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Der Beistrich der fehlt#

Armes Komma: Es lässt uns die deutsche Sprache verstehen, wird aber immer seltener (richtig) gesetzt.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 27. Juni 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Matthias Greuling


Kannibalismus oder Beistrichfehler?
Kannibalismus oder Beistrichfehler? Wenn das entscheidende Komma fehlt, verändern manche Sätze ihre Bedeutung.
© Katharina Sartena

Manchmal, da muss man sich schon wirklich die Sinnfrage stellen. Doch nicht etwa der Sinn des Lebens will erörtert werden, sondern etwas viel Profaneres, etwas viel Selbstverständlicheres: Der Sinn der deutschen Sprache steht und fällt nämlich mit dem Einsatz der Satzzeichen, und die werden im Zeitalter von mobiler Kommunikation über WhatsApp, Facebook, Twitter oder SMS zunehmend stiefmütterlich behandelt.

Der Beistrich, der nur in Österreich so heißt, in Deutschland aber Komma genannt wird, ist eines der am schlimmsten getroffenen Opfer der sprachlichen Umwälzungen. In einer hastig verfassten SMS scheint er keinen Platz zu haben, vor allem, weil er bei den virtuellen Tastaturen vieler Smartphones ungünstig neben der Leertaste platziert ist. So landet er des Öfteren doch in der Nachricht, dort, wo eigentlich ein Leerzeichen stehen sollte.

Dass der Beistrich aber prinzipiell der Hauptsinnstifter in der deutschen Sprache ist, weil er Satzteile voneinander trennt und Zugehörigkeiten regelt, geht dabei völlig unter. Die große, landesweite Kampagne einer Versicherung zeigt auf den Plakatwänden der Nation aktuell ein Musterbeispiel grammatikalischen Versagens: "Denk was, wenn das Beste noch vor dir liegt" oder "Denk wer soll etwas verändern, wenn nicht du?" oder "Denk mal gewinnst du, mal lernst du" sind in der Aussage interessant, von der Schreibweise her aber durch den fehlenden Beistrich nach "Denk" falsch und sinnlos.

Ein Beistrich gibt der Sprache Sinn#

Treffende Beispiele, wie das Fehlen oder falsche Setzen eines Beistrichs zu vollkommener Sinnverdrehung führen kann, gibt es genug: Da ist zum Beispiel die Geschichte vom König, der von einem zum Tode verurteilten Bösewicht ein Begnadigungsgesuch erhält. Der Bote des Königs überbringt die Antwort an den Henker auf einem Schriftstück, auf dem steht: "Ich komme nicht köpfen."

Was tun? Meinte der König: "Ich komme, nicht köpfen"? Oder meinte er "Ich komme nicht, köpfen"? Ein Beistrich am falschen Platz kann also den Sinn eines Satzes komplett verändern.

Noch so ein Beispiel: "Die Hochzeit ist geplatzt: Er wollte sie nicht." Und: "Die Hochzeit ist geplatzt: Er wollte, sie nicht."

Oder eines, das über den Fortbestand einer Ehe entscheiden könnte: "Was, willst du schon wieder, Schatz?" kann übel ausgehen, wenn es so geschrieben wird: "Was willst du schon wieder, Schatz?" Der Trend zu solch markigen Beistrich-Wuchteln hat natürlich längst das Internet erreicht. In Online-Shops wie Spreadshirt werden längst entsprechend bedruckte T-Shirts angeboten.

Satzzeichen gibt es erst, seit die Menschen damit begonnen haben, Sprache zu verschriftlichen. Punkte, Beistriche, Ausrufezeichen, Fragezeichen - sie alle gaben dem Text erst den Sinn, den er durch das Aufschreiben verloren hatte, den er aber in gesprochener Form anhand von Sprachfluss und -melodie automatisch besaß.

Die ältesten gefundenen Satzzeichen meißelte man rund 900 Jahre vor Christus in Stein. Da befand sich noch zwischen jedem Wort ein gemeißelter Punkt. Das Leerzeichen war noch nicht "erfunden", es ist aber bis heute das wohl meistbenutzte Satzzeichen.

Punkt und Beistrich gab es erst bei den alten Griechen, von denen es die Römer übernahmen. "Punctum", der Einstich, markierte das Ende eines Satzes. Das Wort Komma hingegen bedeutet Abschnitt.

Diese Zeichen waren zu Beginn nur für die Vorleser wichtig, damit sie wussten, wie sie zu betonen hatten. Erst mit der Erfindung des Buchdrucks wurde das selbständige Lesen mehr und mehr verbreitet, und die Satzzeichen wurden standardisiert.

Aber ist es nicht egal, ob und wie die Setzung von Beistrich & Co. erfolgt, solange der Sinn verstanden wird? Seit Aufkommen des Internets beschäftigt sich die Wissenschaft mit der Frage nach dem Einfluss modernen Sprachgebrauchs auf unsere Sprache, und die Ergebnisse sind zumeist eindeutig: Natürlich nehme die Veränderung der Sprache vor allem durch den Einsatz von Chats, Email oder SMS rasant zu, jedoch könnten die User sehr wohl zwischen den unterschiedlichen Textsorten differenzieren, meint etwa Angelika Storrer, Linguistin am Germanistik-Institut der Dortmunder Uni.

Jugendliche können zwischen den Sprachstilen unterscheiden#

"Es gibt keine Indizien dafür, dass Textsortenbereiche, für die sprachliche Elaboriertheit wichtig ist, von den informellen Schreibmustern im Netz beeinflusst werden", schreibt Storrer in dem Band "2020 - Gedanken zur Zukunft des Internets". "Empirische Untersuchungen legen im Gegenteil nahe, dass Jugendliche in der Regel durchaus zwischen verschiedenen Sprachstilen und Registern unterscheiden können."

Grund für das oft saloppe, eilige Formulieren und das Auslassen bedeutungswichtiger Satzzeichen sei vor allem die Schnelligkeit, mit der kommuniziert wird: "Gehäuft findet man Verdreher und Tippfehler, aber auch Orthografie- und Satzbaufehler, die nicht mangelnder Rechtschreib- und Grammatikkompetenz, sondern der eiligen Textproduktion geschuldet sind."

Solche "Flüchtigkeitsfehler" in Kombination mit der Verschriftlichung von Gesprächen (also Chats) sind demzufolge den modernen Kommunikationswegen vorbehalten. Der Deutsch-Aufsatz bliebe davon weitestgehend verschont.

Zu diesem Schluss gelangt auch Christa Dürscheid vom Kompetenzzentrum Linguistik an der Universität Zürich. Sie urteilt, dass Jugendliche heute "in ihrer Freizeit viel mehr schreiben, als sie es noch vor 20 Jahren getan haben". Von einem orthographischen Standpunkt aus betrachtet, würden zwar Satzzeichen ausgelassen, Substantive kleingeschrieben, Buchstaben wiederholt ("schaaaade") und Smileys benützt, doch all das geschehe mit dem Ziel, diese an sich falschen Zeichensetzungen zum Ausdruck bestimmter Gefühle einzusetzen, die man im persönlichen Gespräch durch Mimik oder Satzmelodie ausdrücken könne.

Eine entsprechende Studie der Uni Zürich untersuchte 350 Schülertexte auf Anpassungstendenzen an die gesprochene Sprache, fand aber - nichts. "Keineswegs war es so, dass sich der so genannte ‚Freizeitstil‘ in den Schultexten widerspiegelte", schreibt Dürscheid.

Doch dann gibt es ja noch den Ich-gebe-meinen-Senf-dazu-Marktplatz Twitter. Der hat die Sprache insofern revolutioniert, als er nicht mehr als 140 Zeichen lange Texte zulässt. Klar, dass bei dieser Platznot Beistriche und Punkte nur selten am richtigen Platz stehen. Es gibt bereits eine umfangreiche Zahl an (englischsprachigen) Büchern, die die Kurzform des Sich-Ausdrückens beschreiben, damit man Tweets wie diesen problemlos versteht: "BTW r u rdy 4 ur d8 w/ ur BF tmor. I hope u hagn".

Komm, wir essen, Opa. Komm, wir essen Opa#

Also doch alles in Ordnung mit dem Beistrich und seinen Verwandten? Mitnichten: Denn auch die Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft haben mehr und mehr Probleme, die Beistriche richtig zu setzen. Bei zugleich stattfindenden Sparplänen und der Eliminierung von Lektoren in den Verlagen schleichen sich so vermehrt Fehler ein. Da werden aus Hämorrhoiden schon mal Hämorriden und aus Fürsprechern schon mal Führsprecher.

Und schon ward an einer Busstation ums Eck folgender Jux-Aufkleber zu finden, auf dem da stand: "Ich will zwar nicht so rüberkommen, als sei ich eine billige Schlampe, aber bitte benutzt mich doch einfach, wann immer Ihr wollt! Eure Grammatik."

Vom (beabsichtigten) Fehler in unserem Titel einmal abgesehen: Wir hoffen, wir haben die Grammatik benutzt und die Beistriche richtig gesetzt. Falls Sie doch Fehler finden, petzen Sie’s halt dem Twitter.

Wiener Zeitung, Freitag, 27. Juni 2014