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Außerhalb des Lebens#

Egyd Gstättner legt einen irrwitzigen Gelehrtenroman über einen jungen Selbstmörder vor.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 11. Oktober 2008)

von

Gerald Schmickl


Ganz ohne Fußball geht es bei Egyd Gstättner nicht. Dieser Kärntner Schriftsteller, neben Franzobel und Reinhard P. Gruber einer der drei notorischen Fußball-Dichter des Landes, schummelt auch in seinen neuen Roman ein paar Hinweise auf Fußballer ein. So lässt er etwa Carlo Michelstaedter, den tragischen "Helden" in "Der Mensch kann nicht fliegen", bei dessen Wien-Aufenthalt in einem Zinshaus in der Berggasse wohnen, wo im Hinterhof keifende Frauen am Fenster stehen, die Sindelar, Prohaska, Gasselich, Kienast und Degeorgi heißen. Und Michelstaedter selbst, der sich am 17. Oktober 1910, am Geburtstag seiner Mutter, 23-jährig umgebracht hat, erinnert den Autor im Aussehen an Fabio Cannavaro, den Kapitän der italienischen Fußball-Nationalmannschaft. Damit hat es sich allerdings mit den sportlichen Bezügen in dem ansonst völlig unsportlichen Roman.

Nun hat es diesen Carlo Michelstaedter, einen aus Görz stammenden Poeten, Zeichner und Philosophen, tatsächlich gegeben – und auch sein Selbstmord ist historisch belegt. Aber sonst weiß man von dem jungen Existenzialisten relativ wenig, weshalb sich Gstättner viel dichterische Freiheit herausnimmt, um das Leben des so früh Lebensmüden nachzuzeichnen. Er schickt dazu einen Schriftsteller, über den man nicht viel erfährt, auf die Spuren Michelstaedters – und rezitiert ausgiebig aus den nicht erhalten gebliebenen, somit fiktiven Briefen des jungen Mannes an seinen florentinischen Freund Vladimiro Arangio Ruiz. Darin erzählt Michelstaedter von seinen Studienreisen nach Wien (wo er Mathematik studiert – und in der Berggasse prompt auf Freud trifft) und Florenz (wo er zu schreiben, philosophieren und zeichnen beginnt), von seinen Liebesnöten (woraus sich der etwas verkrampfte Titel des Buches ableitet, da der Jüngling den „Jungfernflug“ ängstlich verweigert); vor allem aber erzählt er von seiner dominanten Mutter, von der er zeitlebens nicht loskommt. Sondern erst durch die wahnsinnige Tat an ihrem Geburtstag: „Wenn ich die Mutter wirklich tödlich treffen will, dann muss ich mich umbringen, nicht sie“ – so die fatale Logik des sich im Schatten der pragmatischen Mutter lebensuntüchtig fühlenden Carlo.

Eine nicht von ungefähr an Otto Weininger erinnernde Fin de siècle-Geschichte, mit den üblichen philosophischen Verdächtigen als Ahnherren, also Schopenhauer und Nietzsche. Gstättner, ein bekanntermaßen satirisch begabter Autor, nimmt der Geschichte aber ihre existenzialistische Schwere, indem er sie mit einem leichten, verspielten Parlando-Ton versieht und vielfach ins Groteske zieht. Das ist nicht immer rasend witzig (etwa, wenn er Freud in Triest die „Geschlechtsdrüsen bei Aalen“ erforschen lässt), doch oft sehr komisch. So etwa, wenn er Michelstaedter, der für seine Schriften keinen Verlag findet, imaginieren lässt, wie es denn einem prominenten Vorgänger ergangen sein könnte, wenn der eine Absage erhalten hätte à la: „Sehr geehrter Herr Alighieri! Haben Sie vielen Dank für Ihr Interesse am Marzocco Verlag für die Zusendung Ihres Manuskripts 'DIVINA COMMEDIA' vom 14. April 1295, das wir nun im Hinblick auf eine Veröffentlichung geprüft haben ..."

Oder wenn er todessüchtig in Analogie zu Apotheken an "Suizitheken" denkt:

"Grüß Gott, ich würde mich gerne umbringen!
Aber gerne! Und woran hätten Sie dabei gedacht?
Naja, etwas Sauberes eben, etwas mit menschlicher Würde und ästhetischem Empfinden Vereinbares..."

Und auch die verschiedenen, herbeifantasierten Entwürfe, die Gstättner dem armen Carlo, der sich „mit beiden Beinen außerhalb des Lebens“ stehend empfand, postum als Alternative zum Suizid vorschlägt – nämlich lauter mediokre, deprimierende Karrieren wie als Lehrer oder Hobbydichter, haben etwas Sarkastisch-Treffendes an sich, sodass der Roman trotz mancher Übertriebenheiten über weite Strecken eine gute Balance zwischen geistreicher Gelehrsamkeit und spöttischem Irrwitz hält.

Wiener Zeitung,, Samstag, 11. Oktober 2008