe Straße". Sie war im Krieg "freiwillige Krankenschwester" und legt Wert auf diese Anrede; jetzt muss sie in Stellung gehen und ist eines der Opfer der betrügerischen Stellenvermittlerin Hatvany.

"Der Kanal" ist das Kapitel des Romans überschrieben, in dem Veza Canetti ein grelles Kaleido-skop des Dienstbotenelends der Zeit entfaltet. Die "Gnädigen", die hier nachfragen, suchen Personal für zwielichtige Clubs, zahlen nichts oder schicken die Frauen aus nichtigen Gründen ohne Bezahlung wieder zurück. Ein Ausweg ist der Donaukanal; wer den Selbstmordversuch überlebt, kann in einem Heim für mittellose Suizidantinnen unterkommen. Zum Verhängnis wird vielen Figuren auch die ganz alltägliche Gemeinheit aus Tratsch, Sensationslust und Verleumdung. So geht es der Trafikangestellten Lina oder Pilatus Vlk, vielleicht der erste Autist in der österreichischen Literatur.

In der Titelgeschichte des 1992 erschienen Bandes "Geduld bringt Rosen" ruiniert der nichtsnutzige Prokop jun. aus der Beletage systematisch und gedankenlos die Existenz der Familie Mäusle zu ebener Erde, wo der Lohn des Kassenboten schon vorher kaum reichte, den behinderten Sohn und die schwindsüchtige Tochter zu ernähren. Mutter Prokop lässt mitunter Essensreste hinunterbringen, denn sie "liebte es, sich mit dem Herrgott zu verhalten", und das Ehepaar Mäusle "begnügte sich, weil niemand sich fand, um sie aufzuklären: daß das Schicksal es nicht leiden kann, wenn man sich begnügt. Es nimmt und nimmt bis zum letzten Faden des Begnügsamen, bis nichts mehr zu nehmen ist. Dann gibt es Ruh."

Anders als im Märchen, bleiben in Veza Canettis Erzählwelten immer die Schwachen auf der Strecke. Als der Sarg von Mäusles Tochter hinausgetragen wird, trifft die kleine Prozession in einer verstörenden Dramaturgie just auf die Prokopsche Hochzeitsgesellschaft; es ist der Brautstrauß, den die Tochter auf dem Sarg ablegt, der die kurz aufflackernde Auflehnung gegen "die da oben" sofort wieder in sich zusammenfallen lässt.

Unmittelbar nach der Flucht aus Österreich entstand der Roman "Die Schildkröten", der 1999 erschien. Der Auftakt zeigt eine sich ungebärdig blähende Hakenkreuzfahne an der Fassade der Villa in den Wiener Weinbergen; in ihrem Schatten beginnen sich die bis dato illegalen Nazis zu formieren, und wie ein Schwamm dringt ihr Ungeist in alle Fugen des Zusammenlebens. Verquer wird daraufhin das Verhalten aller Menschen, auch die Bedrohten greifen zu absurden Strategien - allen voran die junge Ilse, ein durchaus liebevolles Porträt von Elias Canettis Geliebter Friedl Benedikt. Der "souveräne Erzählton", so ist im Nachwort zu lesen, sei hier "zuweilen wie unter dem Druck der Erinnerung an das Erlebte aus den Fugen" geraten, doch das waren wohl eher die beschriebenen Ereignisse vom Einmarsch der Nationalsozialisten bis zur "Reichskristallnacht".

Biographische Funde#

2001 erschien der Band "Der Fund" mit überwiegend unpublizierten Texten, darunter drei Erzählungen aus der Zeit der deutschen Luftangriffe auf die britischen Inseln oder die beiden Lustspiele "Der Tiger", eine klassische Hochstaplergeschichte im Künstlermilieu, und die 1952 entstandene "englische" Komödie "Der Palankin".

Ob und von woher noch Manuskripte auftauchen könnten, ist ungewiss. Da Elias Canetti seine privaten Aufzeichnungen bis 1924 sperren ließ, wird man auch an weitere Details über Vezas Leben schwer herankommen. Canetti-Forscher Sven Hanuschek hat jedenfalls prophezeit, dass die in Zürich lagernden Materialien das Bild des Ehepaars drastisch zurechtrücken werden.

Einen Glücksfund bedeutete in dieser schwierigen Datenlage der Briefwechsel mit Elias Canettis jüngerem Bruder Georg, der sich in dessen Nachlass fand und 2006 unter dem Titel "Briefe an Georges" publiziert wurde. Die meisten Briefe stammen von Veza - jene des Bruders dürfte Elias Canetti vernichtet haben - und geben Einblick in die schwierige Beziehungskonstellation wie die prekären Lebensverhältnisse in den Jahren des Austrofaschismus und dann im englischen Exil.

Evelyne Polt-Heinzl, geboren 1960, ist Literaturwissenschafterin und -kritikerin. Zuletzt ist von ihr erschienen: "Österreichische Literatur zwischen den Kriegen. Plädoyer für eine Kanonrevision", Sonderzahl Verlag, Wien.

Information#

Werke von Veza Canetti: siehe www.hanser-literaturverlage.de

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 27./28. April 2013