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Anti-Literat und Stegreifredner#

Vor 75 Jahren starb der Feuilletonist Anton Kuh, der als geistreiches altösterreichisches Original bekannt geblieben ist, als Schriftsteller jedoch noch immer unterschätzt wird.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 16./17. Jänner 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Oliver Bentz


Anton Kuh, Radierung von Thomas Duttenhoefer
Anton Kuh, Radierung von Thomas Duttenhoefer.
Abb.: Bentz

Auf eine Frage der Zeitschrift "Die Literarische Welt", sein Nachleben betreffend, antwortete Anton Kuh 1927: "Es gibt nur eine Form zu überleben - nämlich die, dass die Leute das Gefühl haben, das Eigentliche und Wesentliche, das mit einem gestorben sei, könne in keine Nachrufformel gefasst werden. Es kann sich nur in der von Mann zu Mann gehenden Legende erhalten."

Die Legende Kuh hat in Anekdoten überlebt, ist aufbewahrt in Erinnerungsbüchern von Zeitgenossen. Seine Werke jedoch sind heute weitgehend vergessen. Die Ursache dafür, so wird immer wieder behauptet, sei unter anderem darin zu sehen, dass Anton Kuh im eigentlichen Sinne kein Schriftsteller gewesen sei, der seine Werke zu Papier gebracht und damit ein Werk hinterlassen habe, dem man sich noch heute in Form zahlreicher Buchausgaben nähern könne - sondern ein "Sprechsteller" (wie ihn Kurt Tucholsky bezeichnete), der seinem Publikum vornehmlich durch seine Vorträge und bissigen Stegreifreden bekannt geworden sei.

Friedrich Torberg drückte in seiner "Tante Jolesch" das scheinbare Manko Kuhs wie folgt aus: ". . . von wenigen Ausnahmefällen abgesehen, zeigte er sich außerstande, den Witz und den Geist, den er am Kaffeehaustisch mit müheloser Grandezza versprühte, in eine für den Druck und vollends für den Buchdruck geeignete Form zu fassen."

Fleißiger Autor#

Torbergs Urteil ist sicherlich nur die halbe Wahrheit: Denn Anton Kuh, der am 12. Juli 1890 in Wien in eine alteingesessene deutsch-jüdische Prager Familie hineingeboren wurde, war ein fleißiger Autor und Journalist, der immerhin sechs Bücher vorgelegt und über tausend Beiträge für verschiedene Tageszeitungen und Wochenblätter geschrieben hat. In manchen Literaturgeschichten sucht man seinen Namen auch heute noch vergebens - im Gegensatz zu jenen seiner Ahnen aus der Prager Kuh-Familie, wie etwa Ephraim Moses Kuh (Berliner Dichter und Freund Moses Mendelssohns im 18. Jahrhundert) oder Emil Kuh (dem ersten Biographen Friedrich Hebbels). Während über seine Wiener Feuilletonistenkollegen Peter Altenberg, Alfred Polgar oder Egon Friedell ausgiebige Monographien vorliegen, steht eine solche über Anton Kuh noch immer aus.

Als 19-Jähriger zog Kuh nach Prag, wo er Theaterkritiken für das "Prager Tagblatt" schrieb, dessen Korrespondent er später in Wien werden sollte. In den Cafés Arco und Continental verkehrte er, der in der Stadt an der Moldau die "meteorologische Versuchsstation für deutsche Kunst und Literatur" sah, mit den deutschsprachigen Prager Dichtern seiner Zeit, mit Franz Kafka und Max Brod, Franz Werfel, Oskar Kokoschka, Ernst Weiß und Egon Erwin Kisch. Vom Militärdienst im Weltkrieg aufgrund eines militärärztlich attestierten Augenzuckens befreit, kehrte er nach Wien zurück, wo das Café Central und (nach dem Auszug der geistigen Avantgarde aus dem "konservativ-sensitiven" Central 1918) das Café Herrenhof zu seinen Stammsitzen wurden. Schnell machte er sich als streitbarer Diskutant der Literatenstammtische einen Namen. Zu seinem Zirkel zählten Peter Altenberg, Franz Blei, Ernst Polak, Otto und Gina Kaus, Milena Jesénska und als Randfigur der im November 1918 in Wien verhungerte Dichter Otfried Krzyzanowsky, dem Kuh mit seinem Feuilleton "‚Central‘ und ‚Herrenhof‘" ein literarisches Denkmal setzte.

In den Jahren nach dem Krieg begann Kuh in Berlin, Prag und Wien mit seinen vielbeachteten Stegreifreden vor das Publikum zu treten und erweiterte seine publizistische Tätigkeit. Seine mit Ironie und kritisch-satirischem Witz angereicherten Feuilletons, Kommentare, Porträts berühmter Zeitgenossen, Buch- und Theaterkritiken sowie Aphorismen veröffentlichte er in renommierten Zeitungen und Zeitschriften, etwa in Stefan Großmanns Wochenschrift "Das Tage-Buch", der "Weltbühne" oder im "Querschnitt". Enge Freundschaft verband ihn mit dem wegen seiner zwielichtigen journalistischen Praktiken berüchtigten und von Karl Kraus bis aufs Messer bekämpften Wiener Zeitungsverleger Imre Békessy, für dessen Blätter "Die Stunde" und "Die Bühne" er schrieb.

Feindliche Brüder#

Zwischen 1921 und 1931 erschienen sämtliche zu Lebzeiten veröffentlichten Bücher Anton Kuhs. Das erste, "Juden und Deutsche. Ein Résumé", ging aus Stegreif- reden hervor. Das Buch, so der Autor in der Einleitung, "beginnt bei der jüdischen Nase, um in folgerechter Entwicklung beim deutschen Militarismus zu landen - kehrt aber nach solcher Entdeckungsfahrt mit geweitetem Horizont wieder zu seinem Ursprung zurück". Provozierend beschreibt Kuh Juden und Deutsche als zwei Seiten derselben Medaille und zeigt die Makel und Schwächen auf, die nach seiner Meinung beiden zu eigen sind. "Soviel Ähnlichkeit - und dennoch Hass und Gegensatz? Ja - da sich doch niemand stärker hasst als zwei Brüder desselben Fehls, die nach verschiedenen Seiten streben."

Im Jahr 1922 gab Kuh - von ihm als "antiliterarische Literaturauffassung" tituliert - die Aphorismensammlung "Von Goethe abwärts" heraus. Nachdem er sich einleitend gegen Aphorismen an sich ausspricht - "Der Aphorismus ist der größte Schwindler. Er simuliert durch Sparsamkeit Hintergründe, die er gar nicht hat" -, liefert er Aussprüche, von denen die besten an jene von Lichtenberg und Karl Kraus heranreichen. Teilweise sind diese so bitterböse gegen seine schreibenden Zeitgenossen gerichtet, dass der Autor wohl nicht fehlgeht, wenn er im Vorwort den Wunsch ausspricht, "dass der eine oder andere unter seinen früheren Freunden den Verkehr mit ihm in einer Art abbricht, wie es der wechselseitigen Scham, sich ins Aug’ zu sehen, am besten frommt".

Hassliebe zu Österreich#

Anton Kuhs "Hauptwerk" ist wohl die Sammlung "Der unsterbliche Österreicher" aus dem Jahr 1931, in der er, so Ruth Greuner, die in den 1980er Jahren einen Band seiner Feuilletons herausgab, "seine reifsten, so wehmütigen wie aggressiven Impressionen, Anekdoten, Porträts, Skizzen und Geschichten aus dem Wienerland sammelte und vorzeigte". "Der unsterbliche Österreicher", das ist der teils satirisch-übersteigerte, teils bitter-ironische Ausdruck von Kuhs Hassliebe zu Österreich.

Die längeren Prosastücke des Bandes sind trotz der schonungslosen Aufdeckung der Schwächen der österreichischen Gesellschaft eine Reminiszenz Kuhs an die verlorene "Welt von gestern": "Wien, das einmal ein edles Asyl der Sonderlinge war, wo jeder Barfüßler des Geistes und Leibes, von Altenberg bis Sternberg, besondere Liebe genoss, schützt seine Narren nicht mehr, sondern macht ihnen den Prozess. Wie lange noch und es gibt dort einen Staatsgerichtshof wie in Leipzig?!"

Auch Kurt Tucholsky erkannte in Kuh einen Meister der kleinen Form. In einer Rezension zur Aphorismensammlung "Physiognomik" (1931) notierte er: "Zweiundzwanzig Mal furchtbar gelacht; dreizehn Mal gelacht, vierundvierzig Mal geschmunzelt, manches nur gelesen. (. . .) Kuh ist wie manniglich bekannt, ein Sprechsteller - er sagt seins besser als ers schreibt. Manches reicht, teuerster Kranz, den ich zu vergeben habe, an Lichtenberg heran. (. . .) Er hat eine seltene Mischung von Witz und Humor. Schade, dass er aus Österreich ist. Er wäre aber nicht, wenn er nicht aus Österreich wäre."

Schon in den zwanziger Jahren, die er großenteils in Berlin verbrachte, sah Kuh, der sich zeitlebens von keiner politischen Ideologie vereinnahmen ließ, sowohl gegen die rechten "Schollenschwindler" als auch gegen die "links-doktrinären Aktivisten" heftig austeilte und deshalb von Alfred Kerr als "Hirnzigeuner von lukianischem Geblüt" bezeichnet wurde, das Unheil des Nationalsozialismus heraufziehen. In seinen Artikeln schilderte er den Chauvinismus sowie die latent vorhandene faschistische und antisemitische Gesinnung in Teilen der Bevölkerung. Als 1933 die Hakenkreuzler, welche, so Kuh, "in der Menschheit nur mehr Oben und Unten, Sieger und Besiegte und Herrschaft und Hörige" sehen, die Macht übernahmen, kehrte er nach Wien zurück. Auch hier stellte er sein publizistisches Wirken in den Dienst des Kampfes gegen die Nazis und ab 1937 besonders gegen den "Anschluss".

Im politischen Strom#

Seine letzten Tage in Österreich vor Hitlers Einmarsch im März 1938 beschrieb er im amerikanischen Exil in dem in englischer Sprache erschienenen Bericht "Escape from the Mousetrap". Er legt darin auch Zeugnis ab von seinem einige Tage vor dem "Anschluss" im österreichischen Bundeskanzleramt durch die Vermittlung von Alma Mahler-Werfel vorgetragenen Plan, mit dem er glaubte, Österreich vor dem Faschismus retten zu können: "Meine Idee lässt sich in einem Satz ausdrücken: Karl Seitz, der ehemalige Bürgermeister von Wien, der im Februar inhaftiert worden war, der populärste, unbestechlichste Mann der Sozialdemokratischen Partei, muss über das Radio zu den Arbeitern sprechen; und er wird es tun, wenn man ihm erlaubt, zu sagen, was er will." Doch Kuhs Idee, mit der er sich "als Literat in den politischen Strom" warf, wurde nicht verwirklicht. So bestieg er am 11. März 1938 den Zwei-Uhr-Zug nach Prag, den letzten, der frei über die Grenze fahren konnte.

Einige Wochen später erreichte Kuh per Schiff New York. Kleine Honorare sicherte er sich dort durch Vorträge, die Arbeit für den Rundfunk und die Zeitschriften der Emigration, etwa den "Aufbau", "The Jewish Frontier" und "The Nation". Seine Artikel in den USA handeln allesamt von der politischen Entwicklung in Europa oder thematisieren die Situation der Exilierten in den Vereinigten Staaten. Besonders die Verachtung, die er gegenüber der Person Hitler empfand, kommt in ihnen wiederholt zum Ausdruck. Einer von Anton Kuhs letzten Vorträgen vor seinem Tod am 18. Jänner 1941 trug den Titel "Die Kunst, Hitler zu überleben".

Oliver Bentz, geboren 1969, lebt als Kulturpublizist und Ausstellungskurator in Speyer.

Literaturhinweise#

  • Im Wiener Löcker Verlag sind vier Auswahlbände mit Kuhs journalistischen Arbeiten erhältlich.
  • Im Metroverlag Wien ist die von Walter Schübler herausgegebene Sammlung "Jetzt können wir schlafen gehen" erschienen.
  • Oliver Bentz hat 2009 einen biographischen Essay über Anton Kuh in Form eines bibliophilen Künstlerbuches herausgegeben, für das der Künstler Thomas Duttenhoefer drei Porträtradierungen eine Bronzeplakette mit dem Konterfei des Literaten schuf (eine dieser Radierungen ist hier wiedergegeben).
Wiener Zeitung, Sa./So., 16./17. Jänner 2016